Die dunkle Seite der Macht

Oder: Über kontrollierten Sadismus

Wenn BDSM zum Kampf wird

Was bedeutet das? Wozu macht mich das? Warum ist das so? Was sagt das über mich? – es diese und tausend weitere Fragen, die ich mir wieder und wieder stellte, als ich begann, in diese Szene einzutauchen.

Ich denke heute im Rückblick, es waren Zeiten und Fragen, die viele von euch kennen – aus eigener Erfahrung. Und ich denke auch, dass es in gewisser Weise normal ist, sich diese Fragen zu stellen, wenn man beginnt, seine BDSM-Neigung auszuleben – gerade dann, wenn man eben nicht ganz natürlich damit aufgewachsen ist, sondern all das recht plötzlich entdeckt und dann – wie ich – nicht genug davon bekommt und dazu tendiert, die eigenen Grenzen aus dem Blick zu verlieren.

Die Kurve habe ich immer so gekriegt, dass mir die ganz schlimmen Dinge erspart wurden. Die, von denen mir heute andere erzählen und gegen die ich hier versuche anzugehen. Darüber bin ich froh und darauf bin ich stolz, denn selbst meine eigenen Missbrauchserfahrungen schaffte ich, in einem Rahmen zu halten, der mich nicht gebrochen hat.

Aber es war Arbeit, manchmal sogar ein Kampf.

Ein Kampf gegen dieses innere Bedürfnis nach mehr, obwohl man weiß, man hat seine eigene Grenze erreicht. Ein Kampf gegen etwas, das mit einer Sucht vergleichbar ist. Ein Kampf gegen die Versuchung.  Manchmal ein Kampf gegen andere, meistens aber ein Kampf gegen sich selbst.

Ich weiß, BDSM sollte kein Kampf sein – aber das geschieht eben in ungesunden Konstellationen und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn BDSM zu einem eben solchen Kampf wird. Wenn du ständig gedrängt und gepusht wirst. Wenn jemand versucht, dich zu manipulieren und irgendwann deine Stärken gegen dich verwendet. Deinen Ehrgeiz triggert. Dich dazu bringt, gegen deine eigene Vernunft zu arbeiten. Es ist eine Erfahrung, die mir vermutlich nicht mehr passieren wird – vielleicht gerade deshalb eine wertvolle, so absurd sich das anhört.

Es war also gleichermaßen Ekstase wie Kampf, als ich meine submissive Seite Stück für Stück von der Leine ließ. Meine masochistische Seite entdeckte, auch wenn sie nicht sonderlich ausgeprägt ist. Und meine innere Bestie nicht nur von der Leine ließ, sondern dazu brachte, mich auf ihrem Rücken zu tragen und mit mir durch die Nacht zu fliegen.

Weiße Magie

Nach ersten Erfahrungen auf der passiven Seite erlaubte ich mir schließlich, auch die andere Seite genauer zu betrachten. Ich hatte immer gewusst, geahnt, dass ich mindestens eine dominante Seite in mir trage, dass ich Reiz darin sah, dass ich das durchaus… konnte. Wie stark sich diese Seite entwickeln würde, nun, damit hatte ich nicht gerechnet. Vor allem nicht, wenn ich bedenke, wie schwierig und ambivalent, wenngleich reizvoll die ersten Schritte hier waren.

Ich möchte versuchen, euch ein paar Aspekte der Dominanz, oder besser: meiner Dominanz zu erklären (in den folgenden paar Abschnitten sind einzelne Absätze aus einem Archiv-Text kopiert, nur um das der Vollständigkeit halber zu erwähnen).

Ich experimentiere gern. Ich mag Abwechslung. Ich bin definitiv alltagsdominant und ich merke ganz deutlich, dass der dominante Part sich natürlicher anfühlt. Während meine devote Seite eine rauschhaftes Rollenspiel sein kann, das Ausleben einer Fantasie, ist meine dominante Seite eine… sagen wie sehr stark überzeichnete Version meiner Selbst. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurden mir die einzelnen Komponenten klar:
Die Kontrolle ist die Basis für mich. Der Kontrollfreak in mir wird zum Spielkind, wenn jemand vor mir fixiert ist und mir ausgeliefert, wenn ich alles bestimmen und entscheiden darf. Kontrolle zu haben ist einfach etwas, das mir Sicherheit gibt und dazu führt, dass ich mich wohl fühle. Der Aspekt der Kontrolle ist das, was es für mich bequem macht, angenehm. Das, was die Session in Watte packt. Ich bin dann in meinem Element. Kontrolle zu haben ist für mich das Wasser für den Fisch.

Ich liebe es, angebetet zu werden. Ich muss keine übertriebene Godess-Domina sein und grundsätzlich bin ich in jeder Konstellation für Augenhöhe außerhalb der Session. Ein Mann muss nicht den Boden küssen, auf dem ich gehe. Wenn Männer das zu übertrieben machen, empfinde ich es ohnehin als nicht mehr authentisch, was mich eher noch abturnt. Aber ja, zugegeben, von einem Mann angebetet zu werden, ist ein rauschhaftes Gefühl. Ich liebe es. Und mittlerweile habe ich auch keine Hemmungen mehr, das auszusprechen.
Gott, habe ich früher damit gehadert. Es kam mir immer vor, als müsste ich das verstecken oder verdrängen. As wäre es falsch. Als würde ich mir Dinge zu eigen machen, die ich mir nicht verdient habe. Ich wollte nie bewundert oder angebetet werden, einfach weil ich eine Frau war oder weil ich gut aussah oder weil ich einem Mann im Bett den Kopf verdrehte. Ich wollte mir Anerkennung immer erst verdienen – erst dann war sie für mich etwas wert. So war das, seit ich denken kann.
Erst BDSM hat mir gezeigt, dass es etwas völlig Natürliches und Wunderschönes sein kann, von einem Mann angebetet zu werden als ein wunderbares Geschöpf, dessen Aufmerksamkeit er zu schätzen weiß. Es kickt mich, wenn ein Mann mich auf Händen trägt – ja. Im Rahmen natürlich, also zeitlich und in der Intensität begrenzt.

Und ja, ich liebe die Macht. Es ist das, was eine Session in der aktiven Rolle erst reizvoll macht – in meinen Augen. Die Macht ist das Salz, ohne das ein Essen zwar satt machen würde, aber… ihr wisst schon.
Ich liebe es zu merken, wenn ein Mann sich mir hingibt (übrigens spreche ich hier bewusst meist von Männern – denn in Sessions mit Frauen sind es andere Aspekte, die für mich den Reiz ausmachen), wenn er mir die Kontrolle und die Macht über sich gibt und sich mir anvertraut. Wenn ich weiß, er vertraut mir so sehr, dass er für mich leidet.

Damit in Zusammenhang steht eine gewisse Form von Stolz, wenn man sich besser kennt. Es ist ein erhabenes, sicheres, ja stolzes Gefühl, wenn ich weiß, dass ein Mann jedes Mal ein wenig weiter geht. Wenn er sich öffnet.
Mich kickt fast nichts so sehr wie ein Mann, der für mich etwas ausprobiert, von dem er bisher dachte, er würde es niemals ausprobieren. Ich liebe es zu merken, welches Vertrauen ich in jemandem wecken kann und dass ich diejenige bin, die ihn dazu bringt, an Grenzen zu gehen. Das in Kombination mit dieser… männlichen Anbetung ist etwas, das mir so viel Selbstsicherheit gegeben hat wie nur wenige Dinge in meinem Leben.
Nie fühle ich mich weiblicher, femininer, anbetungswürdiger oder schöner als in einer guten Femdom-Session. Dafür dürfen mich jetzt ein paar verurteilen oder nicht. Behaupten, ich bräuchte meine Anerkennung von Männern, was weiß ich. Ich hab es alles schon gehört. Mittlerweile überwiegt dieses großartige Gefühl, das immer für beide Seiten vorhanden ist, so stark, dass mir das Unverständnis anderer egal ist.

Kontrolle, Anbetung, Macht, Stolz… es gibt noch weitere Facetten, die Dominanz für mich ausmachen, aber es sind ungefähr diese Kategorien, die das Prinzip für mich ausmachen. Wenn all das vorhanden ist, dann… nun, dann gehe ich mit einem breiten Grinsen nach Hause und mein Gegenüber für gewöhnlich auch. Dann fühlt sich alles einfach nur gut an, und schön und klar.

Und so wunderbar die Attribute „gut, schön und klar“ auch sein können – das, was mich wahrhaft reizt… das, was diese undefinierbare, dunkle Seite in mir anspricht, ist etwas anderes. Es ist etwas, das ich nur dann zum Vorschein kommen lasse, wenn ich mir zu 100% sicher bin, dass ich es leisten kann. Dass ich das Risiko eingehen kann, es einschätzen kann und die Situation im Griff habe. Es ist, als gründe meine dominante Seite auf meiner inneren Hexe.
Es ist magisch, ja. Es ist das, was Männer im Mittelalter nicht verstanden haben. Es ist das „verbrennt die Hexe, denn sie verzaubert meinen Kopf!“ des BDSM. Wie berauschend es ist, wenn ein Mann dir wahrhaft, wörtlich sowie metaphorisch zu Füßen liegt (wichtig: alles im gesunden Rahmen, einvernehmlich und innerhalb der Session!), kann ich kaum in Worte fassen. Es ist wie eine Form von Magie, die ich erst lernen musste zu beherrschen, zu kanalisieren. Und während die gesunde, schöne, gute, weiße Magie eben Aspekte beinhaltet wie Kontrolle, Macht, Stolz und andere… so gibt es eben auch die andere Seite. Lacht mich aus, wenn euch meine Metaphern und Bildern zum Hals raushängen, aber ich kann mit meinen Gedanken besser umgehen, wenn ich sie in Bildern zeichne. Und für mich – ganz persönlich – gibt es eben durchaus eine Seite dieser Magie, die ich in gewissem Maße fürchte, aber deren Reiz dafür umso größer ist:

Das Spiel mit dem Kopf.

Die dunkle Seite der Macht

Ich bin ein intensiver Mensch, war ich immer schon. Und ich bin grundlegend ein suchtgefährdeter Mensch – genetisch und auf allen anderen Ebenen. Ich bin exzessiv und wenn ich etwas mache, dann mit 120% und häufig ohne Blick auf meine Grenzen. Das gilt für Job, Uni, Hobbys, Sport, Sex, Menschen…. sucht euch was aus.
Weil ich aber andererseits ein extrem rationaler Mensch bin, kontrolliere ich das. Ich trinke kaum Alkohol, rauche nicht, spiele nicht und nehme grundsätzlich keine Drogen. Ich lege mir selbst Regeln auf, häufig zeitliche Begrenzungen oder schlichte „wenn-dann“s, um zu gewährleisten, dass ich mich nicht in irgendetwas verliere. Denn was geschieht, wenn ich mich verliere, weiß ich – und es ist etwas, das ich nicht wieder erleben will.
Zudem bin ich durch die Trauma-Therapie und die Angststörungen und all diese Jahre eine Meisterin darin geworden, meine Affekte, meine Gefühle zu kontrollieren. Einerseits bin ich darauf immens stolz, weil es das härteste war, das ich je lernen musste, und weil es mir das Leben gerettet hat. Andererseits merke ich heute, dass ich so daran gwohnt, meine Gefühle zu kontrollieren, dass ich bisweilen befürchte, das Gegenteil ein wenig… zu verlernen. Aber das ist ein anderes Thema.

Nun, alles, was in mir auch nur im Ansatz ein rauschartiges, ein ekstatisches Gefühl verursacht, ist für mich jedenfalls potentiell gefährlich. Ich neige dann dazu, mehr zu wollen, weiter zu gehen und mich dem Gefühl, der Intensität hinzugeben. Dann schaltet mein Verstand ein und zieht die Reißleine. Das funktioniert zuverlässig und es ist ein Mechanismus, der mir im BDSM in der aktiven Rolle wahnsinnig hilft – denn er reguliert. Er ist wie ein Sicherheitsnetz. MEIN Sicherheitsnetz. Und als dominanter Part, der seine Verantwortung vor allem in heiklen oder harten Sessions ernst nimmt, kann ich euch sagen: Auch hier ist ein Sicherheitsnetz nicht schlecht. Nicht nur der passive Part braucht ein Safeword und einen Notausgang. Manchmal – zumindest geht es mir so – kann es auch passieren, dass der dominante Part sich mitreißen lässt von der Ekstase, dem Rausch, der Erregung und dann kommt die Versuchung, dann kommt die leise Stimme, die flüstert „okay, nur noch ein kleines bisschen“…
Und diesen Punkt halte ich für gefährlich und für einen Grund, weshalb häufig auch Sessions schiefgehen, in denen keinerlei böse Absicht oder Rücksichtslosigkeit zugrunde lag. Ich glaube, dass so manche Doms sich einfach überschätzen. Ihre Selbstkontrolle überschätzen, ihre Fähigkeit, ihr Gegenüber einzuschätzen, ihre Empathie und ihre Selbstbeherrschung.
Und dass sie wiederum unterschätzen, was eben dieser Zustand, das Fallenlassen mit dem passiven Part machen kann. Und das wiederum hat mich die Erfahrung auf der anderen Seite gelehrt: Wenn du Sub bist und die Kontrolle abgibst und dich fallen lässt und die Session genau deine Trigger trifft und dich kickt, dann kann es sehr schnell passieren, dass du noch währenddessen deine Limits verschiebst. Dass du plötzlich mehr willst. Über Grenzen gehen würdest. Dich zu Dingen hinreißen lassen würdest, die vor der Session ein klares Nein waren.
Dieses Prinzip kann man sehen, wie man will. Ich bin nicht sicher, ob es da ein richtig oder falsch gibt und überhaupt ist BDSM ja individuell, schon klar. Ich kann euch nur meine Sicht der Dinge schildern:

Ich trenne beispielsweise nicht umsonst in körperliche und psychische Techniken und Praktiken. Klar, auch bei körperlichen Praktiken kann einiges schiefgehen – allerdings vor allem dann, wenn man etwas technisch falsch macht und vor allem bei extremeren Dingen. Bei allem, was die Psyche betrifft, genügt ein kleiner Fehltritt, den man vorher nicht ahnen konnte, ein einziges Wort und das Spiel ist vorbei. Erniedrigung, Demütigung, Verhöre, Cuckold, das Spiel mit der Eifersucht – all diese Dinge und viele mehr sind in meinen Augen mit deutlich mehr Vorsicht zu genießen als jedes Spanking.

Ich weiß, viele BDSMler betrachten den Zustand als wünschenswert, wenn Sub während der Session so in Ekstase ist, dass er oder sie zu etwas Ja sagt, was vorher ein Hard Limit war.
Nun. Ich verurteile das nicht pauschal und vielleicht funktioniert es ja bei sehr eingespielten Paaren. Aber ich habe zu häufig erlebt, was geschieht, wenn es schief geht. An anderen, durch Erzählungen und ja, von mir selbst. Ich weiß, wie es im schlimmsten Fall deinen Kopf ficken kann, wenn du ein für dich festgelegtes Hard Limit mehr oder weniger freiwillig über den Haufen wirfst, weil du einfach nicht mehr klar denken kannst – und es danach bereust. Wenn du die „Schuld“, die Verantwortung nicht beim Gegenüber suchen kannst, weil du deine Grenze ja freiwillig ausgedehnt hast, vielleicht sogar darum gebeten hast.
Ich persönlich will das nie wieder erleben, ich war damals für eine Weile grundsätzlich raus aus der Sache. Und ich will auf keinen Fall, dass es einem Sub bei mir jemals so ergeht. Deshalb habe ich für mich Regeln hierfür festgelegt, die andere als zu eng sehen dürfen, die mir aber eine innere Sicherheit geben:
Ich habe nach der Erfahrung damals festgestellt, dass ich mich nur dann wahrhaft fallen lassen kann, wenn ich weiß, mein Gegenüber hat mich besser im Griff als ich mich selbst. Wenn ich weiß, mein Gegenüber zieht Grenzen enger als ich selbst. Ich vertraue mir selbst nicht, wenn ich in diesem Rausch bin, aber wenn ich abschalten will, wenn ich fliegen will, dann muss ich das zulassen – und um das zuzulassen, brauche ich jemanden, der meine innere Bestie (wie ich dann begann, sie zu nennen) im Griff hat und nicht in Versuchung gerät, ihr nachzugeben, weil er selbst so in Ekstase ist.

Schwarze Magie

Es wird keine Überraschung sein, dass ich – als der intensive Mensch, als den ich mich eben beschrieben habe – meinen größten Reiz, die heftigste Erregung, die stärkste Versuchung in genau diesem Spiel finde. Dem Spiel mit der Psyche. Auch passiv stehe ich auf Demütigung und Erniedrigungsspiele mehr als auf reinen Schmerz. Aber aktiv…. nun, vielleicht fühle ich mich sicherer durch meinen eigenen Kontrollzwang und kann deshalb weiter gehen, ich weiß es nicht. Aber in der dominanten Rolle ist das für mich der Unterschied zwischen einer geilen, guten, erregenden, befriedigenden Session – und einem Rausch.

Einen Mann zu demütigen, zu erniedrigen. Ihn leiden zu sehen. Tease&Denial, bis er wimmert. Schmerzreize an der Grenze, aber kombiniert mit dem Spiel mit dem Kopf – Orgasmuskontrolle. Keuschhaltung. Gemeine Fantasien, das Spiel mit dem Kopfkino, während er keine Erlösung finden darf. Der Reiz der Eifersucht, Cuckold. Vorführungen, public disgrace… Ihm das Gefühl zu geben, ich wäre zu allem bereit, ihn in dem Glauben lassen, ich stünde kurz vor dem Punkt, ihm Dinge zu sagen, die ihn innerlich zerreißen, weil ich sie vielleicht so meinen könnte. Da verbal zustechen, wo es schmerzt und sich langsam an Grenzen wagen, bis seine Augen fast glasig werden und sein Schwanz immer härter… das sind die Dinge, die mir gleichermaßen Angst machen wie sie mich reizen, weil es ein so aufregendes, so Adrenalin-geladenes Spiel mit dem Feuer ist, auf dem Drahtseil, ohne Netz, an der Klippe – nackt. Es ist der reine Kick, ein Machtgefühl, das ich so nie zuvor erlebt habe. Ich dachte früher immer, dass es Sadismus gibt – und BDSM. Und dass wir in dieser Szene nur sagen, „ich bin sadistisch“, ohne das wirklich zu meinen. Immerhin haben wir bei gesundem BDSM immer die Grenzen und das Wohlergehen des Gegenübers im Sinn und wo bleibt da der eigentlich Sadismus, nicht wahr?
Nun, ich begann irgendwann Erfahrungen zu machen, die mein bisher bekanntes Maß an Erregung, an Mindfuck sprengten. Und das waren Erfahrungen, die ich bei Grenzgängen machte. Dann, wenn mein Gegenüber wirklich litt. Also… ernsthaft litt. Ich hatte Sessions, Spiele mit dem Kopf, Cuckold-Szenarien, in denen mein Gegenüber Tränen in den Augen hatte – und das nicht durch körperlichen Schmerz. Okay, sein Schwanz war dabei hart wie nie zuvor und im Anschluss war er ein reines Endorphin-Bündel, After-Care klärte alles und wir beide waren danach einfach nur glücklich. Aber… in diesem Augenblick tanzte ich ziemlich tollkühn am Abgrund. Und es war ein Tanz wie keiner zuvor. Eine Erfahrung, die mir zeigte, dass es auch unter BDSMlern wahre Masochisten und wahre Sadisten gibt. Dass der „Sadomasochismus“ in diesen vier Buchstaben keine Illusion beschrieb, keine Metapher, keine Beschönigung war.
Die Erkenntnis, dass ich dazu gehörte, warf mich – um ehrlich zu sein – eine Weile aus der Bahn. Den eigenen Sadismus zu akzeptieren und damit umzugehen, ist keine leichte Aufgabe. Aber es ist eben auch nichts per se „Krankes“, nichts grundlegend „Schlechtes“, sondern schlicht und ergreifend eine Form von Sexualität, die man einvernehmlich und so ausleben kann, dass am Ende alle Beteiligten befriedigt und glücklich sind. Aber… nun ja, das zu verinnerlichen, ist nicht leicht und ich würde fast behaupten, das Thema sollte einen eigenen Beitrag bekommen.

Ein Teil dieses Weges waren Regeln, die ich mir selbst auferlegt habe, und die ich nie breche. Nie. Es sind Regeln, die mir selbst die Sicherheit geben, niemals zu weit zu gehen. Niemals das Risiko einzugehen, ernsthaft Schaden anzurichten.

Natürlich bleibt die Basis, dass alle Handlungen abgesprochen, einvernehmlich und ausdrücklich gewünscht sind. Und DASS Erniedrigung und ähnliche Spiele gewünscht sein können, weiß ich wiederum aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie erregend es sein kann, erniedrigt zu werden, öffentlich vorgeführt. Es ist nichts, was ich nicht verstehe. Und vielleicht liegt es eben daran – an der eigenen Erfahrung damit – dass ich relativ wenig Hemmung habe, es aktiv zu tun, solange ich sehe, mein Gegenüber ist erregt.

Aus den oben beschriebenen Erfahrungen auf der passiven Seite zum Beispiel, habe ich meine vermutlich wichtigste Regel abgeleitet: Limits werden VOR der Session bestimmt. Sie dürfen variieren, weil Stimmungen, Situationen und Menschen sich ändern, oft auch innerhalb von Tagen. Aber sobald die Session beginnt, stehen die Limits fest. An Soft Limits kann gekratzt werden, während der Session, wenn beide ausdrücklich zustimmen. Hard Limits werden nicht angerührt, auch wenn Sub darum bettelt. Und ja, das ist schon vorgekommen. Nein, ich bin nie darauf eingegangen, obwohl ich verdammt versucht war, weil das ein unfassbar erregender Grenzgang sein kann.

Und ja: Sub war bislang im Nachgespräch immer dankbar dafür.

Und ich mir auch.

Dass jedenfalls das Spiel mit der Psyche unter all diesen Facetten für mich immer schon herausgestochen ist, wohl gerade wegen der Ambivalenz, des Risikos, war mir immer schon klar. Die Voraussetzung war hierfür aber immer, wirklich immer die Einhaltung meiner eigenen Regeln und dass ich zu jedem Zeitpunkt merke, dass mein Gegenüber dabei, auch im größten Winden und Leiden sexuell erregt ist, eigentlich Spaß hat und vor allem, dass jedes negative Gefühl nach der Session wieder vorbei ist.  


Frage in die Runde

Sub – Schätzt ihr es, wenn euer dominantes Gegenüber für euch und für sich selbst klare Regeln hat, um zu gewährleisten, dass ihr selbst nicht in Versuchung kommt, im Rausch der Session über eigene Grenzen zu gehen oder lasst ihr euch lieber gerade diesen Weg offen?

Dom – Habt ihr solche Regeln, die euch selbst „im Zaum“ halten, die dafür sorgen, dass ihr euch nicht zu sehr treiben lasst oder lasst ihr all das eher offen, weil eben das den Rausch der Ekstase, das Fliegen in der Session überhaupt ausmachen?

5 Kommentare zu „Die dunkle Seite der Macht

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  1. Hallo, das liest sich wirklich richtig gut. Und das sage ich als jemand der nun so überhaupt keine Ahnung von der Materie hat. Ich lese mich jetzt seit vielleicht 2 Wochen durch Twitter TLs und Blogs und bin definitiv fasziniert. Es steckt so unheimlich viel mehr darin als ich bisher doch eher die üblichen Klischees im Kopf hatte. Außerdem kann ich so auch meinen Horizont erweitern und herausfinden ob ich mehr Interesse habe als ich mir selbst eingestehen will.
    Und die Frage, dich eigentlich noch kaum beantworten kann, vielleicht am ehesten als sub: Klare Regeln fände ich unheimlich wichtig.
    Vielen Dank.

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  2. Ja, ich habe da klare Regeln. Und die werden seit 51 Jahren von meiner Liebe bestimmt, für die meine Frau in erster Linie Lieblingsmensch und dann erst Sub ist.

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  3. Ich finde das keinesfalls zu streng, sondern extrem vernünftig.
    Wie oft machen wir Sachen, die wir hinterher bereuen, weil wir eine selbst gezogene Grenze überschritten haben, weil es uns in dem Moment einfacher oder nicht so schlimm vorkam. Und dann fühlen wir uns schlecht… Und das schon im Alltag, ich rede da gar nicht von BDSM, wo die (psychologischen) Konsequenzen viel krasser sind.
    Als Sub wünsche ich mir auf jeden Fall jemanden, der Hard Limits nicht aus dem Blick verliert und nicht aus einem Kick heraus doch überschreitet. Egal, was ich sage. Ich hab doch ein Spatzenhirn! Deshalb gebe ich doch die Kontrolle ab! 😉

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  4. Kompliment für Deinen schönen Text! Ich lege mir solche Regeln nicht auf, aber ich glaube sie sind auch nur einer von vielen möglichen Wegen für das, was unbedingt gewährleistet sein muss: Dass man sich als Dom selbst im Griff hat und sub sich darauf verlassen kann, dass man nicht übersteuert.

    Auch mir ist das schon passiert. Und es hat mich etwas gelehrt, das man vielleicht „Demut in der Dominanz“ nennen könnte und das Du auch beschreibst: Den Rausch der Selbstüberschätzung fühlen zu können und dann die Stärke zu haben, anders abzubiegen.

    Denn, nur zur Erinnerung: Es geht bei all dem ja gar nicht um den immer noch extremeren Kick. Sondern um den in der jeweiligen Situation und Tagesform genau richtigen Ritt auf der Rasierklinge. In gegenseitigem Respekt, eben nicht nur von einer tief gedemütigten sub, sondern auch für diese tief gedemütigte sub. Und auch nicht nur für die Tiefe ihrer Demut (die vielen Doms dann doch nur dazu dient, sich selbst zu erhöhen), sondern einfach für ihr Menschsein.

    Harte Limits sind oft Narben alter Ängste oder gar Traumata. Auch ich mag es, sie aufzuweichen, es ist ein besonderes Geschenk wenn eine Frau für mich etwas wagt, das sie nie für möglich gehalten hätte. Aber das fordere ich nicht einfach in einer Situation ein, in der sie mir Gehorsam versprochen hat. Wenn, bereiten wir es gemeinsam vor, manchmal über Wochen und Monate, in einem Fall über Jahre.

    Ungeduld ist das Gegenteil von Dominanz – und rauschhafter Kontrollverslust passt auch nicht zur Fürsorgeverantwortung, die wir nun einmal übernehmen. Schön, dass Du dafür sensibilisierst!

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