Weichen stellen

Oder: Jahresbilanz 2022

Bereits seit einigen Jahren schreibe ich zum Ende eines Jahres eine Art… Bilanz. Einen Rückblick auf das Jahr, auf das, was geschehen ist, aber vor allem auf das, was ich dabei gelernt habe. Auf den Weg, für den ich mich entschieden haben, die Frage, ob ich erreicht habe, was ich wollte und wenn nicht, warum. Auf die Entscheidungen, die ich getroffen und die Menschen, denen ich begegnet bin und all diese Dinge nehme ich dann zum Anlass, das folgende, anstehende Jahr unter… nun ja, eine Art Motto zu stellen. Ein Wort, ein Satz, ein Leitfaden, eine Orientierung – nennt es, wie ihr möchtet. Diese Art Richtlinie ist darauf ausgerichtet, was ich gern als nächstes lernen und im Leben erfahren möchte – entstanden durch das, was ich bisher gelernt und erfahren habe. Ich habe keine großen, langfristigen Pläne. Nein, ich habe schon vor Jahren gelernt, im Augenblick zu leben. Carpe Diem und so – ihr wisst schon. Nein, im Ernst. Ich hab zu viel Mist im Leben erfahren, um mir Gedanken über das zu machen, was eventuell in zehn Jahren sein könnte. Ich will keine Kinder, ich habe nicht vor, ein Haus mit einem Vorgarten zu bauen, ich brauche keine Anlagen, keinen Bausparvertrag und keine Lebensversicherung. Ich bin für mich verantwortlich und für niemanden sonst – wenn ich über die Runden komme und dabei mein Leben so gestalten, so leben kann, dass ich täglich – den Umständen entsprechend – möglichst glücklich bin, dann… nun ja, was könnte ich mehr wollen?

Also nein, keine langfristigen Lebensziele. Träume ja. Vorstellungen, Fantasien, Ideen – mehr als genug. Aber keine Pläne. Kein festes Lebenskonzept – stattdessen der Wunsch danach, glücklich zu sein, im Hier und Jetzt. Kein Ziel – stattdessen die Hoffnung, dass der Weg möglichst aufregend und voller Abenteuer sein wird. Das Ding mit dem glücklich-Sein ist nur… man trägt eben einfach doch seine alten Dämonen mit sich herum. Und auch da kann ich mich nur wiederholen: Ich glaube nicht, dass es darum geht, sie loszuwerden, sondern darum, sich… sagen wir, zu arrangieren. Sie anzunehmen, als Teil von einem selbst. Als etwas, das uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Ich für meinen Teil bin ihnen dafür manchmal fast schon dankbar, weil ich vieles im Leben nicht geschafft hätte, wenn die miesen Biester mich nicht schon das eine oder andere Mal so heftig rangenommen hätten. Man wird härter, stärker, durchsetzungsfähiger. Man lernt, wenngleich auf die harte Tour. Man kommt voran. Und genau darum geht es: Ums Vorankommen. Glück ist das eine, das Hier und Jetzt, das Carpe Diem und die Planlosigkeit – aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man bewusst lebt, nicht automatisiert macht, was die Gesellschaft erwartet, sondern sich seinen eigenen, individuellen Weg sucht, dann… nun ja, dann ist es mit dem Glück nicht weit her, wenn man mit seinen Dämonen nicht umgehen kann. Denn sobald an einem Fleck bleibt, sobald man stillsteht, sobald man es sich zu bequem macht, sich zu sehr in Sicherheit wiegt, tauchen die Biester wieder auf und fahren ihre Krallen aus. Also geht es nicht um ein Ziel, aber auch nicht darum, auf der Stelle zu bleiben. Es geht um das dazwischen, um den Weg. Darum, zu lernen. Darum, man selbst zu werden, zu sein und wieder zu werden.

Und genau dafür dient meine Jahresbilanz: Ein Jahr ist nicht wirklich geeignet zur langfristigen Lebensplanung, aber doch genug Zeit für eine weitere große, wichtige Lektion. Für eine neue Abzweigung, ein paar weitere Schritte auf dem Weg, um den es geht. Und natürlich fängt man jeden Weg, jede Etappe jedes Weges mit dem ersten Schritt an. Oder – mit anderen Worten:

Von vorn.


Teil I: Rückblick

Über Leitmotive

Verrückt, wie ich mich immer in den letzten Tagen des Jahres bewusst mit der Vergangenheit, dem Erlebten, den letzten geschafften Etappen beschäftige und jedes Mal neue Gedanken dazu habe. Wie ich mir meine Jahresbilanzen der letzten Jahre durchlese und froh und dankbar bin, dass ich konsequent jährlich einen solchen Beitrag schreibe, weil ich durch diese Rückblicke so viel lerne – mit jedem Jahr Abstand zu einem Jahr mehr.
Ich lese Texte von früher, mit dem Leitmotiv „Mittelwege“ und schwelge in Erinnerungen. Ich lese den Text vor einem einschneidenden Jahr mit dem Motto „Grenzen testen“ und stelle mir heute einige Fragen dazu. Ich lese den Text von 2018, dem Cut, dem Leitbegriff „Freiheit“, dem ich dann 2019 auch alle Ehre gemacht habe. Ich lese den Text von 2019, den Rückblick auf dieses Jahr, ein Tief und den schmerzhaften Einschnitt, und die Pläne, die ich hatte. Ich lese, dass ich mir das „Panta Rhei“ vornahm für 2020 – „alles fließt“, das kurze Zeit später sogar auf meiner Haut verewigt wurde. Ich lese schließlich den Beitrag von 2020 und kann kaum glauben, wie sehr das Panta Rhei gepasst hat für ein Jahr, auf das keiner von uns vorbereitet war. Und schließlich lese ich, wie ich mir vornahm, in 2021 Horkruxe zu finden: Ich habe mich in 2020 neu kennengelernt und begriffen, dass viele Dinge, die ich von mir selbst geglaubt hatte, die ich aus Gewohnheit immer über mich gesagt hatte, gar nicht mehr stimmten. Dinge wie „ich kann nicht reisen“, oder „ich bin nicht spontan“ oder „ich campe nicht gern“.  2020 war ich viel unterwegs, komplett spontan, bin viel gereist und habe mir schließlich einen Camper gekauft. Und ich wollte mehr davon. Ich wollte sehen, was ich noch alles auflösen kann. Wo ich mich noch überall falsch eingeschätzt hatte oder aus Gewohnheit Dinge über mich selbst annahm, die nicht mehr stimmten. Ich wollte mich auf die Suche machen nach alten Glaubenssätzen, die ich auflösen konnte. „Horkruxe finden“ war also das Motto für ein sehr merkwürdiges Jahr 2021.

Und so packte ich meinen Rucksack für ein Abenteuer, eine vermutlich beschwerliche, aber aufregende Reise und füllte ihn mit all den Dingen, die man so braucht, als Alleinreisender. Es hat Wochen gebraucht, bis mir auffiel, dass dieser Rucksack überraschend leicht war – dafür, dass ich ihn so vollgepackt hatte. Dass ich viel weniger häufig Pause machen und Luft holen musste. Dass er mir weniger schwer in die Schultern schnitt und dass ich zügiger vorankam als sonst. Monate gingen ins Land, bis ich begriff, dass mein Rucksack nur deshalb so leicht war, weil da jemand neben mir herlief, der mir ein paar meiner Sachen abgenommen hatte. Zuerst akzeptierte ich die Gesellschaft, dann begann ich sie zu mögen. Dennoch kann ich im Nachhinein fast die gesamte Reise zusammenfassen in folgende Konversation:

Ich: „Aber ich kann das auch alleine tragen!“

Er: „Ich weiß das. Aber wenn ich ohnehin denselben Weg gehe, musst du das ja nicht.“

Und so kam es, dass der größte aller Horkruxe nicht gesucht und schon gar nicht gefunden werden musste. Er lief neben mir her, er begleitete mich – und zwar von Anfang an, ohne dass ich es bemerkt hatte.

Aber eins nach dem anderen.

Auszug der Seelenschwester

2021 begann mit einem ziemlichen Knall und der Konfrontation mit einer meiner bisher größten Ängste: Die Seelenschwester zog zu Beginn des Jahres aus. Ich muss vermutlich nicht nochmal erzählen, was ich damit für ein Thema habe, wer mich noch nicht lange liest, kann HIER reinschauen. Rückblickend zähle ich das zu den spannendsten und überraschendsten Entwicklungen, die ich hier je aufgezählt habe. Ich kenne mich ziemlich gut und eigentlich weiß ich, worauf ich wie reagiere. Hätte man mich also vorher gefragt, ich wäre sicher gewesen, dass ich monatelang daran zu knabbern haben werde. Tatsächlich hätte ich die Entwicklung folgendermaßen prognostiziert:
Ich werde die ersten zwei bis drei Monate extreme Schwierigkeiten haben, mich dann aber daran gewöhnen, gut klarkommen und die neue Freiheit genießen. Umgekehrt war meine Prognose, dass die Seelenschwester in den ersten zwei bis drei Monaten ihr neues Leben genießt und anschließend beginnt zu erkennen, dass es nicht die beste Entscheidung war, dass sie sich abhängig gemacht hat und auf dem Land ein wenig eingeht.

Spannenderweise kam alles genau umgekehrt.

Ich hatte genau einen Abend, der mich wirklich mitnahm. Etwa eine Stunde, in der ich heulend auf dem Boden ihres leeren Zimmers saß, und das war direkt, nachdem sie gefahren war. Der Abend war heftig, aber gleichzeitig hatte ich gute Hilfestellungen, treue Freunde und zuverlässige Techniken, um nicht in ein Loch zu fallen. Alles danach war ein sehr normales, sehr menschliches „Vermissen“, an das man sich früher oder später gewöhnt. Im Rückblick war es eine normale Reaktion auf eine schwierige, ambivalente Veränderung, ja auf einen Abschied. Schon am nächsten Tag begann ich mit einer Renovierungsaktion, die sich gewaschen hatte. Statt „ein paar Wände zu streichen“ gab ich (rückblickend auch nicht die vernünftigste Entscheidung, aber sei’s drum) mein gesamtes bis dahin endlich Erspartes aus und investierte in neue Möbel, Wandfarben und andere Dinge und räumte in meinem Bedürfnis nach „ausmisten“, nach „Ballast loswerden“, nach „Neuanfang“ jedes Zimmer einmal komplett aus und richtete alles neu ein. Neu und so, wie ich mir meine eigenen vier Wände schon seit Jahren vorstelle: Dunkle Möbel, mehr Platz, Farbe an den Wänden, eine deckenhohe Bibliothek mit einer Leiter und eine dunkle Küche. Ich machte wochenlang nichts anderes, entdecke die Faszination um Handwerker und ihr Zeitgefühl und legte die Abschlussprüfung ab zum Kapitel „Gute Nerven bewahren, wenn alles schief geht und nichts läuft, wie geplant“. Und ich bestand sie, wie ich behaupten möchte.
Als Marie an einem Nachmittag die Wohnung betrat und sich umschaute, meinte sie nur: „Du behauptest immer, du kommst mit Veränderung nicht gut klar. Ich hab selten Menschen gesehen, die so konstruktiv mit Veränderungen umgehen wie du. Schau dir das mal an. Die Wohnung sieht zum ersten Mal aus wie deine. Und wenn man hier reinkommt, wirkt alles wie ein Zuhause von jemandem, der mit sich selbst absolut im Reinen ist.“
Und das war es, wenn ich ehrlich bin – auch wenn ich das erst lange danach wirklich zugeben konnte: Der Auszug der Seelenschwester war, wie ich schon in meinem Beitrag vor genau einem Jahr erahnte, an der Zeit. Er war überfällig. Es war überfällig, dass wir getrennte Wege gehen und es war überfällig, dass ich für mich war. Dass ich herausfand, wie ich allein hier funktioniere, ohne Anker, ohne doppelten Boden, ohne zweiten Menschen, um den ich mich kümmern konnte.

Heute denke ich viel über diese letzten Jahre nach.
Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht doch gar nicht allein sein kann und mir die Überflüssigkeit einer festen Paarbeziehung nur verkauft habe als „ich kann gut allein sein“, während ich gleichzeitig überhaupt nie wirklich allein war und von der krankhaften symbiotischen Beziehung zu meiner Mutter in die durchaus auch symbiotische, nicht ganz gesunde erste Beziehung zu meinem Ex gerutscht war und von einem „Kümmern“-Modus in den nächsten fiel, nur um dann in einer WG zu enden, in der ich es nicht viel anders machte. Ja, darüber habe ich dieses Jahr viel nachgedacht. Ich denke, es wäre nur ehrlich zuzugeben, dass daran vielleicht nicht alles abwegig ist, aber gleichzeitig halte ich es für komplexer als das. Ich denke, das Leben mit meiner Mutter ist gesondert zu betrachten. Ich denke auch, meine Beziehung zu meinem Ex war eine Folge meiner bis dahin noch unverarbeiteten Kindheit. Okay, sicher nicht nur – aber ich denke, man sucht sich solche Beziehungen nicht umsonst. Und ich denke, ich habe mir in meinem Leben auch nicht umsonst Beziehungen gesucht, die nicht ganz auf Augenhöhe stattfanden. Weil das „Kümmern“, das „Mitziehen“ für mich das Wasser war, in dem ich Fisch sein konnte. Weil ich es kannte. Und ja, vermutlich ist es da am Ende egal, ob man in einer solchen Beziehung in einem verwandtschaftlichen, einem romantischen oder einem freundschaftlichen steht. Abhängigkeiten bleiben Abhängigkeiten und wenn ich schon lange eine Sache weiß, dann: abhängig ist oft nicht nur derjenige, der den anderen braucht, sondern auch derjenige, der gebraucht wird. Nennt sich Co-Abhängigkeit, aber was erzähle ich euch da? Die meisten von euch kennen das auf die ein oder andere Art. Und nein, damit das hier nicht falsch verstanden wird: Ich möchte nicht sagen, dass die Freundschaft mit der Seelenschwester eine einzige Co-Abhängigkeit war, aber ich denke… ja, ich denke, zeitweise hatte sie diese Züge und ja, definitiv waren getrennte Wege eine gesunde Entscheidung.

Also ja, ich sehe eine Tendenz, ein Muster von langen Beziehungen zu Menschen in meinem Leben, auch wenn es jedes Mal ein wenig weniger extrem wurde. Vom Leben mit meiner Mutter in die Beziehung mit meinem Ex, die zumindest ein wenig besser war, aber in der die Co-Abhängigkeit eben auch nicht ganz zu leugnen ist. Und anschließend die sehr enge WG mit der Seelenschwester, die nochmal ein ganzes Stück besser war, „nur“ eine Freundschaft, aber… vermutlich eben auch nicht frei davon. Nicht frei von dem Grundprinzip des Kümmerns, nicht ganz frei von Co- und tatsächlichen Abhängigkeiten, nicht frei vom Fehlen der eigentlichen Augenhöhe.

Gäbe es nur diese Beziehungen, würde mir das also zu denken geben. Aber es gab eben auch Phasen in meinem Leben, in denen ich zwischen diesen großen, prägenden Beziehung stand und in denen ich gut klarkam. Als ich zu Hause auszog, war die Beziehung zu meinem Ex noch lange nicht so eng wie sie später wurde. Als ich ihn verließ und wegzog, verging über ein Jahr, bis die Seelenschwester in mein Leben trat und in diesem Jahr ging es mir trotz der großen Veränderung und dem Neustart sehr gut. Und auch jetzt, nach dem Auszug der Seelenschwester und schon davor vergingen Wochen am Stück, in denen ich allein war, schließlich Monate und auch das hat gut funktioniert. Mehr noch: Ich genoss es. Abschließend denke ich, es ist normal, dass Lebensphasen geprägt sind von ein oder zwei Menschen, die den eigenen Weg enger begleiten als andere – egal in welcher Konstellation, nicht wahr? Vermutlich ist es komplex, aber ich habe das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Rückblickend Abhängigkeiten zu erkennen, die mit der Zeit immer weniger stark wurden, von denen ich mich immer mehr löste, die ich immer mehr auf-löste. Ich sehe fehlende Augenhöhe in wichtigen Beziehungen. Ich sehe einen gesünder werdenden Weg, den ich zu Ende gegangen bin und der seinen Abschluss gefunden hat im Auszug der Seelenschwester.

Also ja, ich bin froh, dass ich den Mut hatte zu springen – mal wieder.

Und um das noch zu vervollständigen:
Wie erwähnt war meine Prognose, dass zuerst ich Schwierigkeiten haben würde, während die Seelenschwester ihr neues Leben genießt und dass sich beides dann drehen würde, falsch. In Wahrheit war es umgekehrt: Ich spürte ab dem ersten Tag den Wind der Veränderung in meinen Segeln und ließ ihn gewähren, ließ mich treiben und fand neue Teile meines Selbst. Die Seelenschwester hingegen hatte von Beginn an ziemlich zu kämpfen und verharrte lange in der Überzeugung, dass es eine Frage der Eingewöhnung war und alles sicher nach einigen Monaten besser würde.
Tatsächlich wurde es schlimmer. Die Wahrheit ist, wir haben kaum noch Kontakt und unsere Beziehung steht auf der Kippe. Die Wahrheit ist, sie befindet sich seit langer Zeit in einer (in meinen Augen) toxischen, extrem und lehrbuchhaft co-abhängigen, dysfunktionalen Beziehung, hat keine Sozialkontakte, ist nicht mobil, psychisch und tatsächlich von ihrem Freund abhängig, depressiv und ohne Perspektive. Innerhalb des Jahres war sie mehrmals kurz davor, ihn zu verlassen – ich denke, sie macht es nur nicht, weil sie nicht weiß, was sie sonst tun soll. Ich habe ihr mehrfach, wiederholt und eindringlich angeboten, dass wir gemeinsam eine Lösung finden. Dass sie hier immer einen Platz hat, egal was kommt und egal wofür. Aber… nun, es ist schwierig. Mittlerweile ist es zwischen uns beiden extrem schwierig. Ich denke, nicht zuletzt, weil ich ihr (so wie immer schon) ziemlich ehrlich meine Meinung sage und weil das eine Meinung ist, die gerade zurzeit extrem schwierig zu hören ist.
Ich habe nie darüber geschrieben, aus vielen Gründen. Unter anderem, weil ich den Zustand nur sehr schwer aushalte, dass sie sich so abwendet. Vielleicht gerade, weil ich um den Mechanismus weiß, weil ich mir Sorgen mache, weil ich weiß, dass sie allein ist und da oben keine Freunde hat und weil ich weiß, dass diese Beziehung ihr nicht gut tut. Er schlägt sie nicht, es ist nichts Dramatisches, kein Missbrauch, natürlich. Aber es ist einfach keine gesunde Beziehung und ich würde ihr von Herzen wünschen, dass sie einen anderen Weg findet. Das Ding ist… wenn ich eine Sache, aus all den oben genannten Beziehungen, aus dem Kümmern, dem Mitziehen gelernt habe, dann: Egal, wie sehr, wie innig, wie überzeugt ich mich um einen Menschen kümmere und es mir zur Aufgabe mache, dass es ihm gut geht – am Ende kann ich nur Menschen helfen, die sich helfen lassen wollen. Und wenn das nicht der Fall ist, ist es meine Aufgabe, meine Verantwortung mir selbst gegenüber, diese Rolle abzulegen und in eine andere Richtung zu gehen.

Und vielleicht mache ich das gerade ein wenig. Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, darüber zu schreiben: Weil es ein altes, ein bekanntes Thema in meinem Leben ist, das sich nicht neu anfühlt, aber deshalb nicht weniger schwierig ist. Ich werde sehen, wie es sich entwickelt, aber ich denke, es ist die richtige Entscheidung: Meine Tür steht offen, das weiß sie. Aber ich kann sie nicht zwingen, meine Hand zu nehmen. Also lehne ich die Tür an, falls sie es sich anders überlegt, und kümmere mich bis dahin um mich und die, die an meinen Tisch sitzen möchten.

Jorah

A apropos Tisch: Seit diesem Jahr teile ich nicht nur meinen Tisch, sondern auch mein Bett und einiges anderes mit jemandem. Und jetzt, wo ich diesen Beitrag schreibe, rückblickend auf nicht nur das letzte Jahr und seine Veränderungen, sondern ein wenig auf all die wirklich langfristigen, prägenden Beziehungen in meinem Leben, fällt mir (zuverlässig wie immer: beim Schreiben) eine Sache gerade wie Schuppen von den Augen. Eine Sache, die ich immer schon gefühlt habe, die sehr offensichtlich ist, mir aber bisher nie als Besonderheit wirklich bewusst war:

Ich glaube, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben in einer engen, wirklich ernsthaft prägenden Beziehungsform zu einem Menschen, die sich ehrlich und aufrichtig auf ganzer Linie nach Augenhöhe anfühlt. Und das, ihr Lieben, das ist so neu, dass ich gerade über mich selbst schmunzle, weil es mir erst jetzt wirklich auffällt.

Natürlich spreche ich von Jorah. Jorah, der von mir einen Namen bekam, der auch heute nicht besser passen könnte. Jorah, der mein Gefährte wurde und der mir als erster Mann diese ganz faszinierende Mischung vermittelt zwischen „untergeben“ und „Beschützer“. An dessen Schulter ich mich im einen Augenblick anlehne und der im nächsten Augenblick vor mir kniet, weil wir beide es so wollen. Nie habe ich tatsächlich eine tiefe, enge Beziehung auf einer Femdom-Basis geführt, die so weit ging, so stabil war, mir so nah ging. Nie waren die Regeln klarer verteilt und nie standen die Zeichen deutlicher auf „Machtgefälle“, aber nie, wirklich nie hatte ich zugleich das Gefühl, ein Mensch in meiner unmittelbaren Nähe ist so konstant auf Augenhöhe wie bei ihm. Absurd, oder? Dass ausgerechnet eine BDSM-lastige, eine Femdom-lastige Beziehung, bei der inhärent ist, dass einer führt und einer folgt, die Beziehung ist, die mir zeigt, wie es sich anfühlt, wenn zwei ebenbürtige Partner sich auf Augenhöhe begegnen.

Lustig finde ich irgendwie, dass ich schon in meinem letzten Bilanz-Beitrag, vor einem Jahr, über ihn schrieb:

Nein, wie das Leben so spielt, habe ich ja mittlerweile einen neuen Mitbewohner, der nicht besser passen könnte. Ich erzähle nicht regelmäßig von ihm, weil er hier lediglich einen Zweitwohnsitz hat und nicht immer hier ist. In Zukunft wird der Rhythmus ziemlich ideal sein: Er kommt wohl einmal die Woche für zwei Tage. Genau richtig eigentlich. Ab und zu gute Gesellschaft und dann bin ich wieder ein paar Tage allein. Bisher hätte mich das ziemlich aus der Bahn geworfen, aber ich war dieses Jahr so häufig allein hier, dass ich angefangen habe, mich daran zu gewöhnen. Ich denke, die ersten Monate werde ich erstmal mit dem Auszug der Seelenschwester beschäftig sein und mich neu sortieren, ohne jemand Neues. Die paar Tage allein zwischendurch werde ich brauchen. Und wenn das Jahr läuft wie ich hoffe, dann bin ich ohnehin viel unterwegs. Einziges Thema ist die Miete, die ich teilweise ausgleichen muss – aber ich kann mir immer noch jemanden suchen, wenn ich es gar nicht mehr schaffe. Das ist eine Richtung – und manchmal genügt eine Richtung, man braucht nicht immer konkrete Pläne. 
Was ebenfalls ideal ist, ist übrigens, dass der Mitbewohner auch aus der Szene ist. Passiv, schöne Kinks und Fetische, gute Gespräche abends bei Rotwein und… nun ja, sagen wir, es ist eine spannende Konstellation und belassen es für dieses Jahr dabei.“


Ich lese diese Zeilen, geschrieben mit keinem besonderen Plan, keiner Ahnung im Hinterkopf. Ein unschuldiger Gedanke, weiter nichts. Verrückt, wie das Leben spielt, oder?

„Horkruxe finden“, also alte Glaubenssätze auflösen, war mein Motto für dieses Jahr. Ich möchte also an dieser Stelle bilanzartig zusammenfassen, ob mir das gelungen ist:

– Ich schlafe nicht gern mit einem Mann in einem Bett.
– Ich bin nach dem Sex lieber allein.
– Ich dusche nicht mit einem Mann.
– Männer werden mir schnell zu viel.
– Ich würde niemals etwas mit einem Mitbewohner anfangen.
– Ich habe keine vaginalen Orgasmen.
– Manche Kinks werde ich nie mit einem Mann teilen können.
– Die Freiheit, die ich brauche, werde ich nie mit einer engen Beziehung zu einem Partner vereinbaren können.
– Ich bin kein Mensch für Partnerbeziehungen.
– Ich kann nicht „Ich liebe dich“ zu einem Mann sagen.

Natürlich kann ich noch etliche weitere aufzählen, die sich um Reisen, Allein-sein, die Wohnung und das Wohnen ohne die Seelenschwester drehen. Um mich, um das Thema Schlafen und viele andere Dinge. Ehrlicherweise kommt es mir vor, als könnte ich einen ganzen Beitrag füllen mit Dingen, die ich früher über mich annahm, die aber heute nicht mehr stimmen. Aber es gibt eben diesen einen, großen, wandelnden, neben mir her-spazierenden Horkrux, der vermutlich nicht im Ansatz eine Ahnung davon hat, wie viel er verändert hat.

Jorah ist über zehn Jahre älter als ich, hat Verantwortungen im Leben, die ihn geprägt haben. Um an dieser Stelle mal mit ein paar schrägen Gerüchten aufzuräumen: Jorah ist geschieden und hat ein Kind, das aber schon fast erwachsen ist. Jeder weiß von allem, alles ist ehrlich und offen und verhältnismäßig harmonisch, wenn auch nicht immer einfach. Was ich damit sagen will: Jorahs Leben ist geprägt von Verantwortung für andere und sich selbst. Er steht auf eigenen Beinen, verdient gutes Geld, ist verantwortungsbewusst, kennt das Leben von seiner dunklen Seite und trägt Verantwortung in mehreren Bereichen des Lebens. Jorah steht mit beiden Beinen stabil im Leben und ich hatte nicht zu einer Sekunde das Gefühl, ich müsste mich kümmern, müsste ihn auffangen, müsste ihn an die Hand nehmen oder sonst etwas. Gleichzeitig hat auch er seine dunklen Momente, weil er durch eine große, sehr heftige Veränderung im Leben geht und eine schwierige Zeit durchmacht. Jorah passt nicht in mein Muster von Menschen, die ich mir suche, die sich an mir orientieren und die ich an die Hand nehme. Er geht seinen Weg. Meistens sogar viel zu konsequent, viel zu wenig auf sich bedacht, viel zu sehr auf Erwartungen anderer ausgerichtet. Er hat seine eigenen Dämonen, mit denen er zu kämpfen hat und manchmal bekomme ich diesen Kampf mit. Genau wie umgekehrt. Und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich folgendes sagen:

Ich bin in einer Beziehung zu einem Menschen, der das Leben ähnlich gut im Griff hat wie ich, aber eben auch mit manchen Dingen in ähnlichem Maß zu kämpfen hat wie ich, und wir beide gehen jeweils unseren eigenen Weg, kämpfen unsere eigenen Kämpfe, aber halten uns gegenseitig den Rücken frei. Das, was ich hier gefunden habe, fühlt sich so nach Augenhöhe an wie nie etwas zuvor. Jorah ist mir ebenbürtig und ich ihm. Manchmal frage ich ihn um Rat und Meinung, manchmal umgekehrt. Ich habe einerseits das Gefühl, er könnte morgen weg sein, weil er nicht auf mich angewiesen ist, wie ich andererseits das Gefühl habe, ich komme ohne ihn klar, auch wenn ich es zurzeit nicht möchte. In manchen Dingen bin ich ihm ein paar Schritte voraus, in anderen er mir. Nie in meinem Leben habe ich das Gefühl gehabt, mich mit einem Menschen so perfekt zu ergänzen. Etwas zu haben, das so zutiefst auf einem Teamwork-Gedanken aufgebaut ist, auf Freiheit, Unverbindlichkeit, Entspanntheit, der Überflüssigkeit von Versprechungen und gleichzeitigem Vertrauen in die Basis.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass eine Beziehung zu einem Mann, einem Partner nicht zugleich einen Kompromiss mir selbst gegenüber bedeutet.
Denn ja, das war immer mein Thema. Die Angst, ich müsse – wenn ich denn irgendwann einmal doch jemanden finde, mit dem es enger wird und ich mir was auch immer vorstellen kann – Kompromisse eingehen. Weil es nicht so gut passen würde. Weil man nie die absolute Freiheit hat. Weil man nie freie, unabhängige Lebensentscheidungen treffen kann, wenn da dieser zweite Mensch so eng bei einem ist. Ich lag falsch. Das geht. Ich spüre es, auch wenn es neu ist und ich es manchmal immer noch nicht ganz glauben kann. Ich kann machen, was ich will. Ich kann sehen und vögeln, wen ich will. Genau wie er. Mit der richtigen Kommunikation funktioniert Freiheit ohne große Kompromisse. Ich habe das Gefühl, ich bin ungebunden. Ich könnte morgen darüber sprechen, dass ich in eine andere Stadt ziehen will und er würde sich mit mir zusammen eine Lösung überlegen. Ich hatte immer Angst, eine Beziehung – egal wie gut – würde sich früher oder später wie Ballast anfühlen, der irgendwann zu Abstrichen führt. Dass der Weg, den man selbst gehen möchte, sogar leichter werden könnte, weil man sich das Gepäck teilt und sich zwischendurch bei Etappenzielen immer mal kurz verabredet, aber ansonsten jeder seinen Weg gehen kann, manchmal zu zweit, manchmal allein… nun, das wusste ich nicht. Und wenn ich Jorah für irgendetwas dankbar bin, dann dafür, dass er mir das gezeigt hat.


Ausblick: 2022

Ich könnte noch tausend Dinge schreiben, aber irgendwo muss ich das abschließen. Vermutlich sollte ich mal wieder einfach so bloggen, einen Beitrag über Jorah schreiben oder über unsere sehr merkwürdige, wundervolle Beziehung, die ich so liebe. Bis dahin aber möchte ich den Rückblick abschließen und in die Zukunft, in ein neues Jahr blicken.

Corona

Ja, ich weiß, diesen großen Schatten habe ich nicht wirklich erwähnt, obwohl er doch so präsent ist. Vermutlich liegt es daran, weil meine Meinung dazu auf Twitter dieses Jahr nicht gerade für viel Zuspruch sorgte. Und ja, ich stehe weiterhin dazu, dass ich die pauschale Diskriminierung von Ungeimpften falsch finde und ja, ich bin auch gegen eine Impfpflicht. Die Impfung ist sinnvoll, ich bin froh, dass es sie gibt und erleichtert, dass auch mir wichtige Menschen geimpft sind. Aber ein medizinischer Eingriff sollte in meinen Augen aus Notwendigkeit und Überzeugung geschehen und nicht aus sozialem Druck und schon gar nicht mit Zwang.
Und ja, dass radikale, gewaltbereite Querdenker das Letzte sind, muss ich nicht extra sagen, aber es gibt Ungeimpfte, die mit denen nichts zu tun haben und ich verstehe nicht, dass wir die einen Ängste als legitim bewerten und andere nicht. Wer mit Mitte 20 mittlerweile 3x geimpft ist, sich aus Angst isoliert und sich nur draußen getestet, mit Abstand und Maske mit Menschen trifft und trotzdem gern einen Lockdown hätte, wird in seiner Angst ernst genommen. Ich persönlich finde diese Angst dann etwas irrational, aber komplett legitim und würde zu 100% Rücksicht nehmen. Aber ich finde, dass Menschen mit Nadelphobien oder ehrlicher Angst vor einer Impfung, ebenso respektiert werden müssen, wenn sie sich sonst an Regeln halten.

Corona hat gerade in Deutschland, gerade in unserer Gesellschaft viel zum Vorschein gebracht, viel angerichtet und viel zerstört. Ich fürchte, einiges davon ist irreparabel, aber das wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Für viele war und ist es ein Charaktertest, für andere eine persönliche Prüfung. Am Ende muss jeder Einzelne von uns sein Verhalten vor sich selbst verantworten können. Viel mehr möchte ich dazu nicht schreiben – hauptsächlich weil dieses Thema mich zum ersten Mal an den Punkt gebracht hat, an dem ich keine Hoffnung mehr habe auf eine Reaktion. Ich bin ehrlicherweise von den meisten Menschen in meinem Umfeld, in meiner Twitter-Blase, in meinem politischen Spektrum ziemlich enttäuscht und habe mich entschieden, meine Energie für anderes aufzuwenden. Am Ende müssen wir einfach alle in den Spiegel schauen können und ich wünsche jedem von uns, dass das der Fall sein wird.

Twitter

Die meisten von euch werden bemerkt haben, dass ich weniger aktiv bin und weniger Persönliches poste. Es war erst ein unbewusster Prozess, dann eine Entscheidung und die werde ich wohl recht konsequent so weiterführen, auch wenn es mir teilweise leid tut. Ich denke, es hängt stark mit Corona zusammen und dem, was mit den Menschen online passiert. Dem, was die Krise, was Angst und Anonymität aus Menschen machen und in der Gesellschaft zum Vorschein bringen. Es sind keine schönen Züge und ich möchte nicht in diesen Sumpf geraten. Der Shitstorm Anfang des Jahres hat einen Knacks bei mir hinterlassen, hat mein Vertrauen zerstört und meine Illusion dieser lieben, netten Twitter-Bubble, die vermutlich nie ganz realistisch war, verpuffen lassen. In dieses angeknackste Verhätnis war Corona dann Öl in… nun ja, zumindest eine Glut, oder wie auch immer man das nennen mag.

Ich werde mich jedenfalls von toxischem Social Media Verhalten distanzieren und mich online auf die Femdomschule beschränken, auf Sex und BDSM, auf kleine Anekdoten, auf schöne Dinge. Meine berufliche Orientierung dreht sich nun etwas.

Schreiben

Die Femdomschule ist das Projekt in diesem Jahr, das mir meinen Drive wiedergegeben hat und das mein Herzens-, mein Kernprojekt wurde. Das möchte ich ausbauen und darauf freue ich mich. Gleichzeitig bin ich nach mittlerweile mehreren Jahren der Selbstständigkeit endlich wieder an dem Punkt, an dem ich ein wenig zu meinem eigenen Kern zurückfinden möchte: Dem Schreiben.
Ich merke, dass ich in den letzten Jahren unterschiedliche Wege gegangen bin, mich ausprobiert und Erfahrungen gesammelt habe, und das war gut so. Aber das Schreiben, das Roman-Schreiben ist das, was ich immer wollte und ich kann jetzt noch weitere zehn Jahre damit verbringen, mir zu sagen „naja, ich muss erstmal Geld verdienen, damit ich entspannt und in Ruhe schreiben kann“ oder ich… mache es einfach.
Ich möchte „Im Namen des Vaters“ endlich veröffentlichen, ich möchte „Das Mädchen mit den tausend Namen“ endlich weiterschreiben. Und ich möchte diese Ideen, die sich in mir sammeln, endlich umsetzen. Das, was ich zurzeit mache, ist eine Leidenschaft, es macht mir Spaß, ich liebe diese Arbeit. Aber mein Ziel, mein Traum war es immer und ist es immer noch, Schriftstellerin zu sein. Vom Schreiben zu leben, Bücher zu schreiben und alles andere zur Abwechslung, aus Spaß und Freude nebenbei zu machen. Und wenn ich eines weiß, dann, dass man für die Verwirklichung seiner Ziele etwas tun muss. Und das ist der Plan.

Reisen

Eine Neuigkeit möchte ich euch noch offenbaren, auch wenn es mir schwerfällt. Oder sagen wir: Es ist ein lachendes und ein weinendes Auge. Wie viele von euch wissen, habe ich mir im Oktober meinen wunderbaren Olaf gekauft, einen alten Bulli, mit dem ich das Campen, das Reisen, eine neue Form der Unabhängigkeit für mich entdeckt habe und die ich als eine neue Leidenschaft in meinem Leben begrüßen durfte. Olaf hat mir den Weg dorthin gezeigt und hat all das geschafft, für das er gedacht war: Er hat mich begleitet, mir Erfahrungen geschenkt und mir gezeigt, ob das Campen tatsächlich etwas für mich und ja, ich kann als Ergebnis sagen: Ich liebe es und ich möchte es nicht mehr missen – gerade in dieser verrückten, isolierten, schwierigen Corona-Welt.
Und ja, ich war auch oft allein unterwegs, aber so wie ich es im Leben allgemein mittlerweile sagen kann, gilt es wohl auch für das Campen: Es geht wunderbar allein, manchmal brauche ich das sogar und ich kann es gut, aber… zu zweit macht es schon irgendwie auch sehr viel Spaß. Ich war also dieses Jahr viel mit Jorah unterwegs, häufig nur spontane Roadtrips für eine Nacht. Olaf hat ein Bett, das 1,20m breit ist und wenn es draußen kalt ist, machen wir die Standheizung an. Die Heizung hat ihren Ausgang unten, wo Köter liegt, der sich dann fast verbrennt, weil es so heiß wird, also muss der ebenfalls ins Bett, auf eine Decke an den Rand. Aber mit einem Mann, der fast 2 Meter groß ist und einem 45kg schweren Hund waren 1,20m eine wahrhaftige Herausforderung, die ich nicht sonderlich gut gemeistert habe – kurz: ich schlafe einfach nicht in diesen Nächten.

Nach langem Überlegen, ein paar Tränen und vielem Hin und Her, habe ich also endlich beschlossen, Olaf zu verkaufen, ihn weiterzugeben an jemandem, dem er vielleicht auch ein Gefährte wird auf eigenen ersten Abenteuern. Und mich dafür eine kleine Nummer zu vergrößern, mir also einen Camper zu kaufen, der ein wenig mehr Raum hat, mehr Platz für den Hund, ein größeres Bett und der vielleicht auch für große Touren zu zweit besser gerüstet ist. Und das habe ich nun gemacht: Der neue Camper ist gekauft, den hole ich am 2. Januar ab. Olaf steht noch bei mir und wird in absehbarer Zeit verkauft (ehrliches Angebot: wenn jemand an einem alten Bulli Interesse hat, einfach schreiben, dann schicke ich Details, bevor ich ihn bei autoscout.de reinstelle). Ich kann ehrlicherweise nicht mal dran denken, dann kommen mir schon Tränen – was völlig bescheuert ist, weil es einfach ein Auto ist. Aber Himmel, was dieser Bus mir bedeutet hat, was er mir ermöglicht hat, wofür er stand…

Nun ja. Das wollte ich euch noch erzählen, weil ich mich natürlich gleichzeitig einfach immens freue. Der Neue hat ein fest verbautes 1,80m – Bett mit richtigen Matratzen und deutlich mehr Platz für den Hund. Und allein das ist schon eine unglaublich tolle Sache! Die Ostsee ruft mich und ich weiß, dass ich sie bald wiedersehen werde.

Hoffentlich mit dem Laptop auf dem Schoß.

Weichen stellen

Jedenfalls, um das Ganze nun abzuschließen – mein Leitsatz für 2022 wird


Weichen stellen

Eine Weiche ist der Inbegriff einer Entscheidung: Man betätigt einen Hebel und danach geht es entweder links oder recht lang. Es gibt Hier und Dort, Ja oder Nein, Für oder Wieder. Es gibt keine Mittelwege und kein „ich schau mal, wohin es geht“. Es bedeutet Verantwortung, für sich selbst, zu übernehmen. Für den eigenen Weg.
Ich liebe meine Art zu leben, mein Carpe Diem, meine eigentliche Planlosigkeit, mein „der Weg ist das Ziel“, mein Panta Rhei. Ich würde es nicht anders wollen. Aber es gibt Dinge im Leben, die ich möchte. Die mir wichtig sind. Vorstellungen, Träume, Ideen. Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich eine Weiche gestellt, ich habe ganz bewusst einen Hebel betätigt und meinem Leben eine Richtung gegeben. Seither habe ich mich treiben lassen und das war gut so. Aber jetzt, nach einigen Jahren, spüre ich das Bedürfnis danach, wieder bewusste Entscheidungen zu treffen. Das Steuerrad wieder in die Hand zu nehmen und mir zu überlegen, in welche Richtung ich möchte.

In 2022 möchte ich endlich wieder so Geld verdienen, dass ich mich entspannen kann, etwas sparen kann, mir ein wenig Sicherheit schaffen nach dieser verdammten Krise. Ich möchte aus dem „abwarten“ und „aussitzen“-Modus heraus und mich den Umständen anpassen. Ich bin es leid, darauf zu warten, wann die Pandemie vorbei sein wird und ich meine Runden wieder machen kann. Vielleicht geht es irgendwann wieder entspannt, vielleicht nicht. Ich bin fertig mit Warten. Ich möchte erfolgreich sein in dem, was ich tue. Ich möchte mein Leben aktiv gestalten. Ich möchte Entscheidungen treffen, die mir eine Richtung geben. Und ich möchte an Abzweigungen innehalten, mir alles gut ansehen und dann den Hebel betätigen und Weichen stellen. Ich möchte die beste Kombination finden aus meinem „panta rhei“ und dem bewussten Gehen ausgewählter Wege.

Ich möchte 2023, und auch in zehn und dreißig Jahren zurückblicken und sagen können:



Ja, dieses Leben habe ich mir verdient – es ist die Summe meiner Entscheidungen.



Und so habe ich also wieder einmal das Lagerfeuer gelöscht, meinen Rucksack gepackt und brüte nun über meiner Landkarte, die sich immer weiter füllt mit Orten und Gegenden, die ich bereist und entdeckt habe, hier in diesem aufregenden Wunderland, das sich bewusstes Leben nennt.

Für die nächste Etappe habe ich mir ausnahmsweise einen Gefährten gesucht, der mir manchmal den Rücken freihält, mir auf eine innige Art ergeben ist, wo in Wahrheit ich diejenige bin, die ihm bisweilen gern die Hand küssen würde. Ein Gefährte, der mir ebenbürtig ist, den ich nicht führen muss, aber dennoch darf. Der mir Ratschläge gibt, wenn ich sie brauche, und mir sein Schwert leiht, wenn ich in Schwierigkeiten stecke. Den ich bewundere, ohne zu ihm aufsehen zu müssen. Der mir auf Augenhöhe begegnet, aber manchmal dennoch vor mir kniet. Der seinen eigenen Weg geht, welcher zufällig auch meiner ist.

Und nach all den Stürmen, den Winden und den Flüssen, von denen ich mich habe leiten und treiben lassen, möchte ich auf der kommenden Etappe mal wieder selbst und bewusst die Richtung bestimmen. Ich möchte Abzweigungen auf den Wegen nicht meiden, sondern suchen und mich dann vor sie stellen und mich fragen:

Welche Richtung, welche Entscheidung bringt mich näher zu diesem Traum, dieser wenn auch sehr vagen Vorstellung, die ich habe?

Und auch wenn das bedeutet, dass sich ein paar Dinge ändern werden, würde ich mich freuen, wenn ihr mich weiterhin begleitet. Ohne das Zwitschern von ein paar Vögeln wäre es doch sehr still hier, auf meinem Weg.

Ich wünsche euch einen bewussten, schönen, angemessenen frischen Start in ein neues Jahr, das wir hoffentlich alle wieder ein wenig mehr selbst bestimmen können. Ein Jahr voll guter Entscheidungen, aufrichtiger Gedanken und hoffnungsvoller Träume.

Eure Lia

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