Von Alkohol und Corona

Oder: Eine Bitte an die Pflege und eine Erinnerung an alle anderen

Meine Geschichte…

Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, als meine Mutter endgültig im Sterben lag. Grund dafür war die Leberzirrhose, die durch jahrelangen Alkoholkonsum entstanden war. Die Jahre davor waren die schlimmsten meines bisherigen Lebens, ihr Sterben bedeutete für mich in erster Linie Ambivalenz.

Über Jahre hinweg waren Kliniken, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen für mich Alltag. Gerade in den letzten Monaten bekam ich unfreiwillige Einblicke und wurde mit Perspektiven konfrontiert, um die man als junger Mensch nicht bittet. Leberzirrhose ist eine schonungslose, unschöne Krankheit, die in 60% der Fälle durch missbräuchlichen Alkoholkonsum zustande kommt.

Es ist leidvoll und langwierig, darauf zu warten, dass ein Körper abbaut und Organe der Reihe nach versagen. Patienten sind auf Morphine und Angehörige auf Betreuung von Ärzten und Pflegepersonal angewiesen. Ich bin Einzelkind, ich habe viel davon allein gemacht. Ich habe – selten – mit Ärzten gesprochen, die sich Zeit nahmen, vor allem am Ende. Ich bin Pflegekräften im Hospiz begegnet, die sich mit mir auf den Gang gesetzt haben, um zu reden. Ich hatte selten in meinem Leben größeren Respekt als vor diesen Menschen. Sie waren die Ausnahme. Die Regel (in einer über die Jahre auf eine hohe zweistellige Summe gewachsene Zahl) in Hinsicht auf medizinisches Personal unabhängig der Ausbildung war ein Gegenüber, das gestresst war, häufig unsensibel, manchmal beleidigend, oft unangemessen, regelmäßig grenzüberschreitend, eine Handvoll Mal traumatisierend.


„Ach ich bitte Sie, daran hat Ihre Mutter ja im Grunde selbst schuld“, höre ich die Pflegerin, nachdem sie das vierte Mal keine Zeit für nötige Prozedere fand, „andere hier haben sich das nicht ausgesucht.“

Ok.


„Sie ist aus dem Bett gefallen“, höre ich am Telefon, „wir röntgen den Schulterbereich, stark blau angelaufen.“

Ich frage, wie das passieren konnte.

„Naja, da hat eben vermutlich einer vergessen, die Stützen am Bett hochzustellen„, höre ich die lakonische Stimme. Ich glaube, ein amüsiertes Schnauben zu registrieren.

Ok.


„Ach kommen Sie, vermutlich geht Ihre Mutter anschaffen für ein Glas, wenn sie am Samstag raus darf. … Hallo? … Noch da? Jetzt tun Sie nicht so, als wär das was Neues.“

Ok.

Mir wird schlecht, wenn ich darüber schreibe. Wie mir damals schlecht war. Immer. Chronische Magenentzündung, klar, da ist einem eben immer schlecht. Es waren unzählige dieser Gespräche, dieser Situationen, dieser Vorstellungen dessen, was mit ihr geschieht, in den Nächten. Dann, wenn man nicht da ist. Und man WILL ja gar nicht immer da sein, weil ja – nicht zu leugnen – der Alkohol, von dem sie nicht loskam und der ursprünglich eine mehr oder weniger freie Entscheidung der Lebensführung war, daran schuld war. Einer Lebensführung, die mich meine Kindheit und Jugend gekostet hat.

Ja, Ambivalenz ist das einzige Wort, das alles zusammenfasst.

Am Ende gab es eine Pflegerin im Hospiz, die sich immer im Gang zu mir setzte und die immer liebevoll mit ihr umging. Einmal fragte ich sie, selbst in einem Moment der Bitterkeit gefangen, ob sie sich nicht lieber um Patienten kümmern würde, die ihr Schicksal nicht selbst gewählt hatten. Ihre Antwort werde ich nie vergessen, auch ihren lockeren, selbstverständlichen Tonfall nicht.

„Ganz einfach. Es ist mein Job, mich um Kranke und Sterbende zu kümmern. Es ist nicht mein Job, zu urteilen. Dafür werden andere bezahlt. Und ganz ehrlich? Auch wenn die im Schnitt besser bezahlt werden – ich möchte nicht mit ihnen tauschen müssen.“

…und warum ich sie erzähle

Ich traf auf medizinisches Personal, das ohne es zu verbergen, ganz offensichtlich und teilweise mit offener Überzeugung die Entscheidung getroffen hat, seinen Job in vollem Bewusstsein weniger gut zu machen als bei anderen, Krankheiten, Situationen, Geschichten und damit pflegebedürftige Menschen zu verurteilen, sie herablassend, schlecht und teilweise menschenunwürdig zu behandeln und damit nicht nur die PatientInnen im Stich lassen, sondern (denn daran denken immer nur die wenigsten) auch den Angehörigen in den schwersten Zeiten in ihrem Leben noch ein Trauma mit auf den Weg zu geben – gerade dann, wenn sie den Halt, die Neutralität derer am meisten brauchen, die für diese Situationen ausgebildet sind. Angehörigen, die für die Entscheidungen des Patienten nichts können.

Über all die Jahre gab es nicht viele Dinge, die so viel in mir hinterlassen haben. Die mich so verstört haben.

Das einzige, was mich heute noch mehr verstört als das, ist zu lesen, wie auf Twitter in großem, selbstgerechtem Stil von tausenden Menschen medizinisches Personal dafür gefeiert wird, wenn sie darüber schreiben, dass sie Impfgegner, Ungeimpfte, Querdenker in Zukunft am liebsten „auf dem Gang liegen lassen“ würden.

Zu lesen, dass Menschen offen darauf hoffen, dass Ungeimpfte Behandlungen selbst zahlen müssen, weil sie vermeidbar gewesen wären.

Zu lesen, dass Menschen aus tiefster Überzeugung dafür sind, dass im Zweifel Ungeimpfte keine Beatmung bekommen.

Zu lesen, wie Menschen sich massenweise darüber ergehen, dass sie nicht dafür mitbezahlen wollen, dass ein Ungeimpfter behandelt wird.

Zu lesen, dass solche Meinungen nicht hinterfragt werden, sondern auf kollektiven Zuspruch stoßen – aus einer Twitterblase, in der ich mich bislang wohl gefühlt habe.

(Ich muss nicht erst sagen, dass es mich mindestens so verstört, wenn ich daran denke, dass Querdenker unter den Pflegekräften sein könnten, dass Mediziner auch umgekehrt agieren können. Für die schreibe ich aber nicht, weil ich die für radikal im Denken und für unreflektiert im Handeln halte und dafür ist mir meine Zeit zu schade. Ich schreibe für die, für die ich immer schreibe – weil ich enttäuscht bin vom fehlenden Innehalten und dem Mangel an Reflexion über die Folgen solcher Haltungen, aber weil ich weiß, dass es überwiegend Menschen sind, die zur Reflexion fähig sind.)

„Aber das sind zahlenmäßig weniger – die belasten das Gesundheitssystem nicht.“

In Europa gehen 60% der Leberzirrhosen auf Alkoholkonsum zurück – das bedeutet in Deutschland im Jahresschnitt etwas um die 30.000 registrierter Fälle alkoholbedingter Leberzirrhose. Man prognostiziert eine Sterblichkeit von 58% innerhalb 5 Jahren (alle Quellen am Ende des Beitrags).

Die direkten und indirekten Kosten alkoholbedingter Krankheiten werden pro Jahr auf 40 Milliarden Euro geschätzt. Im Vergleich zu anderen Lebenshaltungskosten sind die Preise für Alkohol in den letzten 40 Jahren um durchschnittlich 30% gesunken.

In Deutschland konsumieren rund 6,7 Millionen Menschen der 18 – 64 jährigen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form.

1,6 Millionen gelten als abhängig.

Jedes Jahr sterben in Deutschland im Schnitt 74.000 Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum allein oder in Kombination mit Tabak.

Jährlich.

74.000 Menschen.

Im Vergleich: Wir hatten in Deutschland rund 93.000 Covid Todesfälle in eineinhalb Jahren.

Das schreibe ich NICHT, um Corona zu relativieren (hier geht es immerhin um zusätzlich ganz andere Faktoren wie Ansteckung, Verbreitung, usw.). Sondern als Antwort auf das Argument „Ungeimpfte belasten „selbst gewählt“ unverhältnismäßig das Gesundheitssystem, weshalb medizinisches Personal das Recht hat, angepisst zu sein“ (überspitzt formuliert)).

Anyway.

30.000 registrierte Fälle – jedes Jahr – von Menschen mit alkoholbedingter Leberzirrhose, die kurz-, mittel-, oder langfristig auf das Gesundheitssystem angewiesen sind, auf Pflegepersonal, auf Ärzte und Ärztinnen, auf Menschlichkeit, Neutralität und Fachpersonal, das einen guten Job macht – nicht mehr und nicht weniger.

74.000 Menschen, die – jedes Jahr – Hinterbliebene zurücklassen, die mit ihren Entscheidungen nicht einverstanden waren, sie häufig verurteilen, oft vielleicht selbst stark unter ihnen gelitten haben – und die in ihren schwersten, ambivalentesten Stunden darauf angewiesen sind, daran glauben zu dürfen, dass ihr Mensch, der im Sterben liegt, von Personen begleitet wird, die – selbst dann, wenn man es selbst nicht verzeihen kann – gar nicht erst anfangen zu urteilen.

Ich möchte alle Menschen, die die Haltung vertreten oder unterstützten, dass manche Menschen „selbst schuld“ sind und deshalb keine/schlechtere/selbst bezahlte Behandlungen verdienen, daran erinnern, dass es jährlich, wirklich jeden Tag deutlich mehr Fälle gibt als Coronakranke, die ihr Leid auf andere Art und Weise „selbst gewählt“ haben.
Daran, dass wir alle (!) mit unseren Versicherungsbeiträgen für Behandlungen bezahlen, die Unfälle von Extremsportlern versorgen, die „vermeidbar wären“. Behandlungen von Raucherlungen, die nur von einer schlechten Angewohnheit herrühren. Dass das Argument nicht zählt, dass das „aber weniger“ sind – wir leben in einer Gesellschaft, in der allein (!) durch missbräuchlichen Alkoholkonsum jedes Jahr rund 74.000 Menschen sterben und dass wir DENNOCH in einer Gesellschaft leben, die Alkohol durchweg legitimiert, vergünstigt und zelebriert, gesellschaftlich anerkennt, teilweise den Konsum voraussetzt und ohne dass es jemals einen Aufschrei gegeben hätte, obendrein noch horrende Zahlen in Kauf nimmt, wenn es um medizinische Behandlungen geht, alkoholbedingte Gewalt, Verkehrsunfälle und sexuelle Missbrauchsfälle.)

Dieser Beitrag ist KEIN „macht verdammt nochmal den Job, für den ihr bezahlt werdet“, sondern eine Bitte und eine Erinnerung an die Pflegenden, die sich derzeit auf Twitter vermehrt so äußern. Eine Bitte um ein reflektiertes Innehalten, TROTZ dieser unsäglichen eineinhalb Jahre und immer schon ungerechtfertigter Arbeitsbedingungen. Eine Bitte um das Inbetrachtziehen der Folgen, die eure Aussagen auf Twitter (oder in anderen Öffentlichkeiten), eure Haltungen, eure Arbeit eben NICHT nur für die PatientInnen haben, sondern auch für ihre Angehörigen. Eine Bitte darum, euch privat über Querdenker auszukotzen, aber innerhalb des Berufs nicht darüber zu entscheiden, wer sein Leid verdient und wer nicht.

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem nicht nur toleriert, sondern sogar gefeiert wird, dass medizinische oder pflegerische Versorgung von der Beurteilung persönlicher Lebensentscheidungen anderer abhängt. Ich weiß, welche Narben das hinterlässt.


Wichtige Klarstellungen

Einige Dinge sind mir wichtig zu betonen:

1. Ich empfinde tiefe Verachtung für jeden einzelnen radikalen Querdenker, der die Impfungen in den Dreck zieht und versucht, andere von seinem Weltbild zu überzeugen.

2. Ich halte die Impfung, das Testen, Regeln, Rücksichtnahme, Solidarität für unabdingbare Säulen, um die Situation in den Griff zu bekommen.

3. Ich bin kein Freund von Zwängen jeglicher Art und halte gewisse Dinge, wie auch körperliche Eingriffe, für persönliche Entscheidungen – weshalb ich Aufklärung, medizinische Informationen und ausführliche Gespräche mit Experten und Fachpersonal für den besseren Weg halte als Druck und Zwang.

4. Mir ist bewusst, dass viele Querdenker, viele radikale Coronaleugner auch menschlich ganz unten angekommen sind und in Fällen, in denen sie noch ansprechbar sind, für die Pflegenden der worst case sind. Es ist für mich selbstredend, dass KEIN medizinischer (oder anderer) Angestellter aus beruflichen Gründen „nett“ sein muss, wenn er initiativ beleidigt oder anderweitig schlecht behandelt wird. Respekt und Anstand sind keine Einbahnstraße.

5. Ich bin größter Verfechter von nicht nur marginal, sondern essentiell besseren Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. Ich bin schon vor Jahren, ganz unabhängig von Twitter, offline für die Pflege eingestanden. Weil ich meine Erfahrungen gemacht habe. Weil ich ein Mensch sein möchte, der sich nicht am Schlechten, sondern am Guten orientiert. Ja, die Regel waren Menschen, die mein und das Leben meiner Mutter deutlich schwerer gemacht haben, aber es gab diese wenigen, die diesen Beruf aus einer anderen, inneren Überzeugung gemacht haben und (ähnlich wie bei Lehrern in meiner Kindheit) habe ich gemerkt, dass diese guten SO viel erreichen können. Es sind Menschen, die dich dort abholen können, wo du selbst nicht weiterkommst. Menschen, die in meinen Augen die mitunter härtesten, schwersten Berufe haben, an denen die allermeisten innerhalb kurzer Zeit zerbrechen würden und ich halte den Zustand für im Grunde unerträglich, dass ausgerechnet sie in einem Umfeld arbeiten müssen, in dem sie weder angemessen entlohnt, wertgeschätzt noch behandelt werden. Gäbe es noch heute ein Gesetz, das vorsieht, dass jeder im Monat 50 Euro mehr Versicherungsbeiträge zahlt, die dann DIREKT an die Pflege gehen – ich würde heute unterschreiben (oder was auch immer – damit will ich sagen, ich würde ohne zu zögern mehr „geben“, mehr „verzichten“, wenn ich ernsthaft glauben könnte, es kommt dort an, wo es hin soll. Ihr wisst, was ich damit sagen will). Das betone ich, weil ich nicht möchte, dass es wirkt, als würde ich nicht sehen, wie sehr die Pflege am Limit ist. Ich sehe das – seit Jahren. Ich würde viel dafür geben, das ändern zu können. Aber die ungerechtfertigt schlechten Arbeitsbedingungen sind in meinen Augen eine Sache – die Haltung von Pflegenden gegenüber Patienten eine andere. Beide dürfen nichts miteinander zu tun haben, so schwer das sein mag.


6. Das Problem ist, dass viele Angehörige von Querdenkern vermutlich in einer Ambivalenz stecken, die ich kenne. Sie verachten eine geliebte Person für eine Lebensentscheidung/ -haltung und würden sie gern so behandeln wie die evtl. herablassende Pflegekraft, weil sie – gefühlt – recht hat. Er oder sie ist vielleicht „selbst schuld“? Aber weil man denjenigen dennoch liebt, ist es zugleich unerträglich – die Vorstellung, ihn oder sie so zu behandeln – oder zu sehen, wie er, in einer Situation größter Hilflosigkeit, so behandelt wird. Und das ist eine Perspektive, an die ich erinnern möchte.

Ich bin froh, dass ich keine Querdenker in meinem Umfeld habe – wäre das der Fall, würden mir diese Debatten auf Twitter derzeit noch mehr zu schaffen machen. Weil ich mir vorstellen würde, diese Pflegekraft könnte die sein, die im Zweifel für meinen Menschen verantwortlich ist.


Die wütende Seite in mir würde wollen, dass er so behandelt wird.

Der ganze Rest würde daran zerbrechen, wenn es tatsächlich so wäre.


Quellen

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/a/alkohol.html

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/150967/umfrage/alkoholische-leberzirrhose-in-deutschland-seit-2000/#:~:text=Die%20Statistik%20zeigt%20die%20Fallzahl,F%C3%A4lle%20von%20alkoholischer%20Leberzirrhose%20registriert.

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Intensivregister.html

https://www.aktionswoche-alkohol.de/presse/fakten-mythen/zahlen-und-fakten/

https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/fallzahlen-coronavirus-1738210

9 Kommentare zu „Von Alkohol und Corona

Gib deinen ab

  1. Liebe Ophelia,

    ich habe diese Aussagen auf Twitter ebenfalls mitbekommen und zu meiner eigenen Enttäuschung auch geteilt. Eben genau aus einigen der zuletzt genannten Gründe. So im Nachhinein schäme ich mich dafür, dass ich es mal wieder, nicht geschafft habe mich auch in „die andere Seite“ hineinzuversetzen.

    Ich möchte hierzu gerne noch etwas anmerken, ich glaube das eines der „größten Probleme“ in unserer Zeit gar nicht die Probleme alá Klimakatastrophe oder wie in diesem Falle, die „unsichere“ Impfung sind, sondern vielmehr die Menschen die seit Jahren nicht mehr mitkommen in dieser schnelllebigen Zeit. Das ist nicht erst seit heute oder 1-2 Jahren so, sondern mindestens seit dem Mauerfall und mMn teilweise auch gewollt so gemacht worden.

    Nun habe ich tatsächlich eine Frage dazu, da ich mir leider an dieser Problematik buchstäblich den Kopf „einrenne“:
    Wie kann ich als einzelne, mitfühlende und mitdenkende Person helfen um etwas dagegen zu tun?

    Denn ich habe immer mehr das Gefühl das „diese Welt“ nicht mehr meine bzw. unsere (die der Vernünftigen) ist.

    Ich würde so gerne etwas tun, irgendetwas wo ich auch das Gefühl habe, dass es wirklich etwas bewegt.

    Warum ich das schreibe? Ich weiß es nicht so wirklich. Vielleicht weil ich das glaube das du dieses Gefühl kennst und nachvollziehen kannst?

    Eventuell würde ich mir einfach wünschen das jemand wie du irgendwo herkommt und mir so einen zettel mit allen Fragen darauf, die die Person sich jemals gestellt hat und welche Antworten sie dazu gefunden hat.

    Ich merke gerade wieviel unzusammenhängenden „Blödsinn“ ich hier geschrieben habe. Ich lasse es das einfach mal stehen um zu sehen ob ich damit nicht alleine bin.

    Sollte dieser Text in irgendeiner Form unangemessen sein, sag mir bitte bescheid oder lösche ihn einfach.

    In diesem Sinne, wünsche ich noch eine schöne Nacht
    Marcel

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Marcel,
      vielen Dank für deinen ehrlichen Kommentar! Ich habe ihn überwiegend nickend gelesen und kann dir in großen Teilen nur zustimmen. Ich bin auch ganz bei dir bei deiner Einschätzung des Grundproblems, darüber habe ich auch schon viele Stunden nachgedacht. Seit Corona wird mir das bewusst, was ich seit Jahren irgendwie… unterschwellig fühle, aber nie greifen konnte: Es fühlt sich an, als hätte der Mensch seinen Zenit überschritten. Ja, ich denke, viel liegt an der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Am exponentiellen Wachstum der Entwicklung an sich, als käme der Mensch mit seinem eigenen Tempo nicht mehr mit. Schwer zu beschreiben.

      Ich musste schmunzeln, als ich las, dass du dir wünschen würdest, jemand wie ich käme um die Ecke und würd die Fragen, die er sich gestellt hat und die Antworten darauf aufschreiben. Erstens ist es lustig zu lesen, dass andere das von einem selbst hoffen, wenn man selbst regelmäßig dasitzt und genau das von anderen hofft. 😀 Ich habe deutlicher weniger Ahnung von dem, was ich da so mache, wie es nach außen scheint – ich möchte behaupten, dass das bei den meisten so ist. 😉 Es ist eine Kunst nach außen zu verkaufen, dass man halbwegs begriffen hat, wie das Leben funktioniert – bei gleichzeitiger völliger Ahnungslosigkeit. 😉 Nein im ernst, jeder von uns hat das Bedürfnis nach „einem Erwachsenen“, der einem Antworten gibt. Ich glaube, der Witz ist, dass es für niemanden die eine Antwort auf die eine Frage gibt, sondern dass es darum geht, dass jeder von uns seine eigenen Antworten findet und dass am Ende alle miteinander verglichen werden. Ein bisschen wie in der Schule. 😉 Niemand von uns ist so komplex im Denken und hat alle Horizonte und Perspektiven, die nötig sind, um etwas ganz zu erfassen – genau deshalb ist es so wichtig, dass jeder selbst nach Antworten sucht und wir sie regelmäßig abgleichen, damit jeder von jedem profitieren kann und wir am Ende ein Mosaik bekommen, ein Bild, dessen Botschaft dann jeder anders interpretiert. ❤

      Zu deiner Frage:

      "Wie kann ich als einzelne, mitfühlende und mitdenkende Person helfen um etwas dagegen zu tun?"

      Ich denke, die Antwort hast du dir damit schon gegeben: Mitfühlen und mitdenken – allein das, wie du hier ja auch siehst, ist eine rund-um-die-Uhr-Aufgabe, mit der man 24/7 beschäftigt ist, wenn man sie ernst nimmt. Alles andere folgt dann automatisch.

      Zumindest sage ich mir das so – in Wahrheit hab ich einfach keine bessere Antwort. 😉

      Ich wünsche dir alles Gute. Schön, dass du hier mitliest, vielleicht lese ich ja mal wieder von dir.

      Bis dahin herzliche Grüße

      O.

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  2. Liebe Ophelia
    Das ist einer der beeindruckendsten Texte, den ich seit langem gelesen habe! Respekt!
    Ich habe mich bei Twitter angemeldet um den Schwachsinn von D. Trump richtig mitzubekommen. Jahre zuvor war ich mal eine zeitlang bei Facebook, hatte das aber wegen dieser Oberflächlichkeit und Shitstorms wieder verlassen.
    Da ich auch dazu tendiere meinen Senf überall dazuzugeben, habe ich auch an mir selbst gespürt, dass manchmal etwas falsch gelaufen ist und dass man oft seine Meinung kund tut ohne zu recherchieren oder Ahnung von dem Thema zu haben.
    Die sozialen Netzwerke verführen jeden unqualifizierte Kommentare loszulassen und was viel schlimmer ist, dass fast alle empfänglich sind für Oberflächlichkeiten und Fake News sind.
    Dein Text hier wird alle, die ihn lesen, sehr nachdenklich stimmen, denn wer hat nicht schon solche Gedanken gehabt. Wut und Unverständnis gegenüber Menschen, die unser soziales System belasten und Mitgefühl gegenüber den Beschäftigten, die mit diesen Menschen arbeiten müssen und sich manchmal über deren Verhalten beschweren.
    Die meisten dieser Beschäftigten haben bestimmt mit einer ganz anderen Einstellung diesen Beruf angetreten und erst mit der Zeit einen Groll auf einige ihrer „Patienten“ entwickelt. Die Gründe mögen Streß, Überarbeitung, persönliche Überforderung, Hilflosigkeit usw sein.
    Vielleicht sollten gerade Beschäftigte in sozialen Berufen regelmäßig befragt und überprüft werden ob sie überhaupt noch in der Lage sind mit Menschen zu arbeiten, die krank, hilfsbedürftig oder in Notsituationen sind.

    Danke für Deinen Beitrag. Er hat mich wirklich nachdenklich gestimmt.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, das mit social media sehe ich exakt genauso. Hat viel verändert und definitiv nicht nur zum Guten. Häufig geht es genau um dieses kurze Innehalten und das eigene Verhalten reflektieren, das macht schon sehr viel aus. Danke für deinen Kommentar! Freut mich ehrlich, dass ich Menschen zum Nachdenken gebracht habe. ❤

      Gefällt 2 Personen

  3. Dass Menschen unabhängig von ihrer (Mit-)Verantwortung für ihr Leiden solidarisch behandelt werden sollten, sehe ich genau so.

    Der Vergleich zwischen Corona und Alkohol / Rauchen / Rasen etc. hinkt meines Erachtens aber wegen der qualitativ unterschiedlichen Auswirkungen auf den Rest der Gesellschaft. Corona ist eine ansteckende Krankheit und wenn ich durch mein Verhalten Andere einem erhöhten Risiko aussetzte, betrifft das alle meine Kontaktpersonen, deren Kontaktpersonen, usw. Die negativen Auswirkungen von Alkoholismus hingegen sind sehr viel begrenzter auf mein lokales Umfeld.

    Ob man jetzt alle Ungeimpften über einen Kamm scheren sollte, steht noch mal auf einem anderen Blatt. Persönlich kenne ich aber schon deutlich mehr Menschen, die sowohl der Impfung als auch Masken und Abstand skeptisch gegenüberstehen, als Menschen, die die Impfung gegen Maske und Abstand abwägen.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen Kommentar! 🙂

      Ich glaube, wenn du die Ausmaße all dieser von mir genannten Dinge auf andere als geringer einschätzt, dann bist du – mit Verlaub – nicht ganz im Bilde.

      Ein paar Beispiele:

      Rauchen: Die Behandlungskosten von unfreiwilligen Passivrauchern kommen auf gut eine Milliarde Euro bei Erwachsenen – und auf rund 220 Mio bei Kindern. Von den Angehörigen, die die rund 140.000 Verstorbenen jedes Jahr zurücklassen, reden wir nicht.

      Schlechte Ernährung gehört zu den Haupttodesursachen – allein zahlenmäßig betrifft das einen immensen Teil der Gesellschaft, nicht nur die Betroffenen, sondern auch die gesamte Familie, inklusive Kinder, die sich automatisch ähnlich ernähren.

      Fast jeder zehnte Kriminalfall ist auf Alkoholeinfluss zurückzuführen. Dann reden wir über Gewalt unter Alkohol, Sachbeschädigung, zerrüttete Familien, sexuelle Übergriffe. Bei Alkohol ist zudem das große, völlig (!) unterschätzte Problem, dass es in Massen gefördert wird. Werbung, Weihnachtsfeste bei der Arbeit, Geschäftsessen, die „Feier-Kultur“ unter Jüngeren, Wiesn, Volksfeste, Jugendliche und Gruppenzwang, usw usf.

      Das ist eine einfach Rechnung. Und die an diesen Dingen im Umfeld mit-Betroffenen sind durch die horrenden Zahlen deutlich mehr als die, die einer potentielle Covid Ansteckung ausgesetzt sind.

      Das ist nur keinem bewusst und man redet nicht drüber, weil all diese Dinge so tief in unserer Gesellschaft verankert sind, dass sie uns einfach normal erscheinen.

      Gefällt mir

  4. Liebe Ophelia,

    vielen Dank für diesen tollen Text!
    Ich habe leider auch eine alkoholkranke Mutter und fühle deine Zeilen so sehr.
    Auch bezüglich Corona stimme ich mit dir komplett überein.
    Danke!!!
    LG Angelika

    Gefällt 1 Person

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