Alles dazwischen

Oder: Vom Strap-On zum Klappspaten – und zurück

Ist das jetzt Teil 3 von „Alle sieben Jahren“? Immerhin wollte ich einen dritten Teil veröffentlichen, richtig? Und dann wurden die ersten beiden länger und überhaupt ist mal wieder alles in Buchstaben ausgeartet und genau dann, als ich euch in einem geplanten dritten Teil ein wenig über meinen Weg zum Camping erzählen wollte, meinen Zwiespalt zwischen alten und neuen Wegen, meine Schwierigkeit, Altes loszulassen in dem Wissen, dass Neues nötig ist, über meine Diskrepanzen mit Twitter und Gedanken dazu, über BDSM, neue Erkenntnisse, Prioritäten in meinem Leben und über diesen seltsamen Weg, an dem ich mich jetzt versuchen will... genau dann trat Olaf in mein Leben, dieser alte, rot-weiße Koloss, der sich wie Liebe auf den ersten Blick anfühlt.

Und jetzt sitze ich hier. Oder stehe ich mittlerweile? Oder bin ich längst losgelaufen, habe das Auge des Sturms verlassen und weiß nur noch nicht, wo mir der Kopf steht?

Nun. Um das herauszufinden würde ich sagen, gehen wir die Sache wie immer an:

Von vorn.


Was ist BDSM für mich?

BDSM ist für mich ein schwieriges Thema dieses Jahr.
Es war und ist ein absolut zentraler Punkt in meinem Leben, ein essentieller und großer Teil von mir. In den letzten Monaten habe ich mich immer öfter gefragt, was BDSM eigentlich für mich ist. Was die Sache ausmacht. Woran ich für mich BDSM festmache und wie ich ihn definiere, so ganz persönlich und individuell.

Könntet ihr diese Frage ad hoc beantworten?

Meine erste Antwort war etwas in die Richtung „das Ausleben (m)einer Sexualität“. Ich kann Sex haben wie ich will, ich kann das sein, was ich früher als „Freak“ an mir selbst wahrgenommen habe und kann diesen Teil annehmen und lieben und ans Tageslicht lassen.

Soweit, so gut. Aber was genau bedeutet das – „ausleben“? Auf welchem Weg lebe ich diese Sexualität aus, und brauche ich dafür „BDSM“, brauche ich dafür einen Rahmen, ein Label, eine Szene, ein Outfit? Was macht es denn von „nicht ausgelebt“ zu „ausgelebt“? Denn dieses Jahr bin ich weiterhin Teil der Szene, ich bin nicht „ausgetreten“, aber… ich fühle mich nicht, als würde ich meine Sexualität ausleben. Schon klar – Corona. Aber müsste „BDSM“ nicht auch während Corona noch ein großer Teil meines Lebens sein?

Ich überlegte weiter.

„Es ist aber auch die Szene dahinter!“, dachte ich dann.
Nun, okay. Ich ging fast jede Woche auf irgendein Event, war in der Szene zu Hause, hatte viele, stabile Kontakte, aber vor allem liebte ich das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein.

Okay. Auch ein guter Punkt. Gleichgesinnte. Ich weiß noch, wie „angekommen“ ich mich fühlte, als ich den Joyclub entdeckte. Als ich merkte, dass ich nicht allein bin mit meinen Schwierigkeiten, meinen Gedanken, meinen Neigungen, meinen Wünschen – auf meinem Weg. Aber ähnlich wie es manchmal bei Beziehungen ist, sollte man sich auch die Frage stellen: Geht es mir um die konkrete Sache oder um das Gefühl, das sie auslöst? In einer Beziehung wäre es zum Beispiel „liebe ich die Person oder liebe ich die Geborgenheit, die ich in ihrer Nähe spüre?“. Hier wäre es also: „Liebe ich die Szene oder liebe ich das Gefühl des Angekommenseins, das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein?“

Ehrlicherweise kann ich das nicht sicher sagen. Ich möchte sagen, ich liebe die Szene – aber ich habe in den letzten Jahren zu oft Schwierigkeiten, wirklich schlimme Erfahrungen oder Enttäuschen erlebt als dass ich da ausschließlich positiv eingestellt sein könnte. Und genauso muss ich zugeben, dass ich den Effekt des „zu einer Gruppe gehören“ dieses Jahr auch an anderen Stellen hatte. Ich hatte als Teil eines gigantischen Teams auf dem Server genau das. Ich hatte es bei unseren nächtelangen Zock-Eskapaden. Ich hatte es auch, als ich vor kurzem entdeckt habe, dass es eine Community für Vanlifer gibt – für Menschen, die in irgendeiner Form gern mit ihrem Bus unterwegs sind. Das „oh Gott, da sind ja noch andere wie ich“ – das kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend nicht. Und sicherlich nicht aus den ersten Jahren meiner Zwanziger in einer ziemlich einsamen Beziehung ohne sonstige Hobbys, an der Uni ohne Freunde weil die Sozialphobie mich so eingesperrt hat. Der Joyclub bzw. die BDSM Szene war, wenn ich es mir recht überlege, das erste Mal, das ich die Erfahrung gemacht habe, das Gefühl erlebt habe, in einer Gruppe aufgenommen zu sein mit Menschen die sind wie man selbst.

Wenn ich sehr ehrlich zu mir selbst bin, weiß ich nicht, ob es wirklich nur die Szene ist – oder ich einfach das Gefühl des „dazugehören“s so liebe oder ob es zumindest eine Mischung ist.

Dann dachte ich „nein, es sind ja auch irgendwie die Outfits, oder?“, immerhin kann ich durch die Outfits eine ganz bestimmte Seite von mir zeigen. Ich kann die starke, selbstbewusste, unverletzliche Frau sein, die ich aus guten Filmen kenne – an solchen Abenden kann ich in diese Rolle schlüpfen, kann einen Teil von mir ans Licht lassen, den ich im Alltag nicht zeige, weil er überzeichnet ist. Ich liebe diese Frau. Ich habe so viel von ihr gelernt…

Andererseits… beim Tanzen habe ich dieses Gefühl manchmal auch. Vor allem dann, wenn ich einen wirklich guten Partner habe, wenn ich Workshops gebe, wenn Menschen mir zusehen, wenn ich Bestätigung bekomme, wenn ich den Flow spüre, den man fühlt, wenn man etwas macht, mit dem man sich wirklich sicher fühlt. Wenn man den „Fisch im Wasser“-Effekt hat.
Den hatte ich nicht automatisch von Anfang an. Bei den ersten Events, in den ersten Outfits damals habe ich mich mehr als unsicher gefühlt. Ich habe das Gefühl also nicht ausschließlich in einem Catsuit – und nicht immer, wenn ich einen Catsuit anhatte, habe ich mich so gefühlt. Also KANN es nicht an den Outfits liegen. Es muss meine Haltung dazu sein, das, was ich lerne, was ich fühle, wenn ich sie trage.

„Es ist der Sex“, dachte ich dann, „es ist der kinky Sex. Die Erregung, das Spiel, die versauten Dinge, die ich gelernt habe zu wollen und offen zu kommunizieren. Es ist die neue Art von Leidenschaft, die ich durch BDSM entdeckt habe. Die Ehrlichkeit, die Wahrheit, die Direktheit.

Hm. Ja, schon, aber… ich hatte dieses Jahr ziemlich guten, ziemlich intensiven Sex und der war streng genommen nicht wirklich „BDSM“. Teilweise schon. Teilweise nicht. Teilweise irgendwas dazwischen.
Und ich hatte schon Sessions, die wirklich extremer BDSM waren und die eher… wie ein Programm funktioniert haben. Da hat mich eine neue Technik gekickt, etwas neu gelerntes, eine Reaktion meines Gegenübers, die Tatsache, dass ich etwas Außergewöhnliches tue… Was ich sagen will: Ich hatte schon weniger gute Sessions und ich hatte auch schon intensiven und leidenschaftlichen Vanilla-Sex. Kann es also an der reinen Form des kinky Sex liegen? In dem Fall doch nicht, oder?

„Okay, der Umgang. Es ist ganz klar der Umgang innerhalb der kinky Community. Die offene Art, die Fähigkeit, über Sex zu sprechen, die unkonventionellen Arten von Beziehungen und die Selbstreflexion“, unterbreche ich mich selbst ein letztes Mal.

Well… Ja, klar, einerseits habe ich die Szene zu einem großen Teil deshalb so zu lieben gelernt, weil sie mir zeigte, dass ich nicht allein bin mit meiner eher pragmatischen, direkten Art, mit Sex umzugehen und außerhalb der Szene mache ich regelmäßig die Erfahrung, dass Menschen einfach weiterhin in diesem… Hollywood-Denken feststecken, ihr wisst schon: Erst ein Kuss, Sex beim dritten Date, der Mann erobert die Frau, man findet die geheimnisvollen Neigungen des anderen erst mit der Zeit heraus und überhaupt ist es das Endziel, zu heiraten und zu Kinder zu bekommen.

Andererseits… ich habe gerade dieses Jahr auch außerhalb der BDSM Community Menschen getroffen, die eine sehr offene Art hatten, mit Sex umzugehen. Die direkt waren. Die in offenen Beziehungen leben, die reflektiert sind, die genauso mit Sex umgehen wie ich es für den Idealfall halte – nur ohne extrem kinky zu sein. Die zum Teil aber auch kinky sind, aber mit der Szene wiederum nichts anfangen können. Und zugleich habe ich in den letzten Jahren in gerade dieser, meiner geliebten Szene einige, teils sehr große, teils erschütternde Enttäuschungen erleben müssen. Ich habe nicht selten erlebt, dass gerade die, die sich nach außen als die unkonventionellsten, reflektiertesten von allen präsentieren, in den eigenen vier Wänden enorme Schwierigkeiten oder eben eigene Leichen im Keller haben, so wie vermutlich jeder von uns.

Die BDSM Szene hat also kein Monopol auf gelingende Kommunikation und Selbstreflexion in Sachen Sex.

Aber… was bedeutet das alles nun für mich? Wenn BDSM für mich nicht der kinky Sex ist, nicht die Szene, nicht die Art der Kommunikation und nicht die Outfits… und zugleich von allem ein bisschen – was heißt das dann? Was ist es denn wirklich, das mir dieses Jahr so fehlt und worauf kann ich überraschenderweise besser verzichten als ich gedacht hätte? Was hat das für mich alles mit Twitter zu tun und vor allem:

Welche Konsequenzen ziehe ich daraus?

Die Antwort darauf gibt es später – zuerst muss ich ein paar Sätze zu Twitter loswerden.

Twitter und ich – Eine Tragikomödie

Jaaaa… Twitter und ich sind schon so eine Sache.

Es ist ein bisschen Himmel und Hölle. Ich glaube, ich habe in den beiden Jahren bis heute nicht wirklich gelernt, mich angemessen abzugrenzen. Ich bin entweder komplett drin, gehe völlig in der Bubble auf, der Account wächst, ich bin irgendwie… eins mit der Materie und alles ist wunderbar. Oder ich fühle mich, als würde ich täglich mit jemand anderem aneinander geraten, als könne ich nie wirklich ehrlich sein, als müsse ich mir ständig überlegen, was meine Leser lesen wollen und als wäre nie etwas gut oder angemessen genug.

Corona war da ein heftiger Cut, weshalb auch immer. Ich meine, Anfang des Jahres hatte ich Zahlen wir nie zuvor, rund 1600 neue Follower im Monat und es fühlte sich einfach an wie ein Selbstläufer. Ich… machte einfach. Ich dachte nicht viel nach, es lief. Und es lief richtig gut. Mit Corona kam ziemlich zeitgleich der Twitterbann und alles wandelte sich in Frustration. Irgendwann resignierte ich und legte einen neuen Account an, der zwar durchaus auch Zulauf bekam, aber… ich weiß nicht. Es war eben anders.

Ich glaube heute im Nachhinein manchmal, dass ich ab diesem Zeitpunkt irgendwie angreifbarer wurde. Man merkte, dass ich struggelte. Ich bekam täglich mit, wenn Leute hinter meinem Rücken über mich sprachen, mir wurden Screenshots und Sprachnachrichten über mich gezeigt und ich wurde zunehmend unsicher. Ich bin ziemlich safe und im Reinen mit mir, aber ich bin eben auch kein Zen-Mönch – und ganz im ernst, noch vor ein paar Jahren war ich ein Bündel aus Sozialphobie, Unsicherheit, PTBS und einfach komplett instabil. Da wächst man nicht zu 100% raus. Die Selbstsicherheit kostet Kraft – es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Mauer, die permanent gewartet werden muss.

Das Fiese an solchen Dynamiken ist ja: Je unsicherer man ist, je mehr man sich abgelehnt oder missverstanden fühlt, desto größer wird der Drang es zu versuchen, es recht und richtig zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass ich nicht die Einzige bin, die das aus Erfahrung kennt. Und genau das ist mir dieses Jahr passiert. Twitter hat mir den Bann aufgedrückt, ich hatte keine neuen Follower, weniger Reichweite, wurde nicht gesehen, viele konnten mich nicht mehr suchen oder lesen – der Flow war weg. Dann kam der neue Account und ich setzte alles daran, dass alles wieder genau so würde wie zuvor und verlor dabei komplett aus den Augen, dass NICHTS so war wie zuvor. Nicht nur Twitter, nicht nur mein Account, sondern… die ganze Welt. Ernsthaft, von heute auf morgen hatte sich im März unser aller Leben verändert und so sehr ich mir mein „Panta Rhei“ auf die Stirn geschrieben hatte, so wenig ließ ich mich tatsächlich von irgendeinem Fluss treiben. Ich hing über den gesamten Sommer an einem verdammten Baumstamm, der aus dem Wasser ragte und hielt mich fest, bis meine Hände bluteten. Ja. Soviel zum Thema.

Und zu guter Letzt kam natürlich erschwerend die Tatsache hinzu, dass BDSM für mich dieses Jahr nicht auslebbar war – zumindest nicht im Ansatz so wie ich es gewohnt bin. Keine Events, keine Outfits, keine Bilder von Heels, keine Treffen, keine Sessions, keine Messen, keine Erlebnisse, über die ich hätte schreiben können und keine Veranstaltungen, von denen ich hätte Bilder machen können. Nichts. Die Szene lag brach und für alle gab es Wichtigeres. Nur… ich lebe von dem Account und von dem Blog. Ständig hörte ich, dass ich doch Glück habe, wo ich doch schreiben kann – unabhängig von den Corona-Einschränkungen.

Und ich dachte immer nur… ja und worüber?!

Worüber soll ich denn schreiben, wenn ich nichts erlebe? Soll ich erzählen, wie sehr ich darunter leide, dass mir die Szene fehlt? Soll ich Storys erfinden? Soll ich twittern, wie viele Tage ich meinen Koffer nicht mehr in der Hand hatte? Soll ich bloggen, dass ich dieses Wochenende mit Malen nach Zahlen verbracht habe? Oder dass ich mehr Zeit in Jogginghosen und Kuschelsocken verbringe statt in Heels?

Dann fand ich die Ostsee und hatte endlich auch etwas anderes gefunden, das mich erfüllte und ja, ich musste darüber schreiben – aber zugleich spürte ich den Druck schlimmer als je zuvor: Ich bin doch ein BDSM-Account. Ich muss das auf einem gesonderten Account machen, ich darf auf keinen Fall mischen – die Leute sind doch wegen BDSM hier und was, wenn du Patrons verlierst, weil alle enttäuscht sind – dann war’s das mit dem Schreiben komplett?!

AHHH.

„Mach dir doch keinen so großen Kopf“, hörte ich ständig, „schreib doch einfach, worauf du Lust hast“.

Was ich höre?

„Lass dich doch einfach mal fallen! Mach die Augen zu und entspann dich, dann hast du bestimmt auch in 7,35 Sekunden einen Orgasmus!“

Haha.

Nein, im ernst – das is gut gemeint, aber… super easy für Menschen, für die Twitter eine nette Freizeit-Beschäftigung ist, von der nichts abhängt. Das Ding ist aber… ohne Twitter habe ich keine Reichweite für den Blog, keine Möglichkeit der Verbreitung von Patreon und meinen Büchern. Ohne Twitter verdiene ich schlicht und ergreifend kein Geld mehr.

Und dieses Wissen hat diesen Sommer zum ersten Mal heftigsten Druck erzeugt. Es war der Druck, zu liefern, weil ich Geld verdienen musste – ohne die Runden noch mehr als vorher – und weil ich meinen alten Flow vermisst habe. Dazu das Fehlen von BDSM, das mir an die Nieren ging und gleichzeitig der tägliche Zwang, mich damit auseinanderzusetzen, weil ich immerhin davon lebe und den Account füttern musste.

Es war ein Bermudadreieck, in dem ich mich gefangen fühlte und es hat mich fast das gesamte Jahr gekostet, einen Weg herauszufinden.

BDSM fehlt mir, immens. Aber in den letzten Tagen und Wochen ging mir hauptsächlich ein Satz dazu durch den Kopf, der sich hier treffender anfühlt als jeder andere und den ich nicht zum ersten Mal zitiere:

„Change is not painful. Only resistance to change is painful.“

Es war nicht der Strom, der so geschmerzt hat, weil er mich mit sich reißen wollte. Es war die harte, raue Rinde des Baumstamms, an dem ich mich mit aller Kraft festgekrallt habe, die meine Hände bluten ließ. Und es war der Augenblick, in dem ich losließ, als ich spürte, wie ein Damm brach und ich mich freier fühlte wie das gesamte restliche Jahr zusammen.

Veränderungen – innen und außen

Der eigentliche Damm ist gebrochen an dem Tag, an dem ich die Entscheidung getroffen habe, mir einen Camper zu kaufen. Das war krass. Ich kann im Nachhinein das Gefühl kaum beschreiben. Es war vor allem nicht so, dass ich schon irgendetwas… getan hätte. Dass sich bereits etwas merklich verändert hätte. Es war nicht mehr und nicht weniger als dass ich innerlich eine Entscheidung getroffen hatte. Rückblickend bin ich von mir selbst überrascht und irgendwie auch ziemlich stolz, dass ich nicht über Wochen hinweg gesagt habe, „ich mach das“, sondern die Entscheidung im Moment des Treffens auch wirklich verinnerlicht hatte. Früher hätte ich länger geredet, länger nachgedacht, mehr Gründe und Ausflüchte gefunden. Ich hätte Großes vorgehabt, aber Kleines getan. Aus Angst, hauptsächlich. Aus Unsicherheit. Vielleicht ein bisschen aus Bequemlichkeit. Es war als wäre lediglich der Weg zu dieser Entscheidung extrem hart gewesen, aber die Entscheidung selbst, einmal getroffen, hat mich eigentlich nur erleichtert. Hat mich befreit. Hat mich vom Passiv-Sein in die Aktivität geholt, mir die Möglichkeit gegeben, mein Leben in die Hand zu nehmen und aktiv zu gestalten.

Und seither… läuft einfach alles. Nicht durch Glück, nicht durch Zufall, nein. Sondern durch einen Tatendrang und eine Willenskraft, die ich in dieser Form lange nicht mehr hatte. Ich finde Lösungen und Wege für… einfach alles. Als gäbe es keine Probleme, sondern nur neue Herausforderungen – und das fühlt sich extrem gut, extrem selbstwirksam an, in einer Zeit, in der man so wenig unter Kontrolle hat wie selten sonst.

Und mit diesem Tatendrang merke ich die Überschneidungen einzelner Bereiche in meinem Leben, als würden ein paar Dinge einfach nicht mehr… passen. Als würde man aus Kleidern rauswachsen – eigentlich ein normaler Prozess, aber wenn es den Lieblingspulli betrifft, fühlt es sich eben doch komisch an.

Besonders hat das dieses Jahr mein Schlafzimmer betroffen. Ich weiß noch, wie ich vor einigen Jahren (da war ich schon länger in der Szene aktiv) endlich an den Punkt gekommen bin, an dem ich meine Kinky Sachen offen zeigen konnte. An dem es mich nicht mehr gestört hat, wenn jemand in der Wohnung durch den Gang lief, meine Tür offen stand und man eben gesehen hat, dass da Peitschen hängen. Ich habe mir eine Bilderwand gemacht mit Bildern von Events, von mir selbst, von SM-Motiven. Ich habe ein wenig überkompensiert, weil es so unfassbar gut getan hat, diesen Teil von mir endlich an die Oberfläche kommen und durchatmen zu lassen und nicht immer nur ab und an im Geheimen zu besuchen. Ich habe mich für nichts davon mehr geschämt, habe gelernt, zu dem zu stehen, was ich bin, und das offen zu zeigen und das war… ein Durchbruch.

Meine Sachen also offen in meinem Zimmer zu haben (und das hat wirklich die Hälfte meines Schlafzimmers eingenommen) war also längst nicht nur eine pragmatische Sache, sondern etwas sehr Symbolisches, das für mich für sehr vieles stand.

Seit Monaten aber merke ich, wie sehr es mich belastet, täglich als erstes diese Dinge zu sehen und daran erinnert zu werden, wie lange ich sie schon nicht mehr anhatte. Nicht mehr benutzt habe. Nicht mehr getragen habe. Es wurde täglich schlimmer. Meine Salsa-Tanzschuhe und meine Tanz-Outfits habe ich längst in eine Kiste geräumt und zugegeben höre ich dieses Jahr so gut wie keine Salsa-Musik – einfach weil es mir jedes Mal mehr das Herz bricht, weil mir jedes Mal Tränen kommen, weil es mir jedes Mal mehr vor Augen führt, wie sehr es mir fehlt, statt mich zu trösten. Bei BDSM ist es teilweise ähnlich, es fehlt mir ähnlich – so vieles davon. Nur dass ich täglich damit konfrontiert bin. In meinem Zimmer, auf dem Blog, auf Twitter, ständig. Ich bin täglich gezwungen, mich mit etwas auseinanderzusetzen, etwas zu sehen, über etwas zu reden und zu schreiben, das mir seit Langen elementar fehlt.
Und bei meinem Schlafzimmer habe ich jetzt den Anfang gemacht. Habe gut über die Hälfte vorsichtig in Kisten gepackt und in den Keller geräumt, meine Lieblingssachen noch oben gelassen und dabei nicht nur eine Träne vergossen, obwohl ich weiß, es ist kein „Abschied“, sondern nur eine Pause.

Und während ich beim Wegräumen immer größere Schwierigkeiten hatte, habe ich mich gefragt, was denn genau mein Problem ist. Immerhin ist es ja wirklich nicht weg, nicht abgehakt. Es wird ja wiederkommen. Und dann wurde mir bewusst, dass es nicht nur um die Sachen ging. Genauso wenig wie es eine rein pragmatische Entscheidung war, die Sachen so offen hier liegen zu haben, ging es jetzt nur darum, sie wegzuräumen:
Nein, es ging um das, wofür diese Sachen stehen. Es ging um das Gefühl, ein neues Kapitel zu beginnen – und das obwohl das alte kein Schlechtes war, sondern eines, das mich weiter gebracht und mir mehr geholfen hat als ich es je erwartet hätte.

Und schon kommen wir (ein weiteres Mal, sorry dafür) bei Elsa und dieser Songzeile: „I’ve had my adventures, I don’t need something new„. Ja, ich hatte doch meine Herausforderungen im Leben, ich bin doch durch den ganzen Scheiß gegangen, ich habe mich entwickelt und es geht mir gut. Warum soll ich etwas verändern?

Und damit bin ich beim Kern. Beim Kern meiner Schwierigkeit. Beim Kern meines „In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum“. Weil ich mir selbst immer häufiger die Frage stelle, worin sie denn mittlerweile liegt – meine größte Angst. Denn als ich mir dieses Tattoo habe stechen lassen, wusste ich es, aber… dann überwindet man eben diese Angst und ist so frei, so erleichtert, so stolz, den Berg bestiegen zu haben, dass man erstmal eine Weile durchatmen und einfach nur die Aussicht genießt – verdient. Aber irgendwann vergisst man, sich zu fragen, welchen Berg man denn als nächstes besteigen will, wo denn jetzt die größte Angst liegt. Immerhin… ich kann nicht für immer hier sitzen und dieselbe Aussicht genießen, dafür gibt es zu viele zu schöne Dinge zu sehen auf der Welt, zu viel zu lernen, zu viel zu (er)leben.

Und immer häufiger, gerade dieses Jahr, denke ich… was wenn es am Ende das ist? Wenn die Veränderung selbst meine größte Angst ist? Wenn es nie um eine konkrete Sache ging, sondern meine Schwierigkeit einfach immer und zuverlässig darin liegt, mit Veränderung klarzukommen?

Nun, wer weiß – das zu beantworten, würde jetzt zu weit führen, aber… wenn es so wäre, dann hätte ich immerhin die Antwort.

Mit diesen Gedanken saß ich dann heulend auf dem Boden, meine kinky Sachen, einen wichtigen Teil meines Weges, in Kisten gepackt im Gang und habe angefangen mit gemischten Gefühlen meine Bilderrahmen auszuräumen und die Bilder zu wechseln. Alte zu ersetzen mit neuen und sie zudem auf die andere Seite des Zimmers zu hängen. Schließlich kam mir die Idee, ein Seil anzubringen, um dort mit kleinen Deko-Wäscheklammern Fotos aufzuhängen, mit Lichterkette und so – ihr wisst schon. Und auf die Gefahr hin, dass ihr mich jetzt auslacht:

Das war der Augenblick der Katharsis.

Denn genau dann, als mir der vermeintliche krasse Cut zwischen dem alten und dem neuen Kapitel so nahe ging, fand ich in einem Schrankfach eine Holz-Wäscheklammer. Und diese verdammte Wäscheklammer ließ es mir wie Schuppen von den Augen fallen! Ich rannte in den Gang, zu den Kisten, die ich nachher in den Keller bringen wollte und… holte ein Hanf-Bondageseil und meine Kisten mit Nippel- und CBT-Klemmen, die mir einmal ein Sub selbst gebastelt und zum Geburtstag geschenkt hat.

Und das Ergebnis ist das hier:

Eine kleine Ecke mit den wichtigsten Sachen, darunter mein Koffer und meine Lieblingsheels, auch wenn ich sie erstmal nicht anziehe.
Eine neue Ecke mit neuen Bildern an einer anderen Wand in anderer Anordnung.
Darüber ein Bondageseil,…
…an dem mit Klemmen Bilder befestigt sind von Orten und Situationen, in denen ich in irgendeiner Form über meinen Schatten gesprungen bin, eine Grenze überschritten oder meine Komfortzone verlassen habe – befestigt mit Nippelklemmen oder CBT-Klammern, auf denen „Nippel“, „Schwanz“ oder andere Körperstellen stehen, die man aber nur bei genauem Betrachten sieht.

Das Eine trägt das Andere.
Das Alte hilft dem Neuen.
Wortwörtlich.

Und genau wie vor einigen Jahren ist auch das hier keine rein pragmatische Entscheidung (auch wenn das Seil ernsthaft super praktisch ist), sondern – mal wieder – irgendwie symbolisch.

Symbolisch für die Tatsache, dass es nicht zwingend das Eine oder das Andere sein muss.
Symbolisch für die Tatsache, dass ein altes Kapitel nicht völlig abgehakt werden muss, um ein neues zu beginnen.
Symbolisch für die Tatsache, dass der Mensch ein komplexes Wesen ist, der nicht immer jede Handlung planen, jede Entwicklung verstehen und jede Überschneidung nachvollziehen kann.

Symbolisch für die Tatsache, dass man das, was hinter einem liegt, zurück lassen darf, wenn es zu viel Ballast ist. Aber dass man es manchmal auch auf die nächste Etappe mitnehmen kann, wenn es einem den Aufstieg erleichtert.

Ich bin es so gewohnt, die Vergangenheit zu verarbeiten und Altes abzuschließen, weil so vieles in meiner Vergangenheit so dunkel und schwer war, dass es immer mehr Ballast war. Dass mir nie wirklich bewusst war, dass man manchmal auch Fähigkeiten erlernt, sich Hilfsmittel aneignet, Erkenntnisse gewinnt und Menschen begegnet, die kein zusätzliches Gewicht sind – sondern im Gegenteil das, was kommt, sogar leichter machen können.

Weder hier noch dort

Und das, meine wunderbaren Vögel, ist auch die Lösung meines Problems vom Anfang – die Antwort auf die Frage, was BDSM für mich ist. Ich habe so lange mit dem Entweder-Oder gekämpft, mit der Frage, ob es die Szene ist oder nicht, ob es um kinky Sex geht oder nicht. Ob es BDSM ist, wenn ich Vanillasex habe, aber so kommuniziere wie ich es vor einer Session mache, oder warum mir BDSM manchmal fehlt, obwohl ich kinky Sex habe und manchmal nicht, obwohl ich auf keinem Event mehr bin.

Ich habe diesen Sommer damit verbracht, im inneren Zwist mit Twitter zu liegen, weil es mich gezwungen hat, mich mit etwas auseinanderzusetzen, was mir fehlt – und dann, als ich etwas Neues hatte, trauerte ich um das, was ich vermeintlich zurückließ.

Aber genau das ist der Witz: Ich lasse ja gar nichts zurück. Ich packe einen Teil davon liebevoll in eine Kiste und gebe ihr einen Platz, eher hinten im Regal, während ich anderen Dingen, die mein Leben gerade mehr bestimmen, die mir gut tun oder für die ich mehr Möglichkeiten habe, auch mehr Raum gebe. Aber nicht alles kommt in Kisten – ein kleiner, essentieller, wichtiger Teil bleibt weiterhin bei mir. Ist weiterhin Teil von mir, genau wie ich es doch immer formuliere: BDSM ist ein Teil von mir.
Es ist nicht nur eine Szene, denn das Gefühl der Zugehörigkeit habe ich auch an anderen Stellen. Es ist nicht nur kinky Sex, denn auch bei Vanillasex kann ich absolute Ekstase erleben. Es ist nicht nur die Kommunikation, denn auch mit Menschen außerhalb der Community kann ich so offen über Sex sprechen. Es ist zwar auch all das, aber es ist noch so viel mehr.

BDSM ist – für mich – ein Mindset.

Es ist die Entscheidung, den Teil von sich selbst anzunehmen, den man immer versteckt hat.
Es ist die Möglichkeit, Kontrolle abzugeben.
Es ist die Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen.
Es ist die Fähigkeit, auf die eigenen Grenzen zu achten.
Es ist die Verbindung zu Menschen, die ähnlich denken, aber anders sind.
Es ist die Offenheit gegenüber Menschen, die ähnlich sind, aber anders denken.
Es ist die Freiheit, die eigene Dunkelheit ans Licht zu lassen und die Gewissheit, dass das eigene Licht die Dunkelheit immer ein wenig erträglicher macht.

BDSM ist nicht kinky oder nicht-kinky. Es ist nicht dominant oder devot, es ist nicht Schmerz oder Feingefühl, es ist nicht hart oder weich.

BDSM ist kein entweder/oder, es ist nicht das eine oder das andere.

BDSM ist alles dazwischen.


Am Ende spielt es wohl keine Rolle, wo genau ich gerade bin, ob ich sitze, stehe oder fliege. Ob ich ein Ziel erreicht habe, einen neuen Weg einschlage, einen alten verlasse, eine Abkürzung nehme, mich auf eine Bank setze und die Aussicht genieße oder woher ich die Schuhe habe, die ich trage – solange sie bequem sind und wetterfest sind . Wenn ich nämlich eine Sache in den letzten Wochen gelernt habe, dann dass es nicht darauf ankommt, ob man ein Ziel hat und wie schnell man irgendwo ankommt.

Es geht nicht um das Ende.
Und es geht vermutlich auch weniger um den Anfang als ich erst dachte.

Es geht um alles dazwischen.


Und in diesem Dazwischen sitze ich nun hier, unter meinen Nippelklemmen mit Bildern von all den Grenzen, die ich dieses Jahr hinter mir gelassen habe, als Zeichen der Strecke, die ich in dieser kurzen Zeit zurückgelegt hab und als Erinnerung daran, dass ich mir verdient habe, ab und an inne zu halten und die Aussicht zu genießen.

Und dieses „alles dazwischen“ fühlt sich als Ausdruck, als Beschreibung, als Zustand, als Wunsch, als Lösung, als Ergebnis, als Gefühl so… richtig an, dass ich darüber nachdenke, es auch für größere, wichtigere Dinge zu verwenden. Beispielsweise ist eine noch offene Baustelle die Frage, wie es mit meinem Blog weitergeht. Denn genau wie ich auf Twitter die Lösung gefunden habe, einen neuen Account zu öffnen, auf dem ich nicht an BDSM gebunden bin, spüre ich das dringende Bedürfnis nach einem Weg, der mir ermöglicht, weiterhin über BDSM zu schreiben, Sex-Erfahrungen zu teilen oder Aufklärungsarbeit zu leisten – wenn ich es denn gerade möchte.
Aber eben ansonsten auch über andere Dinge schreiben zu können, über Erlebnisse, Grenzerfahrungen, Reisen oder Abenteuer und alles, was ich auf meinem Weg da draußen lerne und erlebe – ohne ständig im Hinterkopf diese Stimme zu hören, die mir zuflüstert: Aber du hast doch einen BDSM-Blog, das passt doch gar nicht.

Ich möchte beides können. Ich möchte alles dürfen. Ich möchte einen Raum, an dem ich meinen Gedanken freien Lauf lassen kann, ohne Grenzen, ohne mir selbst auferlegte Einschränkungen, ohne die Angst, zu viel oder eben auch zu wenig kinky zu sein.

Vielleicht wird es also bald einen neuen Weg geben, eine neue Abzweigung – in meinem Leben und auch hier. Und zum ersten Mal kann ich das mit einem ziemlich guten Gewissen und einem vorfreudigen Gefühl sagen, weil ich zum ersten Mal ernsthaft daran glaube, dass ich die Gratwanderung schaffen könnte zwischen BDSM und Vanlife, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen mehreren Leidenschaften, zwischen Strap-On und Klappspaten.

Zwischen einer Seite von mir, die ich schon kenne, und einer Seite, die ich gerade kennenlerne – und dem für mich neuen Gefühl des Ganz-Seins, wenn sich beide die Hand geben.




PS: Wer mich schon länger liest, weiß, dass ich das selten mache, gefühlt etwa einmal im Jahr, aber heute fühlt es sich richtig an:

Ich bin selbstständig. Ich lebe von diesem Blog und von meinen Büchern. Vor Corona habe ich meine Runden gemacht, die Einsteigern im BDSM geholfen haben, was eine wunderbare Sache war, die ich nach Corona gern wieder aufnehmen würde, aber die zurzeit brach liegt – was einen Zweig meines Einkommens ausgemacht hat. Ich könnte die Soforthilfe für November beantragen, habe mich aber dagegen entschieden, weil ich mittlerweile immer häufiger lese, dass das geplante Budget knappt wird und wenn hier jeder möglichst viel abstaubt, nur weil er theoretisch berechtigt ist, kommen wir als Gesellschaft nicht weiter und am Ende leiden die, die vorher schon am Minimum waren. Ich komme über die Runden, was anderen zurzeit nicht so geht – das reicht mir. Dennoch bin ich dankbar für Menschen, die meine Texte hier mögen und für unterstützenswert halten.

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Wenn nicht oder wenn ihr selbst am Kämpfen seid, dann gilt weiterhin:

Bleibt gesund, passt auf euch auf und schaut ab und an nach links und rechts – die Welt braucht Solidarität zurzeit mehr als sonst. ❤

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