Being Helena – Teil I

Oder: Über das Meer der verlorenen Wörter

Das Wunderland hat immer schon die merkwürdigsten Dinge für mich bereitgehalten und gibt sich auch weiterhin keine Mühe damit, mich zu schonen – das weiß ich ja. Aber die Gewässer, auf die ich hier gerade blicke, während der Sturm hinter mir tobt, sind nun wirklich sonderbar.
Sie sind ruhig, beunruhigend still geradezu. Es ist ein tiefes Meer, von grausamer Windstille geprägt, sodass Seefahrer hier selten Segel setzen, denn keiner von ihnen kann sagen, wann und ob er je am anderen Ufer ankommt. Es ist so windstill, so leise, dass man das Gefühl hat, selbst die eigene Sprache geht verloren, wenn man sich auch nur in die Nähe des weiten Strandes wagt.
Es ist der Ozean ohne Sprache, das Wasser der vermissten Buchstaben, eine Gegend, in der nichts benannt, nichts beschrieben und nichts erklärt werden kann. Man fühlt sich so verloren, dass man sich zugleich uneingeschränkt angekommen fühlt, weil selbst das Gefühl der Sicherheit so weit in die Ferne rückt, dass man es irgendwann einfach… vergisst.

Und wenn du dort angekommen bist, bei der Erkenntnis, dass Sicherheit durch klare Definitionen nur eine Fata Morgana ist… ja, wenn du so lange durchhältst… dann kannst du es mit Stolz behaupten:

„Ich bin über das Meer der verlorenen Wörter gesegelt!“

Was, ich?

Nein, ich hatte natürlich nicht vor, mich dort hinaus zu wagen – hallo? Aber was will man machen, wenn Paris höchst selbst dich mit der schönen Helena verwechselt, dich ohne nachzufragen auf sein Schiff schleppt, weil er dazu bestimmt ist, den trojanischen Krieg auszulösen und dir nichts übrig bleibt als zu hoffen, dass er dich früher oder später wieder auf deiner kleinen Lichtung im Wald absetzt, Sturm hin oder her.

Aber… you know how it works.

Von vorn.


Von Göttern, Heroen und dem trojanischen Krieg

Paris ist ein Heros (bei der Aussprache liegt die Betonung übrigens auf dem langen „a“, nicht auf dem „i“ wie bei der Hauptstadt Frankreichs).
Für alle, die sich mit der griechischen oder römischen Mythologie nicht auskennen: Heroen (oder weiblich auch: Heroinen) sind Gestalten halbgöttlicher Herkunft. Heute werden sie meist mit „Helden“ gleichgesetzt – vor allem, weil sie sich dadurch auszeichnen, besondere Fähigkeiten (meist in Bezug auf Kampf und Stärke) zu besitzen, die sie Sterblichen überlegen macht. Heroen sind also etwas „dazwischen“, sie sind keine Götter, aber sie sind definitiv keine Normalsterblichen.

Und ja, Paris ist einer von ihnen. Doch selbst unter jenen, die aus der Reihe tanzen, sticht er hervor, denn er ist anders als die anderen. In der Ilias beispielsweise werden andere Heroen ins Zentrum gerückt, beispielsweise Achill oder Hektor. Er wird auch anders dargestellt als die anderen und dennoch: Er ist und bleibt ein Heros. Auch in der Ilias gibt es eine bezeichnende Stelle, in welcher Hektor ihn lobt ob seiner Kampfeskraft und Errungenschaften. Anschließend sagt er, es stimme ihn traurig, wie herablassend die Trojaner von ihm sprächen und er tadelt Paris ob seines Unwillens zum Kampf, obwohl er doch so gut darin sei.

Was ebenfalls viele nicht wissen, ist, dass es Paris war, dem es schließlich gelang, den quasi unverwundbaren Achilleus durch einen Pfeilschuss in die Ferse zu töten – man sollte erwähnen, dass Apollon ihm dabei die Hand führte, aber dennoch.

Paris‘ Ende sind schließlich zwei Pfeile von Herakles, die in lernäisches Schlangengift getränkt sind. Er schleppt sich verwundet zu seiner ersten Ehefrau und bittet sie um das Gegengift – diese jedoch verweigert es ihm, aus Zorn darüber, dass er sie für die schöne Helena verlassen hat. Allerdings bereut sie ihre Tatenlosigkeit nach seinem Tod so sehr, dass sie einen Scheiterhaufen errichtet und ihrem Geliebten ins Jenseits folgt. Ja, ich weiß – die Griechen…

Aber was hat es denn jetzt mit der eigentlichen Geschichte um die schöne Helena und den trojanischen Krieg auf sich?

Nun, es trug sich folgendermaßen zu:

Auf dem Olymp soll eine göttliche Hochzeit gefeiert werden, zu der alle eingeladen sind außer Eris, die Göttin der Zwietracht. Aus Zorn darüber wirft sie aus der Ferne einen goldenen Apfel unter die Gäste mit der Aufschrift „Für die Schönste“. Natürlich bricht ein Streit aus, wer denn nun „die Schönste“ sei: Aphrodite, Hera oder Athene. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, gibt Zeus das Urteil an den Jüngling Paris ab, der nun den Apfel verteilen soll. Paris lebt als unschuldiger Hirte ein bescheidenes Leben weit abseits des Olymp und dürfte somit – so Zeus Hintergedanke – in der Lage sein, objektiv zu antworten. Hermes, der Götterbote, wird von Zeus beauftragt, die drei Göttinnen zu Paris zu geleiten.

Natürlich versuchen alle drei auf ihre Art, Paris zu bestechen: Hera verspricht ihm Macht, Athene wiederum Weisheit und Aphrodite… ja, Aphrodite verspricht ihm die Hand der schönsten Frau auf Erden: der schönen Helena von Sparta, Frau des Agamemnon. Wenig überraschend entscheidet sich der bis dahin in Einsamkeit lebende Paris für Aphrodite, woraufhin vor allem Hera so erzürnt ist, dass sie ihm und den Trojanern ewige Feindschaft schwört. Es ist ihr Hass, der zu Trojas Untergang und später zu den Irrfahrten des Aeneas führen wird, aber das ist eine andere Geschichte.

Paris wird (weil er nun unter Aphrodites Schutz steht und die Trojaner ihr vertrauten) zusammen mit Hektor als Gesandter nach Sparta geschickt, wo er Helena begegnet, die er entführt – was sich als leicht herausstellt, denn sie verliebt sich sofort in ihn. Mit diesem Brautraub löst Paris den trojanischen Krieg aus.

Das Ding ist… eine wirklich romantische Liebesgeschichte ist es nicht, weil einerseits ziemlich viele Leute gestorben sind, nur weil der Typ von der perfekten Frau geträumt hat und der Versuchung nicht widerstehen konnte, und andererseits hat Aphrodite in Sachen „Liebe“ natürlich auch bei Helena ein klein wenig nachgeholfen. Bleibt also die Frage, was die Liebe zwischen den beiden eigentlich bedeutet. Ob Helena nur mit ihm gegangen ist, weil ihr eine wortwörtliche göttliche Eingebung (nämlich Aphrodite) gesagt hat, dass Paris DER Mann für sie ist, dass sie keinen finden wird, der besser zu ihr passt, dass er ihre Bestimmung ist. Ich meine… wie ist das mit dem Schicksal? Gibt es Menschen, die einfach füreinander gemacht sind? Aber was, wenn die Gefühle, die dahinterstecken, die falschen Gründe haben? Woher weiß man, ob man gerade seinen eigenen, wahren Gefühlen folgt oder ob man nur glaubt, dass etwas Schicksal sein muss, weil es sicher nie wieder im Leben so gut passen wird?
Nun. Ihr seht schon. Fragen über Fragen, wie immer bei den Griechen.

Ein Glück nur, dass ich nicht Helena bin und mich all das nichts angeht…

Die Sache mit dem ersten Blick

Ich werde nicht selten gefragt, wie Paris und ich uns eigentlich kennengelernt haben und seit wann wir uns schon kennen. Das Spannende an der Sache ist: Würde man ihn und mich fragen – man bekäme zwei unterschiedliche Antworten. Das wiederum habe auch ich erst vor einigen Monaten herausgefunden, aber eins nach dem anderen. Ich möchte euch erstmal meine Version der Geschichte erzählen.

Ich habe Paris im Frühjahr 2019 kennengelernt. Ich war letztes Jahr in der Szene ziemlich aktiv und generell recht extrem auf der dominanten Seite unterwegs. An einem Abend unter der Woche fand ein Bondage-Workshop statt, bei dem ich angemeldet war. Ich kannte einige Leute dort – vor allem ein paar Frauen, die wie ich auch dominant waren und durch die ich nicht die einzige aktive Frau dort war. Bei einem Bondage-Workshop wechselt man nicht innerhalb einer Übung, weil die einzelnen Fesselungen häufig recht komplex sind und eine Weile dauern können – gerade, wenn man sie noch nicht kennt. Bei manchen Paaren möchten beide das Fesseln lernen, weshalb sich beide nach den jeweiligen Übungen abwechseln. Meistens aber ist einer von beiden „Rope Bunny“, also wird gefesselt, und der/die andere „Rigger“, also fesselt aktiv. Manche Paare sind auch im Privaten ein Paar, viele sind Spielpartner, einige bringen einfach gute Freunde als „Rope Bunny“ mit und ein paar schreiben sogar Dates bei Joyclub aus.
Ich hatte damals einen platonischen, guten Freund mitgenommen, der sich mit viel Freude von mir probe-fesseln ließ. Am Platz neben mir übte eine dominante Frau, die ich aus Femdom-Kreisen kannte. Solche Workshops laufen ein bisschen ab wie Schule – einer erklärt, alle machen die Übung, aber trotzdem wird eben ab und zu ein bisschen nebenbei geredet, vor allem unter denen, die am Platz nebeneinander üben. Die Frau neben mir und ich kamen schnell ins Gespräch, wie immer, und tauschten uns über alles mögliche aus – dabei fand ich auch heraus, dass sie für den Workshop ein Date bei Joyclub ausgeschrieben hatte und ihr Rope Bunny eigentlich gar nicht wirklich kannte. Dieses Rope Bunny, also ihr Date, war Paris.

Ich bin ehrlich, auch wenn vermutlich alles, was ich jetzt sagen werde, ziemlich… arrogant klingt.
Der Workshop fand in einer Zeit statt, in der ich meine Dominanz ziemlich exzessiv auslebte. Ich hatte erst im Jahr davor so richtig angefangen, auch öffentlich zu switchen, meine Einstiegsphase in die Femdom-Welt hatte ich hinter mir und war in der Souveränität angelangt. Die Wochenenden verbrachte ich auf Events, meine Abende auf Joy, bei Femdom-Stammtischen, auf Workshops oder in Domina-Studios für Austausch oder andere Dinge. Und den Rest meiner Zeit… schrieb ich darüber. Femdom bzw. BDSM erfüllte mein Leben und wenn ich heute sagen müsste, was die sexuelle Dominanz mir für den Alltag, für mich, für mein Leben wirklich gebracht hat, langfristig, dann würde ich sagen: Selbstbewusstsein. Etwas, an dem es mir mein Leben lang elementar gemangelt hatte. Etwas, das ich dringend nötig gehabt hatte. Und definitiv etwas, das ich eine Zeitlang überkompensierte. In genau dieser Zeit lernte ich Paris kennen. In einer Zeit, in der ich mich gut ernährte, auf meinen Körper achtete, fünfmal die Woche Sport machte, mich gut mit mir selbst fühlte und als junge, dominante Frau in der Szene zur kleinsten Gruppe gehörte – was zur Folge hat, dass man die größte Auswahl hat, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Gegenpart (devote Männer) die wiederum größte Gruppe bilden. Es war eine Zeit, in der ich Date um Date hatte, in der ich mit mehreren Männern auf unterschiedliche Art spielte. In der ich für unterschiedliche „Kategorien“, wie ich sie nannte, unterschiedliche Männer hatte. Mit dem einen verstand ich mich menschlich sehr gut und traf mich zum Reden. Einer leckte sehr gut. Einer bediente mein Fußfetisch-Thema. Einer ließ mir die Möglichkeit, meinen neu entdeckten Natursekt-Fetisch auszuleben. Einer durfte mich auf Events begleiten, weil er sich gern vorführen ließ und mit ein paar schrieb ich nebenbei. Um das klarzustellen: Ich war immer ehrlich zu allen und spielte mit offenen Karten. Ich ließ keine tiefen Gefühle zu und achtete immer darauf, dass es allen gut ging, aber… ja, ich hatte einige Eisen im Feuer, wie man so schön sagt und… ich liebte es. Ich liebte die Aufmerksamkeit, die Auswahl, das Angehimmeltwerden, das Begehrtwerden. Heute, im Rückblick, denke ich allerdings, dass das, was ich am meisten geliebt habe, die Kontrolle war.
Das Jahr davor hatte mich ziemlich gefickt. Es war das Jahr einer Begegnung mit einem Mann, der viel in meinem Leben verändert hat. Der mich geprägt hat. Von dem ich heute noch Alpträume habe. Der mich dazu brachte, ein Buch zu schreiben, damit Frauen wissen, welche Gefahren in dieser Szene lauern, wenn man nicht aufpasst. Es war eine Begegnung, die am Landgericht geendet hatte und deren Verarbeitung länger dauerte als mir lange bewusst war. Die Art, wie ich BDSM in dieser Zeit lebte, war reine Kontrolle. Ich ließ niemanden an mich ran, ich ließ mich emotional auf niemanden ein und ich war nicht interessiert an emotionalen Bindungen. Klingt nicht gerade gesund, aber ich handhabte es mit moralisch hohen Ansprüchen an mich selbst, an meine Kommunikation und an meinen Umgang mit anderen – es war einfach das, was ich damals brauchte. Anyway.
In genau dieser Zeit lernte ich also Paris kennen – als einen weiteren devoten Mann (eigentlich ist er Switcher, aber ich lernte ihn als devot kennen), der in der Szene aktiv und Single ist und eine Femdom-Bindung oder Spielbeziehung sucht. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass die Begegnung damals für mich von immenser Bedeutung war. Das lag aber nicht an ihm, sondern schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass ich für neue Begegnungen einfach nicht offen war. Zumindest nicht für solche, die ich nicht selbst initiiert hatte, die ich nicht selbst aktiv in die Wege geleitet und über die ich nicht von Punkt 0 an die volle Kontrolle hatte.

Heute ist von diesem Abend also alles, was ich noch weiß, dass wir nebeneinander Bondage-Übungen gemacht, dass wir ein paar Sätze miteinander gewechselt haben und dass die Frau, deren Date Paris war, mir anschließend davon erzählte, wie angetan sie von ihm sei und „was man mit dem alles anstellen“ könnte…

Spuren

Schon am nächsten Tag hatte ich Paris eigentlich kaum mehr auf dem Schirm gehabt, wie ich ehrlicherweise zugeben muss – ja, er war sympathisch, attraktiv und hatte eine mehr als angenehme Art, aber wie erwähnt war mir zu dieser Zeit nicht nach Kontakten außerhalb meiner eigenen Kontrolle. Vermutlich hätte ich ihn irgendwann gänzlich aus meinem Kopf verbannt, wäre nicht kurz darauf eine ziemlich außergewöhnliche Mail bei Joyclub in meinem Postfach gelandet. Und wenn ich hier „außergewöhnlich“ sage, dann heißt das etwas. Denn nicht nur war der Inhalt, waren seine Worte anders als die anderer, nein – sie waren von Hand auf Papier geschrieben und abfotografiert. Dass ich das zu schätzen wissen würde, hatte er (wie ich später erfuhr) mehr oder weniger zwischen den Zeilen meines Profils herausgelesen. Okay, jetzt war ich tatsächlich angetan – aber selbst wenn ich einem Date zugestimmt hätte, wie es die Intention der Nachricht gewesen war, so stand noch immer eine nicht zu verachtende Tatsache im Raum: Er war das Date einer anderen gewesen und ich wusste, dass sie wiederum mehr als angetan war von ihm und… nun ja, das macht man eben nicht. Schon gar nicht, wenn man sich von Stammtischen kennt und privaten Kontakt pflegt.

Die nächsten Begegnungen fanden sporadisch statt. Ich hatte ihm zwar geantwortet, aber eben nur unverbindlich und doch recht zurückhaltend. Aber irgendwie… nun ja, ohne dass wir wirklich aktiv etwas dafür machten, begegneten wir uns weiterhin regelmäßig. Wir waren auf denselben Events unterwegs, besuchten dieselben Veranstaltungen und auch die ein oder andere Nachricht wurde getauscht. Bei einem eher größeren Event war ich offiziell bei Joy angemeldet und erschien mit einem Date – einem Switcher, jung, attraktiv, der bisher dominant unterwegs gewesen war und sich von mir zur Abwechslung benutzen und vorführen lassen wollte. Er war auf meine Anweisung hin nackt bis auf ein Harness und einen Peniskäfig, an dem eine Leine befestigt war, an der ich ihn mit mir führte. Es war genau das, was ich zu der Zeit brauchte: Dominanz, absolute Kontrolle, eine Prise aktiver Demütigung, Vorführung eines devoten Mannes, Aufmerksamkeit anderer, die Möglichkeit, meine Fantasien öffentlich ausleben zu können und ein paar andere Frauen, die ähnlich tickten wie ich und mit denen man sich zwischendurch an der Bar unterhielt. Es war ein grandioser Abend, der in mehreren Spielen, einigen Vorführungen und mehr als einer erinnerungswürdigen Situation endete. Auch die Frau von dem Workshop war anwesend und, wie sie mir vorher berichtete, auch Paris würde kommen – mehr oder weniger als ihr Date. Es war ein spannender Abend, der von unterschiedlichen Konstellationen und viel gemeinsamem Spiel geprägt war. Ein Abend, an dem ich Paris mehr auf dem Schirm hatte als sonst und an dem ich zum ersten Mal ausführlich mit eben dieser Frau über ihn sprach – und über die Frage, wie investiert sie war und wie es für sie wäre, wenn ich mit ihm spielen würde. Als wir glaubhaft geklärt hatten, dass es für sie in Ordnung war, bezog ich ihn in mein Spiel mit ein.

Heute ist es seltsam, darüber nachzudenken. Heute, wo Paris mir so nahe steht wie wohl kaum ein Mann. Heute, wo ich ihn ungemein gut kenne und weiß, wie er tickt. Heute, wo er zu meinem engsten Kreis gehört. Heute, wo ich dieses Jahr hinter mir gelassen habe und zumindest wieder halbwegs in der Lage bin, mich auf Menschen einzulassen.
An diesem Abend nämlich war ich das nicht und rückblickend betrachtet, war ich das länger nicht als mir bewusst war. Es war mir schon vorher schwer gefallen, aber nach der Begegnung mit diesem einem Mann war emotionale Nähe für mich erstmal unmöglich. In genau diese Zeit fällt dieser Abend und alles, woran ich mich noch erinnere, sind heftige Bilder von öffentlichen Sessions. Bilder von Andreaskreuzen, Bilder von zwei Männern, von Spielzeugen, lautes Stöhnen, sexuell erregte Männer und schmerzverzerrte Gesichter. Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich fühlte und wie es mir ging, aber… da ist nicht viel, wenn ich ehrlich bin. Nicht falsch verstehen: Es war kein wahl- und gefühlloser Sadismus! Die Herren hatten großen Spaß, es wurde nur abgesprochen und einvernehmlich gespielt und mit nicht-bekannten Spielpartnern auch nichts übertrieben. Ich habe auch (vielleicht gerade) in meinen exzessivsten Zeiten sehr viel Wert darauf gelegt, dass es meinem Gegenüber immer gut geht. Aber ja, ich muss zugeben, dass ich mich nicht wirklich an intensive Gefühle erinnern kann. Ich weiß noch, dass ich den ganzen Abend in einem hoch geschlossenen Catsuit verbrachte, den ich nie ablegte oder auch nur teilweise auszog. Ich ließ mich nicht anfassen, geschweige denn sexuell berühren – einzige Ausnahme war eine erotische Fußmassage am Ende, bei der ich zumindest meine Heels ablegte. Ob ich das heute wieder so machen würde? Hm. Vielleicht zwischendurch mal, weil natürlich ein großer Reiz in der Vorführung besteht – aber nicht mehr regelmäßig. Es war ein aufregender, spannender, reizvoller Abend, aber… emotional irgendwie leer, zumindest in meiner Erinnerung.

Es sind solche Abende, an die ich mich in Teilen erinnern kann, an denen ich Paris begegnete. Dass diese Begegnungen emotional keine tiefen Spuren hinterließen, ist kein Zeichen davon, dass dieser Mann mir egal war, sondern vielmehr davon, wie tief andere Spuren waren, die jemand zuvor bei mir hinterlassen hat. Spuren, die noch nicht geheilt waren.

Wenn die Dornen nichts ausmachen

Wochen und Monate zogen ins Land und… ich kann ehrlicherweise nicht mehr wirklich rekonstruieren, welche Abende Paris und ich in welcher Konstellation miteinander verbracht haben. Die Monate sind irgendwie ein wahres Chaos an Femdom-Erinnerungen, Sessions, Experimenten, neuen Erfahrungen, extremen Grenzgängen und oberflächlichen Begegnungen. Und vielleicht ist es umso besonderer, dass ausgerechnet Paris als einziger Mensch es geschafft hat, über diese Phase hinweg in meinem Leben zu bleiben. Ohne dass ich wirklich sagen könnte, wie er das angestellt hat, ließ ich zu, dass dieser Mann in einer Zeit, in der ich allen anderen mit emotionaler Gleichgültigkeit begegnete, mir wichtig wurde.

Wenn ich an die Zeit denke, in der wir uns näher kamen, denke ich nicht an einen devoten Mann. Ich denke an einen Mann, den ich immer als attraktiv und interessant wahrgenommen habe, aber zugleich als… nicht ganz zu mir passend. Ich denke an einen Mann, der absolut authentisch Switcher ist, der im Alltag immer alles im Griff hat, selbstständig und alles andere als schüchtern ist, aber auch recht schnell in die Unterwerfung switchen kann, wenn die richtige Frau vor ihm steht. Ich lernte Paris als absoluten Pragmatiker kennen, als zutiefst rationalen Zahlenmenschen. Als jemanden, der kein großer Fan davon ist, über Tiefgründiges oder Gefühle zu sprechen und den ich lange Zeit als oberflächliche Begegnung abtat. Dass die Oberflächlichkeit nur ein Trugschluss war und in Wahrheit einerseits aus meiner eigenen Indifferenz zu dieser Zeit und andererseits auf seine stark ausgeprägte Rationalität, hinter er er erstmal alles versteckt, zurückzuführen war, war mir damals natürlich nicht bewusst.
Mit der Zeit wurde Paris zu einem Menschen, der sich für mich in erster Linie mit einem Grundgefühl definieren ließ: Sicherheit. Es war eine Mischung aus Zuverlässigkeit, positiver Berechenbarkeit und uneingeschränkter Loyalität, die ich mehr und mehr spürte und die ich – auch hier muss ich ehrlich sein – damals nicht so zu schätzen wusste, wie es angemessen gewesen wäre. Heute tue ich das, wirklich. Am Anfang tat ich es nicht. Es war nicht das, was ich suchte. Es war nicht das, was mich interessierte. Und es war auch nicht das, womit ich klarkam. Ich wollte mich nicht sicher fühlen. Ich wollte mich nicht geborgen fühlen. Ich wollte niemandem vertrauen. Ich hatte meine Handvoll Menschen, meinen engsten Kreis, dem ich gerade erst wieder zu vertrauen lernte. Das war schon schwer genug. Neue Menschen? Jemandem vertrauen, jemanden an mich ranlassen, den ich gar nicht kenne? Einem Mann noch dazu? Nein danke. Gute Sessions, Kontrolle, vielleicht Sex, definitiv Kink – von mir aus. Aber mehr war einfach nicht drin. Das Ding war… ich traf in dieser Zeit einige Männer, mit denen ich Abende verbrachte, mit denen ich spielte, mit denen ich eine gute Zeit hatte. Aber Paris war der Einzige, der blieb.

Immer, wenn ich über diese Zeit nachdenke, muss ich an zwei völlig voneinander unabhängige Gespräche denken, die ich damals mit kurzem Abstand führte. In beiden Gesprächen wurde mir gesagt, ich sei eine „Eiskönigin“ – natürlich immer mit einem Schmunzeln, um nicht den Eindruck zu erwecken, das sei eine Beleidigung. Vor dem heutigen Hintergrund ist das natürlich irgendwie ziemlich bezeichnend und lässt mich fast schon lächeln. Aber damals war es merkwürdig, das zu hören. Einerseits tangierte es mich nicht wirklich, ich ließ es nicht an mich ran. Andererseits hinterließ es aber doch irgendwie Spuren, sonst könnte ich mich heute nicht mehr so an diese Gespräche, an die genauen Worte erinnern.
Paris schien mein „Eisköniginnen-Verhalten“ irgendwie einfach nicht zu interessieren. Ich weiß nicht, ob er es nicht so wahrnahm oder es nicht merkte oder ob es ihn einfach nicht störte – aber er blieb. Er änderte sein Verhalten einfach nicht. Er war zuverlässig… da – egal, wie verfügbar ich war. Wenn er sah, dass wir zum selben Event angemeldet waren, schrieb er mir und fragte, ob er mich abholen und nach Hause fahren soll – unabhängig davon, was ich dort mit ihm oder eben anderen Männern machte. Wenn es einen Workshop gab, zu dem ich gern gegangen wäre, bot er sich als Begleitung an. Als wir irgendwann in einer kleinen Gruppe von kinky Menschen begannen, auch unsere Freizeit miteinander zu verbringen, organisierte er jedes Treffen so, dass ich möglichst wenig Aufwand hatte. Er lud mich ein, er war mein Chauffeur, er brachte mir Essen nach Hause, wenn mir nicht nach Weggehen war, er dachte an mich, er merkte sich Kleinigkeiten. Schließlich bot er sich sogar an, für meine FemdomRunde das Vorführobjekt zu spielen. Und ja, davon hatte er natürlich auch etwas – umgekehrt war dieses Szenario im Grunde der Traum vieler devoter Männer. Aber Paris kam nicht einfach nur, ließ sich vorführen und ging. Nein, er reiste mit mir nach Berlin, er ging einkaufen, er organisierte den Abend und die Location, er spendierte den Teilnehmerinnen Pizza und er nahm mir jede noch so kleine Arbeit ab. Und abends schlief er dann in einem eigenen, selbst gebuchten Hotelzimmer, weil er wusste, dass ich nicht gern mit anderen in einem Zimmer schlief.

Es war als wäre ein absolutes Grundbedürfnis dieses Mannes, mir – ganz speziell mir – das Leben leichter zu machen. Und genau das war lange Zeit etwas, das ich (und hier muss ich einfach ehrlich sein) nicht genug zu schätzen wusste. Wenn ich etwas nochmal machen dürfte in Bezug auf ihn, dann wäre es wohl das. Es war nicht so, dass ich es als völlig selbstverständlich betrachtete, aber… ich war einfach emotional nicht bereit für diese Form der Verbindlichkeit. Ich hatte ein wirklich höllisches Jahr und ernsthaft prägende, grauenhafte Erfahrungen mit einem Mann hinter mir, die mein Verhältnis zu Männern ehrlicherweise grundlegend erschüttert haben. Ich denke, das wurde mit der Zeit wieder etwas besser, aber ein Rest ist geblieben und ich weiß nicht, dass das jemals völlig verschwindet. Vielleicht ist das auch okay so. Aber gerade in diesem Jahr, gerade in dieser Zeit… wollte ich keine Dankbarkeit für einen Mann empfinden. Heute, rückblickend, war es ein bisschen, als würde ich an dem Zorn, der Enttäuschung, der Verletzung, dem Schmerz, der unermesslichen Wut festhalten wollen. Als wäre ich nicht bereit gewesen, anzuerkennen, dass Männer so sein können wie er. Dass ein Mann ohne Hintergedanken so viel für mich macht. Dass eben nicht irgendwann die böse Überraschung und die wahren Hintergründe hervortreten würden, auf die ich wohl insgeheim immer gewartet hatte. Es war, als wüsste ich unbewusst, dass ich mir jede Dankbarkeit, jede Zuneigung, jede emotionale Investition sparen könnte, weil ja ohnehin irgendwann die bittere Wahrheit ans Licht käme, weil irgendwann einfach herauskommen würde, dass er das alles nur aus einem eigennützigen Grund getan hatte.

Klingt schrecklich, nicht wahr?

War es auch. Ich merke irgendwie erst heute, mit dem Abstand, mit all den Gedanken über die letzten Jahren, mit all dem Nachdenken über das, was mir damals passiert ist und nach der emotionalen (und eben nicht nur rationalen) Verarbeitung dieser Erfahrungen, wie… zutiefst misstrauisch ich war. Teilweise fast schon paranoid. Wenn ich an diese Zeit denke, wird mein heutiger Bezug zu Elsa, zu der Geschichte der Eiskönigin irgendwie noch bezeichnender. Mir wurde erst in letzter Zeit bewusst, wie hoch meine Mauern waren und wie kalt ich nach außen wirken musste auf Menschen, die mich eigentlich nicht kannten.

Und am Rande all dieser Mauern, inmitten dieser Zeit des Misstrauens, zwischen Dornen aus Wut und Verbitterung war Paris, der irgendwie einfach konstant da war. Der sich einfach nicht abhalten ließ von meinen Phasen, von meinem Hin und Her, von meinem „heute will ich jemanden, der sich mir intensiv sexuell unterwirft – aber die nächsten vier Tage möchte ich keinen Kontakt“. Paris ließ sich von meinen Dornen, meinen Spitzen, den Stacheln und den Mauern einfach nicht beeindrucken. Und das Faszinierende ist: Das ist bis heute so. Ich bin heute anders, definitiv. Die Mauern sind nicht mehr so hoch, viel von dem Eis ist geschmolzen und ich fahre nicht mehr ständig die Krallen aus, aber… ich habe noch immer einfach meine kleinen „Hin und Her“s. Meine Stimmungen, meine Phasen, meine Unzulänglichkeiten. Ich weiß bei ihm, dass ich das einfach kommunizieren kann. Dass ich einfach… sein kann. So komisch und vom Leben geprägt wie ich eben bin. Er versteht nicht immer alles daran, aber er akzeptiert alles, uneingeschränkt.

Zwischen Sicherheit und Abenteuer

Paris ist ein Gentleman – zumindest habe ich mir das Konzept „Gentleman“ immer so vorgestellt. Ehrlicherweise stand ich nie auf diese „alte Schule“, von der immer alle reden. Ich stellte mir darunter immer Männer vor, die eher… rückschrittlich sind in Sachen Feminismus. Die Türen aufhalten und Stühle zurechtschieben, weil man das eben so macht. Weil man das so gelernt hat. Weil sich das so gehört. Wisst ihr, was ich meine? Ich wollte nie einen Gentleman, ich wollte nie „wie eine richtige Frau behandelt“ werden und den ganzen Quatsch. All das sind Eigenschaften, die ich nie in einem Mann gesucht hatte. Ich wollte rohe, unverschämte Gitarristen aus Rockbands, deren Kreativität die Grenze zur Selbstzerstörung ankratzt. Ich wollte tätowierte Künstler, deren innerer Schaffensdrang über jeder Frau steht. Ich wollte sadistische Freaks, die mich brachial unterwerfen und mir in Sachen Sex meinen Platz zeigen. Seit ich mich halbwegs mit Jungs bzw. Männern beschäftige (was bei mir außergewöhnlich spät anfing) wollte ich immer die Bad Boys.
Mit Manieren, mit Tür aufhalten, mit „wann soll ich dich abholen“ konnte ich nie viel anfangen. Ich wollte keinen Mann mit großem Auto, sondern einen mit Motorrad. Ich wollte nicht eingeladen werden, sondern benutzt. Ich wollte nicht auf Händen getragen werden, sondern unterworfen. Ich wollte keine Sicherheit – ich wollte Abenteuer.

Die Sache mit dem Abenteuer ist nur… es kann eben doch gefährlicher werden als man erst dachte und nicht selten enden Abenteuer in heftigen Kämpfen. Und aus Kämpfen geht man manchmal als Sieger, manchmal als Verlierer und manchmal als keines von beiden hervor – aber in jedem Fall trägt man Wunden und Narben davon. Die Frage ist also: Wie lange macht man das? Kämpft man eine Weile und kommt irgendwann zur Ruhe, weil der Körper so von Kampfmalen überzogen ist, dass man einfach müde ist? Oder macht man einfach zwischendurch Pause, solange bis der Drang einen wieder packt? Oder gibt es Menschen, die dieses Bedürfnis überhaupt nicht nachvollziehen können? Ich weiß es nicht. Auf dieses Fragen habe ich keine Antworten – schon gar nicht welche, die ich hier in Worte fassen könnte.

Was ich weiß, ist: Ich hatte Abenteuer.
Ich hatte den Rockmusiker, ich hatte den Künstler und ich hatte den Sadisten – und zwar alles wortwörtlich. Und ich hatte meine Pausen vom Abenteuer…
Zwischendurch hatte ich den Wirtschaftsprüfer, der mich geheiratet hätte und am Wochenende mit mir auf das Landgut seiner Eltern gefahren wäre. Und ich hatte den Informatiker, der mir Liebesbriefe schrieb, obwohl er immer behauptet hatte, nur mit Zahlen und nicht mit Worten zu können. Ich hatte den Handwerker, der immer für mich kochte, wenn ich zu ihm kam, und es liebte, mich fürsorglich auf die Stirn zu küssen.
Ich hatte Männer, die Himmel, und Männer, die Hölle für mich waren. Und mit keinem hatte es auf Dauer funktioniert. Bei den einen hatte ich früher oder später gemerkt, dass sie mir und meistens auch sich selbst nicht gut taten. Bei den anderen hatte ich früher oder später das erdrückende Gefühl, in einem goldenen Käfig zu sitzen und auf ein Leben zuzusteuern, das ich nicht wollte.
Bezeichnenderweise – und das klingt jetzt vermutlich absolut arrogant oder mindestens super schräg – war immer ich diejenige, die es beendet hat. Jede einzelne wie auch immer geartete Form von Beziehung zu einem Mann habe ich beendet. Die Erfahrung, von einem Mann verlassen zu werden, habe ich in dieser Form nie gemacht. Ich bin bei weitem nicht immer unbeschwert aus Beziehungen gegangen: Meine erste, einzige lange, monogame, feste Beziehung habe ich zwar beendet, aber es hat uns beide zerrissen – wir taten uns einfach nicht mehr gut. Er meinte später, ich sei die Stärkere gewesen und habe getan, wozu er nicht in der Lage war. Das hat es nicht einfacher gemacht und die Trennung hat mir viel abverlangt. Ein anderes Mal hat sich ein Mann als Psychopath herausgestellt, auch das habe ich beendet – aber definitiv nicht unbeschadet. Das „die Beziehung beenden“ ist nicht immer der einfache Part, will ich wohl damit sagen. Aber ja, ich wurde noch nie im klassischen Sinn verlassen – weil ich immer die erste bin, die geht. Meistens etwa nach 4 bis 6 Monaten. Das ist meine „Halbwertszeit“, wie mir erst dieses Jahr ein guter Freund gesagt hat. Etwas, das mir seither nicht mehr ganz aus dem Kopf geht. Stimmt, meine erste Beziehung hielt etwa viereinhalb Jahre und war in vielen Dingen eine Ausnahme. Alle danach dauerten nicht länger als ein halbes Jahr.
Ist das so? Habe ich eine Halbwertszeit von einem knappen halben Jahr? Und dann… gehe ich? Entweder weil mein Gegenüber zu viel Chaos oder zu viel Routine in mein Leben bringt? Bin ich schnell gelangweilt? Bin ich einfach nicht in der Lage, mich langfristig zu binden? Gehöre ich zu den Töpfen, zu denen es eben doch keinen Deckel gibt? Hat bisher einfach immer irgendetwas gefehlt? Oder gehöre ich einfach zu den Menschen, die für eine gewisse Zeit gute Gefährten haben, aber ja ohnehin nicht an dauerhafte Bindungen glauben?

So gern ich würde: Auch diese Fragen kann ich nicht beantworten – ich wünschte, ich könnte.

Als Paris in mein Leben trat und sich irgendwie weigerte zu gehen, obwohl ich in den ersten Monaten nicht gerade meine besten Qualitäten offenbarte, ging ich fest davon aus, dass das ein oberflächlicher Kontakt bleiben würde. Dass wir nicht zusammenpassen würden. Dass er genau wie die anderen seiner Art versuchen würde, mich in einen goldenen Käfig zu sperren. Dass er einer dieser Männer war, die Sicherheit ausstrahlten und vertrauenerweckend wirkten, während sie Frauen die Autotür aufhielten, aber in Wahrheit einfach nichts anderes kennen, nichts anderes beigebracht bekamen, als diese Attribute nach außen zu zeigen, obwohl sie innerlich auf etwas völlig anderes aus waren. Dass er gehen würde. Dass ich nur lang genug so sein musste wie ich eben war und er irgendwann das Weite suchen würde, zusammen mit seinen gut antrainierten Manieren, seinem tollen Auto, seinem erfolgreichen Leben und dieser ganzen „ich will, dass es dir gut geht“-Farce – und dann könnte ich endlich sagen „hab ich’s doch gewusst!“ und die Welt wäre wieder in Ordnung.
Nur… entgegen meiner Erwartung ging er einfach nicht. Selbst dieses Jahr, als Corona begann und ich mich in die Arbeit mit dem Server vergrub und für mehrere Wochen komplett und ohne regelmäßigen Kontakt abtauchte… nicht einmal dann war er gegangen. Er hatte zwar nebenbei eine Frau kennengelernt, eine oberflächliche Sex-Geschichte am Laufen, nichts Tiefgehendes. Er hatte sein Leben nicht angehalten, er war zu keinem Zeitpunkt abhängig von mir, was für mich Grund Nr. 1 gewesen wäre, das Weite zu suchen. Aber… er war da. Er hatte mir Raum gelassen, obwohl er mich vermisst hatte, obwohl er selbst gern etwas anderes gewollt hätte, weil er wusste, das war das, was ich in dieser Zeit brauchte. Er ließ mein Verhalten, auf das ich ihm gegenüber nicht immer stolz war, einfach an sich abprallen. Als verstünde er mich besser als ich selbst es lange tat.

Sex oder kein Sex – das ist hier die Frage

Seit ich über Paris schreibe, steht die große Frage im Raum, was wir eigentlich sind. Ob sich das mit uns definieren lässt, was er mir nun tatsächlich bedeutet, wie häufig wir spielen und natürlich ob wir Sex haben. Manche würden vielleicht sagen, das geht keinen etwas an, aber ich bin ja nun mal ein ziemlich offenes Buch, gerade was Sex angeht und die meisten wissen, dass ich mit solchen Fragen kein Problem habe und dass ich ohnehin für eine Welt bin, in der es einfach normal ist, über Sex zu sprechen. Also. Um eure Fragen nun einmal offiziell zu beantworten und um im selben Atemzug ein paar Dinge für mich zu ordnen, hier nun die Wahrheit:

Paris und ich hatten nie Sex. Also… Penetrationssex. Das mal vorab. Aber ja, wir haben andere Dinge getan und… nun ja, platonisch ist anders. Aber von vorn.
Als ich Paris auf den ersten Events begegnet bin, waren die Rollen klar verteilt, natürlich. Ich war ohnehin uneingeschränkt dominant und er tendiert durchaus zur passiven Seite, also gab es da nicht viel zu diskutieren. Unsere ersten Sessions fanden im Rahmen von Events statt und waren solche, an denen mehrere Personen beteiligt waren. Mehrere Femdoms, andere Subs, unterschiedliche Konstellationen – es war ziemlich crazy. Ich bin ehrlich, zu Beginn war er für mich einfach ein interessanter Spielpartner, mit dem man einigen Spaß haben kann. Wie gesagt, ich war für anderes einfach nicht offen zu dieser Zeit, beschäftigte mich mit dem Rest also auch nicht wirklich.
Aus einer Session wurde eine nächste Session. Aus einem Spiel wurde eine Verabredung für eine Party. Aus einer Party wurde ein Chauffeurdienst zu einem großen Event. Aus dem Chauffeurdienst wurden Gespräche. Aus den Gesprächen wurde gute Gesellschaft und aus guter Gesellschaft wurde ein Abend zu zweit. Und aus dem Abend zu zweit wurde ein Kuss an der Tür.
Wenn ich an die ersten Monate denke, in denen wir uns näher kamen, spüre ich ein alles überdeckendes Gefühl: Zuverlässigkeit. Wenn ich mich an eine Sache noch genau erinnere, dann war es das absolute Wissen, dass egal, was ich vorhatte, egal, welche Idee ich umsetzen wollte, egal, worauf ich Lust hatte oder wo ich hinwollte: Paris war da. Und noch mehr als das war mein Leben immer, wenn er in der Nähe war, irgendwie… leichter. Ich glaube, dieser Mann war – bei all den unterschiedlichsten Femdom-Begegnungen – der erste, der mir ernsthaft zeigte, wie es sich anfühlt, wenn ein Mann einer Frau authentisch und von innen heraus gern zur Verfügung steht, ohne dabei unterwürfig zu sein. Ich glaube, rückblickend hatte ich nie, zu keiner Sekunde den Eindruck, er sagt nur „Ja und Amen“. Paris ist kein Mann, der sich einfach unterwirft, der willenlos ist, der macht, was man ihm sagt. Ich glaube, er hätte wohl nicht halb so viel von all dem gemacht, wenn ich ihm die Anweisung gegeben hätte – aber er kam von sich aus auf mich zu. Er bot sich an. Er dachte mit. Er nahm mir Dinge ab. Er stand mir in einem sehr groß gefassten BDSM Rahmen zur Verfügung. Paris wurde durch seine absolute, uneingeschränkt zuverlässige Art zu einem Spielpartner wie ich mir keinen besseren hätte wünschen können. Ich denke, das beste Beispiel sind die FemdomRunden, die ich ohne ihn wohl so nicht gemacht hätte. Ich brauchte jemanden, von dem ich wusste, ich würde mich auf ihn verlassen können – in alle Richtungen. Der mir Grenzen von sich aus kommunizieren würde, der zuverlässig war. Der vorher und nachher die richtigen Antworten gab, wenn die Mädels mit ihm sprechen wollten. Jemand, von dem ich mit Stolz öffentlich sagen kann „ja, der gehört (zu) mir – und ja, so muss das aussehen“.

Also ja, Paris war zuerst eine oberflächliche Bekanntschaft auf Events, dann ein regelmäßiger Spielpartner und dann der einzige passive Spielpartner, den ich je regelmäßig öffentlich an meiner Seite hatte. Und irgendwie… – ich weiß bis heute nicht, an welcher Stelle es gekippt ist – wurde er ein Freund. Oder zumindest ist das der Begriff, der es am ehesten beschreibt – denn eine klassische Freundschaft war das bei uns nie.

Auf Events und in anderen Rahmen spielten wir regelmäßig. Intime Berührungen und extreme Praktiken waren von Beginn an keine große Hemmschwelle. Einen Penis abzubinden war für mich damals wie für andere Leute eine Wochenend-Zigarette in guter Gesellschaft. Irgendwann fing ich an, ihn während unserer Sessions zu küssen. Irgendwann wurde der Kuss zu einem Ritual am Ende des Abends und schließlich wurde aus dem Kuss ein heftiges Rummachen am Heck seines Autos, wenn er mich nach Hause brachte. Und dann… dann gab es noch ein paar Abende, an die ich mich erinnere, an denen es irgendwie… weiterging. Nicht viele, tatsächlich. Aber ich erinnere mich an den ein oder anderen Abend, an dem ich aus irgendeinem Grund bei ihm zu Hause auf der Couch gelandet bin oder wir zu zweit Essen waren. Abende, die darin geendet hatten, dass ich nackt vor ihm lag, sein Gesicht zwischen meinen Beinen und dass wir irgendwie kurz davor waren, mehr geschehen zu lassen. Aber irgendwie sagte ich immer Stopp. Irgendwie war für mich immer die Grenze genau dann erreicht, wenn wir fast Sex hatten. Und selbst diese Situationen kann ich an einer Hand abzählen.

Warum das so ist? Nun, dazu später wohl mehr.

Wenn die Pandemie den Riegel vorschiebt

Letztes Jahr um die Weihnachtszeit kam dann von der Seelenschwester die Hiobsbotschaft, dass sie ausziehen würde, was mir damals den Boden unter den Füßen wegriss. Die WG würde sich also auflösen und für mich war immer klar, dass ich nicht ohne sie in dieser Wohnung bleiben würde. Und das Verlassen dieser, meiner Wohnung, mit der ich seit 7 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben ein richtiges, gesundes Zuhause gefunden hatte, war zuerst ein Alptraum-hafter Gedanke. Nach einigen Wochen dann liebäugelte ich mit Berlin. Und als hätte es so sein sollen, stand auch für Paris in genau dieser Zeit ein Jobangebot in Berlin im Raum und ehe ich mich versah, fand ich mich in Gesprächen bei zwei Gläsern Wein mit ihm wieder, während wir über Kriterien sprachen, die eine Wohnung für uns beide erfüllen müssten.
Ich weiß ernsthaft bis heute nicht, ob ich es durchgezogen hätte. Ob ich nach Berlin gezogen wäre, ganz allgemein. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls kam dann Corona, Paris‘ Jobangebot fiel flach, meine Situation änderte sich, die Seelenschwester verlor ihre Arbeit und überhaupt lag plötzlich jeder unserer Pläne auf Eis. Spannend ist aber, dass es einige Gespräche gab, in denen es für Paris und mich tatsächlich infrage gekommen wäre, zusammen zu wohnen. Als WG natürlich – auch wenn wir zwischendurch ziemlich unkonventionelle Vorstellungen von „WG“ ausgetauscht hatten. Es war das erste Mal, das zumindest offen und direkt zur Sprache kam, dass er sich das gut überlegen müsste, weil er nicht weiß, welche Gefühle er für mich entwickeln würde, wenn wir beide zusammen wohnen würden. Es waren lange Gespräche. Ehrliche Gespräche. Gute Gespräche. Dann kam Corona, Berlin lag auf Eis und ich… gründete den Server und tauchte für einige Wochen komplett ab.

Auch das ist im Nachhinein etwas, von dem ich weiß, es war nicht in Ordnung. Ja, einige werden sagen, es war eben mein Umgang mit der Situation. Dass ich das gebraucht habe, mir das half und dass ich eben meine eigenen Strategien habe, mich selbst über Wasser zu halten. Tatsächlich kennen mich meine engsten, ältesten Freunde bereits so: Dass ich einfach in manchen Phasen meines Lebens Schwierigkeiten mit mir, der Welt, dem Leben habe und dann dazu tendiere, mich zu ordnen und mir Zeit für mich zu nehmen. Und in dieser Zeit ziehe ich mich häufig vom Außen zurück. Es kann passieren, dass engste Freunde über Wochen nicht viel von mir hören. Die, die mich gut kennen, wissen, dass ich dennoch da bin. Dass sie auch während einer Funkstille Tag und Nacht anrufen können, wenn sie mich brauchen. Aber die Funkstille kennen die meisten meiner älteren Freunde. Für Paris war das neu und rückblickend hätte er eine Erklärung verdient, die ich damals irgendwie… verpasst habe. Ich war überfordert. Die Schnapsidee des Zusammenziehens aber ließ uns beide nie ganz los.

Als ich nach ein paar Wochen wieder aus meinem selbst gewählten Untergrund auftauchte, trafen wir uns wieder. Es war spätes Frühjahr, vielleicht Mai. Das Wetter war schön, wir verabredeten uns zu dritt im Freien und aßen eine Kleinigkeit. Paris und ich verabschiedeten uns mit einem Kuss – und ab diesem Moment war es, als wäre alles einfach wie immer. Die Pandemie nahm ihren Lauf, ich versuchte meine Gratwanderung zwischen Blog, Server, Privatleben ohne Ausgleich und meinen Projekten zu meistern. Paris hatte inzwischen eine Frau kennenlernt, die seine regelmäßige Corona-Sexualpartnerin wurde und ich hatte jemanden an der Ostsee kennengelernt, von dem ich ebenfalls erzählte. Es lief insgesamt gut, wir waren so etwas ähnliches wie Freunde und… irgendwie auch nicht wirklich. Wir verbrachten wieder mehr Zeit miteinander, manchmal küssten wir uns zum Abschied, manchmal nicht. Er führte mich zum Essen aus, brachte mir meinen Lieblingsnachtisch vorbei, wenn er wusste, ich arbeite gerade viel. Er hielt mir die Autotür auf, wenn es regnete, er ging für mich einkaufen, als ich eine heftige Erkältung hatte und bot mir den Schlüssel zu seiner Wohnung an, wenn ich erzählte, dass ich zu Hause nicht arbeiten konnte, weil alle im Home Office sind und ich keine Ruhe hatte. Er holte mich am Bahnhof ab, wenn ich von der Ostsee kam, weil er nicht wollte, dass ich allein irgendwie nach Hause komme – obwohl er wusste, woher ich kam. Und ja, ich merkte, dass mein Sexleben nicht gerade sein Lieblingsthema war, aber es war auch kein grundsätzliches Tabu-Thema. Gleichzeitig störte es mich überhaupt nicht, wenn er von Sex mit seiner F+ erzählte – wohingegen ich bei anderen Dingen, die er mit ihr machte, manchmal kurz schlucken musste.

An einem Nachmittag waren wir mit Freunden FKK-baden. Als Paris mich nach Hause brachte, redeten wir im Auto über… nun ja, über das Leben. Über das, was ich suche oder glaubte zu suchen. Ich gestand ihm, dass mich die Tatsache zum Nachdenken bringt, dass dieses Jahr irgendwie jeder in meinem Umfeld den Menschen fürs Leben zu finden scheint und dass ich mich fragte, ob es so etwas für mich gibt oder ob ich einfach zu eigenbrödlerisch geworden bin. Ich erzählte, was für mich wichtige Kriterien und Voraussetzungen wären, damit ich über eine engere Bindung auch nur nachdenken würde. Heute, rückblickend, war dieses Gespräch ein Fehler, das weiß ich. Aber es war mir einfach nicht bewusst. Nichts lag mir je ferner als ihn zu verletzen. Ich dachte, wir hatten geredet – mehrmals, regelmäßig. Über uns. Darüber, was wir sind und was wir nicht sind. Ich hatte seine Worte so oft gehört, dass sie sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hatten. Seine Versicherungen, dass er pragmatisch und rational ist und das steuern kann und dass er nichts erwartet. Tatsächlich ist Paris der bislang rationalste Mensch in Sachen Sex und Liebe, den ich je getroffen habe. Aber vermutlich bedeutet die Kontrolle über etwas zu haben, nicht unbedingt, dass es nicht anstrengend ist, sie zu behalten. An diesem Tag war mir das nicht bewusst. An diesem Tag hatte ich mich einfach auf seine Aussagen verlassen, dass ihn das nicht störte, dass er alles im Griff hatte und das für ihn okay war. An diesem Tag war ich mit meinen eigenen Problemen beschäftigt.

Nachdem ich Paris also aufgezählt hatte, was ich eigentlich alles suchte in einem Mann und ihm quasi eine Beschreibung seiner Selbst gegeben hatte, stieg ich verwirrt und überfordert aus dem Auto. Es war ein seltsamer Abend und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ging mir gut. Um mich abzulenken, tinderte ich – ihr erinnert euch. Und wie es der Zufall wollte, schrieb ich zum ersten Mal mit jemandem, mit dem es wirklich passte. Innerhalb von knapp 2 Stunden hatte ich ein Date ausgemacht. Gerade als ich im Bad stand, um mich umzuziehen, bekam ich eine Nachricht von Paris. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er mit mir reden wollte. Natürlich hatte er auch von dem Date erfahren. Nach zwei Tagen Funkstille bekam ich eine Nachricht.

„Ich denke, wir sollten reden.“

Gespräche, die alles verändern

Es war ein Freitagabend. Paris und ich waren in einer Bar in meiner Straße zum Reden verabredet. Ich war… angespannt, aber gleichzeitig auch irgendwie optimistisch. Ich glaube, ich hatte bei ihm einfach dieses Grundvertrauen, dass wir beide immer alles irgendwie hinbekommen. Mit diesem Mann konnte einfach nichts passieren. Paris fand immer für alles eine Lösung.

Aber… nun ja.

Ich kannte ihn, ich merkte schon an seiner Stimme, dass das heute anders war als sonst. Mein Gefühl änderte sich nach den ersten Sätzen, das weiß ich noch. Es war eine Mischung aus Angst vor dem, was er zu sagen hatte, und zugleich einer inneren Versteinerung. Als konnte ich spüren, wie sich meine innere Mauer wieder aufbaute, um mich abzuschirmen. Ich wurde irgendwie… härter.

Und dann folgte ein Gespräch, das ich so in meinem Leben wohl noch nicht geführt hatte. Ein Gespräch, das bei mir so viele Dinge gleichzeitig auslöste, dass ich sie heute kaum noch rekonstruieren kann. Ein Gespräch, das vieles veränderte und das für mich in einem Wochenende aus Apathie, Appetitlosigkeit und rotierenden Gedanken endete.

Ein Gespräch, das begann mit den Worten:

„Als du mich das erste Mal gesehen hast, kannte ich dich schon seit einem halben Jahr…“



Da stand ich also. Mitten auf hoher See, auf einem Schiff unter der Führung eines Heroen, dem ich nun doch irgendwie gefolgt bin. In einer neuen, merkwürdigen Situation, die ich nicht einordnen kann. Die ich irgendwie mag, die mich aber auch überfordert. Begleitet von dem Bedürfnis, einen Schritt nach vorn zu machen, aber zugleich mit einem inneren Zögern, das mich zurückhält. Es ist ein bisschen, als hätte Aphrodite selbst mir etwas ins Ohr geflüstert. Als hätte mich eine höhere Kraft genau an diesen Punkt gelotst. Die Frage ist: Woher weiß man, wem man gerade folgt – der eigenen inneren Stimme oder einem äußeren Flüstern

…wenn sich beide doch so verdammt ähnlich sind?


PS: Zur Erinnerung… Privater Twitter-Account ist neu: www.twitter.com/federlogbuch

2 Kommentare zu „Being Helena – Teil I

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: