Ein gelbes Blatt

Ein Archivbeitrag aus 2019


ODER: VON LICHT, SCHATTEN UND EINEM FALLENDEN BLATT

Meine Lieben,

die Blätter hier im Wunderland fallen, es ist neblig und irgendwie möchte ich heute nicht aufstehen. Ich bin bereits in Netz und Lack angezogen, aber die Lichtung lässt mich nicht gehen. So kalt es also ist – ich bleibe hier sitzen, auf dem weichen Moos und friere ein bisschen weiter, den Blick auf den grauen, eintönigen Nebel um mich her gerichtet. So wie es eben aussieht, wenn es Herbst wird. Grau. Nebel. Dunkelheit. 

Und dazwischen ein sonnengelbes Blatt auf dem Boden.

Entschuldigt, das war ein Sprung.
Schon gut, ich weiß ja:

Von vorn. 


ZWISCHEN SONNENLICHT UND NEBEL

Es ist ein gewöhnliches Novemberwochenende, wenn ich beginne, diese Zeilen zu tippen. Ich weiß nicht, ob ich sie veröffentlichen werde, ob ich sie überhaupt zu Ende schreiben werde oder ob es überhaupt ein „Ende“ gibt. Streng genommen weiß ich nicht einmal, worüber ich schreiben will – deshalb auch keine durchdachte Einleitung, kein richtiger Schluss, keine komplexen Metaphern und schöne Bilder, so gern ich auch mit ihnen arbeite. Ich liebe es, richtige Blogbeiträge zu schreiben – ihr wisst schon: die, die kleine Geschichten werden. So wie der über Adam und den Biss vom Apfel, oder Indiana Jones und die Sache mit den Sternschnuppen. Solche Beiträge befriedigen beide Seiten in mir: Die Bloggerin, die einfach von ihren Erlebnissen erzählen und ihre Gedanken teilen möchte. Und die Schriftstellerin, die ihrer Fantasie manchmal freien Lauf lassen muss.

Heute gibt es keine Geschichte zu teilen, keine Erlebnisse zu erzählen und keine Metaphern, die alles ein wenig bunter machen. Um ehrlich zu sein fehlen mir die Farben zurzeit generell – beim Schreiben und im Leben. Ich merke es schon seit einigen Wochen, seit es kälter wird und die kalte Jahreszeit sich ankündigt. Jetzt ist es Mitte November und der Herbst leistet ganze Arbeit: Es ist kalt, ich habe die Winterdecke bezogen, die Tage sind so kurz, dass Nachtmenschen wie ich quasi kein Tageslicht mehr abbekommen und der Himmel ist bewölkt. Egal, wann ich mit dem Köter spazieren gehe, es ist immer neblig – bei uns hier zumindest. Und es kommt mir vor, als hätte ich die Sonne seit Wochen nicht mehr wirklich auf der Haut gespürt.

Das wäre eine Metapher, by the way. Denn mit dem Sonnenlicht, das mir seit Wochen fehlt, meine ich nicht nur das tatsächliche. Auch mein Innerstes passt sich an den Herbst an, wenn man das so sagen kann.

Ich bin müde, schlafe viel, aber schlecht. Morgens brauche ich ewig, bis ich aus dem Bett komme. An manchen Tagen in der vergangenen Woche war ich dann so unproduktiv, dass ich mich nochmal hingelegt habe und erst gegen 15 Uhr das Bett aufgestanden bin – dann bleibt mir etwa eine Stunde Tageslicht, was den Rest des Tages stimmungstechnisch nicht viel besser macht. Und auch, auch kleine Symptome wie Appetitlosigkeit an manchen Abenden, kreisende Gedanken und schlechte Träume merke ich durchaus. An manchen Tagen merke ich nicht nur den Herbst in mir, sondern einen kalten, dunklen Winter – aber das hält sich in Grenzen. Die, die es kennen, wissen, was das bedeutet.

VIELE VON UNS

Vor ein paar Tagen habe ich eine Umfrage auf Twitter gemacht, aus Interesse:

Ich hab heute Mal eine ernste Frage an euch, die mich schon lange interessiert:

Wer von euch kennt Depressionen oder Angst/Panikstörungen aus eigener Erfahrung (vergangen oder akut)?

— Ophelia (@Ophelia_BDSM) November 15, 2019

Ich habe schon immer geahnt, dass ich mit meinen Texten eine ganz bestimmte Art von Menschen anspreche. Ich denke, es sind Menschen, die nicht Mainstream sind, die ungewöhnliche Vorlieben haben oder zumindest open-minded sind. Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen, die über sich selbst nachdenken, die bereit sind für neue Horizonte. Alle anderen verurteilen das, wofür ich stehe, kategorisch. Das hat nicht unbedingt nur mit BDSM und Sex zu tun, sondern mit der Art, wie ich an das Leben herangehe. Es ist ein wenig das, was ich kürzlich vom Paradies erzählte: Manche von uns trauen sich eben, sich zu fragen, ob sie glücklich sind oder ob sie nur glauben, dass sie glücklich sind. Manche von uns sind gern und bewusst monogam verheiratet und andere führen grundsätzlich keine langfristigen Beziehungen. Manche von uns stehen auf BDSM, andere können nichts damit anfangen. Aber alle haben eine Sache gemeinsam: Sie treffen Entscheidungen bewusst, sie sind mutig genug, sich die Alternativen anzusehen, um sich dann zu überlegen, was sie wollen. Ich glaube, unter meinen Lesern sind viele, die diesen Weg gehen. Vermutlich auch viele, die sich zwar die richtigen Fragen stellen, aber vor der Antwort noch Angst haben – übrigens etwas, das ich sehr gut verstehe. Ich habe jahrelang ein Leben gelebt, von dem ich dachte, es machte mich glücklich, während ich in Wahrheit einfach nicht mutig genug war, mich zu fragen, was ich eigentlich will. Unabhängig von der Gesellschaft, von Familie, von Erfolg, Erwartungen und dem, das einem eben beigebracht wird. Sapere aude und so – ihr wisst schon.

Jedenfalls glaube ich, dass unter meinen Lesern viele Menschen sind, die sich mit diesen Fragen zumindest auseinandersetzen. Ich glaube auch, dass unter meinen Lesern viele Menschen sind, die in der Schule nicht zu den beliebten Kids gehört haben. Die schüchtern waren oder sind. Die Schwierigkeiten mit Menschenmassen haben oder die früher oder heute noch als Freaks oder Nerds galten. Viele, für die Harry Potter ein besserer Freund war als die meisten realen Menschen und viele, die ihren Namen auf elbisch oder klingonisch schreiben können. Ich glaube, dass viele hier Computer-Nerds oder Zocker sind. Und dass viele von euch ein ungewöhnliches oder komplexes oder in irgendeiner Form vielleicht auch schwieriges Sexualleben haben. Viele von euch sind bi, pan, trans, homosexuell oder sonst wie queer, haben Schwierigkeiten mit ihrer Identität oder haben das Gefühl in keine Schublade, in kein Schema zu passen – zu den großen, beliebten, anerkannten Gruppen, die die Gesellschaft einem so bietet, nicht dazuzugehören.

Ich glaube, dass viele von euch im Internet einer eigentlichen fremden Frau folgen und sich für ihr eher ungewöhnliches Leben interessieren, weil sie entweder das Gefühl haben, in einem beheizten Haus zu sitzen, das zwar alles zum Leben Nötige bereithält, aber sich dennoch irgendwie gefangen fühlen und deshalb aus dem Fenster sehen, um zumindest mit-zu-leben, durch das Folgen, Mitlesen ein bisschen von dem zu fühlen, was sie fühlt.
Oder dieses Haus bereits verlassen haben und nun in der Kälte draußen herumlaufen, wie Obdachlose, wie Nomaden, die ihren Platz in der Welt noch suchen oder sich mit anderen Nomaden zusammengeschlossen haben, um auch in der Fremde das Gefühl von Heimat zu haben und dabei den Wunsch haben, andere Menschen zu finden, denen es ähnlich geht. Den Weg von jemandem begleiten wollen, der genau wie sie ein wenig herumirrt – im Wunderland, oder wo auch immer. Einfach weil man sich weniger einsam fühlt, wenn man weiß, dass es anderen auch so geht – geteiltes Leid und so.

Vielleicht ist das Spekulation, vielleicht auch nicht. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich mit dieser Vorstellung nicht allzu falsch liege und mein Gefühl sagt mir ebenfalls, dass ich diese Vorstellung mag. Denn der Umkehrschluss ist: Ich bin ebenfalls nicht allein. Im Gegenteil – je mehr Menschen hier kommentieren, folgen, mitlesen, Nachrichten schreiben, desto mutiger und offener werde ich bisweilen.
Weil ich merke, was es macht – mit euch und mit mir. Weil ich merke, dass mir jene von euch anfangen durch die Glasscheiben aus den Häusern zuzuwinken oder mich einzuladen auf eine heiße Schokolade, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Manche von euch sehen mir dann nach, andere öffnen die Tür einen Spalt und schnuppern die Luft des Wunderlands. Und wieder andere wagen sogar erste Schritte aus ihrem goldenen Käfig, dessen Tür die ganze Zeit offen stand. Und die Nomaden, denen ich begegne, winken mir zu, erkennen mich, grüßen mich, man tauscht sich aus über das Klima auf einzelnen Streckenabschnitten, bevor jeder seiner Wege zieht. Es ist gut. Man ist nicht allein im Alleinsein. Man geht denselben Weg – nur manchmal nicht zur selben Zeit. Aber man kann sich gegenseitig Nachrichten hinterlassen und vor kommenden Schlaglöchern warnen oder rote Tücher an Äste binden, damit der Nächste sieht, dass schon einmal jemand hier war. Das reicht doch meistens schon, oder?

Was hat das aber mit der Umfrage zu tun?

Nun, ich ging davon aus, dass diese Vorstellung in Bezug auf meine Leser hier stimmt und diese Vorstellung korreliert in meinen Augen mit einer anderen Sache: Ich glaube, dass Menschen, die ungewöhnliche Wege gehen, in welcher Form auch immer (und sei es auch nur gedanklich), die über den Tellerrand blicken und weitere Horizonte haben als der Durchschnitt… ich glaube, dass diese Menschen häufig die Last tragen, auch mehr von der Dunkelheit abzubekommen. Es ist, wie Goethe gesagt hat:

„Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“

SCHATTEN

In der Umfrage haben 3500 Menschen abgestimmt. Okay, sicherlich gab es ein paar Trittbrettfahrer, die einfach irgendetwas geklickt haben. Aber ich halte die Zahl durchaus für repräsentativ. Nehmen wir an, sie ist es, dann müssen wir davon ausgehen, dass rund 76% meiner Vögel (wir können es auch grob herunterbrechen – aber ich halte ehrlich gesagt alles für „viel“, was über der Hälfte liegt) persönliche, eigene Erfahrungen machen oder gemacht haben mit Depressionen oder Angst-/Panikstörungen oder mit beidem.

Ich finde das ziemlich heftig. Und es bestätigt meine Vermutung: Ich glaube nämlich, dass Menschen, die mehr über sich selbst und das Leben nachdenken, die einen weiteren Horizont haben und die einfach… ein bisschen anders sind, auch tendenziell empfänglicher für Schatten sind. Nicht, weil sie schwächer oder empfindlicher sind, sondern im Gegenteil. Solche Menschen sind näher am Licht, durch die Art, wie sie durchs Leben gehen. Licht hier vielleicht sogar wirklich im Sinne von „Enlightenment“, Aufklärung. Sie sehen klarer. Aber helles Licht wirft starke Schatten. Und ich glaube, ich habe viele solcher Menschen unter meinen Lesern. Menschen, die mehr sehen als die meisten – aber deshalb auch von Schatten nicht verschont bleiben.

Nach der Umfrage bekam ich Nachrichten, viele Nachrichten. Erzählungen, Erklärungen, Geschichten – eigentlich wie immer, nur dass ich diesmal viele wirklich nur überflogen habe. Es tut mir leid, das sagen zu müssen – für gewöhnlich schaffe ich zwar nicht immer individuelle Antworten, aber ich lese immer alles. Es war das erste Mal, dass es einfach nicht ging. Faszinierenderweise komme ich mit Geschichten über Missbrauch besser klar als mit Geschichten über Depression und Angst. Vielleicht weil es mich selbst mehr betrifft und triggert.
Wie dem auch sei, ich wurde natürlich von einigen von euch gefragt, was ich denn getan habe, um diese Dämonen zu besiegen, immerhin habe ich das meiste davon hinter mir und wenn etwas davon noch auftritt, ist es nicht ansatzweise so stark wie früher.
Meine Antwort auf diese Frage ist grundsätzlich:
Besiegt ist das falsche Wort. Ich habe sie nicht besiegt und wenn sie so stark sind wie meine und die von vielen anderen, dann glaube ich nicht, dass es überhaupt darum geht, sie zu besiegen. Ich glaube eher, dass man sich mit ihnen arrangieren muss. Immerhin kommen diese Dämonen nicht von ungefähr – sie sind Schatten der eigenen Vergangenheit, also Teile von einem selbst. Ohne diese Dämonen wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin und ich mag diesen Menschen ziemlich gern – weshalb also sollte ich aktiv gegen einen Teil von mir selbst kämpfen wollen, bis auf Leben und Tod sozusagen? Nein, ich finde die Vorstellung deutlich angenehmer, wie diese kleinen, hässlichen, gefährlichen Dinger in einer hinteren Ecke meines Unterbewusstseins sitzen und es sich dort gemütlich gemacht haben. Sie brauchen die Dunkelheit zum Leben, deshalb gefällt es ihnen dort einfach besser und ich akzeptiere das. Ich akzeptiere, dass sie sich eingenistet haben und ein wenig zu mir gehören, aber ich habe Regeln aufgestellt. Hausregeln quasi.
Sie dürfen bleiben, sie dürfen mich ab und an kitzeln, nerven und bisweilen sogar herausfordern – dann bleibe ich aufmerksam und nehme die Ruhephasen nicht zu selbstverständlich, sondern bleibe dankbar, weiß jeden guten Tag zu schätzen, an dem ich lächelnd aufwache. Aber sie dürfen ihre Ecke nicht verlassen und wenn sie mich zu lange nerven oder zu penetrant sind, werde ich sauer. Regelverstöße gibt es hier nicht – nicht bei mir. Es ist ein Arrangement, weiter nichts. Man schließt Waffenstillstand – vielleicht, ganz vielleicht irgendwann sogar Frieden. Diese Vorstellung gefällt mir besser als der Gedanke an einen ständigen, kräftezehrenden, zerstörerischen Kampf – aber vielleicht kommt das durch meine buddhistische Prägung.

Anyway.

Ich kann euch nicht sagen, wie ich zu diesem Punkt hier gekommen bin. Es gibt keine Lösung, keinen Weg. Es gibt Teile, Wege, Abzweigungen, Vorschläge, Möglichkeiten – und jeder von euch muss sich aus diesen Teilen seine eigene Lösung basteln. Es geht darum, auszuprobieren und zu testen und jeden Weg weiterzugehen, der einem gut tut. Jede Abzweigung zu nehmen, die einen irgendwie weiterbringt und dann… einfach zu schauen, wo man rauskommt.

LICHT

Jedenfalls wollten einige von euch wissen, was mir über die Jahre auf diesem Weg geholfen hat – ein Bedürfnis, das ich sehr gut nachvollziehen kann. Einerseits finde ich es anstrengend, darüber zu sprechen; mal abgesehen davon, dass es ziemlich persönlich und intim ist. Irgendwie auf andere Art intim, als über mein Sexleben zu sprechen. Andererseits… naja, wenn es auch nur einen Menschen da draußen gibt, dem irgendetwas davon hilft, dann sollte ich meine Reichweite wohl für solche Dinge nutzen. Gerade weil ich aus Erfahrung weiß, wie es sich anfühlt, mit jeder Faser seines Seins zu hoffen, dass jemand einem die Lösung reicht, oder wenigstens etwas, das es ein klein wenig leichter macht. Aus diesem Grund wird dieser Beitrag auch nicht nur für Patrons sein, sondern öffentlich. Wen das nicht interessiert, gern einfach überspringen.

Also, ich versuche mal, zusammenzufassen:

  • Therapie: Ich habe rund 4,5 Jahre Trauma-Therapie hinter mir (angefangen mit 21) und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Es dauerte 5 Therapeuten und etwa ein Jahr, bis ich den gefunden habe, der zu mir passt. In meinen Augen ist nicht die konkrete Form von Therapie ausschlaggebend, sondern die Beziehung zum Gegenüber. Ich hatte 2, die in meinem Fall sogar schädlich waren – zum Glück habe ich das nach wenigen Sitzungen erkannt. Schließlich fand ich einen, der selbst in einer nicht-monogamen Ehe lebte, sehr offen war, mit dem ich auch über BDSM sprechen konnte und der selbst nicht nach Freud, sondern nach Jung arbeitete, mit einigen zusätzlichen Ansätzen. Ich bin kein Fan von Freud und seiner in meinen Augen höchst fragwürdigen Analyse, aber das muss jeder für sich entscheiden. Wenn euch meine Gründe hierfür interessieren, fragt nach.
  • Theorie: So wie bei allem, was mich interessiert, holte ich mir Wissen auch Büchern. Ich bin ein Kopfmensch – ich muss Dinge verstehen. Es waren entscheidende Schritte für mich, die mich immens weiterbrachten, als ich begriff, was zum Beispiel bei einer Panikattacke im Körper eigentlich geschieht. Das Wissen, dass der Körper gar nicht in der Lage ist, diesen klassischen Panik-Zustand für länger als rund 30 Minuten auszuhalten, hat bei mir viel gelöst. Das Wissen, dass es immer irgendwann vorbeigeht – nicht aus abstrakten Gründen, sondern aufgrund von Biologie, von Wissenschaft.
  • Philosophie: Es gibt philosophische Richtungen, die mir enorm halfen und die mich bis heute begleiten. Die Stoa, allen voran Marc Aurel und seine Selbstbetrachtungen haben mich verändert. Das Prinzip, dass man versucht, unabhängig vom Außen zu sein. Seinen Affekten keine Energie zu überlassen. Egal, was die Welt einem entgegenwirft, es einfach an sich abprallen zu lassen. Natürlich will ich kein wirklich stoisches Leben führen, aber in gewissen Situationen habe ich noch heute Zitate von Aurel im Kopf, dir mir einfach helfen. Immanueal Kant – wie ihr wisst – hat ebenfalls einen ziemlichen Beitrag geleistet, aber auch andere, häufig antike Philosophen. Ich geh mal nicht ins Detail, ich will euch nicht langweilen.
  • Religion„: Nein, ich bin nicht religiös. Ich bin katholisch getauft, aber habe bereits die Firmung nicht gemacht und bin früh aus der Kirche ausgetreten. Unabhängig davon, wie ich zum Christentum stehe, halte ich nichts von der katholischen Kirche an sich. Die Details meiner Meinung behalte ich besser für mich – ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen.
    Religion finde ich eine gute Sache, auch wenn ich nicht religiös bin. Ich glaube einfach, so lange es Menschen hilft und keinem schadet, soll doch jeder glauben, woran er möchte. Das fasst im Grunde meine gesamte Einstellung zu der Sache zusammen – und daraus lässt sich vermutlich auch schließen, dass ich von Fanatismus, Fundamentalisten, Missionaren und Extremisten nichts halte, um es nett auszudrücken. Egal, um welche Religion es geht. Ich mag es übrigens auch nicht, dass in Schulen noch immer so unreflektiert mit Religion umgegangen wird, dass Schüler in Religionsunterrichte gesetzt werden, dass die Inhalte dieser Unterrichte sehr einseitig sind und dass den wenigsten jungen Menschen die Entscheidung, woran sie glauben, selbst überlassen wird. Ich würde mir eine absolut klare Trennung von Staat und Kirche wünschen – „christliche“ Parteien finde ich kategorisch kritisch, mal abgesehen davon, dass es da häufig mit den eigentlich christlichen Werten nicht weit her ist. Aber das ist ein anderes Thema und gehört hier nicht her.
    Es gibt eine einzige „Religion“, die ich hier jedenfalls ausnehme: Den Buddhismus. Die Anführungszeichen sind absichtlich gesetzt, weil der Buddhimus für mich nicht mit anderen Religionen zu vergleichen ist, oder besser: der Buddhismus für mich keine Religion ist.
    Der Dalai Lama hat übrigens einmal gesagt „Buddhismus ist keine Religion, sondern eine Wissenschaft des Geistes“.
    Es mag seltsam klingen, aber wenn man mich fragen würde, was mir am meisten geholfen hat, dann wäre es neben der Therapie der Buddhismus. Es gibt natürlich auch den Buddhismus, der betet und an das Samsara glaubt – aber den halte ich für eine Ausprägung. Der Teil des Buddhismus, der mich gerettet hat, war ein anderer. Es war das, was seine Lehre über das menschliche Denken sagt. Das, was über den Geist gelehrt wird. Das alles, meine Sicht dazu, hier zu erläutern, würde definitiv zu weit führen. Im Kern geht es um die Denkweise/Ansicht, dass das eigene Selbst nicht dasselbe ist wie das, was man fühlt oder macht. Vereinfacht und in einem Bild erklärt ist es die Annahme, dass Gefühle, Affekte (also auch Panik, Angst, Trauer, Depression, usw.) Gäste sind, die vorbeischauen. Manche besuchen dich nur kurz, andere bleiben eine Weile. Aber sie sind nicht du.
    Der Tag, an dem ich gelernt habe, wie ein Beobachter einen Schritt zur Seite zu machen und gedanklich sagen zu können „Ah okay, spannend. Da kommt gerade eine Welle der Angst, die ist recht heftig, hm, das wird jetzt unangenehm“… Der Tag, an dem ich gelernt habe, zu begreifen, dass Depression oder Angst oder Panik nicht ICH sind, sondern etwas, das mich besucht, das ich von Außen beobachten kann…, der Tag, an dem ich mich nicht mehr mit diesen Gefühlen identifiziert habe… dieser Tag hat bei mir alles verändert.
    Es gibt noch andere Dinge, viele andere Ansichten aus dem Buddhismus, die mir halfen. Die Art, wie der Buddhismus über Mitmenschen, über andere Geschöpfe denkt, wirkt sich zwangläufig auf die Art aus, wie man sich selbst wahrnimmt. Man lernt, die eigene Depression, die eigene Angst nicht mehr so wichtig zu nehmen, wie sie es vorher war. Bevor ich jetzt aber ins Reden komme, vielleicht einfach eine erste Empfehlung: „Das weise Herz“ von Jack Kornfield kann ich jedem ans Herz legen, der sich ein wenig dafür interessiert und vor Theorie nicht zurückschreckt. Kornfield hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Theravada Buddhismus dem Westen näherzubringen und ihn so zu erklären und zu verbreiten, dass wir in unserem westlichen Denken etwas damit anfangen können – und ich finde, er leistet großartige Arbeit.
  • Meditation/Imagination: Spannend war irgendwann der Augenblick, in dem ich herausfand, dass die Dinge, die ich privat im Buddhismus lernte, sich irgendwie deckten mit denen, die mein Therapeut anwendete. Nach einiger Zeit arbeiteten wir mit Imaginationen (ich erkläre das hier nicht, das Thema ist anstrengend für mich und jeder, der was wissen möchte, kann googeln). Die Erste war heftig. Ich hatte ihn „vorgewarnt“ und ihm gesagt, dass ich sehr schnell und sehr intensiv in imaginäre Situationen eintauchen kann, vermutlich ein wenig antrainiert durch das Schreiben. Er meinte danach, dass er das so noch nie erlebt hat. Ich denke, das war für uns beide eine neue Erfahrung. Aber wir haben uns angepasst und er war großartig. Ich hatte irgendwann Angst vor den Sitzungen, in denen wir damit arbeiteten, weil sie mich ziemlich mitnahmen und es einfach nur scheiße anstrengend war – aber es half eben auch.
    Parallel dazu lernte ich das Meditieren. Hauptsächlich über Bücher, dann über Hörbücher und geführte Meditationen (Kornfield selbst hat Bücher und Hörbücher veröffentlicht mit angepassten Meditationen, u.a. für Trauma-Fälle – ich nutze sie heute noch ab und an) und schließlich bin ich (ja, ernsthaft) in ein buddhistisches Meditationszentrum gegangen. Ich war nicht häufig dort – einerseits war es spannend und hilfreich, andererseits war es mir ein wenig ZU buddhistisch. Es ging mir zu sehr um das Arbeiten mit Gottheiten und war mir dann doch einfach einen Tick zu spirituell.
    Jedenfalls war die Parallele zwischen Imagination (westliche Psychologie) und Meditation (Buddhismus) die erste von vielen, die mir auffiel und mir ein kleines Licht aufgehen ließ.
  • Medikamente„: Auch das setze ich in Anführungszeichen, aus folgendem Grund: Ich habe nie in meinem Leben chemische Medikamente gegen psychische Schwierigkeiten genommen. Grund dafür ist die langjährige, traumatisierende Geschichte mit meiner Mutter, die von manisch-depressiv über paranoid-schizophren bis zum Alkoholismus einige Krankheiten diagnostiziert bekam und dementsprechend über rund ein Jahrzehnt „therapiert“ wurde – oft genug falsch, wie ich später feststellte. Falsche Medikamente oder falsch dosierte bzw. falsch eingenommene Medikamente, vor allem, wenn es heftige Psychopharmaka sind, können Gegenteiliges bewirken und diese Wirkung bekam ich als Kind/Jugendliche zu spüren. Ich war noch nicht einmal in Therapie, als ich mir vorgenommen habe, diese Medikamente niemals zu nehmen. Zu Beginn war es wohl Angst – mit den Jahren wurde es zu… hm, einer Art sehr hohen, stoischen Leidensfähigkeit in Kombination mit fast schon ungesundem Ehrgeiz und dem beinahe zwanghaften Bedürfnis, mich selbst Ängsten zu stellen, nüchtern und ohne Hilfsmittel. Sprich: Ich wollte es selbst schaffen, mit der Kraft meines Verstandes. Das hat aber nichts mit „besser/schlechter“ zu tun, das möchte ich betonen, sondern nur mit meiner persönlichen Geschichte dazu.
    Ich habe jedenfalls bis heute nicht ein einziges Mal Psychopharmaka genommen, weiß aber mittlerweile, dass es für extreme Fälle ein Weg sein kann. Ich denke, das wäre mein absoluter Notfallplan, wenn alles andere nicht funktioniert, wirklich alles andere. Um das zu ergänzen: Gute Freunde von mir sind medikamentös eingestellt – ich denke, wenn man den richtigen Arzt hat, der reflektiert arbeitet, dann kann das eine Lösung sein. Ich halte das aber für absolut individuell.
    Früher hatte ich enge Kontakte zu Heilpraktikern und alternativen Medizinern, die mir auch Homöopathie gezeigt haben. Diese „Medikamente“ habe ich ausprobiert, deshalb die Anführungszeichen.
    Ehrlich gesagt… ich halte das hier ähnlich wie mit Religion: Wenn es Leuten hilft, why not? In eine detaillierte Diskussion über Homöopathie steige ich jetzt nicht ein. Nur so viel: Ich habe damals einfach alles ausprobiert, es aber für „nichts für mich“ befunden.
    Für mich war es nicht die Lösung, genauso wenig wie Bachblüten, die ich ausprobiert habe. Eine Weile bin ich nicht ohne Rescue-Tropfen aus dem Haus – es war dieselbe Zeit, in der ich meine Reise-Apotheke quasi immer bei mir hatte. Ich glaube rückblickend, dass ich einfach ein Mensch bin, bei dem Placebos funktionieren. Meine Imaginationsfähigkeit ist extrem stark, mein Verstand allerdings auch (nicht immer einfach mit den beiden). Die Rescue-Tropfen allein schon dabei zu haben, hat mich damals beruhigt – wenn ich sie vergessen habe, war es wirklich schlimm.
    Die Erkenntnis, dass das der beste Beweis dafür ist, dass die Angst einfach nur eine Illusion in meinem Kopf ist, half mir mehr als jedes Medikament es je konnte.
    Ergänzend sei noch gesagt, dass ich auch mit Johanniskraut und Lasea Erfahrungen gemacht habe – man testet eben aus. Ich sagte ja: Ich bin jede Abzweigung gegangen, die ich finden konnte.
  • Konfrontation: Ich denke, ich habe über das Thema Angst schon ziemlich viel geschrieben. Deshalb nur kurz: In meinen Augen, und das ist eine ganz persönliche Ansicht, führt jedes negative Gefühl des Menschen auf Angst zurück. Eifersucht ist die Angst, jemanden zu verlieren. Depression ist die Angst vor dem Gefühl, dass das Leben keinen Sinn macht. Verlustangst ist Angst, verlassen zu werden. Einsamkeit ist Angst vor dem Alleinsein. Druck ist Angst, etwas nicht zu schaffen. Schlaflosigkeit ist Angst, morgen müde zu sein. Ihr versteht das Prinzip, das ich meine? Für mich ist das jedenfalls in etwa so. Egal, welche Schwierigkeiten ich also hatte, am Ende ging es immer um Angst. Und irgendwann fing ich an, mich Ängsten zu stellen, Schritt für Schritt. Und das, meine Lieben, war der Weg in die Freiheit – wie es am Ziel aussieht, sage ich euch, wenn ich ihn zu Ende gegangen bin.
  • Sport: Es gibt Studien, die besagen, dass Sport ähnliche Wirkstoffe freisetzt wie manche Antidepressiva. Ich weiß nicht, ob das eine individuelle Sache ist, aber ich für mich kann sagen: Ich könnte nicht mehr ohne. Ich hab vor vielen Jahren angefangen, in einem ziemlichen Tief, und ja: es half. Immens. Ich habe Workouts gemacht, Krafttraining, war Joggen (klar, die Veränderung meines Körpers und dieses Gefühl von „Fitsein“ gab mir zudem einen positiven Push), ich war einige Jahre bouldern und natürlich ist es das Tanzen, das sich als einziges ohne Pause bis heute hielt – mal abgesehen davon, dass ich allein schon durch den Köter gezwungen bin, regelmäßig draußen zu sein. Egal was es ist – es muss Spaß machen, sonst macht man es nicht. Zumindest ist das bei mir so. Aber wenn man etwas gefunden hat, hilft es. Ich glaube, aus verschiedenen Gründen.
  • Aussortieren: So bezeichne ich jetzt einfach mal das Prinzip, im eigenen Leben dafür zu sorgen, dass möglichst viele Dinge positiv sind und möglichst wenige negativ. Das Salsa-Tanzen hat mich aufgeweckt wie nichts sonst. Ich habe Menschen aussortiert, die mir nicht gut taten, mich von jenen entfernt, die mir schadeten – unabhängig von Pflichtgefühlen oder Familienbanden, die in meinen Augen nichts bedeuten, wenn sie sich nicht nach Familie anfühlen. Ich lernte, Nein zu sagen. Ich zwang mich zu nichts mehr. Ich hörte mehr auf mein Bauchgefühl. Ich lernte meine Grenzen kennen. Ich fand zu mir selbst. Ich erlaubte mir, mein Leben selbst zu gestalten. Ich kommunizierte offener – nicht nur über Sex, sondern auch über meine Schwierigkeiten.
    Ich denke, wenn alle das so machen würden, hätten wir auch alle weniger Schwierigkeiten.
  • Schreiben: Dass das Schreiben mir immer schon geholfen hat, muss ich wohl nicht sagen. Aber ich würde euch gern ein Geheimnis von mir anvertrauen, das mir über die Jahre geholfen hat: Ich führe seit jeher Tagebuch und habe irgendwann auch begonnen, speziell über meine Schwierigkeiten zu schreiben. Häufig auch einfach, in meinem Bedürfnis, „wissenschaftlich“, rational ranzugehen, ein System dahinter zu erkennen, usw. Zudem habe ich eine Stapel Notizbücher – voll von Zitaten, die ich irgendwann mal aufgeschnappt habe und die mir geholfen oder die mich inspiriert haben. Aber was irgendwann alles drehte, war Folgendes:
    Ich fing ein Buch an, in das ich nicht dann schrieb, wenn es mir schlecht ging, sondern genau dann, wenn es mir wirklich gut ging. Ich gab jeder Seite eine Überschrift, wie zum Beispiel: Angst vor dem Alleinsein, oder was auch immer. Und dann, in Augenblicken, in denen ich das Alleinsein wirklich genoss, aber wusste, es könnte irgendwann wiederkommen, schrieb ich. Darüber, weshalb es gut ist, ab und zu allein zu sein, usw. Ihr versteht?
    Ich schrieb in Phasen, in denen ich zutiefst glücklich war, was das Leben mir bedeutet und weshalb ich keine Angst vor Depressionen mehr haben musste, weil sie immer vorbeigehen – und wenn sie vorbei sind, kommt das Beste zum Vorschein und dieses Beste entschädigt für all die Dunkelheit. All diese Dinge schrieb ich auf, um dann, in den dunklen Phasen, dieses Buch aufzuschlagen und eine Erinnerung zu haben, die ich nicht von wichtigen Philosophen oder einem Therapeuten bekam, sondern von mir selbst.
  • BDSM: Ja, nach all dem Text geht es auch in diesem Beitrag noch kurz um BDSM. Diese für mich damals neue Art der Sexualität brachte mir so viel bei, lehrte mich so viel über mich selbst, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte. BDSM hat mir die Sache mit dem Grenzenziehen nähergebracht. Hat mich gelehrt, Nein zu sagen, auch im Alltag. Hat mir Selbstvertrauen gegeben, ein neues Gefühl für meinen Körper. Durch BDSM habe ich gelernt, wie gut es auf allen Ebenen tun kann, herauszufinden, was man eigentlich will – von Sex, von einem Partner, von einem Menschen, einem Abend, von sich selbst. Vom Leben.
    Durch BDSM habe ich meine Grenzen in Bezug auf Angst und Leidensfähigkeit erweitert, ich hielt mehr aus, wurde härter, auf gute Weise. Stärker. Aber zugleich faszinierenderweise auch weicher. Ließ mehr an mich heran, auf einer neuen Ebene, die mich für jene entschädigte, die mir noch schwer fielen und fallen. Ich kann im BDSM Dinge geschehen lassen, die mir sonst fehlen, die kompensieren, was ich vermisse. Die mich irgendwie… ganz machen.

EIN GELBES BLATT

Ich weiß jetzt auch nicht so richtig, wie ich diesen Text weiterschreiben soll oder wie ich ein schönes Ende finde. Keine Ahnung. Ich habe ihn am Wochenende begonnen, da war alles schwieriger. Dunkler, nebliger. Heute ist Montag, heute war alles ein wenig besser. So wie ich meine Stimmung kenne, kann es morgen wieder nebliger sein oder es ist völlig verschwunden. Ich weiß es nicht.
Was ich weiß, ist, dass November einfach nicht mein Monat ist, dass ich eine Geschichte mit ihm habe, die mich für den Rest meines Lebens begleitet. Dass der November dann automatisch in die Weihnachtszeit übergeht, mit der meine Dämonen meistens aufmüpfiger werden. Es ist, als würden sie Lebkuchen besonders gern mögen und im Dezember, wenn alles nach Lebkuchen riecht, sind sie ständig wach und zappeln herum. Letztes Jahr war es leichter, obwohl im Außen viel Chaos herrschte – Kündigung und diese immense Umstellung meines Lebens. Dieses Jahr ist außen alles ruhiger, aber im Innen sieht es schwieriger aus. Aber auf das Innen kommt es ja nun mal an, nicht wahr? Von den Dingen, die mich beschäftigen, kann ich euch nichts erzählen. Ein paar davon habe ich kürzlich nach meiner Pause meinen Patrons erzählt, aber natürlich gibt es auch Dinge, über die ich nicht spreche. Dinge, die zu tief sitzen, um sie mit vielen tausend Leuten zu teilen.

Was ich hingegen gern teile, auch wenn es nicht ganz einfach ist, sind diese Worte hier. Vielleicht bringen sie ein paar von euch auf neue Gedanken – immerhin geht es hier nicht nur um eine Handvoll von uns, sondern um die Mehrheit. Und dabei spielt es keine Rolle, ob ich euch eine starke Hand reichen und euch aufhelfen kann, oder ob ich selbst gerade hier auf meiner Lichtung im Nebel sitze – denn am Ende des Tages steht niemand dauerhaft aufrecht und keiner hat immer nur Hände übrig um anderen aufzuhelfen. Genauso wenig, das verspreche ich euch, wie keiner von uns ewig im Nebel herumsitzt und dauerhaft nur das Grau um sich her wahrnimmt.

Denn das alles hier, wirklich alles, was ich eben beschrieben habe, ist zutiefst natürlich:

Licht wirft nun einmal Schatten. Und wenn es uns nie schlecht gehen würde, dann würden wir das Gute doch überhaupt nicht zu schätzen wissen. „Bunt“ ist uns doch nur ein Begriff, weil es die Abgrenzung „Grau“ überhaupt gibt und die Welt kann nicht immer Frühling und Sommer sein, denn ohne den Herbst und den Winter wäre sie nicht lebensfähig. Der Nebel, in dem jeder von uns ab und zu sitzt, der Herbst, der den meisten von uns manchmal mit seiner eisigen Kälte die Luft zum Atmen nimmt, ist im Grunde nur natürlich. Erst wenn etwas vergeht, kann etwas Neues entstehen. Und erst wenn unsere Dämonen Lebkuchen riechen und auf sich aufmerksam machen, werden wir gezwungen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

All diese Dinge bedingen einander und während mir jetzt auffällt, wie hochtrabend das gerade klingen muss, wechsle ich schnell das Thema, stelle mir vor, ich sitze hier auf meiner nebligen Lichtung im Wunderland und blicke auf den Boden. Und das Erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an eine neblige, graue Herbstlichtung denke, ich bezeichnenderweise etwas so Kleines, so Profanes, dass es nur von größter Bedeutung sein kann:

Ein gelbes Blatt.

Und damit korrigiere ich mich selbst, als ich zu Beginn sagte, dass es heute keine Bilder gibt – denn irgendwie funktioniere ich, funktionieren meine Texte nicht ohne Bilder. Nicht ohne Symbole für das, was ich sagen möchte. Denn wenn ich ursprünglich überhaupt nichts sagen wollte und nicht einmal wusste, für wen und ob ich diesen Text überhaupt zu Ende schreiben möchte, so ist es jetzt, im Schreiben, so offensichtlich und auf der Hand liegend, dass ich nicht weiß, ob es mich beunruhigen oder amüsieren sollte:

Es ist das gelbe Blatt, das ich euch zeigen möchte.

Ich möchte, dass alle von euch, die gerade den Herbst um sich fühlen und nichts zu sehen oder fühlen glauben als Dunkelheit oder Grau oder Nebel oder Kälte… ich möchte euch zeigen, dass es nur natürlich ist, dass manchmal alles dunkel und kalt wird, weil es nötig ist für das, was danach kommt. Die Sonne muss untergehen, um aufgehen zu können. Die Natur muss welken, um im Frühling wieder blühen zu können. Ambivalenz ist etwas so ur-Natürliches, dass es im Grunde lächerlich ist, dass wir uns über sie wundern, wenn sie in unser Leben tritt.
Das Wichtige ist nur, dass wir nicht an die Illusion glauben, dass die Sonne weg ist, nur weil wir sie für ein paar Stunden nicht sehen können. Genauso wenig wie der Herbst farblos ist – wir müssen nur genau genug hinsehen, dann erkennen wir gelbe Blätter, überall um uns her.

Das Lächeln eines Fremden, ein spannender Buchanfang, ein Film, der für Ablenkung sorgt, ein gutes Zitat, ein schönes Bild, leidenschaftlicher Sex, eine innige Berührung, eine tiefe Erinnerung, ein wärmender Gedanke, tröstende Worte, ein spontanes Lachen, ein lustiger Tweet, ein albernes Missgeschick, die plötzliche Gewissheit, dass man nicht allein ist. 

Es müssen nicht immer große, weltbewegende Dinge sein, Umzüge, Heirat, Kinder, Anschaffungen, die große Liebe – ich weiß aus Erfahrung (und ich gehe gerade durch eine solche Phase) dass es manchmal schon anstrengend genug ist, die kleinen schönen Dinge im Leben zu erkennen – aber dass genau das umso wichtiger sein kann.
Und während ich aufzähle, welche Dinge das für mich sein können, kommt mir eine Idee: Bei meinem Text zum Paradies und auch dem zur Sternschnuppe, habt ihr von euch aus angefangen, auf Twitter Hashtags zu verwenden. Ich habe irgendwie Hemmungen, das von mir aus vorzuschlagen – es kommt mir irgendwie hochtrabend vor. Aber andererseits kann es mir egal sein – es muss ja niemand machen. Ich mag den Gedanken, dass wir alle, die wir zurzeit in unserem eigenen Herbst durchs Wunderland gehen und unsere Dämonen mit Lebkuchen füttern, die gelben Blätter ein wenig aufwirbeln, damit sie umherfliegen und andere auch etwas davon haben.

Alles, was ihr dafür tun müsst, ist, mit offenem Blick durch die Welt gehen und die Kleinigkeiten, die euch in all der Kälte kurz gewärmt haben, mit anderen teilen.

Um sie aufzuschreiben, sie nicht zu vergessen, sie wertzuschätzen und dann, wenn sie irgendwann ein großer bunter Laubhaufen geworden sind, zu erkennen: Keiner von uns ist allein.

Und Gesellschaft macht alles ein wenig bunter.


Habe mich aufgerafft, einen anstrengenden Blogbeitrag zu schreiben,
in der Hoffnung, dass er auch nur einem Menschen da draußen gut tut.

#EingelbesBlatt

2 Kommentare zu „Ein gelbes Blatt

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