Leseprobe „Versuchung – Erotische Fantasien einer dominanten Frau“

Der Schlüssel

Es war ein leichtes, stetiges Pochen, das der Regen am Fenster verursachte. Obwohl es später Mai war, hatte sich das Jahr noch nicht auf den Frühling eingelassen – fast so, als würde es aus reinem Trotz agieren.
Der Raum war nicht beheizt, ganz so kalt war es draußen nun auch wieder nicht, aber dennoch von einer angenehmen Wärme erfüllt. Andererseits, dachte Erik bei sich, hätte es wohl auch ganz und gar eisig sein können und ihm wäre dennoch warm, oder vielmehr heiß gewesen, denn heute war es endlich soweit.
Heute würde er sie endlich treffen, nach all den Wochen des reinen Online-Kontakts. Nach all den Telefonaten. Nach all den Worten, die er geschrieben und gelesen hatte. Es war das klassische Onlinedating gewesen, durch das er sie kennengelernt hatte – nun, zumindest mehr oder weniger klassisch. Sie war ganz offen dominant aufgetreten und hatte diese souveräne Art gehabt, die er an Frauen so schätzte. Mehr noch, im Grunde hatte sie ihn von Beginn an verzaubert und er konnte eigentlich von Glück reden, dass seine erste Nachricht zum Erfolg geführt hatte, so viele Anfragen wie sie sicherlich bekam. Gleichzeitig führte dieser Gedanke regelmäßig zu einem nicht zu verachtenden inneren Druck, immerhin wollte er ihr gefallen. Er wollte, dass sie ihn mochte, dass sich das Treffen, all die Zeit sich für sie lohnte, dass sie nicht enttäuscht wurde, und vor allem wollte er, dass sie Spaß mit ihm hatte.
Häufig hatte sie angedeutet, dass sie lange keinen devoten Mann mehr gehabt hatte, an dem sie sich wirklich hatte austoben können, ihren Sadismus ausleben – einen Sadismus, der mehr kopflastig war als körperlicher Natur. Himmel, wie sehr er all ihre Andeutungen geliebt hatte. Nie hatte Erik eine Frau erlebt, die die Kunst des Spiels mit dem Kopf so verstanden hatte wie sie. Manchmal machte es ihm beinahe Angst, wie sehr er ihr jetzt schon verfallen war.

Mehr noch, wenn man bedachte, dass Erik eher der pragmatische, rationale Typ war, der nicht dazu neigte, sich in Dinge zu verrennen. Erik war Anfang dreißig, durchschnittlich aussehend, hatte einen soliden, aber keinen herausragenden Job und hätte Frauen auch sonst nicht gerade mit einem aufregenden Leben beeindrucken können. Nein, so ehrlich musste Erik sein: Er hatte weder besonders spannende Hobbys, noch eine Schlange als Haustier, er war nicht wirklich musikalisch oder sonst wie künstlerisch begabt und wenn es bisher einer Frau von seiner Leidenschaft zum Modellbau erzählte, hielt sich die Begeisterung eher in Grenzen. Ab und an ging er joggen, zum Krafttraining konnte er sich nie wirklich aufraffen, was in der Konsequenz bedeutete, dass sein Körper zwar okay war, aber eben auch nur das: okay.
Die Sache war eben… er verstand es. Erik verstand, dass er bislang noch keine Frau gefunden hatte, die mehr als einen Zeitvertreib oder eine nette Begegnung in ihm sah – wahre Leidenschaft sah anders aus als das, was er bisher kennenlernen durfte. Aber wenn er all die Männer betrachtete, die Frauen zur Auswahl hatten, dann fühlte er keinen Frust, keine Wut, keinen Hauch der Ungerechtigkeit, nein: Er verstand es einfach.
Wäre er eine Frau und hätte er diese Auswahl, er würde es vermutlich nicht anders machen. Umso skeptischer stand er dieser Begegnung gegenüber. Umso naheliegender war der Gedanke, dass irgendwo ein Haken an der Sache sein musste. Vielleicht hatte sie ihre Bilder gefälscht, vielleicht führte sie ihn hinters Licht, um… nun, er konnte sich nicht vorstellen, weshalb, aber noch weniger konnte er sich vorstellen, weshalb eine Frau wie sie ernsthaft Interesse an einem Mann wie ihm haben konnte.
„Weißt du, was besonders an dir ist?“, hatte sie ihn einmal gefragt. Er hatte verneint, woraufhin sie geantwortet hatte:
„Deine genügsame und ergebene Art. Das Gefühl, du bist zufrieden und dankbar mit dem bisschen Aufmerksamkeit, das ich dir gebe.“
Er hatte gezögert, unsicher, ob das ein Kompliment war oder nicht. Dann hatte sie durch den Hörer gelacht und hinzugefügt:
„Nein, im ernst. Du kannst dir nicht vorstellen, wie erfrischend es ist, dass du nicht forderst. Dass du nicht drängst. Es ist, als wäre dein Grundzustand Zufriedenheit. Die meisten Männer sind grundsätzlich im Minus und mein Job ist dann immer, dieses Minus aufzufüllen, ihre Bedürfnisse zu bedienen und sie im Zweifel zu bremsen. Und erst danach geht es um meine eigenen Bedürfnisse, in meinem Tempo. Bei dir ist das anders“, an dieser Stelle war ihre Stimme leiser geworden, fast schon wie ein Schnurren, „du bist einfach da – mit dem zufrieden, was ich dir gebe. Und das ist der Unterschied. Ich spüre bei dir keinen Druck. Und weißt du…“, schnurrte sie weiter, seine Kehle war bereits enger geworden – genau wie seine Hose, „ohne Druck kommen mir die reizvollsten Fantasien, die ich gern mit einem Mann umsetzen würde…“.
Anschließend hatte sie ihm am Hörer erlaubt, seine Hose zu öffnen, und… nun, man konnte sagen, es war das aufregendste Telefonat, das er in seinem Leben bisher geführt hatte.

Ja, sie war anders als alle Frauen, die er bislang kennengelernt hatte, und sie schaffte es, Gefühle in ihm zu wecken, die er weder kannte noch verstand. Es war, als wäre er ihr jetzt schon verfallen – dabei hatten sie sich noch nicht einmal getroffen! – und zugleich hatte er zu keiner Sekunde den Eindruck gehabt, dass sie das ausnutzte. Jedes Mal, wenn er für sie auf etwas verzichtet hatte, wurde er dafür mit etwas noch Besserem belohnt. Jedes Mal, wenn er bereit war, einen Schritt weiter an seine eigene Grenze zu gehen, gönnte sie ihm die Erfüllung eines Wunsches. Es war verrückt. Und das alles bisher ausschließlich online und am Telefon, über mehrere Wochen, ohne ein reales Treffen.

Bis heute.

Natürlich waren sie beide abgesichert. Sie hatte sogar von ihm verlangt, dass er sich covern ließ. Noch nie hatte eine Frau das von ihm erwartet – wenn er ehrlich war, wäre er sich albern dabei vorgekommen, das vorzuschlagen.
„Wenn wir dieses Treffen unter diesen Voraussetzungen stattfinden lassen, dann wirst du jegliche Sicherheitsvorkehrungen treffen, die ich verlange. Sicherheitsvorkehrungen für dich, nicht für mich. Verstanden?“, hatte sie ihn am Telefon gefragt, vor etwa einer Woche.
Er hatte genickt und völlig vergessen, dass sie ihn nicht sehen konnte.
„Ob du mich verstanden hast, habe ich…“, hörte er ihre gereizte Stimme, die seinen Schwanz und zugleich seinen Kopf in Aufruhr versetzte.
„Ja, Madame“, hatte er schnell hinzugefügt.
Innerhalb der letzten Woche hatte Erik also alle Sicherheitsvorkehrungen beachtet, die sie ihm aufgezählt hatte und nun… saß er hier. In diesem ausgesprochen modernen, angenehm minimalistisch eingerichteten Hotelzimmer, mit großen Fensterfronten, an denen der Regen nun leise anklopfte. Mit zittrigen und unsicheren Schritten ging er zur Tür – es war fünf Minuten vor acht. Um acht Uhr würde sie erscheinen, aber ihre Anweisung war gewesen, um kurz vor acht die Tür einen Spalt zu öffnen, sodass sie eintreten konnte.
Er drückte die Klinke nach unten – seine Hand zitterte so heftig, dass er bereits fürchtete, seine Unsicherheit wäre gleich das erste, was ihr an ihm auffallen würde.
Und als wäre das Anlehnen der Tür nicht bereits aufregend genug, so lag der eigentliche Reiz der Situation in der Tatsache, dass er nicht nur nackt war, sondern jetzt, da er wieder zur anderen Seite des Raums ging, zu der Augenbinde greifen musste, die auf dem Bett lag.
Ja…
Das war die Abmachung gewesen, deshalb war ihr Sicherheit so wichtig. Er würde sie nackt, mit verbundenen Augen, auf dem Boden kniend erwarten. Sie hatte ihm von dieser Vorstellung erzählt, in einer so euphorischen, erregten Stimmlage, dass er intuitiv auf sein übermächtiges Bedürfnis verzichtet hatte – nämlich sie endlich zu sehen – um ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Merkwürdig eigentlich, dachte er noch bei sich, er war ihr noch nicht einmal begegnet und schon hatte er das Bedürfnis, seine eigenen Wünsche für die ihren hinten anzustellen. Ein Bedürfnis, das ihm nicht nur gefiel, sondern ihn auch permanent erregte…
Sein letzter Blick galt dem digitalen Wecker auf dem Nachttisch.
19.57 Uhr.
Als er sich die Augenbinde umlegen wollte, zitterte seine Hand so heftig, dass eine gewisse, durchaus aufregende Panik in ihm aufstieg, weil er fürchtete, nicht rechtzeitig mit dem Knoten fertig zu werden. Erleichterung durchströmte ihn, als er den Knoten festzog. Geschafft. Seine weichen Knie lagen auf dem harten Boden, den er kaum wahrnahm, seine Hände legte er flach auf seinen Oberschenkeln ab, und dann… wartete er.

Und er wartete weiter. Sekunden vergingen, vielleicht Minuten. Alles um ihn her war still, sein Zeitgefühl ging verloren. Sein Körper war so erregt, dass er ohne nachzusehen nicht einmal hätte sagen können, ob er gerade eine Erektion hatte oder nicht, aber das war auch nicht von Belang. Jeder Gedanke in seinem Kopf galt ihr, sie war alles, was gerade zählte.
Und gerade, als er sich fragte, ob sie es sich vielleicht anders überlegt hatte, glaubte er, das Geräusch von Absätzen auf dem Gang vor dem Zimmer zu hören…
Sein Herz pochte wie nie zuvor. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er meinen, er bekäme einen Herzinfarkt – gesund konnte das nicht mehr sein. Als er schon kurz davor war, aufzuspringen und abzubrechen, hörte er die Tür, dann weitere Schritte – jetzt innerhalb des Raumes – und dann das Schließen der Tür.Es war berauschend. Angsteinflößend. In ihm stieg eine Panik auf, als wäre er in einem Raubtiergehege gefangen, ohne die Möglichkeit zur Flucht. Natürlich stimmte das nicht – sie hatten ein Safeword ausgemacht und abgesehen davon hätte er auch einfach nur aufstehen müssen und sich umdrehen. Aber er wollte nicht. Die Angst, die Anspannung berauschten ihn. Der Kontrollverlust erregte ihn. Nein, Erregung war gar kein Ausdruck mehr. Nie zuvor hatte er sich so ausgeliefert, so schutzlos gefühlt, obwohl sie nichts weiter machte, als einfach nur anwesend zu sein. Sie war hinter ihm, vermutete er. Schritt für Schritt kam sie näher. Mit jedem lauter werden „klonk“ ihrer Absätze, spürte er ihre Präsenz wie einen Schatten. Wie eine magische Hand, die ihn streichelte und zugleich verzauberte. Er hatte keine Wahl, er war ausgeliefert, hilflos und wehrlos ihr ergeben – jetzt schon. Und er liebte es.


Buchbeschreibung:

Die These, dass Männer in ihren sexuellen Bedürfnissen deutlich unterkomplexer veranlagt sind als Frauen, ist längst überholt. Gerade Männer mit einer Tendenz zu alternativen Sexualkonzepten und zur sexuellen Unterwerfung suchen häufig intellektuell anspruchsvolle Erotik. Etwas, das man auch im Internet nicht findet: Das Spiel mit dem Kopf.
„Versuchung“ ist eine ausgewählte Textsammlung erotischer Femdom-Fantasien, bestehend aus einer Kurzgeschichte, erotischen Szenen und fiktiven Gedanken. Alle Texte basieren auf der sexuellen Unterwerfung des Mannes, ohne aber auf Schmerz und Demütigung angewiesen zu sein. Vielmehr geht es um den submissiven Mann, der aus freien Stücken auf den oberflächlichen Reiz verzichtet, um sich der gefährlichsten aller Versuchungen hingeben zu dürfen:

Einer Frau, die weiß, was sie möchte.

Erscheinungsdatum: 29.09.2021 als eBook (später auch als Taschenbuch)

– ZUR VORBESTELLUNG GEHT ES HIER LANG –

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