Über Gefühle, Veränderung und die Veränderung von Gefühlen

Meine Lieben,

hinter mir liegen ein paar Wochen Social Media Pause, die mir unfassbar gut getan haben. Im Grunde war es eine tatsächliche Sommerpause, wenn man so möchte, denn aus einer gewissen Twitter-Abstinenz wurde eine generelle Online-Abstinenz. Hätte ich gewusst, dass ich das brauche, hätte ich es als Sommerpause angekündigt, aber ehrlicherweise hat es mich selbst überrascht wie nötig das war. Mittlerweile merke ich, dass es mich wieder in den Fingern juckt, dass auch die Schreibblockade wieder nachlässt und der Groll auf Twitter wieder dem Bedürfnis weicht, laut zu werden. Abgesehen davon habe ich so viel zu erzählen, dass ich kaum hinterherkomme und die letzten Wochen und Monate muss ich vermutlich etwas zusammenfassen, aber zumindest die Fortsetzung zu der Geschichte mit Jorah bin ich euch noch schuldig.
Also setze ich mich kurz hierher, an den Rand des Weges, irgendwo in den Bergen des Wunderlands, die mir abwechselnd die spektakulärsten Aussichten bieten, nur um mich dann wieder über einen Grat an Abhängen und Schluchten entlang zu führen. Als würde das Wunderland selbst mit mir sprechen wollen, um mir zu sagen: Du wolltest es doch so. Du wolltest kein normales Leben. Du wolltest Höhen, obwohl du wusstest, die kann es nur da geben, wo es auch Tiefen gibt. Du wolltest sehen, was es noch gibt. Du wolltest neue Horizonte entdecken. Aussichten genießen und Höhenluft schnuppern, also beschwer dich nicht über den steinigen Abhang, die schwindelerregenden Höhen, den wenigen Sauerstoff hier oben und vor allem nicht die Gefahr abzustürzen. Wer hoch hinaus will, weiß um die Risiken.

Ja, das ist es, was ich höre. Und ja – ich wusste all das. Und ich bin trotzdem hier oben. Und… Ach nein, Augenblick. Ich vergaß.

Von vorn.


Die erste Hälfte dieses Beitrags ist Patrons vorbehalten und findet sich HIER. In diesem Teil findet ihr die Fortsetzung der Hintergrundgeschichte von Jorah und allem, was diese Geschichte mit mir zu tun hat. Dieser Teil hier allerdings hat allein mit mir zu tun, beschreibt meinen Umgang mit einem mir neuen Gefühl und einer neuen Situation und ja, ich denke, vielleicht kann der ein oder andere da draußen Input geben, eine eigene Erfahrung teilen oder einen Denkanstoß mitnehmen.


Veränderung, mal wieder

Mein Leben ist ziemlich anders geworden, wenn ich es mir so überlege. Jorah ist die meiste Zeit hier, in der Wohnung. In dieser, meiner Wohnung, die irgendwie zu unserer Wohnung wurde – in einer Mischung aus „unsere Wohnung“, im klassischen Sinn und aus „unsere Wohnung“ im Sinne einer WG. Es fühlt sich ein bisschen nach beidem an und ich denke, ich muss einfach lernen, mich mit der Zeit an genau diesen Zustand zu gewöhnen, denn im Grunde ist der ziemlich gut. Er hat sein Schlafzimmer hier, wie von Anfang an. In diesem Schlafzimmer steht mittlerweile ein ziemlich gutes, ziemlich großes Doppelbett mit zweifacher Bettwäsche, zwei Decken und zwei Kissen, die dort auch dauerhaft liegen. In diesem Bett schlafe ich seit Wochen. Wenn er da ist, schlafe ich dort und wenn er nicht da ist, schlafe ich ebenfalls dort – oder bei Omi, weil ich immer wieder ab und zu dort bin zum Helfen. Das hat durchaus auch den Grund, dass mein Schlafzimmer gerade eine Baustelle ist, weil ich mir nach Jahren einen richtigen Kleiderschrank zugelegt und nochmal gestrichen habe. Die Hälfte ist noch nicht fertig und ich schaffe es nur Stück für Stück. Jetzt gerade kann ich dort also gar nicht schlafen. Und ja, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, weiß ich, dass ich es nicht nur darauf schieben kann. Das Schlafen ist aber ein Thema für sich, in das noch andere Dinge mit hineinspielen, darüber möchte ich an anderer Stelle berichten.

Die Wohnung selbst ist im Grunde dieselbe geblieben, immer noch „meins“, nur dass sich ein paar Details verändert haben und Jorah mehr Sachen hier hat. Er hat in der Stadt, aus der er kommt und in der er ja auch noch arbeitet und seine Menschen hat, eine eigene, kleine Wohnung mit Schlafmöglichkeit, die er aber nur in Anspruch nimmt, wenn es wirklich sein muss und in der ich mittlerweile auch schon geschlafen habe. Heißt also, er ist die meiste Zeit hier und ab und an mal für zwei Tage dort. Zurzeit ist das für mich okay bis gut, manchmal großartig, manchmal ein bisschen komisch und manchmal kämpfe ich mit der Angst, mich zu sehr an ihn zu gewöhnen. Aber es ist ein Kampf, den ich fast immer – zumindest für den Augenblick – gewinne, weil es sich gut anfühlt und weil ich, wie immer, etwas nicht lassen möchte, nur weil ich Angst davor habe.

Ja, es ist schon sehr eng geworden, sehr vertraut, sehr schön. Aber gleichzeitig schätze ich sehr, dass es weiterhin unverbindlich ist und wir viel darüber reden. Über uns, über seine und meine Befürchtungen und über das, was wir machen und aus welchen Gründen. Jorah sagt immer, er lernt durch mich ein neues Level an Kommunikation. Er sagt, es ist oft anstrengend, so viel und über so viele Details zu reden, aber er merkt, dass es sich unbeschreiblich lohnt, weil nur so die Basis ausgearbeitet ist, die dann als Folge diese absolute Freiheit hat, die es nur geben kann, wenn beide sich einig ist und sich vertrauen. Er sagt, er liebt es, dass ich immer direkt bin und ohne Zeit vergehen zu lassen anspreche, wenn mich etwas stört – ohne eingeschnappt zu sein oder ein „Ding“ draus zu machen, sondern einfach neutral. Ja, die Kommunikation funktioniert wirklich gut bei uns, auch wenn das alles für uns beide ziemlich neu ist, was die Gespräche umso wichtiger macht.

Wir hatten erst vor kurzem erneut ein Gespräch, in dem es ähnlich wie schon vor Monaten an meinem Bettrand (darüber habe ich getwittert, das weiß ich noch) um uns ging und darum, was das jetzt ist und bedeutet. Ich merke schon weiterhin, wie mir die Angst im Nacken sitzt, gegen die ich permanent ankämpfen muss, je mehr ich mich auf die Sache einlasse. Wovor genau ich solche Angst habe, weiß ich meistens nicht einmal so genau. Aber was dagegen hilft, ist, dass wir da beide so offen sind und die Unverbindlichkeit beide sehr schätzen. Vielleicht ist es auch irgendwie nur eine Farce. Etwas, das wir beide uns gegenseitig und jeder sich selbst vormacht, weil es hilft – kann sein, wäre dann aber auch nicht schlimm, solange es eben – nun ja – hilft.
In diesem Gespräch ging es jedenfalls wieder darum, dass wir beide merken, dass wir uns in kurzer Zeit extrem nahe gekommen sind und es sich manchmal anfühlt, als würden wir uns schon ewig kennen. Dass es zwar über den Kinkpart begonnen hat, aber dass der irgendwie schon lange nicht mehr der Kern ist. Es ist weiterhin eher so, dass es sich anfühlt, als wären wir einfach nur unglaublich gute, wirklich enge, sehr vertraute Freunde, die sich gerade gegenseitig gut tun. Der Sex kommt oben drauf, zurzeit. Aber wir reden auch offen darüber, dass es sein kann, dass einer von uns irgendwann wieder etwas anderes sucht, dass der Sexdrive bei uns allgemein irgendwann nachlässt, dass wir beide irgendwann Abwechslung brauchen oder dass einer von uns jemanden kennenlernt. Ich mag diese pragmatische Art, damit umzugehen. Das mag nicht wirklich romantisch sein, aber ich liebe das. Weil ich Romantik einfach nicht traue. Weil ich Hollywood nicht für real halte. Und weil ich dieser Sache zwischen uns tausendmal mehr zutraue, wenn ich merke, wir sind beide realistisch. Klar können wir uns versprechen, dass das immer so bleibt wie jetzt. Aber realistisch ist es in meinen Augen nicht. Da ist es mir tausendmal lieber, wenn wir das beide sehen, diese Möglichkeit anerkennen und dann darüber sprechen, dass das okay wäre und wir dann einfach drüber reden und schauen, in welche Richtung es sich entwickelt. Das ist vielleicht weniger romantisch und deutlich pragmatischer, aber fühlt sich – für mich – dadurch realistischer, verlässlicher und ehrlicher an.

Freiheit von Erwartungen

Das Verrückte ist, dass wir uns komplett einig sind, dass wir zurzeit ein wirklich gutes Team sind (wir mögen den Begriff beide) und dass das Sexuelle das nicht besser oder schlechter macht, sondern mehr oder weniger unabhängig davon funktioniert. Vielleicht ist es utopisch und naiv, aber ich glaube, wenn der sexuelle Part irgendwann weniger würde, oder kaum noch vorhanden wäre oder einer oder beide ihn auslagern würden auf andere Partner… dann würden wir uns deshalb nicht automatisch entfernen. Ich kann mir vorstellen, dass wir beide gerade eine Basis schaffen für eine wirklich langfristige Verbindung, aber gleichzeitig ohne dem jeweils anderen zu versprechen, dass diese Verbindung sich nie ändert. Und genau das ist es, was mich atmen lässt – gerade weil ich zum ersten Mal diesen Begriff „Liebe“ ins Spiel bringe und weil ich damit erst irgendwie überfordert war und weil ich weiterhin dabei bin, da meinen Weg zu finden.
Es ist beispielsweise ein riesen Thema, das mich beschäftigt, dass ich merke, dass sich dieses Gefühl, nicht jeden Tag gleich anfühlt. Einige werden jetzt denken: „das ist ja normal und offensichtlich“. Kann sein, aber mir fehlt einfach die Erfahrung damit, ehrlicherweise. Und ja, wenn ich dann merke, dass es an ein paar Tagen mal anders ist, nicht ganz so präsent, wenn ich wieder mehr bei mir bin, wenn ich PMS habe, was auch immer, dann spüre ich wirklich umgehend die Angst, es könne es schon wieder vorbei sein. Dann kommt sofort mein „oh Gott, was, wenn ich so wie immer nach einigen Monaten merke, dass es nachlässt, dass ich nicht mehr möchte, dass ich mich entferne, dass ich eben doch ein Einzelgänger bin, usw.“.
Ich weiß, es klingt nach „du denkst zu viel nach“ und ein bisschen auch nach „sich Probleme machen, wo keine sind“, aber es ist einfach schwierig und wirklich neu für mich und ich lerne gerade viel. Und genau da holen mich die Gespräche mit Jorah ab, weil ich ihm genau das einfach komplett offen sagen kann und ihm sagen kann, dass ich manchmal so fühle und manchmal so. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und dann, wenn ich darüber rede, denke ich: Himmel, es ist doch nichts normaler als das. Die Welt ändert sich zurzeit rasant. Ich selbst verändere mich, mein Leben ändert sich mit. Wie um Himmels Willen sollen meine Gefühle immer gleich, immer konstant sein? Und genau das ist es: Wir sind uns einig, dass die Verbindung zwischen uns eine sehr gute, sehr enge, sehr ehrliche ist. Aber wir müssen uns nicht versprechen, dass sie immer gleicher Art bleibt.

Vor einigen Wochen hatten wir einen wirklich schwierigen Tag durch die Umstände um uns herum und durch seine Situation. Ich habe viel gezweifelt, war unsicher, auch in meinen Gefühlen. Ich war ehrlich:

„Du weißt, dass es sein kann, dass ich in drei Monaten einfach doch sage, dass ich das so nicht kann. Dass wir dann einfach doch nur eine gute WG und gute Freunde sind, oder?“

Er nahm meine Hand, drückte sie, sah mich an und sagte mit einem erschreckend ehrlichen, lockeren, entspannten Ton:

„Klar weiß ich das. Das ist total okay. Ich werde dir dann einfach trotzdem noch ab und zu sagen, dass ich dich liebe.“

Es war dieser Augenblick, in dem ich von jetzt auf gleich wieder durchatmete. Wieder mehr fühlte. Es ist schon faszinierend, wie ich reagiere. Wie wichtig mir die Freiheit von Erwartungen ist – da bin ich irgendwie schon ziemlich geprägt von meiner Geschichte. Wenn ich glaube, den Druck zu spüren, jemandem langfristig etwas versprechen zu müssen, was mit meinen eigenen Gefühlen, meiner emotionalen Investition zu tun hat, werde ich hart und spüre meine Mauer. Sobald ich merke, dass mein Gegenüber das gar nicht erwartet, fährt diese Mauer wieder runter und ich spüre, was dahinter liegt. Jorah schafft es irgendwie regelmäßig, dass das passiert.

Ich glaube, das ist der Kern bei uns und das beschreibt es auch ganz gut: Wir vertrauen einander so sehr und es funktioniert so gut, dass sich jeder entspannen kann, weil wir wissen, dass diese generelle Verbindung jetzt schon ziemlich stabil ist und ziemlich gut und dass die Basis stimmt. Aber wir können beide so frei atmen und sind so entspannt, weil es komplett offen ist, wie und was diese Verbindung beinhaltet und ob und in welche Richtung sie sich entwickeln wird. Und das ist irgendwie ein bisschen das Ergebnis aus dem Prozess, den ich ja schon seit Jahren durchmache und den viele von euch ja auch in meinen Texten beobachten konnten: Ich kam aus meiner ersten, monogamen, sehr klassischen Beziehung, habe dann die BDSM Szene entdeckt, wurde mit Polyamorie, Beziehungsanarchie und anderen Konzepten konfrontiert und habe neue Wege und Möglichkeiten kennen und schätzen gelernt. Ich habe zwischen diesen Wegen für mich meine eigenen Abzweigungen gesucht und gefunden – ein Meilenstein war hier, Beziehungen welcher Art auch immer nicht mehr zu labeln. Zu akzeptieren, dass Gefühle sich ändern, so wie man sich selbst und wie die Welt sich permanent ändert. Dass das normal und okay ist und dass man offen und ehrlich kommunizieren muss, aber dass dann eine Basis möglich ist, auf der es einfach egal ist, wie man eine Beziehung zu einem Menschen nennt. Ob man befreundet ist und Sex hat oder ob man nur einen Kink auslebt und sich trotzdem gut versteht. Ob etwas für ein Wochenende intensiv ist oder sich über Monate hinweg sehr ruhig und beständig anfühlt. Ob man parallel andere Menschen trifft oder nicht. Es ist im Grunde egal. Solange zwei Menschen für sich eine Verbindung finden, die sich für beide gut anfühlt, spielt der Rest einfach keine Rolle.

Und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich aus diesem Prozess so viel gelernt habe, dass ich bereit bin, diese Theorie im „Ernstfall“ in die Praxis umzusetzen. Ich glaube, es ist genau das: Jorah und ich könnten irgendwann auch „nur Freunde“ sein, die zusammen wohnen, die für eine Weile oder auf Dauer keinen Sex haben, die sich aber ein Leben teilen, sich gute Gefährten und ein gutes Team sind und die sich kennen, vertrauen und verstehen, die vielleicht auch andere Partner haben und sich trotzdem weiterhin „ich liebe dich“ sagen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob das bleibt oder nicht. Ob der Sex bleibt oder nicht. Aber der Witz ist: Darum geht es nicht. Es geht um die Möglichkeit. Die absolute Offenheit, die Neugier auf alles, was kommen könnte und die Freiheit für jede Entwicklung. Weil „Liebe“ nicht nur Menschen vorbehalten ist, die monogamen Sex haben.

Und weil es das ist, was wir vielleicht insgesamt ein bisschen verlernt haben: Liebe nicht zu verurteilen, zu bewerten oder abzutun, sobald sie nicht in unser eigenes Konzept passt – sondern glücklich und dankbar zu sein über jeden Funken Liebe, den wir auf dieser Welt finden können, egal wie lange er bleibt, woher er kommt und in welche Richtung er vielleicht gehen könnte.

Ein Kommentar zu „Über Gefühle, Veränderung und die Veränderung von Gefühlen

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