Zwischen Kontrolle und Verlust

Oder: Warum Gleitgel so wichtig ist, wenn das Leben dich fickt

„Das fickt mich einfach komplett“ – ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, diese Redewendung (wenn man das überhaupt eine Redewendung nennen kann) zu verwenden, aber mir fällt in letzter Zeit häufig auf, dass ich im Gespräch mit anderen ziemlich oft sage „das fickt mich echt“, wenn mich etwas wirklich, wirklich stresst oder mir ernsthaft Schwierigkeiten bereitet.
Ich meine, was ich das denn bitte? Ist das Jugendslang, von dem nur 31jährige glauben, er sei cool? Keine Ahnung. Vielleicht bin ich auch die Einzige, die das wirklich sagt, und immer, wenn ich es sage, weiß keiner, was ich meine, aber aus Höflichkeit nickt man eben – ihr kennt das. Ich frage mich jedenfalls, was es damit auf sich hat.
Warum ich ausgerechnet jetzt darüber nachdenke, am Montagabend, den 25.01.2021, um kurz vor neun, wenn ich mit dem Laptop in der Küche sitze, mit vom Weinen geschwollenen Tränensäcken, während die Seelenschwester ihre letzten Sachen einpackt, weiß ich nicht.

Es wäre viel naheliegender, darüber nachzudenken, was jetzt kommt. Oder darüber, was die letzten sechs Jahre war. Oder auch darüber, dass heute der letzte Abend ist, an dem wir beide allein hier in der Wohnung sind – weil morgen Abend, am tatsächlich letzten Abend, ihr Freund wieder hier schläft, damit die beiden am Mittwoch frühzeitig anfangen können. Ich könnte darüber nachdenken, dass sie mir gerade eben noch ein Bild von uns beiden, zusammen mit dem Köter, ausgedruckt in die Hand gegeben hat und ich mich dafür schäme, dass ich es recht kurz angebunden entgegengenommen habe, weil ich die Tränen sonst einfach nicht mehr hätte zurückhalten können und weil ich für heute einfach genug geweint habe. Oder ich könnte darüber nachdenken, wie zur Hölle ich bis Freitagabend alles für die nächste Runde vorbereiten soll und dass ich Angst davor habe, das in dieser Situation nicht hinzubekommen. Ja, ich könnte sogar darüber nachdenken, dass ich noch keine Waschmaschine habe und dringend Wäsche waschen sollte – sogar das wäre gewinnbringender.

Aber nein, ich sitze hier und denke ständig „das fickt mich gerade hart“ und frage mich dann, warum ich das zurzeit so oft so formuliere. Denn sind wir ehrlich: An der Coolness kann es nicht liegen. Ich tippe jetzt also einfach mal weiter, lasse die Worte und jetzt gerade auch die Tränen wieder fließen, in der Hoffnung, dass es mich am Ende erleichtert und auch in der Hoffnung, dass ich eine Antwort finde. Aber erstmal…

– von vorn.


Vergangenheit,…

Es ist Montagabend, wenn ich diese Zeile schreibe. Ich beginne einen Text, von dem ich nicht weiß, was er mit mir machen wird und von dem ich auch nicht weiß, ob ich ihn beenden werde. Was ich sicher weiß, ist, dass ich ihn heute nicht mehr zu Ende schreiben werde. Vielleicht schaffe ich morgen noch ein wenig, vielleicht auch erst am Mittwoch.

Am Mittwoch – wenn meine Seelenschwester auszieht.

Ich schwanke zurzeit sehr, bewege mich irgendwie zwischen Vergangenheit und Zukunft. Schon klar, werdet ihr jetzt sagen: Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt die Gegenwart, offensichtlich, und da hängen wir immerhin alle rum – mehr oder weniger.
Nein, ich meine damit eher, dass ich sonst Zeit, dass ich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht so bewusst wahrnehme. Die Gegenwart vermutlich am meisten (ich bin ein Mensch geworden, der – zum Glück – gelernt hat, im Augenblick zu leben). Häufig auch über die Zukunft, weil ich mir gern vorstelle, was ich noch tun möchte, wo ich hinwill, wie mein Leben vielleicht irgendwann aussieht. Was die Zukunft angeht, habe ich wiederum gelernt, damit klarzukommen, dass ich einfach kein Mensch bin, der fünf Jahre vorausplant. Diese fehlende Antwort auf die Frage „wo siehst du dich in fünf Jahren?“ hat mich eine Weile elementar in die Knie gezwungen, bis mir (vor nicht allzu langer Zeit) bewusst wurde, dass es okay ist, darauf keine Antwort zu haben. Dass manche Menschen auf diese Frage keine Antwort brauchen. Und was die Vergangenheit angeht… nun ja, ich beschäftige mich durchaus mit meiner Vergangenheit. Hätte ich das nicht einige Jahre lang bewusst getan, nicht damals diese Therapie gemacht, mich nicht all meinen Dämonen gestellt… nun, ich wäre heute nicht da, wo ich bin. Aber alles, was in meiner Vergangenheit war, war bislang vielmehr ein Fall von „ich bin froh, dass es durch ist – ich muss es jetzt eben angemessen verarbeiten und daraus lernen“. Wisst ihr, was ich meine? Bei den schlimmen Zeiten ist man froh, wenn sie vorbei sind – auch wenn Veränderung immer irgendwie schwierig ist. Und ansonsten hatte ich… sagen wir, ambivalente Zeiten. Ich denke zurzeit zum Beispiel viel an meine Beziehung damals, diese eine feste, monogame, mit gemeinsamer Wohnung. Wir waren viereinhalb Jahre zusammen, haben fast die ganze Zeit zusammengewohnt und dann kam die Trennung, mehr von meiner Seite, und mein Umzug und Neustart. Das Ding war nur… ich hatte vor dieser Trennung fast eineinhalb Jahre wirklich gelitten. Es war mehr WG als Beziehung, er war depressiv, es gab keine Berührung mehr, ich hatte denselben Modus übernommen wie früher bei meiner Mutter und überhaupt bin ich dort einfach eingegangen, in jeglicher Hinsicht. Der Absprung war hart, die Trennung emotional, weil man aneinander hing und auch vieles vermissen würde, aber… da war noch sehr viel Luft nach oben.

Und jetzt? Nun, jetzt schwebe ich so hin und her, wie immer pendelnd, diesmal zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die letzten sechs Jahre waren die besten meines bisherigen Lebens. Nicht nur wegen ihr, natürlich. Ich hatte einfach zum ersten Mal mein eigenes Leben, war mein eigener Mensch, hatte den Tod meiner Mutter und damit einen Großteil meiner Vergangenheit überwunden. Ich hatte diese perfekte Wohnung, den Hund, das Salsa-Tanzen, die BDSM-Szene, musste mich vor niemandem rechtfertigen… ich durfte zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, wie es sich anfühlte, nicht für einen anderen Menschen da sein zu müssen. Es war eine Freiheit, von der ich immer geträumt hatte und es war ein Leben, das ich mir nicht einmal hätte vorstellen können. Und ja, sie hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie ist vor sechs Jahren hier eingezogen, einige Jahre jünger als ich, vergleichbare Erfahrungen hinter sich und es war eine Verbindung, die ich kein zweites Mal im Leben erlebt habe. Es ging über Freundschaft hinaus, von Anfang an. Sie wurde meine kleine Schwester und ich ihre große und wir bauten uns hier ein Leben auf, das auf einem „wir gegen den Rest der Welt“ basierte. Wir waren füreinander da, begleiteten uns durch die heftigsten Zeiten, verbrachten Weihnachten und Geburtstage zusammen, wir kennen uns so gut wie uns sonst wohl niemand kennt. Sie hat die fiesesten Panikattacken mit mir ausgesessen und ich habe sie zuverlässig aufgefangen, wenn eine Beziehung in die Brüche ging.

Und wir hatten neben den großen, bewegenden Dingen auch unseren Alltag. Wir hatten Rituale. Lächerliche Dinge, die sonst niemand versteht. Wir sagen immer dasselbe, wenn wir abends manchmal mit einem Glas Wein anstoßen. Wenn ich meinen Schlüssel suche, muss ich den Satz nur beginnen und sie sagt mir, wo er liegt. Wenn wir zusammen den Müll wegbringen und keine von uns eine Hand frei hat, haben wir eine spezielle Technik entwickelt, wie wir die Türen der Tiefgarage so lange offen halten, bis wir beide durch sind, was uns beide jedes Mal so zum Lachen bringt, dass es dann erst recht länger dauert. Wir lassen die Tür zum Bad offen, weil es keine von uns stört, die andere beim Pinkel zu hören und wenn eine von uns beiden sagt, sie hat keinen Hunger, kocht die andere immer doch ein bisschen mehr, weil spätestens, wenn das Essen fertig ist, ein „ok ich könnte doch ein bisschen was vertragen“ kommt. Wenn ich krank bin, geht sie mit dem Hund laufen und wenn sie krank ist, bringe ich ihr das „Mäh“, wie peinlicherweise ihre Schaf-Wärmflasche heißt. Ich weiß, wie sie ihren Kaffee trinkt und ich weiß, wann sie keinen Kaffee möchte. Sie weiß, dass ich es abgrundtief hasse, nasse Wäsche aufzuhängen, und kriegt mich trotzdem dazu und ich weiß, dass sie manchmal jemanden braucht, der sie daran erinnert, dass sie auf sich achten sollte.

Und jetzt geht sie, zieht mehrere hundert Kilometer weg, ich kann nicht aufhören zu heulen und merke, wie sehr mich das fickt. Und da ist es schon wieder – „das fickt mich“. Ich meine, ich sage nicht „schläft mit mir“ oder „hat Sex“, nein, ich sage „das fickt mich“. Ich meine damit vermutlich, dass es hart ist. Und heftig. Und grob. Dass es wehtut, dass das Leben gerade die Hand an meinem Hals hat und zudrückt. Dass ich keine Luft mehr bekomme und vor allem… der passive Part bin. Dass ich keine Kontrolle habe über das, was passiert. Ich mache nicht – etwas wird mit mir gemacht.

Ja, das ist es, wenn ich sage: Das Leben fickt mich zurzeit.

…Gegenwart…

Bei all diesen Vergleichen mit der Vergangenheit fallen mir aber noch andere Dinge auf.

Mir fällt auf, dass ich seit Jahren sage, dass es meine größte Angst ist, meine größte Herausforderung wird, wenn sie hier auszieht und ich vielleicht sogar „zurückbleibe“ – und dass ich jetzt hier sitze und mich dafür, dass das angeblich „meine größte Angst“ ist, mich den Umständen entsprechend ganz gut halte.
Mir fällt auf, dass ich ziemlich häufige sogar Augenblicke habe, in denen ich mich auf das freue, was kommt, und in denen ich eine überraschend lange Liste in meinem Kopf hinbekomme an Dingen, die gut, vielleicht sogar besser werden.
Mir fällt auf, dass ich natürlich jetzt, da sie geht, viel über das nachdenke, was gut war, so wie man das eben immer macht bei einem Abschied: Man denkt an die guten Dinge. Aber dass es eben auch viele Dinge gab, die mit der Zeit nicht mehr ganz so schön waren. Ich erinnere mich mehr an alles, was ich vermissen werde – und das ist okay. Aber ich vergesse dabei häufig, dass es gerade im letzten Jahr auch viele Dinge gab, die nicht mehr so gut funktioniert haben. Dinge, die ich nicht vermissen werde und vielleicht sogar Dinge, über deren Fehlen ich froh sein werde – auch wenn es sich jetzt gerade falsch anfühlt, das zu sagen.
Mir fällt auf, dass ich anders mit dieser Sache hier umgehe, oder besser: Dass ich anders darauf reagiere. Ich hatte erwartet und mich darauf eingestellt, dass ich wirklich… nun ja, dass ein wirklicher Zusammenbruch kommt. Ich glaube, ein Teil von mir hängt immer noch in dieser tiefen, tiefen Angst, dass das, was mir damals passiert ist, sich wiederholt. Dass ich mich sehr lange sehr gut halte, aber es dann eben auch nur einen Tropfen braucht, der das Fass zum Überlaufen bringt und dann kippt alles, dann verliere ich jeglichen Halt und stürze in tiefe Dunkelheit, in schwerste Depression, die dann auch mindestens Monate lang anhält. So war es früher nämlich. Mein erster Zusammenbruch endete in fast drei Jahren Anpassungsstörung, schwerer Depression und PTBS – aber ich vergesse dabei häufig, dass das die Folge von 19 Jahren Trauma war. Der zweite Zusammenbruch kam mit 24, der hielt dann schon nicht mehr ganz so lang – vielleicht ein halbes Jahr. Aber auch hier vergesse ich, dass das die Folge einer co-abhängigen Beziehung war und einem Neustart aus Umzug, Trennung und völlig neuem Umfeld innerhalb weniger Tage. Der dritte kam nach dem Tod meiner Mutter und selbst das hielt nicht mehr so lang. Und nun ja… alles, was danach kam, dauerte deutlich kürzer und war auch nicht so tief, nicht so schwer wie der jeweilige davor. Im Dezember 2019 kam ein Drop, weil die Seelenschwester ankündigte, dass sie auszieht und ich wusste, das würde mein Leben erschüttern, das ich mir doch jetzt zum ersten Mal so aufgebaut hatte wie ich wollte. Ich hatte doch endlich durchatmen können, war endlich glücklich und angekommen und wollte doch nur, dass sich die Welt jetzt bitte einfach aufhört zu drehen und jeder genau da bleibt wo er ist. Da kamen Veränderung und Kontrollverlust und eine Trennung auf einmal und ich… fiel.

Und dann… naja, dann stand ich eben wieder auf. Nicht nach Monaten, nicht nach Wochen. Nein, es waren ein paar fiese Tage und dann ging es wieder. Dann machte ich neue Pläne und – nun, den Rest kennt ihr ja.

Die Gegenwart liegt jetzt im Januar 2021 und es passiert: Sie zieht aus, mein Leben ändert sich und ich blicke der Veränderung ins Gesicht. Diesmal aber mit einem „Panta Rhei“ auf meinem Knöchel, meinem alten Bulli vor der Haustür und einer Möwe auf der Haut, die mich begleitet und die mir ständig vor Augen führt, dass das Glück, dass Erkenntnis, dass Wachstum meistens hinter den neuen Horizonten, an den unbekannten Ufern liegen.

Und ich spüre den Schmerz, aber… er ist anders, irgendwie. Ich glaube, ich mache zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung, wie sich gesunder Schmerz anfühlt. Wie sich Schmerz anfühlt, der okay ist. Der nicht aus Trauma entsteht, aus Abhängigkeit, aus ambivalenten Komplexen und dessen Auflösung nicht potentiellen Therapiebedarf hat. Es ist ein heftiger Schmerz, der mir in manchen Augenblicken beinahe die Brust zerreißt. Einer, den ich manchmal zulassen kann und den ich manchmal verdrängen muss. Einer, von dem ich durchaus manchmal glaube, er zwingt mich in die Knie, der mir unerträgliche Angst macht, der mich zweifeln lässt und der sich nicht selten mit der anschwellende, alt bekannten Panik mischt – aber auch einer, den ich relativ schnell wieder unter Kontrolle habe, wenn er mich zu überwältigen droht.
Und ich kenne das ja, dass die Dunkelheit um mein kleines, ungeschütztes Häuschen am Waldrand herumschleicht wie ein ungebetener Gast, den man nie ganz los wird. Sie klopft an, wartet aber nicht, bis man die Tür öffnet, sondern kommt einfach rein und geht auch erst, wenn sie wieder gehen möchte. Und auch dieses Mal klopft sie an, ich spüre, wie sie um mein Häuschen herumschleicht, aber… es ist als hätte ich irgendwie gelernt, ein scharfes „ich kann heute wirklich nicht!“ nach draußen zu rufen und dann die Tür abzuschließen. Sie ist nicht weg, ich spüre sie in meinem kleinen Vorgärtchen herumlungern und mein Gemüse zertrampeln. Aber ich schaffe es immerhin, sie nicht ganz rein zu lassen.

Und der Schmerz, der übrig bleibt, ist… hart und ich würde gern auf ihn verzichten, aber er fühlt sich anders an als der Schmerz, den ich kenne. Er fühlt sich an, als würde er zum Leben dazu gehören. Gesund und okay und ein bisschen heilsam. Ich muss häufig an eine Metapher denken (ich weiß nicht, aus welchem Buch oder Film ich sie habe, aber sie geht mir nicht aus dem Kopf). Es war etwas, das jemand zu einem Kind gesagt hat: Man sollte niemals einer Raupe dabei helfen, aus ihrem Kokon zu schlüpfen, egal wie sehr sie kämpft und wie schmerzhaft der Ausbruch auch aussehen mag. Denn nur durch diesen Kampf gewinnen ihre Flügel die Stärke, die sie später brauchen, um fliegen zu können.
So fühlt es sich an. Nach Wachstumsschmerz. Ich spüre den Phönixmoment – ich weiß, dass ich in ein paar Wochen stärker sein werde, mit noch robusteren Flügeln. Ich spüre den Schmerz, der zur Entwicklung unabdingbar dazu gehört und der einem erlaubt, wieder einen Schritt weiterzugehen. Den Schmerz, den das Leben nun mal für einen bereithält.

Und wie wir wissen, ist Schmerz ja nicht immer etwas Schlechtes. Bisweilen sogar etwas… ziemlich Gutes. Ab und an sogar etwas, das man von sich aus sucht. Das man sich im Augenblick wünscht. Etwas, das… erregt. Und befreit. Und einen durchatmen lässt. Etwas, das den Kopf reinigt und das in Kombination mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust sogar dazu führen kann, dass man im Anschluss befreit atmen kann und nach einem guten Orgasmus erschöpft auf dem Bett und liegt und lächelt.

Ich meine… ich kenne das doch von Sessions.
Oder von gutem Sex.

Also zumindest dann, wenn es harter Sex ist. Wenn ich – nun ja…

…wenn ich richtig gefickt werde eben.

…und Zukunft

Ich blicke verhältnismäßig häufig in die Zukunft zurzeit. Auch das ist neu. Auch das kenne ich nicht wirklich von solchen Schwierigkeiten. Meisten denke ich akribisch über die Vergangenheit nach, um alles zu analysieren und daraus zu lernen, oder ich konzentriere mich ganz bewusst auf die Gegenwart, im Sinne all meiner Techniken zum Umgang mit Angst und Panik. Dieses Mal schmiede ich Pläne – und das fühlt sich gut an.

Durch Corona war ich letztes Jahr über Monate hinweg in einer Wohnung wortwörtlich eingesperrt, in der insgesamt 4 Menschen plus Hund 24/7 zu Hause waren, im Home Office. Für gewöhnlich war ich es immer gewohnt, morgens aufzustehen und allein zu sein, dann die Wohnung den Tag über für mich und abends dann Gesellschaft zu haben. Die WG war im zwangs-Homeoffice und ihr Freund hat ebenfalls hier gewohnt. Die Ruhe hat mir so gefehlt, dass ich mich bei einem Freund im brach liegenden Studio einquartiert hatte, um arbeiten zu können. Im Sommer zog dann der Mitbewohner aus, ihr Freund kurz ein, dann auch wieder aus und anschließend war sie viel bei ihm. Oft für Tage, manchmal für Wochen am Stück. Durch Corona gab es keine Ablenkung, keine Events, kein Salsa – und ich erlebte das Gegenteil: Sehr viel Ruhe, sehr viel Zeit allein. Nur irgendwie… fühlte es sich meistens nicht so an. Ich war an der Ostsee, hatte Kontakte in ganz Deutschland verteilt, mit denen ich online viel kommunizierte. Ich kaufte mir den Bus, der mich auf eine mir bislang unbekannte Art mit der Welt verband und ich entdeckte das Reisen für mich. Wenn ich mir überlege, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich das alles machen kann und dazu noch am Wochenende auf Events bin und unter der Woche tanzen gehen kann, dann… nun sagen wir, langweilig wird es nicht.
Und dann kam Weihnachten und all meine alten Dämonen kratzten an mir und ich hörte täglich ihr „November und Dezember sind aber deine schlimmsten Monate“ und „über Weihnachten allein zu sein – das schaffst du jetzt aber wirklich nicht“ und „da brauchst du Gesellschaft, sonst fällst du in ein Loch“. Und ihr wisst alle, was passiert ist – im Dezember war ich fast durchgehend allein und… es kam kein einziges Loch. Ich habe gearbeitet, ich habe telefoniert, hatte gute Kontakte, die mich über Wasser hielten. Manchmal war es besser, manchmal nicht ganz so gut – so wie immer. Aber es war okay. Mehr als das.
Und Weihnachten war anders, aber um ehrlich zu sein nicht weniger gut. Ich weiß noch, wie ich an Heilig Abend kurz in mich ging und den kleinen Stapel Päckchen betrachtete, den ich aus ganz Deutschland bekommen hatte und dachte… „wie kannst du dich ernsthaft manchmal einsam fühlen? Schau dir doch an, wie viele Menschen du in deinem Leben hast.“ Und dann stand Silvester vor der Tür und ich war eingestellt auf meinen ersten Jahreswechsel allein zu Hause und gerade in dem Augenblick, als ich mich auch damit angefreundet hatte, kam eine Lösung. Und das Ende vom Lied war, dass ich Anfang Januar der Seelenschwester sogar riet, noch ein paar Tage länger zu bleiben, weil ich es wirklich genoss, allein sein zu können und die Wohnung für mich zu haben.

Und jetzt sitze ich hier (mittlerweile ist übrigens Dienstagabend, also der offiziell letzte Abend mit ihr hier und sie streicht gerade noch) und ich weiß, dass ich ab morgen allein hier wohnen werde. Ja, ich habe mittlerweile einen Mitbewohner, über den ich froh bin. Sehr sogar… aber er hat hier nur einen Zweitwohnsitz und kommt sporadisch alle 7 bis 14 Tage mal für zwei Nächte vorbei. Das tut gut, ich mag das Intervall. Und auch er selbst tut mir gut – aber grundsätzlich werde ich allein hier wohnen. Und so sehr mich diese Vorstellung meistens irgendwie… nun ja, fickt – so effektiv sind ein paar Gedanken, die ich mir immer wieder vor Augen halte. Es sind Gedanken, die direkt in die Zukunft blicken:

1. Alleine zu wohnen ist nichts, was „mir passiert“, sondern eine bewusst getroffene Entscheidung.
Sie hat mich über ein Jahr gekostet, ich habe in diesem Jahr viel gelernt, viel begriffen und viel erkannt. Ich habe mich mit dem Thema auseinandergesetzt und bin durch viele meiner Ängste durch. Bis zuletzt, als ich dachte, allein wohnen ist vorerst richtig, aber nicht in der Wohnung, weil ich ohne sie nicht hier bleiben kann – das war ein alter Glaubenssatz, den ich mir seit Jahren gesagt habe und den ich als Horkrux enttarnt habe in dem Augenblick, in dem ich eine neue Wohnung besichtigt und gemerkt hatte, dass ich eigentlich gar nicht ausziehen möchte.
Ich bin nicht einsam, ich werde nicht „verlassen“. Es ist nicht so, dass ich unbedingt noch eine/n MitbewohnerIn finden wollte, aber niemand mit mir zusammen wohnen möchte. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, vorerst allein zu wohnen, weil ich es in den letzten Monaten genossen habe – sollte ich nach einigen Wochen oder Monaten merken, dass ich eben doch ein WG-Mensch bin, dann steht es mir jederzeit frei, mir jemanden zu suchen.

2. Ich muss mich nicht mehr einschränken.
Wir haben uns auseinander entwickelt, das ist Fakt. Darüber haben wir beide schon häufig gesprochen, das ist uns beiden bewusst und das ist auch völlig normal. Unsere grundlegende Verbindung blieb immer bestehen, wir sind… ja, wir sind Familie. Aber unsere Wege gehen seit rund zwei Jahren doch recht weit auseinander, was sich auch jetzt deutlich zeigt.
Ich bin selbstständig, habe ein unbeständiges Leben, den Bus, meinen kinky lifestyle und genieße einfach die Reise, wohin auch immer sie mich bringt. Sie wiederum zieht jetzt aufs Land, mit ihrem Freund zusammen, in einen Ort, in dem die einzige öffentliche Anbindung der Schulbus ist und in dem jeder jeden kennt. Ich bin kein Fan von ihrer Entscheidung – das weiß sie. Sie ist ein Freigeist und ich habe Angst, dass sie zu wenig Inspiration, zu wenig Input bekommt. Die Beziehung ist und war nicht die einfachste, beide stehen nicht wirklich mit beiden Beiden im Leben und das größte Problem, das ich sehe, ist eine Abhängigkeit, die zwangsläufig entstehen wird, weil er ihr einziger Kontakt dort ist. Keine berufliche Perspektive, kein soziales Netz, keine Verkehrsanbindung (und kein Auto).
Ich würde niemals tun, was sie jetzt im Begriff ist zu tun – was nicht heißt, dass ich nicht hinter ihr stehe und sie unterstütze. Ich muss aus meinem „große Schwester“-Modus aussteigen und sie ihre eigenen Erfahrungen machen lassen, das weiß ich. Fakt ist aber, dass sie mit meinem Lifestyle in den letzten Jahren immer weniger anfangen konnte. Sie war tolerant, sie war früher mit mir auf Events unterwegs, aber BDSM selbst ist kein wirklicher Teil ihres Lebens und ihre Toleranz hat ihre Grenzen, wenn es darum geht, innerhalb der Wohnung Kinks auszuleben. Das verstehe ich und habe ich immer respektiert – eine WG ist ein Kompromiss. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es nicht häufig vermisst habe, hier einfach tun und lassen zu dürfen, was ich möchte. Wenn ein Mann bei mir oben ohne Fenster putzen möchte, weil er drauf steht und ich drauf stehe, dann… why not? Bisher waren gewisse Dinge einfach nicht möglich.
Ein weiterer Horkrux, den ich mittlerweile entdeckt habe, ist mein Satz „Ich möchte keine Männer in meiner Wohnung“. Männer mit sexuellem Kontakt waren ein Tabu hier – dachte ich immer. Sagte ich immer.
Fakt ist aber auch, dass ich in ihrer Gegenwart schlicht und ergreifend nie den Sex haben konnte, den ich gern habe, weil sie sich dabei unwohl fühlt und ich dann lieber verzichtet habe. Allerdings hatte ich durchaus schon Männer in meiner Wohnung, wenn ich allein war und das war mehr als in Ordnung.

Und ebenfalls ein klarer Fakt ist, dass es tausend Dinge gibt, auf die ich – abgesehen von Corona – Lust habe und die ich nur machen kann, wenn ich die Wohnung für mich habe. Ich genieße es, morgens allein zu sein und Yoga machen zu können. Ich möchte abends einladen, wen ich möchte und ich möchte hier kinky sein dürfen, wenn mir danach ist. Ich möchte meine Heels offen herumstehen lassen können, weil es niemanden stört und ich möchte meine kinky Menschen einladen können mit der Möglichkeit, den Abend entgleiten zu lassen, ohne dass sich jemand in der Wohnung unwohl fühlt. Ich möchte Freiheiten und ich möchte mich nicht mehr einschränken müssen. Ich möchte Besuch bekommen können, was immer mir danach ist. Allein wenn ich darüber nachdenke, ist es richtig, dass wir beide zumindest räumlich getrennte Wege gehen.

3. Ich kann die Wohnung endlich einrichten wie ich es möchte.
Ich liebe diese Wohnung, wirklich. Aber nach sieben Jahren WG mit wechselnden Mitbewohnern bleibt eben viel auf der Strecke. Die Wohnung selbst ist ein Glücksgriff – Neubau, bodentiefe Fenster, im Großstadt-Einzugsgebiet, aber weit genug draußen für den Hund. Zweiter Stock, Balkon, zwei Bäder, was für eine WG grandios ist. Und durch ein neu entstandenes Wohngebiet, das erst in den letzten Jahren so beliebt geworden ist, eine leistbare Miete.
Ich liebe alles daran – aber die Einrichtung ist eben so eine Sache. Mein Traum in Bezug auf einen Umzug war die Möglichkeit, die Hälfte loszuwerden und neu anzufangen. Eine Wohnung nicht so einzurichten, wie ich es mit 24, nach einer heftigen Trennung, völlig verloren in der Welt, gemacht habe – sondern so, wie ich es mit 31 gern machen würde, als junge Frau, die ihren Platz in der Welt zumindest halbwegs gefunden hat, selbstständig ist, ihren Traumjob verwirklicht hat, ihre Freiheit genießt und sich irgendetwas zwischen „sehr jung“ und „erfahren genug“ fühlt. Ich bin erwachsen – das ist ein tief sitzendes Gefühl, das ich mit 24 nicht hatte. Und ich möchte die Wohnung so einrichten, dass sie das – und vieles mehr – widerspiegelt.
In den letzten Wochen habe ich eine Unmenge an Möbeln und Gegenständen bei Ebay verkauft und ich habe… sagen wir, große Pläne, die für mich einem Neuanfang gleichkommen. Ich werde das gesamte Wohnzimmer ausräumen, alle Wände streichen und habe mir zu meiner Bücherwand eine Leiter gekauft für eine Leseecke, was immer mein Traum war. Ich werde die Küche renovieren, die beim Einzug bereits alt und gebraucht war, weil keiner von uns sich viel mehr leisten konnte, und die mich seit Jahren stört, weil ich so gern koche, aber die Küche so hasse. Ich werde den Gang streichen und ein übergroßes Poster aufhängen, über eine dunkle Anrichte, von Tizians „Venus mit dem Orgelspieler“ – das Bild, das Severins Freund in „Die Venus im Pelz“ zu Beginn des Buches bewundert. Und ich werde meinen Arbeitsplatz aus dem kleinen, dunklen Erker nehmen und in den Wohnbereich umquartieren, während der Erker, als Durchgang zu meinem Schlafzimmer, in Zukunft meine Kleider und Outfits beherbergen wird. Ein bisschen wie ein begehbarer kinky Kleiderschrank. Ich werde viel selbst bauen, das habe ich durch Olaf gelernt, und ich werde mich hier so ausleben, wie ich es nie vorher getan habe.

Ich habe mir ein paar Dinge gegönnt, was dazu führt, dass ich einiges habe, was hier anders wird und vor allem: worauf ich mich freuen kann. Es wird ein Neuanfang. Und Neuanfänge sind immer schwierig, aber auch immer nötig und eigentlich immer am Ende gut.

4. Ich bin nicht diejenige, die einsam zurückbleibt.
Es war immer meine Horrorvorstellung, hier zu bleiben, wenn sie geht. Weil sich „umziehen“ immer wie ein Schritt „nach vorn“ angefühlt hat und ich Angst hatte, mich dann zu fühlen, als würde ich „zurückbleiben“, vermutlich einsam, während sie „nach vorn“ geht.
Nun, die Wahrheit ist: Meine Angst vor Einsamkeit, vor diesem „Verlorensein in der Welt“ und „nirgendwo hingehören“ sitzt einfach sehr tief, sie ist ein alter, treuer Begleiter von früher. Aus einer Zeit, in der ich genau das war und auch einer Zeit, in der ein Mensch eigentlich das Gegenteil fühlen sollte, weil manche Gefühle aus der Kindheit einfach Weichen legen. Aber heute bin ich erwachsen und ich beginne langsam, mich damit abzufinden, dass ich diese alte Ur-Angst vielleicht niemals zu 100% werde abschütteln können, und zu erkennen, dass das vielleicht kein Drama ist. Denn egal, wie stark sie manchmal ist: Ich glaube, mein Vertrauen ist mittlerweile stärker. Ich will jetzt irgendwie nichts „beschreien“ und ich merke noch im Augenblick, in dem ich das so schreibe, die Panik aufsteigen. Wie eine Stimme, die sagt… „so sicher bist du dir also? Na das wollen wir doch mal sehen“. Aber… ich bleibe dabei: Mein Verstand weiß es besser – auch dann, wenn es sich nicht so anfühlt.

Ich bin jedenfalls nicht einsam, im Gegenteil. Es gab einen einzigen Abend, an dem sie ehrlich war und ihre Zweifel zugegeben hat. Und ja, ich glaube ernsthaft, dass wenn eine von uns beiden sich in einigen Monaten einsam fühlen könnte, dann werde das nicht ich sein. Ich habe zwar keine feste Beziehung so wie sie, aber ich habe viele, viele andere Menschen in meinem Leben, während sie… ich weiß nicht, was sie macht, wenn es Streit gibt. Da gibt es sonst keine Kontakte, kein „kann ich vorbeikommen?“, kein spontanes Treffen. Sie hat nur ihn. Sie kann mich anrufen, das weiß sie, aber… nun, ich verstehe es nicht, belassen wir es dabei. Sie weiß, dass ich immer für sie da bin und ich wünsche ihr, dass es so wird, wie sie es sich vorstellt, aber… ja.
Mein „andere haben eine Beziehung und sind damit automatisch im Leben angekommen und ich bleibe als Single einsam zurück“ ist jedenfalls… nun ja, es ist Bullshit, es ist ein alter Glaubenssatz, der keinen Funken Wahrheit enthält.

5. Bilder im Kopf
Ich bin ein Mensch mit ausgeprägter Fantasie. Ein Mensch mit gutem Vorstellungsvermögen und ich zeichne gern Bilder – nichts Neues für euch, ich weiß. Jedenfalls merke ich häufig an neuen Situationen, ob meine Intuition an Bord ist, wenn in meinem Kopf Bilder entstehen.

Und ich sehe mich hier, in meiner neuen Küche sitzen, morgens in einem schwarzen Kimono mit dem Laptop den ersten Kaffee trinkend. Ich sehe mich, wie ich nach einem Fetisch-Event noch eine Handvoll Leute zu mir nach Hause einlade, weil ich niemanden störe und weil ich weiß, dass es eskalieren darf. Ich sehe mich in einer sehr erwachsenen Wohnung, nach meinem Geschmack eingerichtet, die Zeit meiner Zwanziger, meiner Findungsphasen, meiner Zweifel, meiner schlimmen Tiefs und Therapien und der harten Arbeit zu großen Teilen hinter mir – ein neues Kapitel vor mir, in dem es um andere, neue Dinge geht. Ich sehe mich im Sommer auf dem Balkon sitzend, allein mit einem Glas Rotwein und einem Buch und dann wieder mit vielen Menschen, die ich zum Grillen eingeladen habe.
Ich sehe, dass Paris doch noch im Laufe des Jahres eine Wohnung hier in meinem Teilort findet, in den er mittlerweile ziehen möchte, weil er perfekt für seine Arbeit liegt und wie er mir abends schreibt, dass er Feierabend hat und ob er noch schnell etwas zu Essen vorbeibringen soll und ich sehe, dass wir beide einen Kompromiss gefunden haben, mit dem wir uns nah sind, auch räumlich, aber ohne zusammen zu wohnen. Ich sehe ein Jahr vor mir, in dem Corona sich langsam verabschiedet und in dem langsam aber sicher wieder all die Dinge möglich sind, die wir alle so vermissen und die natürlich Situationen wie diese hier per se nochmal schwieriger machen als sie es vielleicht wären, wenn die Welt, die wir kennen, noch Bestand hätte.

Ich sehe Bilder in meinem Kopf und so präsent der Schmerz gerade ist: Es sind gute Bilder.

6. Neue Kapitel und Phönixmomente
Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich hier schon darüber geschrieben habe, dass ich mit Veränderung einfach nicht so klarkomme wie „normale“ Menschen. Keine Ahnung, was normal ist. Vermutlich ist es eher „normal“ sich an denen zu orientieren und sich mit denen zu vergleichen, die es besser können. Denn in solchen Augenblicken ist alles, was ich denke: Warum kannst du nicht sein, wie diese Menschen, die sich freudig in Neues stürzen und Veränderung zelebrieren? Nun, ich bin es einfach nicht. Ich wehre mich gegen Veränderung, ich komme nicht mit ihr klar.
Und noch während ich diesen Satz schreibe, muss ich an mein Vorhaben denken, Horkruxe zu finden – alte Glaubenssätze zu enttarnen. Denn so ganz stimmt das auch nicht. Okay, ich zelebriere Veränderung nicht immer, ich stürze mich nicht immer nur in Neues, aber… es ist auch nicht so, dass ich mich immer dagegen wehre. Der Cut mit 19, der Neuanfang mit 24, das waren große Schritte ins Unbekannte. Und auch zwischendurch gab es viele neue Dinge, viel Veränderung, auf die ich mich eingelassen habe – ich muss nur 2020 anschauen. Und auch die beiden Neuanfänge – Gott, war das hart, aber… es war danach immer so viel besser als davor. Es ist immer diese eine heftige Phase und dann wird es besser. Dann lösen sich Dinge auf. Dann wird man stärker, man ist einmal mehr verbrannt, direkt durch das Feuer gegangen, hat es ausgehalten und dann ist man neugeboren, stärker als zuvor und noch ein bisschen mehr man selbst. Es sind die Phönixmomente, die… ja, die dich ficken, aber die dich auch stärker machen.
Und ich kann jetzt noch so lange darüber nachdenken, warum ich immer so intensiv fühle, warum mich manche Dinge so tief fallen lassen, warum die Panik, die Angst bei mir so viel präsenter zu sein scheint als bei anderen. Warum ich nicht einfach nur weinen kann, so wie andere, und dann geht es wieder – sondern ich immer, wenn ich negative Emotionen zulasse, sofort in diesen Abgrund stürze, umhüllt von der Angst, nie wieder Boden unter mir zu spüren, auf ewig in der Dunkelheit, im Schmerz zu versinken. Ich kann die Antwort in meiner Kindheit suchen, in meiner HSP, meiner ausgeprägten Fantasie, der Kreativität, die bei künstlerischen Gemütern nicht selten auch dafür bekannt ist, intensive Emotionen zu verursachen, was nicht immer etwas Gutes ist.

Oder ich frage mich stattdessen, warum ich nicht nur mehr Angst, sondern manchmal vielleicht auch mehr Mut als andere in mir trage. Warum in meinem Kopf manchmal Bilder entstehen, die sich andere nicht vorstellen können. Ob es nicht vielleicht auch sein könnte, dass ich von anderen einfach nicht mitbekomme, wie heftig solche Veränderungen für sie sind, weil… viele sich in solche Situationen gar nicht erst wagen. Weil viele Menschen nicht ehrlich zu sich sind und lieber in Gewohntem bleiben als den Sprung ins Unbekannte zu wagen, weil es… vielleicht ja auch ein ganzes Stück besser werden könnte. Ich könnte aufhören mich zu fragen, ob ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der so intensiv fühlt, so heftige Einbrüche hat und ob das bedeutet, dass ich eben doch nicht so stark bin wie ich denke, dass ich instabiler und ängstlicher bin als andere.

Oder ich frage mich, wie viele Menschen es gibt, die mit einer ähnlichen Geschichte wie meiner nicht in Abhängigkeiten, Drogen- oder Alkoholprobleme gerutscht sind, die nicht ein 08/15-Leben führen, weil sie nicht über ihren Horizont hinausblicken, die aus dem Nichts eine Selbstständigkeit aufgebaut haben, die sich ihren Ängsten regelmäßig stellen, bereit sind zu wachsen, obwohl es so hart ist und die sich an neue Kapitel trauen, obwohl sie wissen, was auf sie zukommt.

Ich könnte darüber nachdenken, ob ich ängstlicher, weniger stabil und schwächer bin als andere, weil sie diese Einbrüche nicht haben. Oder ich könnte endlich darüber nachdenken, dass gerade weil ich diese Einbrüche habe, ich mich aber dennoch nicht von ihnen abschrecken lasse, sondern sie als Phönixmomente erkenne und dann erst recht durch sie durch gehe, mich das vielleicht mindestens so stabil, mindestens so stark und mindestens so mutig macht wie andere.

Ich denke, ich entscheide mich für letzteres – und wenn ich in den nächsten Tagen allein, heulend, einbrechend und zweifelnd auf dem Boden sitze, weil das Leben mich fickt, dann werde ich mir diesen Text hier nochmal durchlesen und meinen Verstand arbeiten lassen.

Denn vielleicht geht es am Ende nicht darum…. nie vom Leben gefickt zu werden.
Vielleicht sage ich nicht umsonst „das fickt mich“.
Vielleicht brauche ich den Schmerz manchmal einfach.
Vielleicht ich kein Mensch, der immer nur vom Leben auf die Stirn geküsst und gestreichelt werden will und der alles meidet, was ein bisschen härter ist.

Vielleicht bin ich einer der Menschen, die manchmal gern für ein paar Augenblicke dem Leben die Kontrolle übergeben. Nicht weil es ihnen nicht schwer fällt. Nicht weil sie sich leicht fallen lassen können. Nicht weil sie keine Angst davor haben, dabei Schaden zu erleiden.
Sondern weil das Leben sie früher schon ziemlich hart rangenommen hat, ohne Vorbereitung, ohne Absprache, und anschließend ihre Klamotten versteckt hat, sodass sie nackt und gedemütigt nach Hause gehen musste. Und weil sie mittlerweile gelernt haben, die Blicke auf der nackten Haut zu genießen, falls das Leben wieder auf dumme Gedanken kommt. Weil sie aus Erfahrung immer eine Tube Gleitgel bei sich tragen, just in case. Und weil sie wissen, dass es manchmal hart sein kann, vom Leben gefickt zu werden, aber dass sie danach befreit durchatmend, erschöpft, aber glücklich in den Spiegel sehen, frisch gefickt, mit zerzausten Haaren und geröteten Wangen – und stolz auf sich sind.

Ja.

Vielleicht gehöre ich ja zu diesen Menschen.



Mittlerweile ist Mittwoch, kurz nach 14 Uhr, das Zimmer ist leer, die beiden laden den Rest ins Auto und werden in den nächsten zwei Stunden fahren. Gestern Abend kam die Panik. Und sie ging wieder. Vielleicht kommt sie wieder – falls ja, wird sie sicher auch wieder gehen. Vielleicht schleicht sie aber auch weiter für die nächsten paar Tage in meinem Vorgarten herum und zertrampelt mein Gemüsebeet, den Blick zum Leben gerichtet, in der Hoffnung ein „gut gemacht“ zu erhaschen. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich weiß, dass was auch immer es ist: Es wird auch wieder gehen.
Ich weiß, dass ich lernen muss, die richtigen Fragen zu stellen und nicht zu verzweifeln, weil mir die falschen Antworten fehlen.
Ich weiß, dass ich zu den Menschen gehöre, die sich dem Schmerz bereitwillig stellen, weil sie wissen, was er mit einem machen kann und ich weiß auch, dass es okay ist, gefickt zu werden, weil man sich danach manchmal… befreit fühlt, wenn es davor, richtig hart war.
Und ja, ich weiß, dass ich das Leben manchmal in seine Schranken weisen muss, weil ich am Ende des Tages einfach dominant bin und gern die Kontrolle habe…

…aber dass es bisweilen auch eine ganz gute Idee sein kann, nicht auf den Augenblick zu warten, an dem das Leben einen im Metakonsens überrascht, sondern sich stattdessen umzudrehen, ihm stolz in die Augen zu sehen und mit herausfordernder Stimme zu sagen:

Fick mich.

2 Kommentare zu „Zwischen Kontrolle und Verlust

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  1. Deiner Genialität zu reflektieren und die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden, scheinen die jetzt stattfindenden Ereignisse keinen Schaden zugefügt haben.
    In meine Augen bist Du wirklich die tollste Frau die ich kenne.

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  2. Hey Ophelia,

    dieser Text, die Schreibweise, dass entstehen der Bilder in meinem Kopf sind der Grund wieso ich immer wieder hierher komme und ungläubig, wissbegierig und hin und wieder auch neidisch denke „Wow, das würde ich auch gerne mal so erleben bzw. sehen können.“

    Ich frage mich ob man Menschen wie dir ansieht, dass Sie solche Phönix-Momente erlebt haben oder gerade erleben und ob man Ihnen dabei helfen kann, durch sie zu wachsen.

    Mit dieser Frage im Zusammenhang steht auch die nächste meiner Fragen (Wie immer gilt beantworte nur Fragen bei denen du dich wohlfühlst und die nicht schon 100 mal beantwortet wurden): Glaubst du, es ist möglich einen solchen Menschen im direkten Umfeld zu „haben“?

    Ich wünsche dir und deiner Seelenschwester jedenfalls, dass ihr weiterhin einen so tollen Kontakt habt und es schafft eure Träume zu verwirklichen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marcel

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