Horkruxe finden

Oder: Jahresbilanz 2020

Es ist der 29.12.2020, wenn ich beginne, diese Zeilen zu schreiben.

Ich schreibe sie, ohne zu wissen, wohin sie mich führen, ohne einen Plan zu haben, ohne dabei eine Idee zu verfolgen oder sie in eine schöne Einleitung zu verpacken, wie die meisten es von mir gewohnt sind. 2020 ist kein Jahr für schöne Einleitungen, für kursiv geschriebene Bilder, für märchenhafte Szenen in verwunschenen Wäldern oder aufregende Abenteuer auf dem Olymp. Nein, 2020 scheint mir eher ein Jahr der komplexen Satzkonstruktionen. Ein Jahr, das die Sprachkomplexität von Immanuel Kant verlangt und zugleich die Bildgewalt von Edgar Allen Poe. Es ist ein Jahr, dessen emotionale Höhen und Tiefen von einer Constance de Salm geschrieben sein könnten und zugleich eines, das sich als Metapher für einen modernen Hitchcock anböte, während Da Vinci, Montesquieu, Franklin, Einstein und Curie in einem imaginären, zeitübergreifenden Raum beisammensitzen, Tabak und Wein neben sich, und über der Auflösung am Ende brüten – vergebens natürlich. Offensichtlich bin ich aber nun weder eine de Salm, noch Da Vinci oder ein anderes Genie. Meine Sprachgewalt mag bisweilen eindrucksvoll sein, aber an einen Poe komme ich nicht ran und während Curie große Entdeckungen gemacht hat, kämpfe ich mit einem viel zu modernen Beruf, der sich Bloggerin nennt, wo ich doch gern einfach nur Schriftstellerin wäre und Bücher schreiben möchte. Und Kant… ja, von Kant muss ich nicht einmal anfangen, der für mich irgendwie ohnehin alle vereint.
Aber ihr lest nun mal meine Zeilen, wenngleich aus Ermangelung an genannten Alternativen, weil… nun, aus offensichtlichen Gründen.

Also tippe ich weiter, planlos, etwas überfordert (ein Zustand, an den sich die meisten von uns dieses Jahr gewöhnt haben) und meiner Pflicht nachkommend. Einer Pflicht, die ich mir selbst auferlegt habe und die sich für mich und hin und wieder auch für andere bewährt hat: Meine Jahresbilanz.

Bereits seit einigen Jahren schreibe ich zum Ende eines Jahres eine Art… Bilanz. Einen Rückblick auf das Jahr, auf das, was geschehen ist, aber vor allem auf das, was ich dabei gelernt habe. Auf den Weg, für den ich mich entschieden haben, die Frage, ob ich erreicht habe, was ich wollte und wenn nicht, warum. Auf die Entscheidungen, die ich getroffen und die Menschen, denen ich begegnet bin und all diese Dinge nehme ich dann zum Anlass, das folgende, anstehende Jahr unter… nun ja, eine Art Motto zu stellen. Ein Wort, ein Satz, ein Leitfaden, eine Orientierung – nennt es, wie ihr möchtet. Diese Art Richtlinie ist darauf ausgerichtet, was ich gern als nächstes lernen und im Leben erfahren möchte – entstanden durch das, was ich bisher gelernt und erfahren habe. Ich habe keine großen, langfristigen Pläne. Nein, ich habe schon vor Jahren gelernt, im Augenblick zu leben. Carpe Diem und so – ihr wisst schon. Nein, im Ernst. Ich hab zu viel Mist im Leben erfahren, um mir Gedanken über das zu machen, was eventuell in zehn Jahren sein könnte. Ich will keine Kinder, ich habe nicht vor, ein Haus mit einem Vorgarten zu bauen, ich brauche keine Anlagen, keinen Bausparvertrag und keine Lebensversicherung. Ich bin für mich verantwortlich und für niemanden sonst – wenn ich über die Runden komme und dabei mein Leben so gestalten, so leben kann, dass ich täglich – den Umständen entsprechend – möglichst glücklich bin, dann… nun ja, was könnte ich mehr wollen?

Also nein, keine langfristigen Lebensziele. Träume ja. Vorstellungen, Fantasien, Ideen – mehr als genug. Aber keine Pläne. Kein festes Lebenskonzept – stattdessen der Wunsch danach, glücklich zu sein, im Hier und Jetzt. Kein Ziel – stattdessen die Hoffnung, dass der Weg möglichst aufregend und voller Abenteuer sein wird. Das Ding mit dem glücklich-Sein ist nur… man trägt eben einfach doch seine alten Dämonen mit sich herum. Und auch da kann ich mich nur wiederholen: Ich glaube nicht, dass es darum geht, sie loszuwerden, sondern darum, sich… sagen wir, zu arrangieren. Sie anzunehmen, als Teil von einem selbst. Als etwas, das uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Ich für meinen Teil bin ihnen dafür manchmal fast schon dankbar, weil ich vieles im Leben nicht geschafft hätte, wenn die miesen Biester mich nicht schon das eine oder andere Mal so heftig rangenommen hätten. Man wird härter, stärker, durchsetzungsfähiger. Man lernt, wenngleich auf die harte Tour. Man kommt voran. Und genau darum geht es: Ums Vorankommen. Glück ist das eine, das Hier und Jetzt, das Carpe Diem und die Planlosigkeit – aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man bewusst lebt, nicht automatisiert macht, was die Gesellschaft erwartet, sondern sich seinen eigenen, individuellen Weg sucht, dann… nun ja, dann ist es mit dem Glück nicht weit her, wenn man mit seinen Dämonen nicht umgehen kann. Denn sobald an einem Fleck bleibt, sobald man stillsteht, sobald man es sich zu bequem macht, sich zu sehr in Sicherheit wiegt, tauchen die Biester wieder auf und fahren ihre Krallen aus. Also geht es nicht um ein Ziel, aber auch nicht darum, auf der Stelle zu bleiben. Es geht um das dazwischen, um den Weg. Darum, zu lernen. Darum, man selbst zu werden, zu sein und wieder zu werden.

Und genau dafür dient meine Jahresbilanz: Ein Jahr ist nicht wirklich geeignet zur langfristigen Lebensplanung, aber doch genug Zeit für eine weitere große, wichtige Lektion. Für eine neue Abzweigung, ein paar weitere Schritte auf dem Weg, um den es geht. Und natürlich fängt man jeden Weg, jede Etappe jedes Weges mit dem ersten Schritt an. Oder – mit anderen Worten:

Von vorn.


Teil I – Der Blick zurück

Es hat so gut angefangen…

Meine Güte, hat dieses Jahr gut angefangen. Wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, kann ich kaum anders als komplett frustriert zu werden. Wirklich ernsthaft angepisst. 2019 stand für mich unter dem Motto „Freiheit“ – es war das Jahr, in dem ich seit 01.01. die Anstellung komplett gekündigt hatte und allein von der Selbstständigkeit lebte. Das erste Jahr mein eigener Chef, das erste Jahr arbeiten, wenn ich es sage und was ich sage und… überhaupt. „Freiheit“ stand in 2019 hinter jeder Ecke, wirklich. Gott, was habe ich das zelebriert, was habe ich es genossen, wie habe ich sie geliebt, diese Freiheit. Und dennoch war es hart, ganz ernsthaft. Ich hätte zu keiner Sekunde zurück gewollt, aber… ich lebte von Monat zu Monat und ich lebte nicht sonderlich gut. Mir fehlte es an nichts, ich hatte eine Wohnung und zu Essen, also ist „hart“ natürlich ein ausgesprochen relativer Begriff. Ich war zufrieden mit meinem Lebensstandard, der schon besser und schon schlechter war, aber… ich war glücklicher als je zuvor mit der Art, wie ich für diesen Lebensstandard sorgte. Und darauf kam es mir immer an.

Ende 2019 war ich dann endlich einigermaßen routiniert, hatte den Papierkram und die Steuer und all die neuen Dinge der Selbstständigkeit halbwegs im Blick und ein paar davon sogar verstanden und… nun, sagen wir, es lief. Im Januar und Februar dann startete ich neben meiner FrauOenRunde (Gott ich vermisse das so…) die neue FemdomRunde – und was soll ich sagen? Ich war überwältigt. Von Januar bis Mitte März hielt ich mehrere Runden im Monat ab, jedes Wochenende war verplant, ich pendelte zwischen hier und Berlin, die Plätze für die Runden waren nach 24 Stunden auf Twitter bereits belegt und die Wartelisten waren lang. Die Seiten-langen Briefe und Mails nach den Runden brachten mich regelmäßig zum Weinen und gaben mir das Gefühl, eine Nische entdeckt zu haben, etwas wirklich Gutes zu tun, für junge Frauen, für die Szene, für andere… es war unbeschreiblich. Ich fand Sponsoren, damit auch Frauen teilnehmen konnten, die sich die Teilnahme eigentlich nicht leisten konnten. Ich fand Wege, wie ich Geld verdienen konnte, wie alle mit konnten, die mit wollten und wie Sponsoren ebenfalls etwas davon hatten. Ich fand Zeit für Sex, für Partys, für gute Bücher, für meinen Hund und mich und für reinen Hedonismus im Kitty. Und nebenbei schrieb ich und verwirklichte meinen Traum. Mein Pendeln zwischen Extremen war in diesen Monaten in einem solchen Flow, dass ich das Gefühl hatte, Superkräfte zu besitzen.
Und dazu kam: Ich stand zum ersten Mal in meinem Leben an dem Punkt, an dem ich monatlich ein bisschen was zur Seite legen konnte. Ich machte zum ersten Mal die Erfahrung, etwas sparen zu können. Ich lebte wie sonst auch, ich gab nicht mehr aus, ich brauchte nicht mehr, aber ich legte mir einen kleinen Puffer an, der endlich auch diese unterschwellige Angst, die Unsicherheit der Selbstständigkeit von mir nahm. Ich konnte durchatmen.

Ja. Ich hatte es geschafft.

Nun, das glaubte ich zumindest bis Mitte März – ich hatte gerade auf einer Fetisch Messe gearbeitet und neue Kontakte geknüpft, und war nun dabei Pläne zu schmieden für den Sommer: Ich würde meine Runden ausweiten, wollte quasi… expandieren, oder wie auch immer man das im Geschäftsleben so sagte. Köln stand auf dem Plan, eine neue Gegend, die es zu erobern galt, mein Tatendrang war nicht zu bremsen. An dem Tag, an dem ich gerade die ersten Mails gen Westen schickte, um meine Pläne in die Tat umzusetzen und meinen Koffer gepackt hatte, weil ich am Tag darauf wieder nach Berlin wollte, erreichte mich eine andere Nachricht. Eine Nachricht, die mich, mein Leben, meine Pläne… die die Welt zum Erliegen brachten.

Was danach kam, muss ich nicht beschreiben – ihr wart alle dabei.

Ich packte meine Koffer wieder aus, setzte mich auf die Couch und… nun, irgendwie war ich erstmal verloren. Ich war so völlig im Flow, hatte diesen Run, diesen Lauf, gewann monatlich rund 1500 neue Follower, hatte zum ersten Mal das Gefühl, all die harte Arbeit zahlt sich endlich aus und… dann bekommt man auf einmal aus dem Nichts ein Brett in die Fresse, das einen zu Boden schmeißt, als hätte das Leben selbst plötzlich seinen Hang zur Schadenfreue wiederentdeckt und stünde nun aufrecht da, mit dem Finger auf mich und alle anderen zeigen, die gerade keuchend und von Schmerz stöhnend auf dem Boden liegen, mit einem gehässig lachenden „Haha geil – ihr dachtet wirklich, ich würde euch einfach in Ruhe weiterrennen lassen!! Hahaa!“

Ja, liebes Leben… ist ja nicht so, als kannte ich diese Seite von dir nicht bereits.

Bretter, die… das Leben uns schenkt

Den Rest des Jahres zusammenzufassen, ist so einfach wie komplett unmöglich. Ich müsste über den Zustand völligen Stillstands sprechen, den ihr aber ohnehin alle selbst kennt. Das hier, dieser Teil des Beitrags, dieser Absatz ist kein persönlicher. Dieser eine Teil ist keine individuelle, sondern eine kollektive Erfahrung. Es ist etwas, das ihr alle selbst kennt. Ich muss nicht darüber schreiben, euch nicht erzählen, wie sich von heute auf morgen die ganze Welt verändert hat, wie man auf Umarmungen von Großeltern verzichten musste, Menschen nur von Weitem sah, wie man sich daran gewöhnte, keine Mimik von Fremden und kein alltägliches Lächeln im Supermarkt mehr zu sehen. Ich muss nicht darüber berichten, wie unsere Nachrichten täglich von diesem einem Thema geprägt waren, wie sich Regel um Regel, Lockdown um Lockerung die Hand reichten und wie Menschen zwischen Isolation und kollektivem Mit-Fühlen einen gemeinsamen Drahtseilakt tanzten. Ich muss euch nichts darüber erzählen, wie man plötzlich kreativ wurde, wenn es darum ging, sich während eines Lockdowns einen Schraubenzieher zu besorgen oder wie einige von uns auf einmal in freiwillige Dauerisolation gingen, weil die Angst vor diesem neuen Feind sie einnahm, den keiner von uns sehen konnte, aber von dem wir alle wussten, dass er nicht nur da, sondern überall war. Ich muss auch nicht erzählen, wie Unternehmen pleite gingen, wie Selbstständige, Künstler und Freiberufler kämpfen mussten und Menschen ihren Jobs verloren. Wie Menschen krank wurden, die Krankenhäuser sich füllten und unsere Abende geprägt waren von Berichten, die wohl die meisten von uns für längst vergangen oder in dystopischer Zukunft nach unserer Zeit liegen würden.

Nein, ich muss euch nicht erzählen, was mit der Welt, was mit uns allen innerhalb dieses Jahres geschah. Das sind Berichte, die ich anderen überlasse. Journalisten vielleicht, Historikern irgendwann oder schlicht und ergreifend jedem, der Lust darauf hat, diesen merkwürdigen Zustand des Stillstands, der Angst vor Unbekanntem, des völligen Chaos in erzwungen geregeltem Rahmen zu beschreiben.

Ich habe zurzeit keine.

Ich beschränke mich stattdessen auf die Dinge, die meine Jahresbilanz zu „meiner“ Jahresbilanz machen und die nicht unser, sondern „mein“ Jahr geprägt haben. Denn nur dann, wenn ich kurz innehalte und bei einem Etappenziel angemessen zurückblicke, kann ich meine Ausrüstung für die nächste Etappe anpassen, weil ich weiß, was überflüssig und damit unnützer Ballast war, und was ich mir dringend noch besorgen muss, weil es regelmäßig gefehlt hat.

Während also die Welt in Stillstand versank, leckte ich meine Wunden. Die ersten Corona-Wochen bewegte ich mich permanent an der Grenze zur Frustration, zur Apathie, zur Lethargie, ja zur Resignation. Ich hatte stark mit dem Gefühl zu kämpfen, dass harte Arbeit einen Scheißdreck bringt, weil am Ende das Leben eine bescheuerte Schnapsidee im Vollrausch hat, dich einfach kurz hart rannimmt und danach deine Klamotten versteckt – und dann kannst du noch so viel Zeit in dein Outfit gesteckt und noch so lange auf einen geilen Abend gespart haben, du liegst zitternd am Boden, weil es Dinge gibt, gegen die du einfach nichts in der Hand hast.
Zum Glück schaffte ich es, nicht in diesem Denken zu verharren, denn natürlich ist das Bullshit. Klar hat man gegen die Widrigkeiten des Lebens oft nichts in der Hand und ist in vielen Dingen machtlos und ja, auch härteste Arbeit zahlt sich manchmal eben nicht aus, oder nur für einen Augenblick und überhaupt kann in einer Sekunde alles den Bach runtergehen. Aber… ich kann auch morgen von einem Auto angefahren werden oder bei einer Session stolpern, mir das Bein brechen und nicht mehr laufen können – ich bleibe trotzdem nicht zu Hause und fange gar nicht erst an zu leben. Im Gegenteil – denn genau das ist der Witz dabei: Ich lebe noch mehr. Ich lebe noch intensiver. Ich lebe noch bewusster. Ich genieße jede Sekunde, in der das Leben es mir gestattet, einfach zu rennen. Ich glaube, es gibt Menschen, die eher… spazieren gehen, in der Hoffnung, dieser Schlag in die Fresse mit dem Brett ist dann nicht so schmerzhaft. Und Menschen, die wissen, dass der Schlag irgendwann kommt und die deshalb umso schneller rennen, weil sie in der Zeit, die ihnen gegeben ist, so weit wie möglich kommen wollen – wohl wissend, dass es vielleicht irgendwann mal kurz richtig wehtut.

Weil sie diese leise Ahnung haben, dass es das wert ist.

Ich für meinen Teil bin ziemlich schnell gerannt, dann hat es ziemlich heftig wehgetan und dann lag ich da erstmal. Und heute, rückblickend auf dieses Jahr, denke ich, habe ich das einzig Richtige gemacht: Ich habe kurz zu Atem gefunden, zwar einen Augenblick lang meine Wunden geleckt, aber dann bin ich aufgestanden. Und als ich sah, dass jetzt vor mir jetzt dieses elende Brett lag und mir den Weg versperrte, bin ich einfach…

…woanders hingegangen.

Panta Rhei

Ja… panta rhei. Mittlerweile dürften die meisten von euch wissen, was das bedeutet. Zumindest die, die mich schon eine Weile lesen. Für den Rest: Panta rhei ist altgriechisch und heißt soviel wie „alles fließt“. Es ist die Flusslehre, die besagt, dass man nie in denselben Fluss zweimal steigt, dass sich alles immer verändert und dass das etwas Gutes ist, der Lauf des Lebens. Panta rhei – also für mich irgendwie die Fähigkeit, Veränderungen anzunehmen – wurde zu meinem Leitfaden für 2020. Natürlich nicht ohne Grund, sondern aus einer ziemlich heftigen Situation heraus: Im Dezember 2019 sagte mir die Seelenschwester, dass sie auszieht und mit ihrem Freund zusammenzieht. Ich schrieb im Verlauf dieses Jahres viel darüber, weshalb ich mir Details an dieser Stelle spare – es hat mir jedenfalls den Boden unter den Füßen weggerissen, weil ich wusste, ein neues Kapitel steht an und es gibt nicht viele Dinge, die mir größere Schwierigkeiten bereiten als grundlegende Veränderungen. Aber dann, um die Jahreswende herum, begriff ich, dass der einzige Weg war, mich nicht weiter gegen Veränderungen zu wehren, sie als etwas Bedrohliches zu sehen, sondern zu lernen, mich vom Fluss des Lebens einfach treiben zu lassen.

Einige Wochen später ließ ich mir mein „panta rhei“ auf die Haut stechen – so wichtig wurde mir dieses Prinzip und so sehr wollte ich mich in Zukunft an diese Lektion erinnern. Ich war bereit, mich dieser einen, großen Veränderung zu stellen, von der ich immer wusste, sie würde irgendwann kommen. Was dann tatsächlich kam, war natürlich etwas völlig anderes – wie das im Leben nunmal so ist.
Statt auszuziehen war meine Mitbewohnerin öfter zu Hause als je zuvor. Statt nach Berlin zu gehen, blieb ich genau da, wo ich war. Statt der Seelenschwester zog dann schließlich der Mitbewohner aus. Statt einem erfolgreichen, aufregenden Jahr folgte eine Pandemie und statt unser Leben im Frühjahr einmal auf links zu drehen, entschlossen wir uns dazu, bis Weihnachten noch hier zu bleiben und die Sache gemeinsam auszusitzen.
Für mich war das ambivalent: In erster Linie war ich wohl erleichtert, weil ich nochmal eine Schonfrist bekommen hatte. Aber… als hätte sich das panta rhei nicht nur auf meiner Haut verewigt, sondern sich bereits in meinem Innersten breitgemacht, spürte ich über das ganze Jahr nicht das eigentliche Glück, das ich erwartet hätte – nun, da ich doch nochmal für ein Jahr bekam, was ich wollte. Unterschwellig war ich… unruhig. Etwas trieb mich um und es war nicht die Energie, von der ich eben sprach, als ich den Jahresanfang beschrieb. Nein, das ging tiefer. Als hätte ich mich endlich in den Fluss gewagt, war endlich bereit loszulassen… nur um genau dann zu merken, dass mein Bein von Schlingpflanzen festgehalten wird. In diesem Zustand verharrte ich das gesamte Jahr über. Wissend, sobald die Pflanze sich löst, werde ich fortgetrieben. Keine Ahnung, wohin. Keine Ahnung, wann das sein wird. Bis dahin hier feststeckend, gezwungen, darüber nachzudenken, was da wohl jeden Augenblick auf mich zukommt. Die Muskeln angespannt, um nicht unterzugehen, wenn der Augenblick kommt und die Lunge immer nur halb gefüllt, aus Angst, jeden Augenblick einen tiefen Atemzug nehmen zu müssen, um nicht nach den ersten Metern zu ertrinken. Es war ein innerer Zustand, der von Monat zu Monat zermürbender wurde. Ein Zustand, den ich mittlerweile nicht mehr aushalte und der mich nun soweit gebracht hat, dass ich jetzt – trotz der Angst, die ich habe – tief einatme, untertauche und mit bloßen Händen die Schlinge um meine Gliedmaße löse. Weil der Zustand des Wartens und der Angst mittlerweile schlimmer ist als das, was mir Angst macht.

Ich ergreife jetzt die Initiative (ich sage euch später, wie). Denn egal, was kommt – wenn ich das hier noch länger mache, bekomme ich einen Muskelkrampf und ertrinke an Ort und Stelle. Und das wäre nun wirklich kein elegantes Ende für eine Abenteuergeschichte, nicht wahr?

Ehrlichkeit zu sich selbst

Durch all das bewusste darüber-Nachdenken und das Schreiben über dieses Thema wurden mir dieses Jahr ein paar Dinge klar. Ein paar wichtige Dinge. Mir wurde zum Beispiel klar, dass auch die engsten, intensivsten Freundschaften sich mit dem Lauf der Zeit verändern. Dass Menschen sich entwickeln – manchmal gemeinsam, manchmal voneinander weg, manchmal irgendwie beides auf einmal. Dass das sehr traurig und schmerzhaft sein kann, aber dass es noch schmerzhafter ist, an etwas festzuhalten, das nicht mehr existiert oder… sagen wir, das die Form gerändert hat, das zu etwas anderem wurde.
Mir wurde klar, dass ich heute noch von meiner ersten und einzigen langen, festen Beziehung mit Anfang zwanzig spreche und dabei immer erzähle, dass das eine zutiefst gute Sache war, aber irgendwann hat es einfach nicht mehr funktioniert. Irgendwann kam das Leben dazwischen, jeder hatte seine Issues, es war nicht mehr das, was es mal war und schließlich kam die Zeit für getrennte Wege, weil die Basis dieser Beziehung nicht mehr „wollen“, sondern vielmehr „brauchen“ war. Aber dieser Zeit ging ein langer Prozess voraus (ich würde behaupten, mindestens ein Jahr oder länger), in dem ich nachdachte. In dem ich mich fragte, weshalb wir überhaupt noch zusammen waren. Weshalb diese leise, innere Stimme mir immer sagte, welchen Weg ich eigentlich gehen müsste, aber… weshalb ich es einfach nicht schaffte. Weshalb ich solche Angst hatte. Bis ich irgendwann den nächsten Schritt erreichte und erkannte, dass ich Angst davor hatte, mich einsam zu fühlen. Allein zu sein. Es schien mir besser in einer Beziehung zu sein, die keine mehr war, als… diese Dunkelheit zu fühlen, wenn ich daran dachte, dass ich nun ohne ihn sein müsste. Meinen Anker verlieren würde. Allein auf weiter See treibend, ohne Orientierung. Das war das Bild, das ich hatte. Es war eine tiefe, alles umfassende Angst davor, allein zu sein, verloren zu sein, der ich mich damals stellte, als ich diese Beziehung beendete, die Wohnung verließ und wegzog. Nach dem Leben mit, oder besser für meine Mutter waren meine ersten zwanzig Jahre von dem Gefühl geprägt, für jemanden da sein müssen. Es war irgendwie meine Existenzberechtigung, mich um diesen einen Menschen zu kümmern und im Gegenzug das Gefühl zu haben, irgendwo hinzugehören.
Dann traf ich meinen damaligen Freund und irgendwie geriet ich erneut in dieses Muster. Zu Beginn nicht so krass, teilweise war es auch gegenseitig der Fall, wir brauchten uns beide – jeder den anderen. Gegen Ende war er in seiner Depression gefangen und ich war wieder komplett in dem einen Modus, den ich kannte: Ich bin für jemanden da. Und im Gegenzug wusste ich, wo ich hingehörte. Es war das Leben, das ich kannte, es fiel mir nicht schwer. Aber diesmal erkannte ich es früher.
Nach der Trennung lernte ich auf eine sehr harte Tour, ohne dieses Gefühl zu leben. Dann zog ein damaliger Mitbewohner aus und ich traf die Seelenschwester und… ich weiß nicht. Ich habe die Art unserer Beziehung nie hinterfragt. Immerhin war es eine gute, enge, aber platonische Freundschaft. Vielleicht mehr – im Sinne von… wir waren, oder sind irgendwie Familie. Wir haben beide kein stabiles Elternhaus, treiben beide ein klein wenig lost auf hoher See umher, ohne Anker – was konnte es also schaden, das eigene Floß an das des anderen zu binden? Ein klein bisschen weniger lost zu sein, oder… gemeinsam lost, oder wie auch immer. Jedenfalls war die Beziehung zu ihr von Beginn an sehr eng, sehr intensiv, sehr verbunden. Es fühlte sich immer mehr an wie Familie als wie eine Freundschaft und es dauerte nicht lange, da nahm ich meine Rolle wieder ein. Ich war die große Schwester und sie meine kleine, nicht nur weil sie ein paar Jahre jünger ist, sondern auch weil… es einfach immer so war. Und irgendwann war es einfach normal, dass ich Ratschläge gab, dass ich da war, dass ich in gewisser Weise bestimmte, wie es lief, mich um die Wohnungsangelegenheiten und den Papierkram kümmerte, dass ich das WG-Konto organisierte, dass ich Lösungen fand, wo es nötig war, Geld auftrieb, wenn es fehlte und mir in Notfällen etwas einfallen ließ. Natürlich war es auch zwischendurch umgekehrt, auch sie fing mich auf, wenn es mir nicht gut ging, keine Frage. Aber… ich war einfach der führende Part, insgesamt, und ich nahm die Rolle ein, die ich mein Leben lang kannte, in der ich mich wohl und sicher fühlte.
So wohl, dass mir nicht einmal auffiel, dass sich gewisse Parallelen entwickelten. Beispielweise die aufkommende Dunkelheit, die kurze Welle der Angst, die ich spürte, wenn sie sagte, sie fährt für einige Tage weg. Es war nie lang, es war nie schlimm, aber… immer wenn sie für einige Tage am Stück ging, spürte ich dieses Gefühl des Verlassen-Werdens. Wie in meiner Beziehung damals. Doch die Parallele zog ich nie, weil… nun, warum eigentlich? Vermutlich weil das nicht vergleichbar war, immerhin war das hier eine Freundschaft und keine Beziehung und in engen Freundschaften gibt es so etwas wie Co-Abhängigkeiten natürlich nicht – haha. Durch das Nachdenken dieses Jahr fielen mir immer mehr Dinge auf, ich begann, ehrlich zu mir selbst zu sein und mir ein paar Dinge einzugestehen und schließlich wurde alles ein wenig klarer – auch wenn die Erkenntnis am Ende ziemlich hart war.

Es hat ein heftiges Gespräch, ein komplett chaotisches Jahr, viele Reisen jenseits der Komfortzonen, Ehrlichkeit zu mir selbst und ein zweites heftiges Gespräch gebraucht, bis ich es endlich erkannt habe.
Bis ich erkannt habe und vor allem in der Lage war, mir einzugestehen, dass die Beziehung zu meiner Seelenschwester ein klein wenig mehr war als eine gute, enge Freundschaft. Es ist nicht so, dass es eine toxische Co-Abhängigkeit ist, aus der wir beide dringend rausmüssen. Im Grunde ist es eine stabile, gute, enge Freundschaft und eine familiäre Verbundenheit – sie wird immer irgendwie meine kleine Schwester sein. Aber… ich glaube, mir war nicht bewusst, dass ich in den letzten Jahren erneut, ohne es zu merken, eine Rolle eingenommen habe, die ich einfach so gut kenne, dass ich sie schon automatisiert übernehme. Dass ich wieder angefangen habe, mich zu kümmern, Verantwortung, elementare Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen, für den ich eigentlich keinerlei Verantwortung tragen muss. Und im Gegenzug hatte ich einen Platz, einen Anker, eine Aufgabe, ein zweites Floß auf hoher See. Eine Gefährtin im Leben. Ich glaube deshalb hat es mich auch so ungewöhnlich heftig aus der Bahn geworfen, als sie mir mitteilte, sie zieht mit ihrem Freund zusammen. Es war nicht nur der Verlust. Es war auch das Bewusstwerden der Tatsache, dass sie ihr Floß nun an ein neues Floß binden würde und das bedeutete im Umkehrschluss, dass ich nun wieder allein auf hoher See war. Und hinzu kommt die Tatsache, dass durch all die Verbundenheit, in gewisser Weise die Abhängigkeit voneinander, andere Dinge untergehen. Dass andere Dinge nicht gesehen oder kategorisch in Kauf genommen werden, weil man sonst darüber nachdenken müsste, ob es überhaupt noch so grundlegend funktioniert. Man entwickelt sich weiter, jeder für sich, man entwickelt sich ein wenig voneinander weg und verpasst den Augenblick, an dem man sich fragen sollte, ob es überhaupt noch so gut passt wie am Anfang, oder ob man einfach nur Angst hat, sich zu trennen – auch im Rahmen einer Freundschaft. Denn die Wahrheit ist: Sie und ich werden immer irgendwie Schwestern sein, aber in den letzten Jahren haben wir beide krasse Entwicklungen durchgemacht und die liefen nicht immer parallel. Und manchmal, ganz selten… erlaube ich es mir, für etwa zwei Sekunden, zu glauben, dass es sogar eine gute Sache wäre, fast schon befreiend, wenn wir ein wenig Raum zwischen uns bringen würden.

Über all diese Dinge habe ich dieses Jahr viel nachgedacht, habe mich gezwungen, ehrlich zu mir selbst zu sein, was irgendwie immer die schwerste Art von Ehrlichkeit ist. Es ist hart, sich etwas einzugestehen, das man nicht wahrhaben will, weil man genau weiß, es hat Konsequenzen. Man weiß, dass wenn man einmal an dem Punkt ist, an dem man es zugibt – gegenüber sich selbst – dann kann man nicht mehr zurück. Dann muss man danach handeln, man muss den entsprechenden Weg gehen. Und dieser Weg führt meistens ins Unbekannte, dahin, wo die Angst liegt, weit hinter die Grenzen der Komfortzone.

Und dann sitzt man einmal mehr im Leben da und schwankt zwischen der Angst, wie immer, die einen erstarren lässt…

…und dem Wissen, dass die wirklich guten Abenteuer immer nur außerhalb der Komfortzone liegen.

In deiner größten Angst…

In direktem Zusammenhang mit dem Auszug der Seelenschwester liegt die Sache mit der Wohnung. Ich bin vierzehn Mal in meinem Leben umgezogen, habe dann diese Wohnung gefunden, in dieser neuen Stadt, nach der Trennung und wohne hier seit rund sieben Jahren. Es ist die erste Wohnung, in der ich mich allein, für mich, unabhängig von meiner Vergangenheit wohl gefühlt habe. In der ich die erste Zeit meines Lebens verbracht habe, in der ich mich selbst wirklich kennengelernt habe, mir Raum gegeben habe, als Individuum – nicht als Tochter, nicht als Freundin, sondern als Mensch und als Frau. Ich habe hier die wichtigsten Dinge gelernt, schlimme Zeiten überstanden, mich selbst gefunden und die glücklichsten Jahre meines bisherigen Lebens verbracht. Ich bin zur Ruhe gekommen, zum ersten Mal, und ich hatte mit dieser Wohnung ein Glück, das ich nie in Worte fassen konnte und dass ich immer schon zu schätzen wusste, immer. Sie ist perfekt, wirklich. Es gibt einfach kein Manko – sie hat absolut alles, was ich brauche und mir wünsche und… nun, ich liebe diese Wohnung einfach.
Meine größte Angst lag in den letzten Jahren in der Vorstellung, hier ausziehen zu müssen. Und immer war für mich klar, dass wenn die Seelenschwester auszieht, ich es ohne sie hier nicht mehr aushalten würde. Dass das für mich so schwierig wäre, dass ich nicht bleiben kann und dass ich mir dann etwas Neues würde suchen müssen. Anfang des Jahres hatte ich dann Berlin im Blick und war ziemlich sicher, dass das nun mein Weg wird. Rückblickend erinnere ich mich an die Gespräche mit Freunden, die mich nach dem Grund fragten: Warum Berlin? Ja… Warum Berlin? Wo ich doch immer schon gesagt habe, ich mag Berlin – als Wochenende-Affäre, aber ich bin immer wieder froh, auch wieder gehen zu können. Wo ich doch immer gesagt habe, dass ich nie hier wohnen wollen würde. Dass Berlin anstrengend ist. Dass wenn überhaupt nur etwas möglichst weit draußen infrage kommt – was quasi nicht mehr Berlin ist. Dass mir noch kein Bezirk so gefallen hat, dass ich mich dort gesehen habe. Also warum Berlin? Meine Antwort war immer ähnlich: Weil… nun, wenn die Seelenschwester auszieht, muss ich auch ausziehen. Und wenn ich nur ein paar Straßen weiterziehen würde, dann würde ich mich fühlen, als hätte ich diesen riesen Schritt endlich getan, ohne wirklich weit gekommen zu sein. Also muss ich es richtig machen. Wenn, dann richtig. „Ganz oder gar nicht“ und so. Und Berlin war nunmal die einzige Stadt außer meiner, in der ich wirklich viele Kontakte habe, die mir nicht fremd ist, die mir beruflich gute Chancen bietet und in der ich ohnehin häufig bin. Ich wusste, ich muss weg – also brauchte ich ein Ziel. Und wenn ich mich einer Angst stelle, dann gleich richtig, das kennen ja alle von mir.
Andererseits… nun, wir kennen ja auch Geschichten wie Venedig. Als ich glaubte, ich muss mir beweisen, dass ich allein verreisen kann und dann saß ich mit den schlimmsten Panikattacken in Venedig und brach das Ganze ab, weil es mir so hundeelend ging. Bis ich danach herausfand, dass weite Reisen allein einfach gar nicht mein Ding sind. Dass ich das schon kann, aber… dass ich nicht vergessen sollte, mich ab und zu zu fragen, ob ich etwas auch will.

Das Jahr nahm also seinen Lauf und während die Seelenschwester immer mehr darüber klagte, wie sehr sie von hier weg möchte, wie groß ihr Fernweh ist, dass ihr Tapetenwechsel fehlen, sie sich eingesperrt fühlt, ihr Job immer derselbe ist, sie ein Leben führt, dass sie nicht will und sie Veränderung braucht… nun, war ich an der Ostsee. Ich lernte das Reisen für mich neu kennen, ich begann zum ersten Mal in meinem Leben Zug zu fahren, ich begann Spontaneität zu schätzen, ich überquerte tatsächliche und metaphorische Grenzen, ich erweiterte meinen Freundeskreis und meine Komfortzone. Ich entdeckte, dass ich Camping mag und… kaufte mir einen Bus. Ich schaffte mir eine Stichsäge an, baute ein Bett in einem Campervan, übernachtete allein in einem Auto, fuhr nach Rügen und durchquerte autark und allein die Republik und schmiedete Pläne für die Zukunft. Mein Job ist nie gleich, mein Alltag so wie ich ihn gestalte, ich kann tun und lassen, was und wann ich möchte, solange ich dabei den Laptop mitnehmen kann und zum Arbeiten komme. Mein gesamtes Leben unterliegt ständigem Wandel und gefühlt ist das einzige, was daran halbwegs normal ist… diese Wohnung. Diese Wohnung, diese Stadt (die ja kein Kaff auf dem Land ist, sondern eine Großstadt) ist mein einziger Fixpunkt, meine einzige Normalität in einem komplett unkonventionellen Leben. Ich habe wirklich viele Issues und Themen – aber das einengende Gefühl, ein zu normales Leben zu führen, gehört wirklich nicht dazu. Das hatte ich, aber diese Erkenntnis fand bei mir schon vor vielen Jahren statt und ich habe sehr viel aufs Spiel gesetzt, um aus diesem Rahmen auszubrechen und frei zu sein.
All die Themen, die die Seelenschwester hat, treffen auf mich nicht zu. Ich fühle mich nicht eingesperrt. Ich mag diese Stadt. Ich liebe diese Wohnung. Ich fühle mich nicht als würde ich auf der Stelle treten, nur weil ich jetzt nicht mehrere hundert Kilometer weit weg ziehe – denn alles andere in meinem Leben entwickelt sich rasant.

Nach intensivem, langem Nachdenken also kam ich zu dem Schluss, dass ich mir nichts beweisen muss. Ich muss nicht weit weg ziehen, um nicht das Gefühl zu haben, dass sich bei mir auch etwas verändert. Bei mir verändert sich alles ständig – ich bin dankbar für eine Sache, die so bleibt wie sie ist! Hinzu kam natürlich dieses Jahr die Nachricht vom Krebs meines Großvaters und die Tatsache, dass ich nicht ausgerechnet jetzt meinen Großeltern sagen will, dass ich noch weiter wegziehe als ohnehin schon. Alles in allem habe ich mich also dazu entschlossen, dass die Hauptstadt erstmal auf Eis liegt. Und ja: erstmal. Ich liebe Berlin, ich werde nach Corona wieder anfangen, hin und her zu pendeln. Ich liebe meine Leute dort, ich liebe den Puls dieser Stadt und ich brauche den Hedonismus, den nur Berlin zu bieten hat. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren auch in Berlin wohnen… wer weiß? Ich habe nicht vor, hier in dieser Stadt alt zu werden. Vielleicht ziehe ich in drei Jahren nach Berlin, oder in einem. Oder in fünf. Und dann mache ich einen aufregenden Zwischenstopp, um danach, mit vierzig oder fünfzig an die Ostsee zu ziehen und am Meer noch ein paar seriöse Bestseller zu schreiben. Ich werde sehen, was kommt.

Aber fürs Erste… bleibe ich hier.

…liegt dein größtes Wachstum

Die Entscheidung, in der Gegend zu bleiben, traf ich vor gerade mal wenigen Wochen. Es war eine Entscheidung, die sich intuitiv gut anfühlte und es noch immer tut. Der nächste Schritt war natürlich, die Sache mit der Wohnung zu klären, denn ich brauchte natürlich eine, in der ich mich mindestens so wohl fühlte wie in meiner jetzigen. Ich suchte eine Weile und fand tatsächlich eine recht ähnliche Wohnung wie meine, die – ganz ernsthaft – nur drei Straßen weiter liegt. Anfang des Jahres sagte ich immer „ich geh‘ doch nicht diesen riesen Schritt und ziehe dann nur drei Straßen weiter!“ – und meinte damit metaphorisch „irgendwo im Großraum“. Jetzt fand ich diese Wohnung, die wortwörtlich drei Straßen weiter liegt und es fühlte sich großartig an. Ich liebe den Vorort, in dem ich wohne, ich habe alles, was ich brauche vor der Haustür. Die Bahn, jedes wichtige Geschäft, gute Anbindungen und Grün für den Hund. Also ja, ich wollte eine Wohnung, die möglichst nah an meiner war. Möglichst ähnlich zu meiner Wohnung. Möglichst genau das Gleiche wie jetzt – nur irgendwie mit dem Gefühl von Veränderung, weil ich merkte, dass ich nicht alles einfach so lassen kann. Wenn die Seelenschwester auszieht, brauche ich auch einen symbolischen Neuanfang. Ich möchte Ballast in Form Kram und Möbeln loswerden, ich möchte mich neu sortieren und eine neue Wohnung einrichten. Es war ein zuerst schwieriger Denkprozess, der sich aber bald schon gut anfühlte.

Mehr noch… ich begann, mich ernsthaft zu freuen.

Und das war ein Meilenstein, den ich nicht in Worte fassen kann. Nie, wirklich niemals hätte ich gedacht, dass ich es nicht nur schaffe, sondern mich ernsthaft freue, auszuziehen und diese Wohnung hinter mir zu lassen! Ich machte also einen Termin aus für eine Wohnungsbesichtigung und ging vorfreudig, aber auch aufgeregt und unsicher hin. Es war schon viel, aber ich war der Sache gewachsen. Und mit diesem neu gewonnenen Vertrauen, mit dem Wissen, dass ich nicht von dieser Wohnung abhängig bin, dass ich jetzt Olaf habe, einen alten T4 Bulli, der mir ebenfalls Halt und Anker ist und zwar ganz unabhängig davon, wo ich gerade bin, mit all den Erfahrungen des Jahres, der Erkenntnis, dass ich irgendwie doch gern unterwegs bin und reise und dass ich viele Dinge ziemlich gut kann und ziemlich gern mag, von denen ich immer dachte, die sind nichts für mich… mit diesem Wissen, diesem neuen Vertrauen stand ich in dieser neuen Wohnung, die schön war und groß und meiner ziemlich ähnlich. Eine neue Küche, die ein großer Pluspunkt war, obwohl… die Farbe nicht ganz meins war. Und überhaupt war der Balkon nicht so groß wie meiner, die Fenster waren kleiner, das Bad hatte kein Fenster – wie bei meiner Wohnung – und die ganzen Geschäfte lagen jetzt nicht mehr direkt nebenan. Und sie lag einen Stock tiefer als meine und die Sicht ist lange nicht so schön. Mal abgesehen davon, dass sie teurer war…

All das erzählte ich anschließend jemandem am Telefon, der mich irgendwann unterbrach und sagte:

„Ist dir bewusst, dass du mir gerade zwanzig Minuten lang erzählt hat, weshalb deine Wohnung eigentlich besser ist?“

Und das war es. Das war das letzte Puzzleteil zu einem Bild, an dem ich seit einem Jahr arbeite. Ich habe es einfach nicht geschafft, diese Sache als eine einzelne Entscheidung zu sehen. Es war ein Prozess und ein sehr nötiger noch dazu. Ich hätte ohne 2020 niemals an den Punkt gefunden, an dem ich jetzt bin. Ich wollte flüchten, ich dachte, ich muss mir beweisen, dass ich auch umziehen kann, dass ich weit weg kann, dass ich mich meinen Ängsten stellen kann, wie immer. Erst dieses Jahr hat mich gezwungen, mir mehr Zeit zu nehmen, um zu erkennen, dass ich nie diejenige von uns beiden war, die immer hier weg wollte. Ich bin genug unterwegs, ich bin unabhängig, ich bin selbstständig, ich bin nicht eingesperrt, ich brauche keinen Tapetenwechsel. Ich erkannte, dass ich hier eigentlich noch gar nicht weg möchte, dass ich irgendwie… noch nicht ganz fertig bin hier.
Es ging also schlussendlich um meine größte Angst, seit Jahren: Dass die Seelenschwester irgendwann auszieht und wegzieht und ich dann hier zurückbleibe und nichts sein wird, wie es einmal war und ich dann meine Wohnung hinter mir lassen muss, weil ich es nicht mehr aushalte. Seit Jahren ist das meine Horrorvorstellung, weil ich diese Wohnung liebe und weil sie mir ein Anker ist in meinem unruhigen Leben. Es hat mehrere Jahre gedauert und ein Jahr der bewussten Reflektion, der neuen Erfahrungen, der harten Ehrlichkeit zu mir selbst, um endlich an den Punkt zu kommen, an dem ich bereit war, es zu tun. Mehr noch: An dem ich mich freute. Auf etwas Neues, auf eine Veränderung. Ich ging zu dieser Wohnungsbesichtigung mit einem Gefühl der Vorfreude – ich hatte wirklich vor, es zu tun. Ich hatte wirklich und ernsthaft vor, auszuziehen, ich wäre in der Lage gewesen, mich dieser Angst zu stellen.

Und genau in diesem Augenblick war es nicht mehr nötig.

Genau in dem Augenblick, als ich bereit war, mich dieser Angst zu stellen, erinnerte ich mich an die Lektion, die ich glücklicherweise in den letzten beiden Jahren gelernt hatte: Es geht nicht nur um die Frage, ob ich es kann – sondern auch um die Frage, ob ich es überhaupt will. Und diesmal, als hätte es so sein sollen, dass es mir in Venedig so miserabel ging, als hätte es so sein sollen, dass dieses Jahr mich an die Ostsee bringt und ich mir einen Bus kaufe, um ein völlig neues Gefühl zu entwickeln für Entfernung, für Heimat, für Flexibilität und für den Zustand des sich-wohl-Fühlens, als hätte all das so sein müssen, verpasste ich diesen einen, elementaren Schritt diesmal nicht, sondern hielt inne, um mir die richtigen Fragen zu stellen.

Ja, ich kann es. Ja, ich bin nun endlich dazu bereit, diesen Schritt zu gehen und umzuziehen. Ich bin bereit, mich dieser Angst zu stellen, die sich irgendwie… auflöste und nicht einmal mehr eine so große Angst ist. Ich bin bereit, es zu tun.

Aber ich will eigentlich gar nicht.

Und nun sitze ich hier, betrachte meinen Arm und mein Jahre altes Tattoo: In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum. Und ich habe das Gefühl, das nächste Level erreicht zu haben. Ich bin nun – nach 31 Jahren, nach 10 Jahren Arbeit mit und an mir selbst – nicht mehr nur in der Lage, mich meinen Ängsten zu stellen, sondern besitze die Fähigkeit, im Voraus herauszufinden, welche Angst ich konfrontieren möchte und auf welche ich verzichte. Ich bin durch mit der Konfrontationstherapie.

Ich muss nicht mehr jeden Kampf kämpfen, sondern darf mir meine Schlachten in Zukunft selbst aussuchen.



Teil II – Der Blick nach vorn

Also was jetzt?

Ja, Leute. Was jetzt? Um mal kurz den abstrakten Teil beiseite zu lassen, hier mal ein konkreter Plan für die Pragmatiker unter euch:

Ich werde vorerst nicht nach Berlin ziehen, sondern hier bleiben. Und ich werde meine Wohnung auch nicht verlassen, sondern sie behalten – und das fühlt sich gut an. Die Seelenschwester zögert manchmal, das merke ich. Vielleicht weil sie merkt, dass es jetzt ernst wird. Aber ich war jetzt diejenige, die die Sache forciert und auf die Einigung auf ein Datum gepocht hat, weil ich den Zustand des Wartens auf das Unvermeidliche nicht mehr aushalte – das war die Sache mit der Schlinge um meine Beine, ihr erinnert euch? Die wird jetzt durchgeschnitten und dann werde ich mich endlich von dem Fluss treiben lassen, auf den ich nun ein Jahr gewartet habe.

Die WG wird sich auflösen, die Seelenschwester und ich gehen getrennte Wege. Anfang Dezember führten wir an derselben Stelle das exakt selbe Gespräch wir vor genau einem Jahr. Mit dem Unterschied, dass ich jetzt vorbereitet war, dass ich inzwischen wusste, dass es das Richtige war und… dass ich nun bereit war. So bereit, dass ich mittlerweile diejenige bin, die es vorantreibt, um es endlich einfach… zu tun.
Natürlich trennen wir uns erstmal nur örtlich und nicht im Streit – sie ist weiterhin meine „kleine Schwester“. Aber sie wird einige Stunden weit weg ziehen, aufs Land, in ein Leben, das dem meinen noch unähnlicher ist als jetzt schon. Wir werden Kontakt halten, aber uns nicht häufig sehen, das ist mir bewusst. Genauso wie mir bewusst ist, dass das zwei Seiten hat. Eine sehr dunkle, harte Seite, die sich in ein paar schwierigen Wochen für mich zeigen wird.
Und eine… hellere. Eine, die sich richtig anfühlt. Es ist auch etwas Befreiendes in unseren getrennten Wegen. Wir haben uns wirklich auseinander entwickelt. Allein schon mein Bezug zu Sex und BDSM ist etwas, das deutlich intensiver geworden ist in den letzten Jahren und das sie zwar akzeptiert, aber mit dem sie nicht immer viel anfangen kann. Es gibt Dinge, die ich hier gern ausgelebt hätte, gern ausleben würde, auf die ich für sie verzichtet habe. Dinge, die ich mir in Zukunft vorstellen kann. Ich werde meine Wohnung nun zu „meiner“ Wohnung machen und ich werde auf nichts mehr verzichten. Ich kann mir Besuch einladen und tun und lassen, was ich will. Ich kann die Wohnung einrichten, wie ich möchte und meine Lack-Heels offen im Gang in einem Regal sammeln, weil es nun wirklich keinen mehr stört.

A propos „keinen mehr stört“ – so ganz allein bin ich hier natürlich nicht und damit meine ich nicht den Hund. Nein, wie das Leben so spielt, habe ich ja mittlerweile einen neuen Mitbewohner, der nicht besser passen könnte. Ich erzähle nicht regelmäßig von ihm, weil er hier lediglich einen Zweitwohnsitz hat und nicht immer hier ist. In Zukunft wird der Rhythmus ziemlich ideal sein: Er kommt wohl einmal die Woche für zwei Tage. Genau richtig eigentlich. Ab und zu gute Gesellschaft und dann bin ich wieder ein paar Tage allein. Bisher hätte mich das ziemlich aus der Bahn geworfen, aber ich war dieses Jahr so häufig allein hier, dass ich angefangen habe, mich daran zu gewöhnen. Ich denke, die ersten Monate werde ich erstmal mit dem Auszug der Seelenschwester beschäftig sein und mich neu sortieren, ohne jemand Neues. Die paar Tage allein zwischendurch werde ich brauchen. Und wenn das Jahr läuft wie ich hoffe, dann bin ich ohnehin viel unterwegs. Einziges Thema ist die Miete, die ich teilweise ausgleichen muss – aber ich kann mir immer noch jemanden suchen, wenn ich es gar nicht mehr schaffe. Das ist eine Richtung – und manchmal genügt eine Richtung, man braucht nicht immer konkrete Pläne.
Was ebenfalls ideal ist, ist übrigens, dass der Mitbewohner auch aus der Szene ist. Passiv, schöne Kinks und Fetische, gute Gespräche abends bei Rotwein und… nun ja, sagen wir, es ist eine spannende Konstellation und belassen es für dieses Jahr dabei.

Für alle, die sich nun wundern, was denn mit Paris ist – immerhin hatten auch wir bereits über das Zusammenwohnen gesprochen: Der zweite Teil des Beitrags steht noch aus, ich habe im Dezember ein bisschen Luft holen müssen (im Nachhinein hätte ich einfach offiziell „Urlaub“ oder „Winterpause“ ankündigen sollen, dann wäre auch der Druck weg gewesen, aber ich lerne ja bekanntlich aus Erfahrungen). Stand ist jedenfalls, dass Paris ebenfalls, genau wie ich, doch nicht nach Berlin zieht, sondern hier bleibt. Und dass wir beide nach langen Gesprächen beschlossen haben, nicht zusammen zu ziehen. Das zwischen uns ist… kompliziert und schwierig, so einzigartig und gut es auch ist. Zusammen zu wohnen hätte schöne Seiten, aber es hätte mindestens so viele Seiten, die wirklich schwierig wären und nur für eine nette WG wird keiner von uns aufs Spiel setzen, was wir haben.
Ich weiß nicht, was ich ohne diesen Mann zurzeit machen würde, der mir wichtiger wurde als ich es je gedacht hätte. Aber dazu steht alles in gesonderten Beiträgen, deshalb hier nicht viel. Vielleicht das noch: Er wollte ohnehin umziehen, statt Berlin sucht er jetzt hier eine neue Wohnung, weil er seine nicht mehr mag. Und er sucht eine in meinem Vorort, weil die Gegend einfach ideal ist, auch für ihn. Wie abgefahren wäre es, wenn er einfach im Laufe des Jahres eine Wohnung hier findet… drei Straßen weiter?

Meinen kleinen Neuanfang werde ich übrigens doch noch bekommen, indem ich alle großen Zimmer einmal komplett ausräumen werde, Möbel und Dinge entsorgen, die seit einigen Jahren nicht mehr zu mir passen, Wände neu streichen und alles neu einrichten. Im Februar ist es übrigens soweit: Ende Februar wird der späteste Auszugstermin sein, evtl. schon der 15. Dann werden ein paar heftige Wochen folgen, das weiß ich, aber… ich weiß, dass es der richtige Weg ist und ich weiß, dass ich endlich bereit dafür bin.

Im März möchte ich mit der Mithexe und Olaf – so es die Situation erlaubt – wieder nach Skandinavien. Wie groß die Tour wird, wird sich zeigen. Im Mai möchte ich zum ersten Mal Richtung Süden und schauen, ob mich mein Venedig-Mittelmeer-Debakel noch immer heimsucht, oder ob Olaf es schafft, dass ich auch mit dem Süden Frieden schließe.

Ich möchte das Frühjahr damit verbringen, die Wohnung neu einzurichten und auf kleinen und großen Touren zu schreiben, in der Hoffnung, dass der Sommer für uns alle wieder zur vollen Verfügung steht und dann möchte ich… tanzen, hauptsächlich. Und die Wochenenden auf Events und im Kitkat verbringen und Orgien feiern und… leben. Ich möchte leben – mit allem, was mir zur Verfügung steht. Ich möchte neue Seiten an mir kennenlernen, mit Olaf Abenteuer erleben und herausfinden, was das Leben und die Welt mir zu bieten haben.

Und was die Arbeit angeht: Nun, das wird schon. Ich hab schon einmal bei Null angefangen und es hat geklappt, ich werde das auch nochmal hinbekommen. Die Ideen für die Bücher sind fertig und warten, aber dafür brauche ich Ruhe und vor allem Geld, um den Druck loszuwerden. Ich muss erst schauen, dass mein Einkommen wieder stabil und entspannt wird. Ich habe auch die Hoffnung, dass ich ab Sommer wieder meine Runden machen kann – etwas, das mir elementar fehlt. Das Bloggen möchte ich wieder in regelmäßigen Abständen machen, das blieb auf der Strecke, aber das Jahr hat mich einfach etwas aus der Bahn geworfen. Ich denke, dass ich „Im Namen des Vaters“ zumindest auf Patreon gern veröffentlichen würde. Mein eigentlicher Roman folgt dann – vielleicht, ich hoffe es, noch dieses Jahr. Aber eins nach dem anderen.

Wie immer.

Dankbarkeit

Ich weiß, 2020 hat uns alle ziemlich mitgenommen und ich hoffe zutiefst, dass 21 sich von einer besseren Seite zeigt. Das Tanzen, die Events, menschliche Kontakte… es gibt so viele Dinge, die mir elementar fehlen und von denen ich hoffe, dass sie im kommenden Jahr wieder Teil meines, Teil unseres Lebens sein werden.
Aber ich bin auch irgendwie dankbar. So wie ich schon lange gelernt habe, rückblickend für Herausforderungen dankbar zu sein. Nun, nicht für die Herausforderung selbst – ganz so masochistisch bin ich nicht. Aber für das, was sie mit mir machen. Für die Seite, die sie dann in mir zum Vorschein bringen. Für die Chance, die Gelegenheit zu ergreifen und etwas zu lernen, von dem ich Zukunft profitieren werde und für die Phönixmomente, von denen ich dieses Jahr ein paar hatte. Ich dachte eine Weile, dass es faszinierend ist, dass ich dieses Jahr wie zwei „Handlungsstränge“ erlebte: Einmal mein Prozess des Umziehens und einmal meine neuen Abenteuer. Aber der Witz ist… das eine bedingte das andere. Ohne die Ausgangsposition, dass ich einen neuen Anker brauche, wäre ich nie auf die Suche gegangen, hätte nie Ausschau gehalten und mich auf all die neuen Erfahrungen nicht eingelassen. Und nur weil ich mich auf diese Erfahrungen eingelassen habe, konnte ich erkennen, dass ich auch ohne Anker ziemlich gut zurechtkomme – mehr noch: Dass es ohne Anker überhaupt erst möglich ist, sich treiben zu lassen.

Und… ohne diese Herausforderungen hätte ich zwei Menschen nicht kennengelernt, die mein Jahr – und tatsächlich mein Leben – grundlegend geprägt haben. Ich hätte die Mithexe nicht kennengelernt, die mir zu einer so guten Freundin wurde, wie ich es nie erwartet hätte und die es in kürzester Zeit geschafft hat wie noch nie ein Mensch, dass ich über eigene Grenzen einfach gut gelaunt pfeifend hinweg spaziere. Strandhaus an der Ostsee mit jemandem, den ich erst einmal in meinem Leben gesehen habe? Ja, okay. Ein Campingtrip nach Schweden, obwohl ich glaube, Camping nicht zu mögen? Klar! Bei einer anderen Person mehrere Nächte in einem Bett schlafen? So what? Die Panikattacke ignorieren und über nach Fähre fahren? Na gut.
Es ist wirklich abgefahren, was Menschen mit einem machen können, wenn man sich öffnet, wenn man sich einlässt.

Genau wie ich mich auf diesen Kerl eingelassen habe, der fast zehn Jahre jünger ist als ich und für den ich irgendwie einfach… acht Stunden Zug gefahren bin, obwohl ich Zugfahren eigentlich nicht mag. Der einfach mit mir ans Meer gegangen ist, weil er nicht wusste, dass das Meer für mich Himmel und Hölle zugleich ist und mir damit meine Liebe zur Ostsee gezeigt hat. Der mir seine Stadt vorgestellt hat, die irgendwie zu meiner Herzensstadt wurde und in der ich irgendwann in meinem Leben wohnen werde. Dieser Kerl, mit dem ich Nächte lang telefoniert habe, weil Corona nichts anderes zuließ und der mich einfach so angenommen hat wie ich bin. Der mir erklärt hat, dass man Möwen eigentlich nicht füttern darf, aber der es trotzdem einmal gemacht hat, weil er wusste, wie sehr ich es liebe, sie aus der Nähe zu betrachten.
Es gehört zu den Dingen, die ich in 2020 gern noch einmal machen dürfte: Dass ich den Beitrag über ihn nie zu Ende geschrieben habe. Weil sich die Ereignisse einfach überschlagen haben und ich mit dem Schreiben nicht hinterherkam und es einfach… nicht geschafft habe. Er hätte einen verdient. Er hätte einen Beitrag verdient, einen Namen auf meinem Blog. Für mich hat er ihn, vielleicht verrate ich ihn euch irgendwann. Das ist etwas, das mir ernsthaft leid tut, weil es etwas gewesen wäre, mit dem ich hätte ausdrücken können, wie viel er in meinem Leben verändert hat. Wir haben uns übrigens seit einigen Monaten nicht mehr gesehen, aus offensichtlichen Gründen. Aber wir haben noch Kontakt – ich denke, zurzeit sind wir Freunde und irgendwie ist es auch egal. So wie es immer egal war, was wir sind. Es war gut und das war alles, worum es ging. Ich glaube, er war der erste Mann, der einfach komplett damit klarkam, dass ich Beziehungen zu Menschen nicht lable, nicht in Kategorien stecke. Es war, was es eben war und es war gut – ich habe nie erlebt, dass jemand, der das selbst eigentlich nicht kennt, damit so schnell so gut klarkommt.

Und was auch immer es war oder wie auch immer es sich entwickeln wird, ob wir Freunde bleiben, für wie lange auch immer: Dieser Mensch hat mich verändert. Und das können nicht viele von sich behaupten.

Ein Gespräch, das nachhallt

Mein Fenster steht weit offen, um die warme sommerliche Brise in mein Zimmer zu lassen. Ich liege im Bett, wie immer den Mond von meiner Position aus betrachtend, während ich das Telefon am Ohr habe, das bereits ein wenig taub wird. Er und ich telefonieren einmal mehr die halbe Nacht durch und reden dabei über uns, über mich. Es ist ein Gespräch, das ich mit keinem anderen so führen könnte und das hat einen ganz bestimmten Grund:
Ich rede mit einem Mann, der mich mittlerweile persönlich kennt, auch in gewisser Weise im Alltag, weil ich inzwischen auch schon ein paar Tage am Stück bei ihm gewesen bin – aber der mich nicht einfach so kennengelernt hat, aus der Szene oder auf einem Event, sondern der mich liest. Er hat mich auf Twitter gelesen und er hat meinen Blog gelesen, er hat also einen Eindruck von dem, was und wie ich schreibe. Und der Witz bei meinen Texten ist ja, dass ich selbst über mein Leben berichte, über mich. Das Bild, das von mir gezeichnet wird, ist also zwangläufig das Bild, das ich von mir habe. Ich kann nicht sagen, wie andere mich sehen, ich kann nur sagen, was ich empfinde. Wie ich selbst mich sehe, welchen Eindruck ich von mir habe und ich wie ich meine eigenen Erfahrungen wahrnehme. Und diese Selbsteinschätzung kannte er und mit diesem Bild von mir lernte er mich im richtigen Leben kennen. Und ich kann behaupten, er kennt mich mittlerweile ziemlich gut.

Und dann, in dieser Nacht, folgt dieses eine Gespräch, das ich seither nicht wieder losgeworden bin und das mich zum Nachdenken gebracht hat wie lange nichts mehr.

„Weißt du“, fängt er an, „ich habe dich kennengelernt mit dieser Erwartung von dir. Dieser Erwartung, wie du bist, weil du selbst so viel und so konkret über dich schreibst, aber… eigentlich bist du ganz anders.“

Ich zögere, weil ich nicht weiß, worauf er hinauswill.

„Ich meine… du schreibst so viel darüber, wie kompliziert du bist, wie wenig spontan du bist, dass du nicht gern reist, ein Kontrollfreak bist. Darüber, dass du keine Überraschungen magst, dass du… schwierig bist und nicht gern Nähe zulässt. Dass du es nicht magst, bei einem Mann zu übernachten und… tausend andere Dinge. Aber ich hab dich kennengelernt und hab davon nichts entdeckt. Du bist einfach mal spontan sieben Stunden Zug gefahren, du lässt dich auf Reisen ein, du hast mehrere Tage bei mir verbracht und in meinem Bett geschlafen, du bist so voller Schnapsideen und spontan wie kaum jemand, den ich kenne – du musst es eben nur in deinem Rahmen machen und so, dass es für dich passt. Es ist wie mit dem Reisen: es stimmt nicht, dass du nicht gern reist – du musst es nur auf deine Art machen. Und… es stimmt auch nicht, dass du schwierig und kompliziert bist. In Wahrheit bist du der einfachste Mensch, den ich kenne. Klar, du hast deine Themen und deine Issues, aber du kennst sie alle und du kannst sie erklären. Ich bin noch nie jemandem begegnen, der sich selbst so gut erklären kann. Es ist als würdest du einem eine Gebrauchsanleitung in die Hand drücken. Du bist komplex, aber nicht kompliziert. Du erklärst dich. Immer und bei allem. Und damit machst du es anderen wunderbar einfach. Und ich glaube, du hast manchmal ein völlig falsches Bild von dir selbst…“

Im Schrank unter der Treppe

Wenn ich sage, dass dieser Kerl an der Ostsee mich verändert hat, meine ich damit mehr als das. Ich meine damit, dass er mit diesem einen Gespräch den Anstoß gegeben hat zu dem, was ich nun – in meiner Jahresbilanz – als Überschrift wähle, als Leitbild, als Motto für das kommende Jahr.

Lange hat mich nichts mehr so zum Nachdenken gebracht wie das. Ich meine, die Konstellation war einzigartig – er lernte mich kennen durch das Bild, das ich selbst von mir habe, weil ich darüber schreibe. Und dann… lernte er mich kennen. So wie ich wirklich bin. Und das, war er mir sagte, hat bei mir sehr viel bewegt, sehr viel gerade gerückt und auf den Kopf gestellt.

In der Psychologie gibt es den Begriff „Narrativ“ – natürlich auch in anderen Bereichen, aber in der Psychologie bezeichnet man damit im Grunde Lebensanschauungen oder Glaubenssätze und Denkmuster, die ein Mensch hat. Beispielsweise ist „ich bin ein Kontrollfreak“ ein Narrativ. Es ist… wie ein Puzzlestück von dem Bild, das man von sich selbst hat. Narrative sind mächtig, sie zeichnen sich dadurch aus, dass man sie verinnerlicht hat. Es sind tief in einem selbst verankerte Glaubenssätze. Glauben im Sinne von „nicht wissen“, sondern eben wirklich nur „glauben“, denn es sind keine belegbaren, beweisbaren oder messbaren Fakten. Aber „glauben“ kann eben dennoch genauso stark sein wie „wissen“. Manche unserer Glaubenssätze haben wir über so viele Jahre so sehr verinnerlicht, dass es uns absurd vorkäme, etwas anderes zu denken. Da kann ein Gegenüber noch so vehement behaupten „nein, so bist du gar nicht!“ – wir halten daran fest, weil es unsere tiefste Überzeugung ist.

Ich würde behaupten, es gibt nicht viele Dinge im Leben, die so schwer sind, wie unsere eigenen, tief verankerten Glaubenssätze neu zu überdenken und infrage zu stellen, vielleicht sogar zuzulassen, dass wir herausfinden, dass sie gar nicht (mehr) stimmen.

Ich habe dieses Jahr so viele Dinge getan, so viel Neues erlebt und so viele neue Erfahrungen gemacht, wie ich kaum einem anderen Jahr. Und etliche davon beruhten auf der Annahme, ich mache sie völlig entgegen meiner Glaubenssätze. Ich habe immer behauptet, Camping wäre sicher die Hölle für mich – jetzt habe ich einen eigenen Bus. Ich dachte, ich mag es nicht zu reisen – dieses Jahr war das das Einzige, was mich über Wasser hielt. „Ich bin nicht spontan – aber ich fahre mal kurz ans andere Ende der Republik“ und „ich mag Zugfahren nicht – aber ich brauche jetzt eine Bahncard, weil ich so viel im Zug bin“. Ich könnte euch eine Liste schreiben an Narrativen, die ich dieses Jahr irgendwie infrage gestellt habe. Oder anders: Ich habe sie nicht sofort infrage gestellt. Ich habe mich rausgeredet mit „naja, das ist eine Ausnahme – EIGENTLICH ist das nichts für mich“ und mit „das liegt nur an diesem komischen Jahr, dass ich das kann!“.

Die Wahrheit ist… erst dieses Gespräch, erst das Bild, das ein anderer Mensch von mir hat, verglichen mit dem Bild, das ich von mir selbst hatte, hat mich dazu gebracht, nicht nach den Ausnahmen zu suchen, sondern… nach den Regeln.
Nach neuen Regeln. Hat mich dazu gebracht, die alten Regeln, alte Narrative, bekannte und gewohnte Glaubenssätze infrage zu stellen und mir ernsthaft zu überlegen, ob sie noch aktuell sind. All diese Narrative sind wichtig gewesen, in meiner Vergangenheit. Die meisten davon überlebensnotwendig und viele davon haben die meiste Zeit gestimmt. Ich hatte eine Zeit, in der ich nicht einmal eine Haltestelle mit dem Bus fahren konnte, geschweige denn Zugfahren. Mich damit abzufinden, dass Zugfahren einfach nicht mein Ding ist, hat mir den Druck genommen, es regelmäßig tun zu müssen. Reisen war eine Qual für mich, Nähe zuzulassen auch, spontan zu sein und die Kontrolle abzugeben genauso. Mich so anzunehmen und mir zu sagen „so bin ich eben“, hat es leichter gemacht. Ich konnte mich erklären, ich konnte mich darauf einstellen, dass ich mit manchen Dingen eben Schwierigkeiten hatte. Ich konnte andere darauf vorbereiten, dann war niemand enttäuscht.

Aber dann… naja, dann gingen die Jahre ins Land und ich habe mich verändert, mich entwickelt und irgendwie… habe ich den Punkt verpasst, an dem ich – wie bei Beziehungen – die richtigen Fragen gestellt habe. Das Leben ist eine einzige Veränderung und mit ihm verändern wir uns selbst, mehr noch, wenn wir zu jenen gehören, die an sich arbeiten. Es wäre fatal, an alten Glaubenssätzen festzuhalten, weil sie einen für immer in der Vergangenheit festhalten und jeder Entwicklung im Weg stehen.
Ich möchte 2021 nicht mit dem Vorhaben beginnen, eine bestimmte Richtung zu wählen, sondern mit dem Vorhaben, mir alle Richtungen anzusehen und dann neu zu entscheiden, welche ich gern gehen würde. Ich möchte 2021 unter dem Leitfaden leben, meine alten, mir bekannten Narrative zu überdenken und herauszufinden, zu welchem Menschen ich geworden bin, ohne es gemerkt zu haben. Ich möchte mein „panta rhei“ weiterspinnen, möchte das Thema „Veränderung“ und „Entwicklung“ auf ein nächstes Level heben und es nicht nur geschehen lassen, passiv, – sondern mir aktiv und bewusst anschauen, wohin diese meine Reise geht.

Und weil ich einfach so viel besser mit Bildern umgehen kann, bekomme ich es einfach nicht hin, jetzt zu sagen „ich werde alte Narrative untersuchen, sie infragestellen und neu erschaffen“, nein. Ich brauche ein Bild. Ich brauche ein Bild von… einer Suche nach einzelnen Teilen eines Ganzen. Eines Ganzen, das am Ende zu einer Auflösung führt – einer Auflösung, einem neuen Kapitel, einem neuen Weg, was auch immer. Es müssen Teile sein, die nicht per se schlecht sind, aber die zu etwas gemacht wurden, das jetzt aufgelöst werden muss, um nach vorn schauen zu können.

Und während ich also überlege, kommt mir jemand ganz anderes in den Sinn. Jemand, der mich schon mein Leben lang begleitet und der das absolute Sinnbild dafür ist, dass es nicht nur schlechte Narrative gibt. Dass nicht alles, was ich von mir glaubte, aufgelöst werden muss. Dass meine Angst, nicht mehr zu wissen, wer ich bin, vollkommen unbegründet ist. Ich weiß, wer ich bin. Ich kenne mich sehr gut. Ich weiß um die Dinge, die mich auszeichnen. Es geht nur darum, überflüssige Dinge loszuwerden – wie eine Schlange, die ihrer Haut entwachsen ist und sie abstreifen muss, um sich voll entfalten zu können. Ich denke an jemanden, den ich in einem Schrank unter der Treppe kennengelernt habe und den ich auf seinen Abenteuern begleitet habe. Auf ein letztes Abenteuer, das aus einer Suche bestand nach… Teilen eines Ganzen, das am Ende zu einer Auflösung führt, einem neuen Kapitel, einem neuen Weg. Teile, die nicht per se schlecht sind, aber die zu etwas gemacht wurden, das aufgelöst werden musste, um nach vorn schauen zu können. Es ist jemand, der auch ein Narrativ für mich ist, aber eines, das ich auch weiterhin mitnehmen werde und es ist jemand, der mir helfen wird mit meiner Suche, weil er mir das Bild dafür leiht: Es ist Harry, der sein letztes Abenteuer damit bestreitet, Horkruxe zu finden, sie zu zerstören, um endlich frei zu sein von der dunklen Magie in seinem Leben.

Meinen ersten Horkrux habe ich dieses Jahr bereits gefunden. Er hieß „ich kann nicht reisen“. Ich habe ihn zerstört, indem ich mir Olaf gekauft habe, einen Camper. Weil ich reisen nicht nur – auf meine Art – ziemlich gut kann, sondern auch ziemlich gut finde. Und ich weiß, es warten noch mehr auf ihre Auflösung. Viele mehr.

Ich, meine Lieben, mache mich also jetzt auf die Suche nach Horkruxen – nach Narrativen, die mich mehr behindern als mich voranzubringen, und die es jetzt aufzulösen gilt. Ich werde herausfinden, was wirklich noch ein Teil von mir ist und was nur eine Altlast ist, die ich aus Gewohnheit mit mir herumtrage. Und ganz vielleicht bringt diese, meine Suche ja den ein oder anderen von euch dazu, sich zu überlegen, ob er ein paar Glaubenssätze mit sich herumträgt, die nicht mehr aktuell sind. Ich weiß, dass es schwierig sein kann, tief verankerte Bilder von sich selbst zu überdenken, aber… das Wunderland hält für uns alle so viele neue Gegenden bereit. Was hätten wir davon, immer nur die Wege zu gehen, von denen wir glauben, sie passen zu uns? Die Wege, die wir schon kennen. Die Wege, die wir gewohnt sind zu gehen – ohne die anderen zumindest ausprobiert zu haben?

Ich mache mich dann jetzt auf den Weg, meine Lieben.

#Horkruxefinden

Vielleicht schließen sich ja ein paar von euch an – man braucht nämlich gute Gefährten auf Abenteuern.

Das habe ich in einem Buch gelesen.


Wisst ihr… die Wahrheit ist, manchmal bin ich meinen Dämonen sogar dankbar, dass sie regelmäßig dafür sorgen, dass es… unbequem wird. Es ist, als wäre ich mittlerweile ab und zu in der Lage, innezuhalten und durchzuatmen. Eine Pause vom Abenteuer einzulegen und am Lagerfeuer Rast zu machen. Aber eben nur eine Weile, dann spüre ich sie wieder aus irgendeiner Ecke kriechen und so sehr ich sie dafür hasse, wirklich, so sehr ich mir in diesem Augenblick immer wünsche, sie würden mich einfach endlich in Frieden lassen, die beschissenen Viecher, die dunklen Tiefs, die Angst, die Panik, die Zustände der Unsicherheit, die Angst vor… so vielem. So sehr ich sie in diesen Augenblicken verabscheue… so sehr weiß ich zugleich, dass es sich lohnen wird, aufzustehen und die nächste Abzweigung zu suchen. Und dann packe ich meine sieben Sachen, lösche das Feuer und breche noch in der Morgendämmerung auf, wenn die Welt noch schläft und ich mit meinen Dämonen und den ersten Sonnenstrahlen allein bin – müde, getrieben, noch etwas außer Atem, von dem Wunsch begleitet, die Ruhe noch ein wenig länger genießen zu dürfen, meine Wunden von dem letzten Kampf betrachtend, die doch gerade erst verheilt sind.

Die Luft ist noch kalt, der Tau liegt über den feinen Gräsern und der Horizont ist gerade so hell, dass ich meinen nächsten Schritt setzen kann, aber nicht hell genug, um zu erkennen, wo mein Weg mich hinführt. Es ist eine seltsame Stimmung, jedes Mal.
Als hätte ich geträumt, dass ich im Auge eines Sturms sitze und endlich den Mut gefunden habe, aufzustehen und die Wand zu durchbrechen, ohne zu wissen, was mit mir geschehen wird und wo ich auf der anderen Seite herauskommen werde. Dann schlage ich die Augen auf, schrecke neben meinem Lagerfeuer aus dem Schlaf und glaube für eine Sekunde zu sehen, wie meine Dämonen sich im Kreis um mich gelegt haben, die Fangzähne nicht zu mir, sondern von mir weg gerichtet, als wollen sie mich… beschützen.

Ich muss blinzeln, reibe mir die Augen und als ich genauer hinsehe, ist alles wie immer: Meine zuverlässigen Begleiter fauchen mich an. Natürlich. Ein schönes Traum-Bild, dass diese Biester mich schützen, wenn ich nicht wachsam bin, wenn ich es nicht merke, und mich nur dann quälen, wenn ich mich ausruhen möchte – aber auch ein unrealistisches, das ich mir in der Kälte des Morgengrauens wohl eingebildet habe.

Egal. Ich muss los – das nächste Abenteuer steht an.

Kommt ihr mit?




Es ist der 31.12.2020, wenn ich das Ende dieser Zeilen und damit den letzten Beitrag für dieses Jahr schreibe. Mein Blog wird weiterhin bestehen, unter welchem Namen und Konzept auch immer. Einmal mehr habe ich mir kurz überlegt, diesen Beitrag für Patreon zu schreiben, um einfach wieder ein paar Leute zu bekommen, die ein Abo abschließen, weil Corona eben doch sehr… hart war. Aber ich bekomme so oft Nachrichten, Antworten auf solche Beiträge, die mir sagen, wie sehr auch ihnen meine Texte eine Anregung zum Nachdenken sind, helfen oder sie auch nur für kurze Zeit unterhalten. Ich möchte sie nicht hinter ein Schloss stellen – zumindest nicht solche Texte.
Dennoch an dieser Stelle den Hinweis darauf, dass wenn ihr mich öfter lest und das Gefühl habt, gut unterhalten zu werden, abzuschalten, zum Nachdenken angeregt zu werden oder in irgendeiner Form meine Texte für wertvoll und meine Arbeit – wenngleich meine Projekte über Corona brach liegen – für unterstützenswert zu halten, dann freue ich mich über ein Patreon-Abo. Das kleinste beginnt bei 4 Dollar im Monat (wird automatisch umgerechnet in Euro) und beinhaltet als Dank meine monatliche Brieftaube, einen Newsletter. Jeder kleine Beitrag, jedes einzelne Teilchen ist etwas wert und hilft mir in der Selbstständigkeit, diese Zeit zu überbrücken.

www.patreon.com/federpeitsche

Aber völlig unabhängig davon freue ich mich über jeden Kommentar, jeden Input, jeden Retweet auf Twitter und vor allem jede Nachricht darüber, dass ich ein klein wenig Gesellschaft auf meinem Weg habe. Ich wünsche euch ein Jahr, das zumindest besser wird als das letzte – die Messlatte liegt tief, das halte ich für machbar. Bleibt gesund, passt auf euch auf und… danke, dass ihr hier seid. Wenn ihr mich sucht – ihr wisst ja, wo ihr mich findet.

Ich entscheide mich nämlich zu bleiben – genau hier.

Ich hoffe, ihr auch.

Eure O.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: