Höhenmeter

Oder: Tunnelspiele, das verbotene Wort und ein Bergsee

Meine Lieben,

das Wunderland hält, was es verspricht – wie immer. Das sage ich wenig überrascht, immerhin liefert es seit Jahren zuverlässig und ich habe mich auf den Kaninchenbau damals ja bewusst eingelassen, also beschwere ich mich nicht. Worüber auch? Über Irrungen und Wirrungen in meinem Leben? Über großartige Menschen, die mir hier begegnen? Über selbst gewählte Anstrengungen? Über den Muskelkater danach – innen und außen? Über die Schwierigkeit, die der Verzicht auf Definitionen mit sich bringt, oder die Freiheit, die ich dadurch erlange? Nein, ich beschwere mich nicht, auch wenn hier im Wunderland nicht alles einfach ist, manchmal sogar ziemlich anstrengend.
Es ist anstrengend, eine Beziehung zu einem Menschen undefiniert zu lassen. Es ist anstrengend, sich zwischen zwei Welten zu bewegen. Es ist anstrengend, über Gefühle zu sprechen, vor allem, wenn manchmal die richtigen Begriffe dafür fehlen. Es ist anstrengend, Situationen auszuhalten, über die man keine Kontrolle hat. Es ist anstrengend, sich mit den eigenen Gefühlen und Befindlichkeiten auseinanderzusetzen und manchmal ist es anstrengend, mit anderen darüber zu sprechen. Es ist anstrengend, das eigene Bedürfnis hintenanzustellen und manchmal ist es genauso anstrengend, es an erste Stelle zu rücken. Es ist anstrengend, einen ersten Schritt zu machen. Und es ist anstrengend, auf einen Berg zu steigen.

Aber… Anstrengungen lohnen sich meistens, nicht wahr?

Und wie beim Besteigen eines Berges, kommt die lohnende Aussicht meist erst am Ende, während der erste Schritt häufig der schwierigste ist. Aber so funktioniert das eben: Eins nach dem anderen und immer… von vorn.


In drei Worten

Ich habe einen Beitrag über den Begriff „Liebe“ angefangen. Der ist schon faszinierend weit, eigentlich. Im Grunde fast fertig. Der letzte Abschnitt fehlt noch: der Abschnitt, in dem ich dann das Fazit ziehe. In dem Text geht es darum, wie ich zu diesem Begriff stehe, welches Konzept von Liebe ich für mich vertrete und warum ich eine so große Abneigung gegen diese gewisse, teilweise in meinen Augen fast schon toxische Romantik habe, die von Hollywood ausgeht. Es geht darum, wie ich bisher in meinem Leben und meinen wie auch immer gearteten Beziehungen mit diesem Begriff umgegangen bin und warum ich ihn so eigentlich nie verwende. Es geht darum, dass ich mich bisweilen frage, wann man denn nun von „Liebe“ sprechen kann und dass ich das Gefühl habe, um mich herum wissen alle irgendwie intuitiv, wann der Punkt erreicht ist, an dem man dieses „ich liebe dich“ sagt, während ich da einfach ständig im Dunkeln tappe und einfach keine Ahnung habe, wo dieser Punkt sein soll, als hätte ich da irgendwann mal was verpasst. Und dann… naja, dann endet der Text.

Warum ich überhaupt darüber nachdenke? Naja, für die meisten von euch ist jetzt wohl offensichtlich, dass das mit dem Mitbewohner zu tun hat, den ich gern öfter einfach Jorah nennen möchte, wie in den letzten Beiträgen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ich denke schon lange darüber nach, warum ich mit diesem Begriff, dem Konzept, diesem einen Wort solche Schwierigkeiten habe.
Aber ja, Jorah macht irgendwas mit mir, ohne dass ich mir schon sicher sein könnte, was genau es ist. Das mit ihm ist… anders. Und ja, ich weiß: Ich sage immer „das ist anders“. Aber es ist eben genau das, wovon ich überzeugt bin: Keine zwischenmenschliche Beziehung ist wie die andere. Es gibt in meinen Augen nichts Individuelleres als die Beziehung zwischen zwei Menschen, wie auch immer sie geartet ist. Manchmal überrascht mich nur, WIE unterschiedlich solche Beziehungen sein können. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, über die Jahre schon so viele unterschiedliche Grundgefühle in Beziehungen wahrgenommen zu haben, dass ich wenigstens hier irgendwann vergleichen kann und sich nur noch die Feinheiten unterscheiden. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall. Das mit Jorah und mir ist… wirklich anders, schon wieder. Sicherlich auch, weil diese erste Kennenlernphase durch die Wohnsituation so absolut anders war.

Wenn ich es in drei Worten beschreiben müsste… ich würde sagen: ruhig, ehrlich und erwartungsfrei. Um diese drei Worte kreist mein Gefühl irgendwie immer.

Ruhig

Das, was ich bei Jorah fühle, war noch nicht eine Sekunde lang dieses „Schmetterlinge“-Ding. Nie. Ich habe sexuell, also rein körperlich schon zeitweise ziemlich intensiv reagiert, teils aber auch sehr abhängig von meinem Zyklus. Ich hatte schon Wochen, in denen er für zwei Tage bei mir war, als ich die Finger nicht von ihm lassen konnte und bei jeder kleinen Berührung quasi nass wurde. Und eine Woche später hatte ich PMS und es vergingen drei Tage, ohne dass irgendetwas passiert ist, weil mir nicht danach war. Also ja, körperlich reagiere ich durchaus intensiv, ordne das aber nicht als „Schmetterlinge“ ein, sondern eben schlicht als körperliche Reaktion. Als Hormone, als Biochemie oder was auch immer. Klingt unromantisch, ich weiß. Aber so bin ich eben. Ich mag es, wenn ich mir Dinge erklären kann und wenn ich meine Libido mit Gefühlen verwechsle, dann habe ich ein ganz anderes Thema. Ich meine, ich kenne das ja von mir, diese körperliche Reaktion. Wenn die Chemie (im wahrsten Sinne des Wortes) mit einem Menschen stimmt, dann reagiere ich so – körperlich, sexuell. Aber nicht bei jedem, der diese körperliche Anziehung, diese Reaktion in mir auslöst, habe ich auch die gleichen Gefühle.
Ich trenne also den körperlichen Part, den Sex, den Kink, der sehr schnell sehr intensiv wurde zwischen uns, der aber – für mich – nichts mit Gefühlen zu tun hat, oder sagen wir: nicht haben muss.

Aber… alles andere, nun ja. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das war’s. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ist nur körperlich. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich habe keine Gefühle für ihn. Die Frage ist nur welche? Und immer, wenn ich mir darüber Gedanken mache, merke ich, dass alles, was ich fühle, sich sehr… ruhig anfühlt. Sehr sicher. Sehr angenehm. Es ist warm, es ist schön, es ist zuverlässig. Da schwingt kein Drama mit, kein „ich kann nicht mehr essen, weil ich so verliebt bin“, kein „ich halte es nicht aus ihn tagelang nicht zu sehen“. Ich fühle kein „er ist mein ein und alles“ und auch kein „DAS ist der Mann, auf den ich immer gewartet habe“. Bei allem Pathos, das ich sonst ja durchaus an den Tag legen kann, fühlt sich die Sache mit Jorah einfach nur „schön“ an. Mehr nicht – und das meine ich nicht negativ, im Gegenteil. Ich bin kein Freund von zu intensiven, zu heftigen, zu schnell entstehenden Gefühlen, weil ich ihnen nicht traue. Ich bin kein impulsiver Mensch. Wenn mir etwas zu schnell geht, mache ich eher dicht, und wenn sich etwas zu intensiv anfühlt, warte ich eher ab. Das mit Jorah ist gewachsen. Ich hatte nie diesen einen Augenblick, an dem ich sagen konnte „ach da ist jemand in mein Leben getreten“ oder „jetzt fühlt es sich krass an“. Es ist gewachsen, so stetig, so ruhig, so unbemerkt, dass ich es kaum bemerkt habe. Das macht mir auf eine andere Art Angst, aber grundsätzlich ist es ein sehr ruhiges Gefühl und das mag ich.

Ehrlich

Ich kann mich an keine Situation zwischen uns beiden erinnern, in der ich nicht entspannt war und in der diese Sache zwischen uns nicht… ehrlich war. Mittlerweile weiß ich übrigens auch, was dazu geführt hat und was auch so grundsätzlich anders ist an dieser Sache zwischen ihm und mir. Für gewöhnlich funktioniere ich so: Wenn ich potentielles sexuelles Interesse an einem Mann merke und offen bin, dann „kläre“ ich das recht schnell ab. Ich flirte, ich bin offen, ich zeige Interesse. Dann hat man ein Date oder lernt sich kennen und wenn mein Bauchgefühl stimmt, dann lasse ich mich auch relativ schnell auf Sex ein. Das passiert nicht allzu häufig, aber WENN es passiert, dann geht es schnell – in dieser Hinsicht habe ich ein ganz gutes Bauchgefühl, dem ich dann auch einfach nachgebe. Jedenfalls lerne ich Männer dann auf diese Art auch näher kennen: Dates, Abende gemeinsam, Sex. In diesen ersten Wochen und Monaten gibt es kein Übernachten, kein gemeinsames Frühstück, keinen gemeinsamen Alltag. Man verbringt ganz bewusst, ausgewählte Zeit zusammen, hat Sex und dann… gehe ich wieder in meine Wohnung.
Erste merkliche Ausnahme war der Ostseekerl letztes Jahr: Durch die Entfernung waren es meist mehrere Tage, die ich bei ihm war. Aber auch hier war das erste Date ohne Übernachtung, und der nächste Unterschied war, dass ich (mit einer einzigen Ausnahme) immer bei ihm war, nicht umgekehrt. Ich habe mir also gezielt Tage ausgesucht, bin hin und wieder zurück. Ich war im „Kurztrip“-Modus, gepackte Tasche, ausgewählte Klamotten dabei, fremde Wohnung, und so weiter. Ihr kennt das vielleicht: Man ist durchaus länger als einen Abend zusammen, aber wenn man nicht in der eigenen Wohnung ist, wenn es kein Alltag ist, sondern man sich bewusst drei Tage Zeit nimmt, dann ist man… anders. Logisch, irgendwie. Und das war für mich schon eine wirkliche Ausnahme. Alles davor waren einzelne Abende, an denen ich mich von gewissen Seiten gezeigt habe – von den Seiten, die ich eben zeigen wollte.

Jorah kam als „Mitbewohner“ in mein Leben und aus tausend Gründen stand Sex für mich mit keinem einzigen Gedanken zur Debatte, wirklich nicht. Es war einfach keine Option. Und diese Tatsache führte dazu, dass es mir ganz grundsätzlich egal war, wie der Kerl mich sah.
Ich bin zum Beispiel sehr eigen mit meiner Wohnung: Durch meine Vergangenheit und meine frühere Angststörung, die Sozialphobie, die ich noch vor Jahren hatte, bin ich es gewohnt, mich außerhalb meiner Wohnung… naja, zu „verstellen“ wäre der falsche Begriff, aber eben doch immer irgendwie „zusammenzureißen“. Ich bin nie zu 100% ganz so wie ich wäre, wenn niemand mich sieht (ich denke, das geht den meisten Menschen in gewissem Maß so). Meine Wohnung ist der eine Ort, an dem ich immer einfach… bin. An dem ich mich nie zusammenreiße. Und als Jorah hier eingezogen ist, habe ich das so gehandhabt wie immer bei einem neuen Mitbewohner: Ich war, wie ich eben war, immerhin war es egal. Jorah sah mich also vom ersten Tag an in Jogginghosen, ungeschminkt, mit PMS, wenn ich meine Tage hatte, wortkarg nach dem Aufstehen oder sonst wie. DAS war die Basis.
Nicht Sex und auch keine Freundschaft, immerhin kannten wir uns noch gar nicht. Das, was ich in sexuellen Beziehungen und auch in sich aufbauenden Freundschaften nie zeigte (und wenn überhaupt dann erst ganz, ganz spät), damit lernte Jorah mich kennen. Mit dem ehrlichsten Part von mir, dem nacktesten, dem authentischsten. Und erst danach entstand das „wir verstehen uns echt gut“ und erst im Anschluss daran wiederum kam der Sex/Kink Part noch dazu. Und zu jeder Sekunde hatte ich das Wissen im Hinterkopf, dass er meine weniger vorzeigbaren Seiten, die, die ich ungern zeige, die, die ich vielleicht selbst nicht mag… bereits kennt. Da gab es nichts mehr danach, da war keine Luft nach oben, nichts Verborgenes. Mal ganz abgesehen davon, dass ich ihm auch in all diesen Gesprächen zu Beginn unglaublich viel von mir, auch von meinen schwierigen Seiten erzählt habe. Umgekehrt auch. Wir näherten uns an, lernten uns kennen über die Teile von uns, die wir beide sonst eher weniger zeigen. Ich habe mich noch nie auf einen Mann eingelassen, bei dem schon zu Beginn die Karten so komplett offen auf dem Tisch lagen. Die Basis ist so ehrlich wie sie es nur sein könnte – und so sind auch alle Gespräche seither.

Der Mann ließ sich auf diese Sache mit mir ein – und umgekehrt – nachdem wir uns schon morgens an der Kaffeemaschine begegnet waren. Es begann auf der Couch, aber in dem Wissen, dass wir uns am nächsten Morgen zwangsläufig wieder sehen, immerhin wohnte er hier. Ich hatte nie die Wahl. Ich hatte gar nie die Möglichkeit, mich zu entscheiden. Die Option, anschließend wieder zu gehen – immerhin war ich zu Hause. Oder ihn rauszuschmeißen, weil ich dann meine Ruhe und mich entspannen wollte – immerhin war es auch sein Zuhause. Immer, wenn ich bisher diese Option hatte, nahm ich sie wahr – weil es die leichtere Wahl war, die mir ermöglichte, meine Mauern zu pflegen und von oben ins Tal zu schauen, um über alles den vollen Überblick zu haben. Jorah fand einen Hintereingang, von dem ich selbst gar nichts wusste, stand auf einmal vor mir und mir blieb nichts anderes übrig, als mit den Schultern zu zucken und zu sagen „joa, wenn du jetzt schon mal da bist, dann lass zusammen was essen“. Und jetzt sitzt er hier an meinem Tisch und ich merke, dass es gar nicht so schlimm ist, wie ich immer befürchtet hatte – im Gegenteil: Ich hab Gesellschaft hier drin, die ich irgendwie genieße.

Erwartungsfrei

Darüber habe ich im letzten Beitrag über Jorah bereits geschrieben – über die Tatsache, dass ich nie, wirklich noch nie einem Mann begegnet bin, der mir so wenig das Gefühl gab, Erwartungen zu haben. Und das grundlegend in Sachen Sex, aber auch sonst in jeder Hinsicht. Darüber habe ich bereits viel geschrieben; das Spannende ist mittlerweile, dass Jorah mir häufig dieselbe Rückmeldung gibt und dass ich glaube, dass das eine beidseitige Grundhaltung ist, die diese Sache zwischen uns essentiell prägt.

„Ich habe einfach nie das Gefühl, dass du irgendwelche Erwartungen an mich hast“, sagte er vor kurzem, als wir an einem bayrischen See saßen, nebeneinander aufs Wasser blickten und über das sprachen, was das zwischen uns ist, „ich weiß nicht, ob ich jemals so sehr ich selbst sein konnte wie bei dir. Mir ist noch nie ein Mensch begegnet, der so gnadenlos ehrlich ist, aber gleichzeitig so sachlich und ohne zu urteilen kommuniziert. Es ist alles immer offen auf dem Tisch, aber nichts davon wird beurteilt. Du stellst keine übermenschlichen Ansprüche an mich, ich muss nichts liefern, ich muss keine Erwartungen erfüllen. Ich kann einfach nur sein.“

Ich nickte nur. Ich wusste, was er meinte und war erleichtert, dass es sich wohl für uns beide so anfühlt. Ich glaube manchmal sogar, dass das der Kern bei uns ist, das Gefühl, wir können beide einfach sein. Das fängt an bei meinem PMS und dabei, dass ich keine Rücksicht nehmen muss auf meinen Zyklus oder wie ich gerade drauf bin. Wenn er da ist, während ich die Krallen ausfahre, ist er mein Kratzbaum, verzichtet auf jegliche Berührung und trotzdem ist alles fein. Und es hört auf bei dem Gefühl, dass er bei mir nichts liefern muss, weil ich ja im Gegenteil eher durchdrehen würde, wenn er zu viel investieren würde. Oder bei seinen Kinks, über die er mittlerweile einfach offen und ehrlich redet – was er vorher noch nie außerhalb eines SM-Studios getan hat. Es gibt keine Masken, für keinen von uns. Und es gab nie diesen Augenblick(zumindest für mich), an dem ich sie abgelegt hätte – durch die Wohnsituation hatte ich in seiner Nähe einfach nie eine auf.

Fahrtwind

„Ich muss nicht bremsen“, ist der Satz, den ich im Gespräch über ihn, beispielsweise mit Marie, wohl am häufigsten sage. Wieder ein klares erstes Mal. Wieder etwas, das ich in diesem Maß nicht kenne, wirklich nicht. Für gewöhnlich bin ich als Frau IMMER diejenige, die bremst. Bei allem. Ich bin das gewohnt. Ich bin diejenige, die den sexuellen Vibe spürt und sich überlegen muss, ob sie darauf eingeht oder ihn heute mal ignoriert. Ich bin diejenige, die mehrmals die Woche gefragt wird, ob man sich sieht und die sich überlegen muss, wie sie vorsichtig formuliert, dass sie mal ein paar Tage für sich braucht. Ich bin diejenige, die weiß, dass der andere gern hätte, dass man nach dem Sex beieinander übernachtet, die aber trotzdem aufsteht und geht, weil sie es einfach nicht möchte. Ich bin diejenige, die irgendwann merkt, dass das Gegenüber Gefühle entwickelt, die sie (noch?) nicht erwidern kann, und die dann den inneren Kampf führt, weil sie ihre eigenen Grenzen und ihr eigenes Tempo einhalten möchte, aber weil ihr Gegenüber ihr ja nicht gleichgültig ist, sich häufig fast aus schlechtem Gewissen zu Kleinigkeiten verleiten lässt, nur um nicht immer diejenige zu sein, die… bremst.
Ich bin immer diejenige, die bremst, weil ich für viele Dinge länger brauche, weil meine Mauer sehr stabil ist, weil ich sehr viel Raum und Freiheit brauche und weil ich einfach bin wie ich bin. Es ist wie beim BDSM: Jeder hat seinen Rahmen und man einigt sich auf den kleineren von beiden. Bisher war ich immer diejenige mit dem kleineren Rahmen – nicht im BDSM, sondern auf der zwischenmenschlichen Ebene. Meine Grenzen waren immer früher erreicht, meine Limits enger gesetzt, mein Tempo langsamer. Das ist schwierig, weil man einen permanenten Druck fühlt, immerhin möchte man das Gegenüber nicht ständig ausbremsen oder Grenzen setzen – man möchte ja durchaus Bedürfnisse erfüllen, aber man schwankt dann immer zwischen „ich möchte, dass es dem anderen gut geht“ und „ich möchte meine eigenen Grenzen wahren“. Auf Dauer habe ich diesen Zustand immer nur sehr schwer ausgehalten (manchmal frage ich mich, ob das ein (Mit)Grund dafür ist, dass meine „Halbwertszeit“, wie gute Freunde es liebevoll nennen, selten über ein halbes Jahr hinausgeht: Weil ich diesen Zustand nicht länger als einige Monate aushalte, immer diejenige zu sein, die den anderen ausbremst, die abwehren muss, bis das schlechte Gewissen, das Gefühl, dem anderen nicht geben zu können, was er braucht, zu groß wird.)
Jorah ist da aus unterschiedlichen Gründen anders (einige dieser Gründe werde ich im nächsten Beitrag erzählen). Und er ist, glaube ich, der erste Mann, den ich nicht bremsen muss. Nie. Schon am ersten Abend, als ich mich an ihn lehnte, kam nicht mehr. Ich spürte, es gefiel ihm, er genoss es, seine Hand legte sich auf meinen Arm – aber das wars. Am nächsten Tag kein erneuter Versuch, es war wie ein Reset – wir begannen den Tag bei null und so ging es weiter. Eine Situation der Nähe reihte sich an die andere. Hätte ich nach der dritten keine weitere forciert, wäre das okay gewesen – da wäre kein „was ist das jetzt zwischen uns?“ gekommen. Er hat nichts erwartet, nie. Sextechnisch dasselbe, von Beginn an. Es vergingen unzählige Male, die er mir die heftigsten Orgasmen verschaffte, ohne dass ich ihn auch nur berührte und ich hatte nicht eine Sekunde das Gefühl, er war enttäuscht. Im Gegenteil.

Jorah war der erste Mann, bei dem ich die Gelegenheit hatte, herauszufinden, wann denn dieser Punkt kommt, an dem ich zu 100% von mir aus das aktive, sexuelle Bedürfnis danach habe, einen Schwanz in die Hand zu nehmen. Und das ist… krass. Ich weiß nicht, ob durch diese Worte, diesen Text hier gerade wirklich rüberkommt, wie krass das eigentlich ist (dieser Part ist vermutlich einen eigenen Beitrag wert, weil genau dieser Punkt sextechnisch zu immensen Erkenntnissen und neuen Erfahrungen geführt hat).
Und was ich eben wirklich liebe, ist, dass ich auch unabhängig von Sex einfach nie… bremsen muss. Jorah und ich brauchen beide viel Raum, viel Zeit allein, viel Luft zum Atmen und ja, auch die Unverbindlichkeit. Als wir letztes Mal weggefahren sind, haben wir den ersten Tag getrennt voneinander verbracht und jeder hat rund sechs Stunden sein eigenes Ding gemacht. Wir haben regelmäßig Kontakt, aber er fragt mich nicht täglich, was ich heute mache, genauso wenig wie umgekehrt – geht mich nur bedingt etwas an und ehrlicherweise interessiert mich auch nicht jede Kleinigkeit. Es gibt keine Regeln in Bezug auf Dates – falls ich das Bedürfnis habe, mich mit jemandem zu treffen, mache ich das einfach. Ich erzähle dann davon, aber das wars. Vollkommen unspektakulär (Funfact: Zurzeit habe ich das Bedürfnis nicht, was zu großen Teilen daran liegt, dass ich die Möglichkeit hätte). Wir sprechen enorm ehrlich darüber, wie sich was für wen anfühlt, aber wir verzichten durchweg auf Definitionen und Ausblicke. Es ist nicht definiert und keiner von uns beiden hat das Bedürfnis danach, dem einen Namen zu geben oder darüber nachzudenken, was in drei Jahren ist. Er lässt mir jeden Raum und greift eben nicht nach jeder Gelegenheit, die er irgendwie einrichten kann, um bei mir zu sein. Er ist nicht Team „ich will immer ALLES mit meiner zweiten Hälfte machen“, er ist ein eigenständiger Mensch und ich liebe das. Es ist eine völlig andere Basis, von der aus die Zeit, die man dann tatsächlich gemeinsam verbringt, eine ganz andere Qualität hat.

Anyway. Das Schwierige daran, wenn man immer bremst, ist, dass man nie, wirklich nie an den Punkt kommt, an dem man sein eigenes, natürliches Tempo überhaupt mal herausfinden kann – weil man ja immer bremst. Man fährt immer mit angezogener Handbremse, weil man genau weiß, wenn man sie löst, gibt der andere sofort Gas und dann wird einem schlecht. Also bremst man. Das Ding ist… wenn man merkt, dass der andere kein Gas gibt und auch nicht bremst, sondern einfach nur auf dem Beifahrersitzt und die Aussicht genießt, dann… fängt man an, die Bremse zu lösen, nur ein bisschen. Und wenn man dann merkt, dass einem überhaupt nicht schlecht wird, fängt man vielleicht sogar an, den Fahrtwind zu genießen. Und wenn man sich dann, irgendwann, mit der Zeit, an dieses Vertrauen gewöhnt, dann… wechselt man sich mit dem Fahren vielleicht sogar ab, mit der Verantwortung, mit der Richtung – und damit, die Aussicht zu genießen, ohne nachdenken zu müssen.

Das verbotene Wort

Jorah ist einer von wenigen Männern innerhalb der letzten zehn Jahre, die es geschafft haben, einen gewissen, sehr tief vergrabenen Punkt in mir zu erreichen. Als würden sie eine bestimmte Frequenz treffen, die sich mit meiner deckt, oder etwas in mir zum Schwingen bringen, das bei anderen einfach still bleibt. Es ist schwierig, dafür Worte zu finden, weil unsere Sprache, unser Wortschatz dafür einfach nicht ausreichend Feinheiten zur Verfügung stellt.
Man liebt oder man liebt nicht. Etwas ist leidenschaftlich oder nicht. Romantisch oder nicht. Freundschaftlich oder nicht. Was man sagen soll, wenn man das Gefühl hat, für einen engen Freund auch Leidenschaft zu empfinden, wird uns nicht beigebracht. Welcher Begriff zutrifft, wenn man einen Abend lang die intensivste Verbindung zu einem Menschen aufbaut, die aber am nächsten Tag bei Sonnenlicht wieder ein eher ruhiges Gefühl der konstanten Zuneigung ist, steht in keinem Buch.
Ich habe oft das Gefühl, dass die meisten Menschen um mich herum intuitiv von diesem einen, konkreten Punkt wissen, ab dem man von „Liebe“ sprechen kann. Manchmal fühle ich mich verloren unter all diesen Menschen, die so genau wissen, wann man „ich liebe dich“ sagen darf und wann nicht – ich selbst habe nämlich keine Ahnung. Fakt ist nämlich, und das mag nun befremdlich klingen, wenn man das mit 31 Jahren sagt:

Ich habe noch nie in meinem Leben zu einem Mann „ich liebe dich“ gesagt.

Ich hatte diese eine Beziehung zwischen 19 und 24, in der er es als erster sagte: „ich lieb‘ dich“. Ja, es war ein abgekürztes Wort, nicht das ausgesprochene. Das „e“ fehlte und als ich es zum ersten Mal erwiderte, sagte ich es auch so. Dabei blieb es. Er war der einzige Mann, bei dem ich diesen Begriff in den Mund nahm – und wenn dann die abgekürzte Form „ich lieb‘ dich“, die irgendwie eher etwas von „ich hab dich lieb“ hat.
Nach ihm gab es einen Mann, dem ich diese drei Worte in einem Brief schrieb, den er aber erst las, als es schon vorbei war (lange Geschichte) und einen, bei dem ich diese Worte manchmal dachte, für mich, aber ohne je sicher gewesen zu sein. Gesagt habe ich es nie.

Und heute habe ich das Gefühl, ich habe den Punkt irgendwie… verpasst. Ich habe 31 Jahre gelebt, ohne es einmal wirklich zu sagen, und das macht es in meinem Kopf so groß – immerhin, wenn ich es JETZT das erste Mal sage, dann muss es ja irgendwie die Welt bedeuten, oder? Natürlich ist das Bullshit, aber so fühlt es sich manchmal an. Ehrlicherweise habe ich einfach keine Ahnung, wann ein Gefühl der Zuneigung und Nähe die offizielle Grenze zu „Liebe“ überschritten hat – ich weiß es einfach nicht. Es ist, als hätten da alle an diesem Tag im Unterricht aufgepasst außer ich.

Ich meine, es fängt doch schon an bei unserer Unfähigkeit zu differenzieren! In den ersten Jahren meines Singledaseins zum Beispiel lernte ich erst einmal, mich selbst zu lieben. Selbstliebe – DAS ist eine Art von Liebe, die ich kenne. Oder die Liebe zu engsten Freunden, zu Familie, zu einem Haustier, zu einer Sache, einem Beruf, dem Leben… es gibt so viele Arten von Liebe, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte und doch sprechen Menschen immer von dieser einen Liebe und jeder weiß, was gemeint ist – als gäbe es auch nur diese eine, was doch aber de facto nicht stimmt. Das ist eine erste Schwierigkeit, die ich bis heute nicht überwunden habe, und für die ich bislang keine Lösung fand.

Und überhaupt, ab wann liebt man denn einen Menschen, also einen Sexualpartner oder eine -partnerin? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit es „Liebe“ ist? Es gibt die Dreieckstheorie von Sternberg von 1984, die ich sehr interessant finde. Sie kategorisiert in unterschiedliche, wie ich finde nachvollziehbare Arten von Liebe. Mein Verstand findet das großartig – Liebe kategorisieren und erklären, super! Mein Gefühl, meine Intuition weiß, dass es nicht ganz so einfach ist, vor allem bei meiner Gefühlswelt, die irgendwie alles ist außer konstant und berechenbar.
Komisches Bild vielleicht, aber in meinem Kopf stelle ich mir meine Gefühlswelt vor wie das Meer, wie Wasser. Es ist meistens ruhig – ich bin ein ausgeglichener Mensch, insgesamt. Aber manchmal stürmt es, manchmal ist es windig, dann sieht man die Gischt auf den Wellen, und… dann beruhigt es sich auch wieder. Dann plätschert es friedlich vor sich hin. Es ist wie eine Naturgewalt, die mich potentiell verschlingen kann und die ich versuche unter Kontrolle zu halten, obwohl ich weiß, es ist zwecklos. Sie wird tun, was sie will und im Zweifel habe ich keine Chance. Eintauchen möchte ich nicht, dafür ist sie mir zu mächtig, zu tief, zu unberechenbar. Aber ich sitze gern hier am Strand, beobachte die Wellen, genieße den Wind und das kühle Nass, das meine Beine umspielt, hänge meine Füße ins Wasser und schaue gen Horizont, neugierig, was da draußen noch wartet.

Ich entdecke nicht zum ersten Mal an mir, dass es Abende gibt, Augenblicke, einzelne Momente, in denen ich… mir irgendwie sicher bin, dass ich es fühle. In denen ich ernsthaft das Bedürfnis habe, es zu sagen. Zögerlich wie ich aber bin, verzichte ich darauf und entdecke am nächsten Tag, dass es sich schon weniger… intensiv anfühlt. Dass es ruhiger geworden ist. Das drängende Bedürfnis weicht dann einer inneren Ruhe, die die Nähe und Zuneigung genießt, aber mehr auch nicht. Und am nächsten Tag oder eine Woche später oder wann auch immer kommt es wieder, dieses Bedürfnis es zu sagen, die Intensität des Gefühls selbst. Es ist wie Wellengang oder wie Ebbe und Flut, und ich frage mich natürlich, ob auch das Liebe sein kann?

Kürzlich postete ich eine Umfrage auf Twitter, in der die meisten sagten, für sie sei Liebe immer konstant. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob ich je ein Gefühl gegenüber einem Menschen hatte, das konstant war. Das immer gleich war, in der Art UND in der Intensität. Nicht einmal meinen Hund liebe ich täglich gleich. Manchmal könnte ich ihn den ganzen Tag streicheln und möchte ihn neben mir haben und manchmal leben wir nebeneinander her und er muss mich dran erinnern, dass er noch Abendessen bekommt. Beides ist gut, beides ist wertfrei, beides sagt „ich möchte nicht ohne“, aber es fühlt sich nicht gleich an. Ich liebe auch das Schreiben – und nicht einmal diese, meine eine große Leidenschaft im Leben liebe ich immer gleich. Manchmal hasse ich sie sogar – während ich sie liebe. Ich liebe meine Oma, innigst – aber manchmal fühle ich das präsenter und manchmal weniger.

Warum also erwarte ich, dass sich romantische Liebe immer konstant anfühlt? Dass diese eine Art der Liebe die große Ausnahme ist? Warum kann ich nicht heute anders empfinden als morgen und morgen anders als übermorgen, ohne dass das den Wert des Gefühls mindert? Warum kann nicht die Basis eine individuelle Zuneigung sein, die manchmal so intensiv ist, dass man sie Liebe nennen kann, manchmal aber so ruhig, dass es eher einer innigen Freundschaft gleicht?

Ich glaube schon lange nicht mehr daran, dass man diesen einen Menschen im Leben hat, den man liebt und das ist dann die große Liebe und die hält bis zum Ende. Nein, ich glaube vielmehr, dass man mehrere Menschen hat, unterschiedliche. Ich habe mich allein in den letzten 10 Jahren so verändert und werde mich auch weiter verändern, dass ich nicht glaube, dass meine Gefühle immer konstant bleiben. Wie soll das möglich sein? Wenn die Welt sich ändert, man selbst sich auch, das Umfeld, der Job, der Input, der Geschmack – alles. Wie soll „Liebe“ das einzige sein, dass konstant bleibt? Vielleicht ist die Liebe zu einem Kind da eine Ausnahme und selbst da kann ich mir vorstellen, dass sie sich wandelt – vielleicht nicht in der Intensität, aber doch durchaus in der Art, oder nicht? Man liebt doch ein Neugeborenes anders als einen vierundzwanzigjährigen Menschen? Das Bedürfnis zu beschützen und sich zu kümmern nimmt doch vielleicht ab, dafür kann man später auch mal Hilfe vom eigenen Kind annehmen. Dankbarkeit darf auftauchen, in beide Richtungen – ein Gefühl, dass doch gegenüber einem Säugling keine zentrale Rolle spielen dürfte? Ich kann nur spekulieren, aber ich möchte behaupten, dass sich Liebe, dass sich Gefühle im Allgemeinen genauso verändern wie wir es tun.

Was also, wenn ich ein Mensch bin, der sich grundsätzlich schnell verändert, der manche Entwicklungen im Schnelldurchlauf macht und was wenn das bedeutet, dass meine Gefühlswelt schnelllebiger ist als bei anderen? Macht sie das weniger wert? Ich weiß es nicht. Ich würde nicht behaupten, dass ich alle sechs Monate gegenüber jemand anderem diese Intensität an Gefühl empfinde. Das ist schon eher selten – und selbst wenn war es bisher immer nur… nun ja, eben ein Intervall. Etwas, das auf einmal sehr präsent ist und dann wieder abflaut. Und manchmal wieder kommt und sich dann vielleicht einpendelt. Und was, wenn ich doch eine Art von… Issue mit Bindungen habe? Wenn das der Grund ist, dass ich manchmal über Wochen hinweg regelmäßig sehr offen bin und mich auf etwas einlassen kann, Dinge sagen kann wie „du fehlst mir“ und dann, von einem Tag auf den anderen, sich manchmal kurz eine Mauer in mir aufbaut und ich es für eine Weile wieder nicht mehr schaffe, solche Dinge zu sagen? Ich weiß es nicht.

Irgendwie kommt es mir vor, als hätte ich immer erwartet, dass mir eines Tages etwas begegnet und plötzlich steht meine Welt Kopf und alles ist eindeutig und klar und… keine Ahnung. Heute sitze hier und denke… nö. Vermutlich ist das noch ein Überbleibsel dieser Romantik, die wir alle gelernt haben. Ein Rest von dem Konzept von Liebe, das so verbreitet ist – die Vorstellung, dass sie dein Leben verändert. Was, wenn es auch das nicht gibt? Und damit will ich nicht sagen, dass es das hier ist. Sondern nur, dass ich darüber nachdenke und mich frage, ob Liebe auch leise sein kann. Ohne großen Knall. Ohne dass sie dein Leben auf den Kopf stellt. Und wenn ich so darüber nachdenke, wäre mir das irgendwie fast lieber – ich brauche für große Veränderungen ohnehin immer sehr lang und finde sie anstrengend. Vielleicht wäre es mir sogar lieber, wenn die Feuerwerke ausbleiben und ich nicht von heute auf morgen aufwache und alles ist anders, sondern vielmehr täglich mehr spüre, wohin etwas geht und ich mich täglich neu entscheiden kann, diesen Weg weiterzugehen oder kurz mal Pause zu machen und mich auf eine Bank zu setzen. Ja, wenn ich so darüber nachdenke, ist das eine mindestens so schöne Vorstellung, die zudem noch ein wenig mehr zu mir passt.

Vor einiger Zeit hatte ich das Bedürfnis, es Jorah zu sagen. Natürlich habe ich nichts gesagt, natürlich sage ich auch weiterhin nichts, weil ich ehrlicherweise nicht glaube, dass es das ist, diese „Liebe“. Nun, zumindest nicht die, von der alle sprechen. Und mal wieder verfluche ich die Begrenztheit unserer Sprache, weil ich zum ersten Mal das Gefühl habe, sie lässt mich im Stich. Mir fehlt ein Wort, irgendwie. Mir fehlt ein Wort, um den Zustand, das Gefühl zu beschreiben zwischen Freundschaft und romantischer Liebe.
Und das einzige, was mich hier grundlegend beruhigt, ist Jorah selbst. Ich glaube nämlich, dass es ihm ähnlich geht. Wir reden viel, eigentlich über alles. Auch über unsere Gefühle (obwohl ich behaupten würde, dass mir das leichter fällt als ihm). Jorah sagt in regelmäßigen Abständen Dinge wie „ich wünschte ich hätte ein Wort für das hier“. Und dann erklärt er mir, dass es sich nicht anfühlt wie romantische Liebe, aber auch mehr ist als eine Freundschaft. Dass er mir gern Dinge sagen würde, aber dass alles, was ihm dazu einfällt, abgedroschen klingt und dass das hier etwas anderes, besonderes ist. Etwas, das in die Kategorien, die unsere Sprache uns zur Verfügung stellt, nicht passt. Ich höre ihm zu, wenn er so redet und merke diese innere Erleichterung, weil es ihm so ähnlich geht wie mir.

Und das ist ein Gefühl, das ich liebe – zumindest hier kann ich es sagen.

Alte Sätze und neue Herausforderungen

Ich schweife jetzt mal kurz ab, ihr werdet aber gleich verstehen, weshalb.

Meine Twitter-Vögel werden mitbekommen haben, dass ich kürzlich wandern war. Also… nicht flachwandern, sondern eher bergwandern, wenngleich auch ohne Klettersteig, sondern „nur“ das Zurücklegen von Höhenmetern, um dann an einem Gipfelkreuz anzukommen. Wie ich auf Wandern komme? Nun, es war wohl eine Mischung aus… Corona, also einem Jahr ohne Sport, was mir essentiell fehlt. Dann mein Körper, der sich verändert hat, was mir überhaupt nicht passt. Dann das Bedürfnis nach Natur. Nach besserer Kondition in Kombination mit Muskeltraining. Hinzu kam, dass ich etwas machen wollte, was ich mit Olaf kombinieren kann, meinem alten Bulli, mit dem ich gern unterwegs bin. Ich wollte etwas Neues machen, etwas, das ich noch nie gemacht habe und ich wollte, getreu meinem Vorsatz um den Jahreswechsel, Horkruxe finden – also herausfinden, wo ich alte Denkmuster überschreiben oder Vorurteile auflösen kann. Zudem läuft Bergwandern früher oder später aufs Klettern hinaus, wenn man ein Level aufsteigt, was mir gefallen würde, weil ich das früher viel gemacht habe. Und natürlich kommt irgendwann der Aspekt der Höhe dazu, die Angst, die Herausforderung, mental und körperlich. Und es ist – vor allem am Anfang – eine Sportart (oder zumindest wird es irgendwann zu einer), die fast kein Geld kostet. Alles in allem schien mir das eine gute Sache und definitiv einen Versuch wert.

Meine erste Tour war mit dem Hund, der dann auch der Grund war, das Ganze abzubrechen. Es waren etwa 400 Höhenmeter nach oben und dann 60 wieder runter und dann habe ich geschummelt, weil der Hund nicht mehr konnte. Ich selbst war auch nicht undankbar, zugegeben – aber danach fragte ich mich schon, wo denn mein Limit gewesen wäre, hätte ich mich nicht um den Hund, oder besser: um gar nichts kümmern müssen außer um mich selbst. Ich bin ein Grenzgänger, immer gewesen. Ich brauche das Gefühl, mich an meinem Limit zu bewegen.

Also, wie ich eben so bin, suchte ich mir eine Tour aus, die schwieriger war – immerhin wusste ich ja nun, dass 400 Höhenmeter machbar waren. Ich fand eine Strecke mit 520hm, hoch und wieder runter. Auf etwa 10 Kilometer verteilt. Die nahm ich mir vor und… nun ja, die machte ich dann auch.

Ich stand um halb 7 auf, ließ den Hund bei meinen Großeltern, fuhr ins Allgäu und… stieg auf einen Berg.

Es war eine spannende Erfahrung, auf allen Ebenen. Ich bin eigentlich sehr sportlich, aber nach einem guten Jahr quasi kein Sport, baut man doch ziemlich ab, auch in Sachen Kondition. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Twitter mitzunehmen, darüber zu schreiben und Bilder zu posten, aber nach den ersten hundert Höhenmetern, was einem permanenten Treppensteigen gleicht, war ich so auf mich fokussiert, dass ich mein Handy völlig vergaß. Weitere 150hm oben machte ich die erste Pause. Ich war bei der Hälfte der Höhe und etwa einem Drittel der Tour, setzte mich unter einen Baum auf den Boden und… atmete. Ich trank knapp einen Liter Wasser, fragte mich, ob mir die beiden Liter überhaupt reichen würden. Aß einen Schokoriegel, weil ich meinen Kreislauf merkte und kam langsam wieder zu Atem. Die Sonne schien fast durchgehend und es waren etwa 24 Grad mit Gewitterneigung, also mit drückend schwülem Wetter. Einerseits schön, weil die Sicht klar war und ich Farbe abbekam, aber ehrlicherweise auch unglaublich fordernd für den Kreislauf. Es war dieses tendenziell eklige, flaue Gefühl im Magen und im Kopf, die leichte Taubheit im ganzen Körper, die man spürt, wenn der Kreislauf meckert. Und als ich mich auf dieses Gefühl konzentrierte, kam ein anderes hinzu: Angst.
Ich fragte mich, wovor ich Angst hatte, immerhin saß ich einfach bei Sonnenschein unter einem Baum – was also war das Problem?
Beim Nachdenken fiel mir auf, dass ich da unbedingt hoch wollte – der Gedanke, abzubrechen, war gefühlt keine Option. Ich hörte wieder das Mantra, mit dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Den Satz meiner psychisch schwer kranken und alkoholabhängigen Mutter, die mich auf keinen Schulausflug, keinen Kindergeburtstag, kein Schullandheim, im Grund nirgends hingehen ließ, weil: Was machst du, wenn was ist?

Zum ersten Mal nach Jahren hörte ich diesen Satz wieder, den ich in jahrelanger Traumatherapie aufgelöst hatte. Den einen Satz, durch den mir meine Angststörung quasi antrainiert wurde. Den Satz, unter dem ich jahrelang gelitten hatte. Aber auch den Satz, den ich irgendwann aufgelöst hatte, in harter Konfrontationstherapie.
Da saß ich also und auf einen Schlag wurde mir bewusst, was mein Problem war: Das hier war ein Tunnelspiel. Jeder Meter, den ich zurücklegte, führte mich weiter weg vom Boden, weiter nach oben, weiter in eine Gegend, die immer schwerer erreichbar war. Weiter weg von meinem Auto und meiner Sicherheit. Weiter ins Ungewisse. Weiter dorthin, wo ich noch nie war. Into the unknown, höre ich gerade in meinem Kopf, jetzt, wo ich das so formuliere und muss fast ein bisschen schmunzeln.

Das Bewusstsein, dass ich jeden Meter, den ich jetzt weiterging, auch wieder zurückgehen muss – egal, wie fit ich bin -, fickte meinen Kopf. Tunnelspiel, dachte ich immer wieder. Tunnelspiele sind im BDSM Praktiken oder Sessionteile, die man nicht abbrechen kann. Beispielsweise das Spiel mit Brennnesseln oder Kräutercremes: Man trägt sie auf und es beginnt zu brennen und… egal, wie unerwartet fies es ist, man muss es aushalten, bis es von allein nachlässt. Man muss also „durch den Tunnel durch“, es gibt kein Zurück. Ich bin im BDSM kein Fan von Tunnelspielen – ich brauche die Kontrolle. Ich muss wissen, dass ich abbrechen kann. Genau deshalb mag ich Olaf so: Weil er mir Reisen ermöglicht bei absoluter Kontrolle, permanenter Sicherheit. Ich habe mein Mini-Zuhause immer bei mir.
Da saß ich also, ohne Sicherheit, schwankend zwischen „ich kann jetzt gerade nicht abbrechen, obwohl ich meinen Kreislauf merke. Und je weiter ich gehe, desto schlimmer wird dieses Gefühl“ und „ich werde jetzt nicht nach der Hälfte aufgeben, ich möchte zu diesem Kreuz“.

Keine Ahnung, ob das ansatzweise nachvollziehbar ist für Menschen, die sich mit so etwas nicht auskennen – für die meisten ist es vielleicht ein Grund zum Augenverdrehen. 250 Höhenmeter, ein bisschen Sonne, nicht die beste Kondition, tja Mädel, einfach weiter oder umdrehen, aber mach kein Drama draus. Ich wollte kein Drama draus machen, aber… etwas in mir arbeitete und es war weder der Berg, noch die Sonne, noch die Kühe direkt vor mir. Es war etwas anderes und ich wollte wissen, was das war – also nahm ich zwei Atemzüge, stand schließlich auf und… ging weiter.

Gipfelkreuz

520 Höhenmeter legte ich an diesem Nachmittag zurück, erst hoch, dann runter. Der Aufstieg war fordernd. Einerseits war ich froh, dass ich allein war, weil mich niemand sah und ich mein Tempo ganz allein bestimmen konnte. Andererseits verstärkte es die Grundangst.
Unterm Strich war es aber das Richtige. Unterm Strich zwang es mich dazu, mich der Sache zu stellen – also, auch dem Berg, aber hauptsächlich dem, was da in mir vorging. Es war schließlich wie immer: Ich begann mich zu fragen, was im schlimmsten Fall passierte. Ich konnte mich übernehmen, mein Kreislauf könnte zusammenklappen, ich könnte mich verletzen, mich übergeben müssen oder sonst etwas. Wenn es blöd lief, würde ich in einer sehr schlechten Verfassung von diesem Berg runterkriechen müssen, im allerschlimmsten Fall müsste man jemanden rufen. Andererseits waren auf der Tour auch andere Leute unterwegs. Früher oder später kam jemand vorbei, ich war nicht GANZ allein. Ich würde ziemlich sicher nicht hier draußen sterben, dafür war es zu wenig Survival und zu sehr eine Alm voller Kühe, wenn auch eine herausfordernde. Insgesamt also ein klassischer Fall von „was mich nicht umbringt, macht mich stärker“.

Die letzten Meter vor dem Kreuz waren heftig und dauerten lang, ich ließ mir Zeit. Als ich das Kreuz sah, war ich ziemlich am Limit, aber kurz vor dem Ziel umdrehen kam nicht infrage. Irgendwann war ich oben, stand zwischen einer Gruppe von Menschen, legte meine Hand an das Kreuz und atmete durch. Ich hatte erwartet, dass ich oben erleichtert wäre, dass ich stolz wäre. Dass ich erschöpft, aber glücklich die Aussicht genießen würde. Ehrlicherweise war nichts davon der Fall.
Ich saß im Gras, trank und aß etwas und sah mir den Ausblick an, der mich irgendwie… ich weiß nicht. Die Erleichterung bleib irgendwie aus, der Stolz auch. Beide wurden eingenommen von dem Wissen, dass ich jetzt ja nicht fertig war. Dass ich hier oben saß, maximal weit entfernt von meinem Auto, völlig durch und jetzt wieder runter musste. Die geplante Tour ging hinten am Berg wieder runter, also längere Strecke als hoch, dafür nicht ganz so steil. Ich verbrachte die Minuten oben hauptsächlich mit der Frage, ob ich einfach den direkten Weg wieder runter sollte, dann wäre ich vielleicht schneller wieder am Auto. Aber es war schon ziemlich steil, auch davor hatte ich Respekt. Und ich wollte doch die Tour nach Plan laufen und nicht schon die erste, die ich machte, abbrechen. Die Höhe war generell okay, ich habe keine übertriebene Höhenangst. Was mich mehr forderte, war das grundsätzliche Gefühl, hier oben zu sein. Der Ausblick war toll, aber das Gefühl, sogar von hier oben auf den nächsten Berg zu sehen, hatte auch etwas… Einengendes. Ich hatte erwartet, ein Gefühl der Weite zu erleben. Das erzählen doch Bergsteiger immer, oder? Dass man oben die Weite erlebt. Weite kenne ich vom Meer. Den Blick gen Horizont, die Unendlichkeit, die Freiheit. Ich vermisste das Meer… Vielleicht fand ich Berge durchaus beeindruckend, aber vielleicht war das Bergsteigen selbst doch nichts für mich. Ich konnte es nicht genießen, zu sehr war mein Kopf mit der Angst beschäftigt, mit dem Wissen, dass ich wieder runter musste, dass nicht abbrechen konnte, dass Tunnelspiele erst vorbei sind, wenn sie vorbei sind.

Ich stand auf, ging ein paar Schritte mit zittrigen Beinen und… schrieb Jorah.
Ich schrieb, dass ich durch war und dass ich unschlüssig war, welche Route ich wieder runter nehmen würde. Ich teilte meine Gedanken mit, allein das tat gut. Er war derjenige, dem ich die ganze Route vorab geschickt hatte, damit jemand wusste, wo ich war. Zudem ist Jorah erfahrener und leidenschaftlicher Bergsteiger, inklusive Mehrtagestouren, Gletscherwanderungen und Kletterausrüstung. Er hatte Erfahrung, allein das Wissen, dass ich mich ihm mitteilen konnte, beruhigte mich ein wenig. Minuten vergingen, nicht viele – dann rief er an.
Ich bin ehrlich, ich liebte ihn dafür. Ich wäre zu stolz gewesen, ihn anzurufen – die Nachrichten kosteten mich schon Überwindung. Aber es tat gut, mit jemandem zu reden. Ich teilte meine Sicht über Vor- und Nachteile mit, er riet mir, den Abstieg und die damit verbundene Anstrengung in den Knien nicht zu unterschätzen. Mit ihm am Hörer spazierte ich dann irgendwie einfach… los, die lange, geplante Strecke. Und irgendwie wurde es mit jedem Schritt besser. Natürlich trug die Tatsache essentiell dazu bei, dass ich keinen Anstieg mehr vor mir hatte, sondern mehr oder weniger angenehm eben einfach… gehen durfte. Die Natur war herrlich, die Gegend wunderschön, ich genoss die Luft und das Gefühl, dass mein Körper sich mit jedem Schritt festigte. Jorah und ich unterhielten uns noch eine kleine Weile, dann legte ich auf. Kurz darauf kam eine Nachricht von ihm mit einer in meinen Plan eingezeichneten Alternativroute, einer Abkürzung. Er hatte gegoogelt und mir eine Abkürzung herausgesucht, die kurz vor mir lag – für den Fall, dass ich einen Mittelweg gehen wollte.

Ich setzte mich auf eine Bank, nahm einen weiteren Schluck Wasser und dachte nach.

Tunnelspiele und Grenzgänge

Jorah und ich hatten eine ganze Woche miteinander verbracht, was mir erst Angst gemacht, sich aber als überwiegend schön herausgestellt hatte. Es waren 8 Tage mit einem Mann in einer Wohnung, was ich seit… vielen, vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte. Ich glaube, seit ich Single bin, seit der einen Beziehung damals, nicht ein einziges Mal. Und mehr noch waren wir innerhalb dieser Woche auch noch für zwei Tage, mit Übernachtung, mit meinem Bus weggefahren und hatten zwei unglaublich schöne Tage in den bayrischen Alpen verbracht. Das Problem war… Jorah bringt Themen in mein Leben, die mich so fordern wie lange nichts mehr in Bezug auf Männer. Die diese Sache mit uns, die in meinen Texten immer sehr leicht wirkt, überschatten. Es sind Themen, über die ich bisher nie geschrieben habe und die ich gern in einem nächsten Beitrag zum ersten Mal gern in Worte fassen möchte. Ich habe seit einer Weile seine Erlaubnis und ich weiß, es würde mir helfen, darüber zu schreiben. Jedenfalls haben diese Themen in dieser Woche auch zweimal zu… heftigen, wirklich schwierigen Gesprächen geführt. Beim ersten endeten wir tatsächlich mit „vielleicht sollten wir das ein bisschen zurückfahren“, nur um dann doch noch für eine Stunde in seinem Bett zu verbringen, bis ich dann gegen halb sechs morgens in meines zurückging, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Es ist schwierig, das mit ihm. So schön wie es ist, so schwierig ist es für uns beide. Und es gibt Dinge, die mich abschrecken. Dinge, die sich… wie ein Tunnelspiel anfühlen.

Und das war es, was ich auf dieser Bank realisierte. Das, was mich schon beim Aufstieg zu Tränen getrieben hatte. Die körperliche Herausforderung war nur der Auslöser, der all das an die Oberfläche getrieben hatte. Das, was so tief in mir arbeitete, war etwas anderes. Etwas, das mir erst beim Abstieg bewusst wurde, als ich mit jedem Schritt wieder leichter wurde, weil ich meinem Auto, der Sicherheit wieder näher kam. Weil Jorahs Stimme mich beruhigt hatte. Weil er mir eine Abkürzung geschickt hatte, weil er mich kannte. Und weil erst das Wissen um die Abkürzung dazu führte, dass ich mich am Ende doch für den langen Weg entschied.

Das mit Jorah und mir ist ein Tunnelspiel. Es ist eine Herausforderung. Es ist ein Grenzgang und eine Gratwanderung. Je mehr ich mich auf die Sache mit ihm einlasse, desto mehr fühle ich, wie sehr mich gewisse Dinge fordern. Weil sie mir nicht mehr egal sind, weil nicht mehr alles außerhalb meiner Mauer stattfindet. Weil ich Dinge mehr an mich ranlasse als ich es gewohnt bin. Die Themen, die Jorah mitbringt, die Rahmenbedingungen zwischen uns beiden machen diese Sache aber so schwierig, dass es einfach… naja, es ist eben kein Flachwandern, kein Spaziergang, bei dem man einfach die Aussicht genießen kann. Ich gehe Höhenmeter, die ganze Zeit. Jeder Schritt, den ich auf ihn zugehe, ist ein Schritt am Berg.
Und ich weiß, dass ich zudem kein Mensch bin, der oben ankommt und dann sofort erleichtert ist und die Aussicht genießt. Ich bin zu sehr Kontrollfreak, um auszublenden, wo ich stehe. Bei mir kommt die Leichtigkeit erst wieder, wenn ich meinen Weg kenne, wenn ich weiß, wo ich bin, wenn ich nach unten gehe, Richtung Sicherheit.
Oder… ehrlicherweise auch dann, wenn etwas zwischendurch so schön ist, dass es mich ablenkt: Ich habe Kühe gestreichelt, saß an einem märchenhaften Brunnen und spazierte durch einen traumhaften Wald. Es gab Stellen auf der Strecke, die die Anstrengung in den Hintergrund treten ließen. Sie wechselten sich ab mit öden Streckenabschnitten in der prallen Sonne. Und das ist es eben – manchmal ist mir bei allem, was Jorah und ich machen, bewusst, wie schwer meine Atmung geht, wie anstrengend jeder verdammte Schritt ist. Dass ich mich mit jedem Schritt weiter von der Sicherheit entferne. Dass ich mich auf ein Tunnelspiel einlasse und – wenn es blöd läuft – wird es mit jedem Schritt, den ich weitergehe, auch schwieriger, wenn ich wieder zurück möchte.
Und dann, zwischendurch, fahren wir zwei Tage weg und ich bin so entspannt wie lange nicht. Dann gibt es kein Nachdenken, keine Zweifel, keine Angst. Dann sitze ich an einem See, beobachte den Hund, der schwimmt, und Jorah bringt mir ein kaltes Bier. Es sind Phasen, die sich abwechseln – genau wie auf meiner Wanderung.

Und dann saß ich da, auf dieser Bank, merkte, wie mir all das bewusst wurde und hörte schließlich die Stimme meiner Oma, die mich am Morgen noch gefragt hatte: „Ja, aber wenn du doch schon allein unterwegs bist, warum kannst du dann nicht einfach in einer schönen Gegend spazieren oder wandern gehen? Das ist doch nicht so ohne, warum muss es denn gleich ein Berg sein?“

Und ich hörte mich selbst, wie ich geantwortet hatte, mehreren Menschen in der Zwischenzeit. Wie ich versuchte, dieses Bedürfnis nach Höhenmetern zu erklären – anderen und mir selbst. Und es waren etliche Gründe, sportliche, mein Körper, Kondition, und so weiter. Aber schließlich immer ein ausschlaggebender:

„Ich brauche die Herausforderung. Ich weiß nicht“, sagte ich zu meiner Oma und auch zu anderen dann immer am Ende meiner Antwort, „wenn ich schon einige Stunden Strecke hinter mich bringe und laufen gehe, dann möchte ich am Ende merken, dass ich was geschafft habe. Dann möchte ich spüren, wo mein Limit ist. Ich vermisse es, an meine eigenen Grenzen zu gehen.“

Da ist es. Das ist die Wahrheit. Ich vermisse den Grenzgang. Ich vermisse es, mich selbst zu pushen. Ich brauche das Gefühl, ich habe meine Grenze erreicht, erkannt und entweder eingehalten oder erweitert. Die eigenen Grenzen zu kennen und zu lernen, wann man sie erweitern kann und wann man sie einhalten sollte, ist das, was mir mein Leben gerettet hat und das, was mich immer, uneingeschränkt immer weitergebracht hat. Die eigene Komfortzone zu verlassen ist der größte Kick, den ich in meinem Leben kenne. Das Gefühl, kurz vor der eigenen Grenze angekommen zu sein, durchzuatmen und sich dann langsam, vernünftig, aber Schritt für Schritt weiter nach vorn zu tasten.
Ich war immer schon so, egal, worum es ging. Wenn ich einen Sport anfange, dann so exzessiv wie es geht. Bis ich an meiner Grenze bin. Als ich studieren war, wollte ich nicht „bestehen“, ich habe nichts anderes mehr gemacht, weil ich wissen wollte, was herauskommt, wenn ich alles gebe, was ich geben kann. Als ich den Blog hier anfing, war ich nicht zufrieden mit dem „nebenbei“ – ich wollte herausfinden, ob ich davon leben kann und wie weit ich damit komme. Und immer, bei jedem Grenzgang, ist das Risiko der ständige Begleiter. Ich erinnere mich an die Festanstellung, die Kündigung. Da gab es kein Zurück. Da war ich ohne Netz unterwegs, ungesichert. Aber ich wollte es so sehr und ich liebte das Risiko. Ich fühlte mich lebendig. Ich fühlte eine unbeschreibliche Kontrolle über mein eigenes Leben, mitten in der Ungewissheit, was paradox klingt – denn ich war die Entscheidung bewusst eingegangen, ich hatte mich bewusst für das Risiko entschieden. Ich war mein eigener Herr, niemand sonst.

Das ist es. Das Gefühl, am Leben zu sein. Nicht stehen zu bleiben. Sich zu verändern. Sich auf Neues einzulassen, sich nicht von den eigenen Ängsten in der Komfortzone einsperren zu lassen, getäuscht von dem warmen, bequemen Gefühl. Ich möchte nicht abends in meinem Bett liegen und denken „hm das war ein gemütlicher Tag, ähnlich wie gestern“. Ich möchte im Bett liegen und denken „wenn ich morgen nicht mehr aufwache, dann habe ich zwar noch lange nicht alles im Leben erlebt, was ich gern erleben würde – aber die Zeit, die ich hatte, habe ich für den Weg dahin gut genutzt und ich bin so weit gekommen wie mir bis heute eben möglich war“. Und das ist ein Gefühl, das ich nicht habe, wenn ich mich selbst nicht fordere, mich nicht fortbewege, mich ausruhe.
Das Gefühl, das Leben auszukosten, habe ich im Zustand der Herausforderung. Dann, wenn ich an Grenzen gehe. Und das bedeutet nicht, dass ich nicht zwischendurch mal einen Etappenabschnitt einfach nur genießen kann, mir die Aussicht ansehen und mich ausruhen – auch das gehört dazu. Aber wenn ich schon einen Fuß vor den anderen setze, nachdem ich aufgestanden bin… nun, dann will ich einen Weg gehen, der mir ein bisschen Angst macht, aber an dessen Ende etwas Neues wartet. Und egal, was dieses Neue ist, egal, wie oft ich auf die Fresse gefallen bin auf dem Weg dahin oder wie sehr ich außer Atem bin – es ist besser als im Kreis zu laufen.

Da saß ich also, auf eigentlich gar nicht so besonderen Bank und mir wurde bewusst, dass das Bergsteigen hier ein Tunnelspiel war, ein Grenzgang und dass ich es deshalb gebraucht habe. Mir wurde bewusst, dass ich in etlichen, eigentlich den meisten Dingen in meinem Leben so getickt habe und diesen Grenzgang oft brauche. Mir wurde bewusst, dass ich 31 Jahre alt bin und mit dieser Art zu leben, rückblickend, ziemlich zufrieden bin und dass ich, sehr ehrlich zu mir selbst, ernsthaft nicht das Gefühl habe, etwas verpasst zu haben, nicht genug zu tun oder zu erleben oder das Leben nicht ausreichend auszukosten. Ich mache manche Dinge später, andere langsamer als andere – aber ich bewege mich an meinen eigenen Grenzen, auf die ich achte und die sich stetig erweitere und das ist eine bewusste Entscheidung, die ich täglich aufs Neue treffe.
Mir wurde bewusst, dass die Sache mit Jorah auch ein Tunnelspiel ist, auch ein Berg. Dass sie auch das Risiko barg, dass ich oben am Kreuz nicht ankommen und erleichtert die Aussicht genießen würde und dass auch überhaupt nicht sicher war, ob ich nachher sagen könnte, das hat sich gelohnt – oder ob ich oben ankomme und mir nur noch überlege, wie zur Hölle ich jetzt schnellstmöglich wieder runterkomme.

Und mir wurde bewusst, dass es trotz alldem ziemlich absurd wäre, mich kategorisch dagegen zu entscheiden, dieses Tunnelspiel auch nur zu versuchen – wo ich doch in genau diesem Augenblick auf dieser Bank hier saß, in 1400 Metern Höhe.

Eigene Wege

Der Unterschied zwischen einem Tunnelspiel mit mir selbst und einem Tunnelspiel in Sachen „Beziehung“, wie auch immer definiert, ist natürlich die Tatsache, dass ich die wenige Kontrolle, die es überhaupt gibt, nicht allein habe, sondern dass ich sie teile. Dass da ein anderer Mensch mitmischt, der wiederum eigene Themen hat. Dass ich ein Stück weit abhängig bin von jemandem und das wiederum ist wohl das, was bislang immer dazu führte, dass ich allein zu den heftigsten Grenzgängen bereit bin, aber immer dann eher verhalten reagiere, wenn es um andere Menschen geht. Die schwierigsten Tunnelspiele sind reiner Kick für mich, wenn ich sie allein in der Hand habe: Die Kündigung und die Selbstständigkeit war so etwas. Enormes Risiko, keine Sicherheit. Freier Fall. Ich funktionierte auf Hochtouren. Aber bei einem Mann übernachten? Mit jemanden in den Urlaub fahren? Mich emotional auf jemanden einlassen? Hmm…

Als ich auf diesem Berg entlang spazierte, war es tatsächlich Jorahs Nachricht, die da etwas in mir bewegte – eigentlich banal, ich weiß. Es war die Situation als Gesamtes, die mir irgendwie die Augen öffnete oder mir zumindest irgendetwas… klarmachte. Ich war allein auf dieser Wanderung, hier oben auf diesem Berg. Jorah liebt das Wandern, das Bergsteigen, hat da deutlich mehr Erfahrung als ich und würde sofort mitkommen, wenn ich ihn fragen würde. Einige Tage davor war er in Bayern auf einen richtigen Berg gestiegen, rund 1000 Höhenmeter – allein. Und hier war ich nun, allein. Natürlich hatte das einerseits mit unseren unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungsstufen zu tun, aber die Tour hätte man anpassen können. Und dennoch war ich hier allein, ohne… wirklich allein zu sein.
Jorah suchte sich seine eigenen Berge raus und begab sich auf seine eigenen Grenzgänge. Ich suchte mir meinen aus und mit keinem Ton kam ein „ohh da wäre ich auch gern dabei“ – er freute sich einfach für mich und fragte, ob ich ihm die Route schicken wollte, damit jemand wusste, wo ich war. Er wartete, ob ich eine Meinung hören wollte und als ich fragte, gab er mir eine Einschätzung. Jorah weiß, wie ich ticke, auch wenn er mich nicht in allem versteht. Und selbst dann, wenn er mich nicht versteht, respektiert er meine Ticks und meine Issues so sehr, nimmt solche Rücksicht, dass ich nie das Gefühl habe, es wäre ihm egal. Im Gegenteil. Da lief ich, erzählte ihm von meinen Schwierigkeiten und er… wusste, dass es mich beruhigen würde, einen Plan B zu haben. Also recherchierte er und schickte mir die Route, aber auch nur per Whatsapp, ohne mein Retter sein zu wollen und ohne ein großes Ding draus zu machen. Er schickte mir einfach eine Information, von der er wusste, sie würde mir helfen, aber… er ließ mich meine Herausforderung alleine meistern und ließ mich selbst entscheiden, was ich mit der Information anfangen würde.

Und das… ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Gefühl, das ich bei ihm nicht nur auf diesem Berg hatte.
Jorah hat so viele eigene Themen, schwierige Themen, die mich eigentlich nichts angehen, aber für die ich ein offenes Ohr habe und eine Meinung, wenn er danach fragt. Er braucht Raum und Luft zum Atmen und er geht seine eigenen Wege, wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Er stellt sich seinen eigenen Herausforderungen, ohne jemand zu sein, der irgendwann in einen „Paar-Modus“ übergeht und bei allem fragt, ob ich mitmache. Er löst seine eigenen Probleme, auch wenn er mich ab und an nach einer Meinung fragt. Gleichzeitig respektiert er, dass ich genauso meine eigenen Wege gehen möchte und muss, ohne mir einerseits ein Schuldgefühl zu vermitteln, weil ich schon wieder „bremse“, die Gesellschaft des anderen „ablehne“. Er fragt nicht proaktiv, ob er „mitdarf“, wenn ich nicht von mir aus einlade. Ich bin nie in der Situation, dass ich mich schlecht fühlen muss, weil ich ehrlich bin und sage, dass ich etwas nur für mich mache. Andererseits habe ich trotzdem immer das Gefühl, dass er irgendwie da ist. Wie auf diesem Berg: Er lässt mich mein Ding machen, aber wenn ich kurz ins Stolpern komme, dann schickt er mir einen Plan B. Und das ist ein, ich würde sagen gegenseitiges Gefühl bei uns beiden, das ich so nicht kenne. Wir brauchen beide viel Raum, wir bestehen beide darauf, unsere eigenen Schwierigkeiten zu lösen, aber wir sind beide, gegenseitig, im Hintergrund da, um mal kurz eine Einschätzung zu geben. Mehr nicht. Keine Abhängigkeit. Kein „ich brauche dich“. Nur ein „schön, dass du mir da kurz zugehört hast“ oder „danke für den Tipp“ – den Rest macht man allein. Ich liebe das.

Vor kurzem, bei einem dieser wirklich schwierigen Gespräche, redeten wir über uns.

„Weißt du, was mich am meistens von allem erleichtert?“, fragte ich ihn, „Ich habe das Gefühl, dass wenn ich in ein paar Wochen an den Punkt komme, an dem mir all diese schwierigen Dinge drumherum zu viel werden oder ich aus welchem Grund auch immer eine Pause brauche, einen Schritt zurück machen möchte, oder durchatmen muss, dann könnte ich das tun, ohne dass das hier grundlegend kaputt gehen würde. Ich hab das Gefühl, dass wir dann vielleicht das Sexuelle zurückfahren würden, aber weiterhin… eine wirklich enge Freundschaft haben. Dass wir weiterhin reden, Filme schauen oder zusammen essen. Ich hab das Gefühl, wir sind mehr befreundet als alles andere, aber sehr eng – und der Rest ist ein Bonus, der nicht einmal zwingend nötig ist, so sehr ich ihn auch genieße. Verstehst du, was ich meine?“

Ich hatte das Gefühl, nicht ausdrücken zu können, was ich meine. Aber Jorah sah mich, lächelte und antwortete: „Ich weiß. Das Sexuelle ist großartig, aber ich hab schon lange nicht mehr das Gefühl, dass das der Kern ist. Und ich hatte noch nie das Gefühl, mich so zwischen Liebe und Freundschaft zu bewegen wie bei dir – in einem Bereich, für den es kein Wort gibt. Ich mag das.“


Das war eine ziemlich lange Durststrecke, meine Lieben, durch die viele von uns gegangen sind. Die Wüste hier im Wunderland hat sich jetzt ziemlich gezogen – umso mehr war ich kurz irritiert, als es bergauf ging. Und tatsächlich habe ich jetzt schon das Gefühl, dass ich nicht einfach nur einen Hügel entdeckt habe, sondern eine ganze Bergkette, mitten im Wunderland. Das passiert eben, wenn man sich auf unerschlossenen Gebieten bewegt und sich in Gegenden herumtreibt, für die es noch keine Landkarten gibt.

Ich sitze also gerade hier und genieße die Aussicht auf einem der kleineren Berge am Rand des Massivs, gespannt darauf, wie hoch es noch hinausgeht, ob ich irgendwann umdrehen werde oder ob ich gefallen an der Höhe finde. Ob ich das Meer irgendwann zu sehr vermisse, das mir ehrlicherweise… nie ganz aus dem Kopf geht. Als würde mich auch hier oben das Geräusch der sanften Wellen immer begleiten und als würde ich manchmal gen Himmel schauen, weil ich glaube, eine Möwe gehört zu haben, dabei war es nur ein Greifvogel. Aber wie ich zurzeit immer sage: Gefühle für das eine schließen Gefühle für das andere nicht aus, worum auch immer es geht.

Ich bin jedenfalls ziemlich sicher, dass ich auch in den Bergen nicht ewig verweile – aber ich wäre nicht ich, wenn ich sie mir nicht wenigstens ansehen würde. Und ich wäre ebenfalls nicht ich, wenn ich euch nicht auch hier oben mitnehmen würde – auf ein bisschen Gewicht mehr oder weniger kommt es Ende auch nicht an. Im Gegenteil: Es stärkt die Muskeln.

Und wer weiß, wofür ich die noch brauchen werde.

4 Kommentare zu „Höhenmeter

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  1. Liebe Ophelia…
    zugegebenermaßen fehlen mir ganz schön die Worte, um das hier angemessen zu kommentieren. Ich kann nur sagen, die meiste Zeit, gerade was die große Frage nach der Liebe angeht, sprichst du mir aus der Seele. Ich weiß nicht, ob du den Bedarf hast, mein Geschreibsel zu lesen, aber tatsächlich habe ich mir kürzlich ähnliche Gedanken gemacht (ich weiß auch nicht, ob du dich erinnerst, aber wir hatten es auf Twiiter ganz kurz darüber, unter deiner Umfrage zum Thema) und meinerseits mal versucht, sie in Worte zu fassen, ich finde, es klingt ziemlich ähnlich (falls dir das zu viel ist, kannst du den Teil gerne überspringen, anderfalls hier ein Ausschnitt aus Lisas Seelentagebuch).

    „Ein anderes, damit [ich hatte es vorher über meinen eher fragwürdigen Bezug zur Sexualität] eng verbundenes Problem ist die ganze komische Sache mit der Romantik und Liebe. Das Ding ist, ich weiß in diesem Bereich NOCH WENIGER, wo der Unterschied zu anderen Empfindungen ist. „Aber warum warst du dann 8 Jahre mit deinem Freund zusammen, wenn du ihn nicht geliebt hast?“, könntet ihr jetzt fragen, aber das meine ich nicht und die Frage geht an der Sache auch ziemlich vorbei. Ich hatte in dieser Beziehung viele (für mein Gefühl, nun bin ich aber kein allgemeiner Maßstab) Momente, wo ich aus tiefstem Herzen die Worte „Ich liebe dich“ sagen konnte, und es auch so meinte. Aber was genau dieses Gefühl sein soll, von dem uns Hollywood und eigentlich so ziemlich jede Geschichte erzählt, mit der wir aufgewachsen sind, ist mir nicht klar. Ich kann klar benennen, was mein Gefühl war, als mein Freund damals nach unserem ersten Telefonat (wir hatten vorher zwei Monate lang ewig lange Nachrichten geschrieben) mit den fatalen drei Worten um die Ecke kam, das Gefühl, das mich bis heute verfolgt, wann immer jemand romantisches Interesse an mir äußert: Panik. Und nicht positive „Omg, was für ein Abenteuer, ich bin so aufgeregt!“-Panik, sondern „Ach du scheiße, ein Monster, wo ist der Notausgang?!“-Panik. Nun, damals ließ ich mich von der Panik, die sich vor allem aus der Angst speist, jemanden zu verletzen und mich wiederum fragen lässt, ob ich nicht einfach in irgendeiner Weise kaputt bin, dahin drängen, „Ich dich auch“ zu antworten, obwohl ich zu dem Zeitpunkt einfach gar nichts gefühlt habe (außer dem schrecklichen Bedürfnis, wegzulaufen und mich irgendwo zu verstecken). Im Übrigen möchte ich mal am Rande anmerken, dass ich ihn – ironischerweise – damals angeschrieben hatte (er war der Bruder des Freundes meiner besten Freundin und „soooo ein netter Kerl“, you know?), mit dem geheimen Geheimplan, eventuell und vielleicht eine Beziehung draus zu machen. Wieso, fragt ihr euch jetzt? Ich möchte das mal so beantworten, wie ich es all die Jahre auf die Standardfrage „Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“ getan habe: Ich war 16, einsam und ziemlich verzweifelt. Ja, ich wollte eine Beziehung, weil gefühlt jeder andere in meinem Jahrgang eine hatte, an mir aber so gar niemand Interesse zeigte (und ich ehrlich gesagt auch an niemandem Interesse hatte, egal wie verzweifelt ich mir das einzureden versuchte). Hätte ich gewusst, was „Interesse“ an meiner Person bei mir auslöst, hätte ich das vermutlich bleiben lassen, aber der soziale Druck damals erforderte geradezu, eine Beziehung zu führen oder wenigstens schon mal „Erfahrung gesammelt“ zu haben. Die ganze Nummer war ziemlich unfair ihm gegenüber, wenn man es mal genau bedenkt, aber geschehen ist geschehen und letztlich hat es ja funktioniert. Vielleicht auch gerade deswegen, weil mir von Anfang an die klischeehafte Verliebtheit völlig fehlte. Ich hatte nie die rosa rote Brille, keine Schmetterlinge im Bauch (höchstens gedärmefressende Würmer, wann immer ich daran dachte, dass ich eben KEINE „besonderen“ Gefühle hatte, wie man sie von mir erwartete), kein verklärtes Bild meines Abgottes von Partner. Die Momente, in denen ich sagen konnte „Ich liebe dich“, waren solche besonderer Nähe, oder wenn wir über irgendetwas Saublödes gelacht haben (zum Beispiel, um noch mal auf das Thema zurückzukommen, nach dem ziemlich verhunzten Versuch unseres ersten Mals, als wir lachend nebeneinander lagen und beschlossen haben, die Sache zu vertagen). Diese Verbundenheit, das Gefühl, bedingungslos vertrauen zu können, stummes Verstehen, wo einen „die anderen“ nicht verstehen, das ist Liebe, wie ich sie empfinde. Und da fängt das Definitionsproblem an, denn dieses Gefühl gibt es in jeder meiner engen Freundschaften. Jedes Mal, wenn ich mit – nennen wir sie Freundin A – stundenlang reglos herumhocke und wir nichts anderes tun, als in den viel zu hellen Tag zu blinzeln und unsere Geschichten auszuarbeiten oder kleine Szenen zu durchdenken, oder mit Freund B romanlange Nachrichten über das Leben und gleichfalls endlose Geschichten schreibe, basierend auf nicht mehr als stummen Übereinkünften und der gemeinsamen Liebe für ein Fandom, wenn ich mit Freundin C dieses und andere Fandoms in detailgetreuen Erörterungen zerlege und wieder aufbaue und wir uns dabei auf tiefster Ebene in unserem Nerdtum wiederkennen, oder ich meine eigenen Selbstzweifel in denen von Freundin D wiedererkenne, wenn Freundin E trotz eigenen Stresses immer noch ein Körnchen Regenbogenglitzer für mich übrig hat, ein freundliches Wort, irgendwas, das mich in tiefstem Herzen zum Lächeln bringt, könnte ich genauso guten Gewissens sagen „Ich liebe dich“. Von daher: Ich liebe euch (wirklich), und wenn ich sage, ihr seid Familie, meine ich das. Punkt. Ich kann angesichts von Freunden, die mich „vernachlässigen“, genauso eifersüchtig werden wie andere bezüglich ihres Partners, ich kann über einen Streit mit einem Freund genauso verzweifelt weinen, wie ich es über meine Trennung getan habe, und gleichzeitig gehört mein Ex immer noch zu meiner Familie, egal wie sehr er mich zuweilen nervt. Das alles ist für mich Liebe und bewegt sich auf einer Ebene, die für mich die engste emotionale Bindung bedeutet, die ich in 26 Lebensjahren empfunden habe; davon unterscheidet sich nicht die Liebe zu meiner (biologischen) Familie (gerade mit meinem Bruder verbindet mich genau dieses stumme Verständnis über alle Worte hinweg) und davon unterschied sich auch meine – per Definition der Gesellschaft romantische – Liebe zu meinem Freund damals nicht. Umgekehrt habe ich den beschriebenen Fluchtreflex gegenüber Annäherungsversuchen, die romantisch(sexuell?)er Natur sind, weil ich das Gefühl habe, es zieht mir den Boden unter den Füßen weg und ich werde in etwas gedrängt, das sich einfach nicht richtig anfühlt (oder eben gar nicht anfühlt). Ich war immer der Meinung, ich würde, wenn überhaupt, eher meine*n beste*n Freund*in heiraten, statt dem einen romantischen Partner, einfach weil ich mich bei meinen Freunden sicher fühle. Ganz anders als in dem wackligen, potentiell gefährlichen und vor allem mir fremden Konstrukt einer romantischen Beziehung. Also was zum Henker soll dann diese romantische Liebe sein, das eine, große Gefühl, von dem immer alle reden und von dem uns die Medien weißmachen wollen, es sei gewissermaßen das große Ziel? Was soll dieses ekelerregende, rosenblattbestreute, rutschgefahrschmalzige Sonnenuntergangs-Kerzenschein-IchliebedichbisansEndemeinerTageundwürdefürdichsterbenohdumeineeinzigwahreLiebe-Kitschgedöns? Ist das alles nur ein Konstrukt, dass es so gar nicht gibt, sondern andere ordnen ihre Gefühle nur – auch aufgrund der medialen Vorlage – anders ein (oder führen eben nicht so tiefe Freundschaften, ohne das werten zu wollen)? Oder gibt es das wirklich und ich verstehe es nur nicht?“

    So viel zu meinem Problem mit dem ganzen Thema Liebe (über Attraktivität, Sympathie und Anziehung könnte ich noch mehr schreiben), du siehst also, du bist keineswegs allein mit deinen Fragen (im Gegenteil, ich hatte beim Lesen diesen „Krass, sie versteht mich“-Moment 🙂 ). Bei dem Definitionsproblem, was zwischen Liebe und Freundschaft liegt, kann ich dir leider nicht weiterhelfen, zugegebenermaßen ist das für mich eben dasselbe, irgendwie, jedenfalls bei meinen richtig guten Freunden.
    Abseits davon hat mich vor allem dein Bericht über das „bremsen“ und die Mauer ziemlich getroffen (auf positive Weise), auch da habe ich mich gruselig genau wiedererkannt, und dass, obwohl ich bei weitem nicht so viel „Erfahrung“ habe wie du. Denke jetzt natürlich wieder darüber nach, ob wir alle nur jemanden wie deinen Mitbewohner brauchen und dann hätte sich das. Auch wenn ich mit meinen Ace-Freundinnen in einer Villa vermutlich auch ganz gut aufgehoben wäre, schätze ich. Katzen, Kuchen und Knoblauchbrot oder so.
    Zuletzt der dritte große Aha-Moment für mich: Die Sache mit den Herausforderungen und ans Limit gehen. Auch da kann ich, und ich weiß nicht, wie hilfreich du das findest, nur sagen: I feel you. So sehr. Ich lese diesen Text und denke stellenweise „Verdammt, wer ist diese Frau und wieso kann sie meine Gedanken lesen?“ Auch wenn ich beileibe nicht so reflektiert bin wie du (naja, hab noch 5 Jahre Zeit um auf deinen Stand zu kommen).
    Wie auch immer, ich wollte dir jedenfalls ein riesen Dankeschön dalassen, dass du deine Gedanken mit uns teilst (und meine so gut ausformulierst), und hoffe, du kannst mit meinem Kommentar irgendetwas anfangen ;).

    Beste, etwas überwältigte Grüße,
    Lisa

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  2. „Ich kann einfach nur sein“ „Ich muss nicht bremsen“ „…ob Liebe auch leise sein kann.“
    Danke für diesen für mich faszinierenden Blog.
    Diese zwei Sätze und der kurze Ausschnitt, das sind für mich Schlüsselpunkte, bei denen ich mich absolut selbst finden kann.
    Food for thought.
    Danke

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  3. Hollywood-Liebe gibt es nicht. Die Filmfiguren sind nicht echt. Du siehst eine „Liebesgeschichte“ auf 2 Std. reduziert. Darauf eine Definition von Liebe aufzubauen ist Quatsch! Liebe im richtigen Leben hat viele Facetten und Schattierungen. Es fühlt sich mit jedem Menschen anders an, weil jeder Mensch verschiedene Seiten in uns anspricht und aktiviert. Liebe definiert sich nicht eindeutig. Du sagst, uns „wird nicht beigebracht, wie wir es nennen sollen, wenn wir für einen engen Freund auch Leidenschaft empfinden.“ Ich sage: Doch! Ich nenne es Liebe! Und den Lover, dem ich auch als Freund vertraue, also das Umgekehrte, liebe ich auch. Was Liebe für Dich ist, bestimmst Du selbst ganz allein. Ich persönlich habe noch nie „Schmetterlinge“ oder das Gefühl gehabt, „ohne jemanden nicht leben zu können“ oder „auf jemanden wie XY mein Leben lang gewartet zu haben.“ Aber ich sage durchaus, dass ich „geliebt“ habe. Jede Beziehung ist in sich einzigartig, auch wenn sie dieses universelle Label von „Beziehung“ oder „Liebe“ hat. Warum quälst Du dich so mit Definitionen? Jeder Mensch liebt auf seine/ihre eigene Weise. Jeder liebt anders, und keine Liebe ist besser, schlechter, erfüllender, als eine andere, wenn sie sich für den liebenden Menschen richtig anfühlt.

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  4. Liebe Frau O,
    Du schreibst sehr ausführlich. Nur kurz von mir. Erstens, wenn jeder Mensch anders sieht, hört, denkt, warum sollte nicht jeder Mensch auch anderes fühlen? Du hast nichts verpasst, wenn dieses ich liebe dich nicht dass passende ist. Da bist du nicht allein.
    Zweitens wollte ich dir den Trauspruch des Mannes und mir verraten. Vielleicht kommt er die ja gelegen. Trauspruch ist: du stellst meine Füße auf weiten Raum. Viele Grüße
    Ina

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