Der Nette, das Arschloch und andere Klischees

Oder: Ein Kommentar über Eigenverantwortung

Gerade habe ich einen auf Twitter derzeit recht beliebten und viel diskutierten Tweet gelesen:

Eigentlich nichts Bahnbrechendes, aber eben doch ein Thema, zu dem ich schon länger einmal etwas schreiben wollte. Und ja, als kurzer Blogbeitrag geht mir das deutlich eleganter von der Hand, weil ich nicht auf die Zeichenbegrenzung achten muss. Tatsächlich glaube ich, dass dieses Thema, also die Klischeefrage „Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?“ ein Paradebeispiel dafür ist, was Schwarz/Weiß-Denken anrichten kann. Oder Mangel an Differenzierung oder wie auch immer man es eben nennen mag.

Das Klischee besagt: Zu nette Männer kommen in die sogenannte Friendzone und haben keine Chance bei Frauen. Während die Arschlöcher, die Player mehr als genug Frauen bekommen und von ihnen generell als „männlich“ wahrgenommen werden (was auch immer dieses „männlich“ nun eigentlich ist).

Nun, meine ganz persönliche, subjektive Haltung zu diesem Thema ist folgende:

Ich sehe bei Männern viele Tendenzen. Ich kenne Männer, die versuchen, sich zu verstellen, um nicht immer „der Nette“ zu sein. Ich kenne wahrhaftige Player, was auch immer das tatsächlich ist. Ich kenne ehrliche Arschlöcher – also Männer, die in meinen Augen diesen Begriff verdienen. Ich kenne sehr viele submissive Männer, die irgendwie in keine dieser Sparten passen. Männer, bei denen man von außen meinen könnte, sie sind durch ihre Unterwerfung der Inbegriff von „nett“, während „nett“, aber eben eigentlich überhaupt nicht als Beschreibung dafür passt, dass ein Mann darum bettelt, man solle ihm seinen Schwanz abbinden.

„Nett“ und „Arschloch“ sind zwei Enden einer Skala, wie mir scheint. Und ich halte es für den wichtigsten Ansatz, überhaupt einmal darüber zu sprechen, was für eine Skala das ist. Auch wenn mir das unerklärlich, weil so offensichtlich, ist, scheinen die meisten Männern nämlich tatsächlich noch nicht erkannt zu haben, worum es bei dem Konzept „Arschloch“ in diesem Kontext geht (vermutlich nicht allen Frauen, aber ich möchte behaupten: den meisten).

Ich will versuchen, es überspitzt darzustellen, damit es verständlich wird:

Der „nette“ Typ, der oft mehr als Kumpel wahrgenommen wird, denn als potentieller Sexual- oder Lebenspartner, ist zusammengefasst ein Mann, der für seine eigenen Grenzen nicht einsteht. Es ist ein Mann, der für eine Frau alles tun würde, der ihr um (fast) jeden Preis gefallen möchte, der sich im Zweifel verstellt, der mindestens Respekt und Hemmung, bisweilen sogar Angst davor hat, ihr zu widersprechen oder ihr seine von ihr abweichende Meinung zu sagen, häufig aus der Befürchtung heraus, dann für sie nicht mehr (sexuell) attraktiv zu sein.

Im Gegenzug dazu steht das Klischee des „Arschlochs“ – auch das möchte ich euch kurz erläutern. Und zwar nicht den Begriff „Arschloch“, im Sinne von „schlechter Mensch“. Ich möchte euch ein Bild zeichnen, von dem Typ „Arschloch“-Mann, auf den Frauen (laut Klischee) stehen:

Das Arschloch, das hier gemeint ist, ist ein Mann, der seine Grenzen klar zieht und der einer Frau nicht um jeden Preis gefallen möchte. Der ihr im Zweifel widerspricht und sie (heraus)fordert. Der vor allem im Zweifel damit klarkommt, abgelehnt zu werden, wenn er merkt, dass er nicht wertgeschätzt oder respektiert wird. Der sich etwas traut, der Risiken eingeht, um zu bekommen, was er will, auch wenn das Risiko beinhaltet, ein Nein zu kassieren.

Wichtig ist darüber hinaus die Beschreibung dessen, was beide Begriffe eben NICHT bedeuten:

Wenn es darum geht, dass Frauen keine „netten Männer“ wollen, bedeutet das (im Schnitt) mitnichten, dass Eigenschaften wie Respekt, Höflichkeit, Liebenswürdigkeit, Aufmerksamkeit oder Freundlichkeit abgelehnt werden – im Gegenteil! Gleichzeitig bedeutet „Arschloch“ in diesem Fall keineswegs, dass Frauen ernsthaft darauf stehen, schlecht behandelt zu werden, angelogen zu werden oder dass sie auf Männer stehen, die Grenzen überschreiten, die ihnen keinen Respekt entgegenbringen.

Mit „Arschloch“ ist hier nicht der Mann gemeint, der sich um jeden Preis nimmt, was er will – sondern der, der einer Frau nicht um jeden Preis gefallen möchte.

Der Kern liegt tiefer

Es geht um andere Dinge. Um einen Kern, der tiefer liegt und der weder mit „nett“ noch mit „Arschloch“ auch nur im Ansatz treffend beschrieben werden können, weshalb ich dieses Klischee für mindestens albern, höchstens aber schädlich halte. Der Kern der Sache – in meinen Augen – ist Selbstbewusstsein, vermutlich kombiniert mit Selbstliebe und Selbstwert. Das und, meiner Erfahrung nach, nur das ist ein Komplex einer Persönlichkeit, mit der einiges stehen und fallen kann.

Ich kann an dieser Stelle nicht für alle Frauen sprechen, sondern natürlich nur von mir – auch wenn ich behaupten würde, dass es vielen, wenn nicht gar den meisten Frauen so geht:

Für mich ist dieser Komplex „Selbstbewusstsein“ von essentieller Bedeutung und tatsächlich ein KO Kriterium in wie auch immer gearteten Beziehungen. Bei Selbstbewusstsein geht es um deutlich mehr, als man auf den ersten Blick meint. Ich möchte versuchen, das zu erklären:
Selbstbewusstsein wird heute häufig über seine englische Herkunft übersetzt, also mit self confidence, was eben „Selbstsicherheit“ wäre. Selbstbewusstsein hat aber ursprünglich eine andere Bedeutung: Nämlich die Fähigkeit, sich seiner Selbst bewusst zu sein, sich also bewusst zu reflektieren, über sich nachzudenken. In seiner Vorlesung über Metaphysik hat Kant darüber gesprochen, dass Selbstbewusstsein für ihn bedeutet, Subjekt und Objekt zugleich zu sein. Also als Subjekt sich selbst, die eigene Persönlichkeit, als Objekt beobachten zu können. Selbstreflexion eben. In der Folge bedeutet das Dinge wie: selbstkritisch zu sein, zu lernen, tiefer und komplexer zu denken. Sich bewusst darüber zu werden, was man kann, wer man ist, was man noch lernen muss, was gute und was schlechte Eigenschaften sind.

In Kombination mit dieser Fähigkeiten stehen dann noch Selbstliebe, bzw. Selbstwert. Gerade letzterer ist hier ausschlaggebend. Mangel an Selbstwert ist aus tausend Gründen tief in unserer Gesellschaft verankert und ich möchte behaupten, es gibt mehr Menschen, die mit ihrem Selbstwert Schwierigkeiten haben als solche ohne. Dass der eigene Selbstwert nicht zu 100% stabil ist, ist vermutlich also normal. Wichtig ist, dass man daran arbeitet und wichtig ist auch, das sage ich jetzt als Frau in Hinblick auf potentielle Partner, dass man ein Mindestmaß bereits besitzt.

Warum ist das so wichtig für eine Beziehung (welcher Art auch immer)?

Nun, in meinen Augen geht es hier viel um Verantwortung und die Frage, wer wie viel davon trägt und vor allem für wen? Ich bin ein großer Freund vom Konzept der Eigenverantwortung. Das vertrete sowohl ich im Leben als auch in meinen Beziehungen. Ich erwarte (und ja, ich wünsche mir nicht nur, sondern erwarte) von meinem Partner, dass er weiß, was gut für ihn ist. Ich erwarte, dass er seine Grenzen kennt und sie kommuniziert und auch zieht. Ich erwarte von meinem Partner, dass er sich selbst so viel wert ist, dass er im Zweifel seine Grenzen auch dann verteidigt, wenn das bedeutet, dass ich dafür verzichten muss – ich mache dasselbe. Ich erwarte von meinem Partner, dass er seinen eigenen Wert kennt und sich selbst schätzt, dass er authentisch ist und kommuniziert, was ihm im Leben gut tut und wichtig ist – auch dann, wenn das bedeutet, dass wir beide nicht einig sind.

Warum erwarte ich das?

Weil all diese Dinge in meinen Augen auf Eigenverantwortung basieren und der große, große Kern dahinter ist: Irgendjemand MUSS Verantwortung übernehmen. Immer und für alles im Leben, das ist eine Lektion, die ich schon früh gelernt habe. Und wenn ich noch etwas gelernt habe, dann: Wenn ein erwachsener Mensch, der viel Zeit mit mir verbringen will, und mit dem ich eine emotionale Beziehung eingehen soll, diese Verantwortung für sich nicht übernimmt… dann bleibt sie am Ende an mir hängen.

Wenn ich also merke, dass ein Mann zu „nett“ ist, im Sinne von: Er redet mir nur nach dem Mund, er traut sich nicht zu widersprechen, er sagt zu allem, was ich vorschlage Ja, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, ohne ab und an mal auf ein eigenes Bedürfnis hinzuweisen, er zeigt eine gewisse „Opferbereitschaft“, die häufig als romantisch verkauft wird (der Mann, der „alles“ für sie tun würde), dann laufe ich in die andere Richtung. Weil es in meinen Augen ein unbestreitbarer Fakt ist, dass ein Mensch, der seine eigenen Bedürfnisse entweder gar nicht kennt oder sie immer hintenanstellt, irgendwann darunter leidet. Und sobald das passiert, äußert sich das entweder in Depressionen, Burnout, Aggressivität, Schuldzuschreibungen oder tausend anderen Folgen, die nur dazu führen können, dass die Beziehung und vor allem dieser Mensch leidet.
Mein großes Problem dabei: Ich bin ein extrem empathischer Mensch. Wenn ich also merke, dass jemand, sich nicht um seine eigene psychische Stabilität, sein eigenes Wohlergehen kümmert, mir dieser Mensch aber wichtig ist, dann… übernehme ich das. Ganz automatisch. Das habe ich zweimal in meinem Leben in einem Umfang gemacht, an dem ich fast zugrunde gegangen wäre und seither kommt das für mich nicht mehr infrage. Deshalb:

Eigenverantwortung ist attraktiv. Selbstbewusstsein ist sexy.

Das ist es für mich. Das bedeutet nicht im Geringsten, dass ein Mann immer stark, immer stabil sein muss. Jeder von uns lernt dazu und keiner von uns ist zu 100% zu jeder Zeit stabil. Aber ich erwarte eine gewisse Balance und die Fähigkeit zu kommunizieren, wann man warum eben gerade nicht stabil ist und was man braucht, um das zu ändern. Es ist nicht meine Aufgabe, mich zu kümmern. Ich mache das aus Erfahrung gern – aber nur dann, wenn ich weiß, es wäre nicht nötig (zumindest wenn es nicht um Ausnahmezustände und Notfälle geht).

Braucht er also Ruhe? Abstand? Zeit für sich? Mehr Gespräche? Ist die Arbeit stressig? Zu viel Druck? Andere belastende Dinge im Leben? Alles legitim – wichtig ist, es zu kommunizieren und für sich selbst dort Grenzen zu ziehen, wo sie nötig sind. Auch wenn das bedeutet, man sagt einen Urlaub ab, auf den frau sich gefreut hat. Auch wenn das bedeutet, man geht das Risiko ein, dass frau dann enttäuscht ist. Es ist nicht meine Aufgabe, herauszufinden, welche Bedürfnisse mein Partner hat. Ich möchte, dass man auf Augenhöhe darüber spricht und einen Mittelweg findet, der beiden gut tut. Gleichermaßen möchte ich keinen Partner, der sich um mich kümmert oder mir jeden Wunsch von den Augen abliest. Wenn ich einen Wunsch habe, kommuniziere ich den. Entweder er wird erfüllt oder eben nicht – oder ich erfülle ihn mir selbst.

Exkurs: PUA

„Pick Up Art“ ist eine Bewegung, die (zusammengefasst) Männern beibringt, Frauen flachzulegen. Ich habe auf meinem alten Blog eine Beitragsreihe darüber verfasst. Generell handelt es sich um erlernte Manipulationstechniken, die Frauen zu Sex bewegen sollen. Ich persönlich verachte die extreme Haltung der meisten PUAs zutiefst, zumindest ihre Einstellung zu Frauen und zu großen Teilen auch das, was sie vermitteln. Aber es gab gerade zu Beginn der Bewegung und heute noch in kleinen Kreisen einen Teil, der hauptsächlich eines vermittelte: Selbstbewusstsein. Es waren Männer, die anderen Männern beibringen wollten, Frauen eben nicht mehr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Nicht zu allem Ja zu sagen. Ihren eigenen Wert zu erkennen. Das war so erfolgreich, dass sich daraus Strategien entwickelten, wie beispielsweise das „Push and Pull“ oder andere, bei denen es im Grunde nur darum ging, Frauen rumzukriegen, indem man ihnen regelmäßig zeigt, dass man eigentlich kein Interesse an ihnen hat. Das ist natürlich grundfalsch, in meinen Augen, weil es als manipulative Strategie schlicht unehrlich ist. Die Message aber (und damit auch der Grund des Erfolgs!) dahinter ist:

„Ich bin nicht auf dich angewiesen.“

Das klingt im ersten Moment hart. Aber grundlegend steckt dahinter schlicht eines: Unabhängigkeit. Ein Mann, der von einer Frau nicht abhängig ist. Das geht in PUA-Kreisen so weit, dass man manipulativ damit spielt und Frauen zeigt, wenn sie nicht sofort „ja sagen“ oder was auch immer tun, dann sind sie uninteressant und dann geht man(n) eben zur nächsten. Frauen, die wiederum ein Selbstwertthema haben, werden hier oft schwach und… nun ja, sagen eben „ja“. Häufig zu etwas, das sie nicht wirklich wollen. Das ist dasselbe Problem dann gespiegelt.

Wenn man aber die Manipulation weglässt, wenn man nicht bewusst damit spielt und manipuliert, wenn diese Haltung ehrlich ist, ist das in meinen Augen das gesündeste, was man machen kann:

Einem anderen Menschen sagen und zeigen, dass man nicht auf ihn angewiesen,
nicht von ihm abhängig ist –


ihn aber trotzdem will.

Fazit

Versteht ihr? Das „Arschloch“ von dem alle sprechen, ist ein Mann, der den Wert einer Frau nicht höher schätzt als seinen eigenen. Aber auch den eigenen Wert nicht höher als den ihren. Er ist höflich, freundlich, nett und vor allem ehrlich und integer. Aber er ist sich eben selbst so viel wert, dass er auf sich achtet – damit sein Gegenüber das am Ende nicht tun muss.

Eigenverantwortung eben.

Das ist attraktiv. Das ist sexy.

Das macht – für mich und viele andere Frauen – einen potentiellen Partner interessant.

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