Alle sieben Jahre, Teil 2

Oder: Von Wegen und Zielen


— Teil II —


Vorwort – Über Teil I und die Sache mit den Triggerwarnungen

Die Resonanz auf Teil I war… heftig. Ich habe zum ersten Mal, seit ich blogge ein schlechtes Gewissen gehabt. Das Gefühl, ich mute Menschen zu viel zu, ich sollte andere… nicht mit meiner Geschichte belasten, oder so. Als müsste ich mich dafür schämen, dass das meine Vergangenheit war und als dürfe ich nicht laut darüber sprechen, weil das anderen die Laune verdirbt. Ein wenig wie der Effekt, wenn Menschen sich „die hungernden Kinder in Afrika“ nicht wirklich ansehen wollen – weil sie sich dann mit ihrem eigenen Leben nicht mehr wohl fühlen. Nur dass das etwas anderes ist. Zum Einen, weil es vergangen ist, weil niemand daran etwas ändern kann. Und weil das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat. Anyway – ich habe ernsthaft gehadert, bin aber schnell zu er Erkenntnis gelangt, dass das die falsche Herangehensweise wäre. Es ist wichtig, über Schwierigkeiten zu sprechen, über die Vergangenheit, über das, was uns prägt, über individuelle Dunkelheiten. Ich bin davon überzeugt, dass viele von uns ihre eigenen Dämonen haben, in unterschiedlicher Ausprägung und dass wenn wir häufiger offen darüber zu sprechen würden, wir uns am Ende des Tages alle weniger allein fühlen würden.

Triggerwarnungen… okay – bei so einem Thema setze auch ich welche. An dieser Stelle sollte ich aber vielleicht erwähnen, dass ich bei alltäglichen Dingen, mit denen man ständig konfrontiert wird, kein Freund von Triggerwarnungen bin. Und ich weiß, ich mache mir mit dieser Haltung nicht nur Freunde, aber ich finde, ich habe mir das Recht, diese Haltung zu vertreten, verdient. Ich sage das nämlich nicht leichtfertig, nicht aus einer „stell dich nicht so an“, einer „du Schneeflocke“-Position heraus. Sondern aus der Position einer jungen Frau, die auch einigen Jahren Trauma-Therapie noch mit Triggern zu kämpfen hat. Und zwar… ja, ich würde sagen, fast täglich. Alkohol triggert mich. Sprüche wie „boah ich war so dicht“, wenn es um Erzählungen geht, die eigentlich für Lacher sorgen sollen. Krankenhäuser triggern mich. Das Meer triggert mich, der Süden mehr als der Norden. Cognac triggert mich mehr als Bier. Fleischfondue triggert mich. Bestimmte Lieder triggern mich. Schlagzeuge triggern mich. Wenn Menschen mich überraschen, triggert mich das. Und was mich besonders triggert, sind Redewendungen wie „haha wie in der Irrenanstalt hier“ oder „als wär er gerade aus der Klapse gekommen“.

Ich könnte weitermachen, eine ganze Weile noch. Was ich damit aber sagen möchte, ist folgendes: Trigger sind da, sie sind vorhanden, viele von uns kennen das. Während die einen eben kurz aufhorchen und zwei Sekunden ein Bild vor Augen haben, bekommen die anderen Panikattacken und Flashbacks.
Wenn ich wollen würde, dass mir immer eine Warnung begegnet, bevor ich einem Trigger begegne, dann habe ich 1. einen komplett unrealistischen Anspruch an die Welt und mein Umfeld, weil ich unmöglich von jedem verlangen kann, dass er Triggerwarnungen vor Themen setzt, die für ihn völlig unspektakulär sind. Hinzu kommt der Gedanke, dass wenn JEDER diese Haltung vertritt, bei der endlosen Zahl an Triggern, dann hätten wir kein triggerfreies Thema mehr. Und wer bestimmt denn jetzt, welcher Trigger heftiger/wichtiger/warnenswerter ist als ein anderer?
Und 2. widerspricht das einer inneren Haltung von mir, die ich über die Jahre gelernt habe: Ich kann die Welt nicht ändern – aber ich kann MICH ändern. Ich kann es scheiße finden, wie schlecht und hart die Welt zu mir ist und darüber reden oder ich lerne, mit ihr umzugehen. Ich bin realistisch genug zu wissen, dass die Welt sich niemals an meinen Maßstab von Triggern anpassen wird, also habe ich nur die Wahl, mich darüber zu beschweren oder zu lernen, damit umzugehen. Und der wunderbare Nebeneffekt: Unabhängigkeit. Mit jedem Trigger, der mich nicht aus der Bahn wirft, wenn er unvorhergesehen kommt, erlange ich Macht über mein Leben, über mich, über mein Handeln. Er ist ermächtigend, selbstbestimmt und unabhängig – das Gefühl, durch’s Leben gehen zu können und zu wissen, man ist nicht jedem Schlag da draußen schutzlos ausgeliefert und darauf angewiesen, vor jeder Ecke innezuhalten und zu fragen, wer da lauert in der Hoffnung, der Feind ist ehrlich und warnt einen vor. Mal ernsthaft – ich lege doch meine psychische Stabilität nicht in die Hand von Fremden Menschen und… hoffe einfach, dass mir jeder wohlgesonnen ist. So ist die Welt nicht.
Es mag der schwierigere Weg sein, ja. Aber ich halte ihn für den richtigen. Wenn ich also eine Triggerwarnung setze, dann sehr bewusst und nur bei Dingen, die nicht alltäglich sind. Denn bei alltäglichen Dingen halte ich es für deutlich wichtiger, Energie darin zu investieren, Menschen zu helfen, mit ihren Schwierigkeiten umzugehen, statt zu versuchen, den unrealistischen Anspruch zu erfüllen, jede scharfe Kante auf der Welt abzuschleifen.

Gleichzeitig bin ich nicht so hart wie es gerade klingt. Ich bin sehr für gegenseitige Rücksichtnahme, dafür, anderen zuzuhören, Räume zu schaffen, in denen man ehrlich sein kann, Fehler und Schwächen eingestehen kann. Aber für den Alltag, für das Leben selbst, für das Hier und Jetzt bin ich für einen Mittelweg. Ein bisschen wie „das Beste hoffen, das Schlimmste fürchten“ – wisst ihr, was ich meine?

Ich hoffe auf und investiere viel für eine Welt, in der die Menschen gelernt haben, rücksichtsvoller miteinander umzugehen. Aber… ich halte das noch für einen langen, steinigen Weg und während wir alle auf diesem Weg sind, schadet es doch nicht, sich feste Schuhe anzuziehen, oder?

Dies gesagt möchte ich jetzt aber vom Gestern ins Heute gehen, damit ihr danach mit mir zusammen ins Morgen blicken könnt – und das sage ich einen Tag, bevor ich… meinen Bus abhole.


Frozen

Die letzten beiden Jahre waren die wohl aufregendsten meines Lebens. Wenn ich heute zurückblicke – und wie ihr seht, mache ich das gerade sehr viel – frage ich mich, wie ich hier hergekommen bin. Wie geht man einen solchen Weg? Hätte mir das vor 15 Jahren jemand gesagt… ich hätte gelacht. Keine Ahnung, wie ich dazu kam, bestimmte Abzweigungen zu nehmen, gewisse Entscheidungen zu treffen. Aber irgendwie bin ich hier angelangt. Im Wunderland, in einem Leben geprägt von frei gelebter Sexualität, in dem ich mein eigener Fixstern sein darf und das tun und lassen, was mir gefällt. Ich versuche, meinen Traum zu leben, auch wenn er manchmal mehr harte Realität statt Wunschtraum ist – aber ich verdiene mit dem Schreiben mein Geld und das ist das, was ich immer wollte. Krebs, Krankheiten, Alter, Lebensprozesse, schlechte Menschen, schwierige Themen und ein paar Dämonen meiner Vergangenheit begleiten mich. Ich habe meine Schwierigkeiten, ja, aber… insgesamt kann ich mir nicht vorstellen, dass es noch viel besser werden könnte. Ein Gedanke, der mir dieses Jahr über begleitet hat. Genau wie ein gewisses Lied.



Everyone I’ve ever loved is here within these walls
I’m sorry, secret siren, but I’m blocking out your calls
I’ve had my adventure, I don’t need something new
I’m afraid of what I’m risking if I follow you.


— Into the unknown —

Alle, die ich liebte, sind bei mir, ich bin zu Haus‘
Dich singende Versuchung blend‘ ich künftig einfach aus.
Ich hab‘, was ich möchte, ich bin so gerne hier
Glaubst du, ich will das riskieren und ich folge dir?


Ist es bescheuert, dass einem ein Song aus einem verdammten Disneyfilm so nahe geht? Aber es ist einfach genau das… Und mehr noch: Es ist gar nicht nur dieses Lied, es ist die Geschichte dahinter. Denn auch der erste Teil ging bei mir schon so tief, dass ich es öffentlich kaum sagen kann, weil es für andere einfach nur… ein Disneyfilm ist.
Der erste Teil von Frozen handelt davon, dass Elsa, die Eiskönigin, eine Außenseiterin ist, vor der Menschen Angst haben, sobald sie erkennen, was sie ist. Wie anders sie ist. Sie hat magische Kräfte, mit denen sie nicht umgehen kann. Kräfte, die mehr können, die mächtiger sind als alles andere – deshalb hat sie Angst vor ihnen und die Angst führt dazu, dass sie sie unterdrückt, statt sie zu kontrollieren. Dass diese Kräfte mit Eis zu tun haben und Elsa nach außen mit Kälte assoziiert wird, ist nur das i-Tüpfelchen für mich, aber das ist nochmal ein anderes Thema.
Es geht darum, wie Elsa lernt, ihre Kräfte nicht mehr zu fürchten, sondern anzunehmen. Sie zieht sich zurück, akzeptiert es, einsam und anders zu sein, weil sie dadurch sein kann, wer sie ist. Mehr noch: Sie macht das Beste daraus, zaubert sich einen lebendigen Schneemann, nennt ihn Olaf, und beginnt ein eigenes Leben. Olaf wird zum Zeichen dafür, dass sie sich ihrer Angst vor dem Anderssein und der Einsamkeit stellt und die Einsamkeit sogar sucht. Und durch diese Akzeptanz endet die Einsamkeit, denn mit Olaf hat sie einen ersten Gefährten – das erste Positive, entstanden aus dem, was ihre größte Angst war. Und das war nur der Anfang:
Denn genau dann, wenn sie diese Angst überwindet, die Einsamkeit, das Anderssein akzeptiert und annimmt, erlangt sie die Kontrolle über ihre Kräfte und ist in der Lage, ihr Königreich zu retten – und wird genau dadurch Teil der Gemeinschaft, Teil einer Familie.

Was dieser Film mir damals schon bedeutet hat, kann ich nicht wirklich in Worten beschreiben. Den zweiten Teil wollte ich lange nicht anschauen, die Vorfreude war mäßig, weil ich immer fürchtete, dass Elsa jetzt im zweiten Teil ihre Liebesgeschichte bekommt. Das Gerücht hielt sich, dass Disney sich für eine lesbische Beziehung entscheiden würde, was ich schon irgendwie cool gefunden hätte, aber… naja. Für mich hätte es die Message von Teil 1 geschmälert, wenn Elsa nur dann ein Happy End findet, wenn sie sich verliebt – in wen auch immer.
Stattdessen steht Elsa in Teil 2 zu Beginn auf ihrem Balkon und hört ein Rufen aus der Ferne, das nur sie hören kann. Es zieht sie fort, ohne dass sie sagen könnte, wohin. Aber sie zögert, sie kämpft dagegen an. Für die, die den Film nicht kennen: Das ist das Lied, das ich in meinen letzten Beiträgen und hier zitiert habe. Sie spricht darüber, dass sie ihr Abenteuer doch hinter sich hat. Dass sie einen Platz gefunden hat. Dass es ihr gut geht und sie zufrieden ist – und warum sollte sie das riskieren, ohne zu wissen, wofür?

Dass der zweite Teil für Elsa nicht in der Erfüllung in einer Beziehung zu einem Mann endet, weil ja nur die romantische Liebe das Leben vollständig macht, war für mich… bezeichnend. Elsa endet dort, wo sie hingehört. Sie hat weiter Kontakt zu ihren liebsten Menschen, es ist kein Abschied für immer. Aber auch wenn sie dachte, sie hatte ein Zuhause: In Wahrheit gab es eine Welt, in die sie wirklich gehörte, in der es andere gab wie sie. Eine Welt, die sie sich zuvor nicht vorstellen konnte. Es ging auch im zweiten Teil nicht darum, dass Elsa endlich nun auch einen Partner findet: Nein, sie findet einen Ort, an den sie gehört. Und ob der Wald am Ende eine Metapher für einen Ort ist, eine Entscheidung oder ein Mindset, spielt wohl keine Rolle.

Wichtig ist die Frage, wie viel man bereit ist zu riskieren – und zwar nicht nur dann, wenn man viel zu gewinnen hat, sondern dann, wenn man einem Rufen, einer Intuition folgt, hinter der alles oder nichts stehen kann, weil man dem Leben zutraut, dass es noch mehr für einen bereit hält als man sich in diesem Augenblick vorstellen kann.

Déjà Vu

Und genau das ist das Gefühl, ist die Frage, die in mir dieses Echo findet. Denn so reflektiert ich bin, so viel ich in meinen eigenen Beiträgen über mich lerne, so viele Dinge ich immer klar erkenne – so blind bin ich manchmal, wenn es um die offensichtlichsten Dinge geht. Es hat nämlich ernsthaft bis jetzt gebraucht, bis ich erkannte, dass dieses Gefühl in mir nicht nur deshalb so große Resonanz findet, weil ich es über dieses Jahr immer wieder bemerkt habe. Sondern weil ich es nicht zum ersten Mal in meinem Leben spüre.

I’ve had my adventure, I don’t need something new
I’m afraid of what I’m risking if I follow you.

Ich war 18 Jahre alt und ich wusste, mein Leben ist anders als das anderer – aber ich kannte nichts anderes. Ich hatte zu Essen, eine Wohnung, die Chance auf mein Abi. Hätte schlimmer sein können.

Ich will das nicht riskieren für eine Veränderung, von der ich nicht weiß, wohin sie führt.

Ich riskierte es trotzdem.

Ich war 25 Jahre alt und ich wusste, mein Leben ist nicht perfekt, meine Beziehung funktioniert nicht und ich bin emotional von einem Mann abhängig – aber es war besser als alles, was ich kannte. Ich hatte zu Essen, eine Wohnung, die Chance auf mein Staatsexamen, einen Freund und manchmal Sex. Hätte schlimmer sein können.

Ich will das nicht riskieren für eine Veränderung, von der ich nicht weiß, wohin sie führt.

Ich riskierte es trotzdem.

Ich bin 31 Jahre alt und ich weiß, mein Leben hat seine Höhen und Tiefen, die Abhängig meiner Existenz von Social Media belastet mich häufig, das Romanschreiben fehlt mir, ich kämpfe ab und an mit ein paar Dämonen meiner Vergangenheit, ich muss mich Krebs-Krankheiten und anderen schwierigen Themen im Leben stellen – aber es ist besser als alles, was ich kenne. Ich habe zu Essen, eine Wohnung, bin selbstständig, lebe hauptsächlich vom Schreiben und bin unabhängig. Es könnte nicht nur schlimmer sein – eigentlich ist es sogar ziemlich gut.

Ich will das nicht riskieren für eine Veränderung, von der ich nicht weiß, wohin sie führt.

Oder?

2020 – Wenn ein Jahr alles verändert

Was das Reisen für eine Geschichte hat, welche Trigger hinter dem Meer für mich liegen und wie sehr die Aktion mit Venedig letztes Jahr schief ging – davon fange ich jetzt nicht an, denn das würde nicht nur den Rahmen des Beitrags sprengen, es wäre einfach allgemein too much. Allein das, was ich bisher geschrieben habe, war so viel, ging so tief. Wenn ich jetzt vom Reisen auch noch anfange, ist das über der Grenze dessen, was ich pro Beitrag investieren kann. Sagen wir einfach: Es ist ein wirklich großes Ding für mich, das unter meinen Ängsten einen der obersten Plätze einnimmt. Jene von euch, die mich schon länger lesen, kennen die Geschichten. Der Rest darf gern nachlesen und alte Beiträge durchblättern.

2020 hat nicht nur für mich alles verändert – ich weiß das. Ich weiß, dass dieses Jahr für die allermeisten von uns ein Einschnitt war und noch dazu kein schöner. Ich weiß, dass Menschen gestorben sind. Ich weiß, dass viele ihre Jobs verloren haben. Ich weiß, dass viele in Existenzangst leben, dass Unternehmen pleite gegangen sind, dass psychische Krankheiten und Ängste schlimmer geworden sind und dass sich im Alltag von uns allen große und kleine Dinge zum Schlechten gewendet haben.

Wenn ich heute meinen Google Verlauf anschaue, finde ich es irgendwie bezeichnend, dass ich bereits seit Monaten nach Campern suche, aber mir nie erlaubt habe, das wirklich in Erwägung zu ziehen. Nach langem Nachdenken fand ich auch heraus, warum nicht: Es war nie das Geld, es war nie die Angst davor, unvernünftig zu sein – auch wenn das große Hürden waren. Nein, es war die Hemmung davor, etwas zu tun, was mir wie Luxus vorkam in einem Jahr, in dem andere Menschen existentielle Schwierigkeiten haben.

Bei mir führte dieses Jahr bei mir zu finanziellen Einbrüchen, zu Druck und Angst. Es führte zu sozialer Isolation, zum Mangel an Hobbys und der Unmöglichkeit jener Dinge, die mir sonst meine psychische Stabilität sichern. Es führte dazu, dass ich einen essentiellen Teil meiner Sexualität seit einem dreiviertel Jahr nicht mehr ausleben kann, worunter ich ernsthaft leide. Und im Gegensatz zu allen, die wieder ihren Jobs nachgehen, habe ich keinerlei Kollegen oder Kundenkontakt – die soziale Isolation, der Mangel an Freizeitbeschäftigung ist für mich nur ein Teil. Denn während alle anderen zumindest tagsüber wieder begannen zu arbeiten, fühlte ich mich wie vergessen. Wie zurückgelassen. Denn in meinem Job gibt es keine Kollegen, keinen Kontakt. Meine engsten Freunde fanden feste Partner und alle gingen wieder arbeiten. Ich bin allein – und das fühlte ich dieses Jahr heftiger als jemals sonst. Und schließlich kam der Krebs meines Vaters hinzu, der schlimmer wurde, die Angst um meine Oma, der Krebs meines Opas und mein Damoklesschwert – die Angst vor der näheren Zukunft, dem Verlust meiner Wohnung und einer Form von Veränderung, die ich fürchtete, diesmal nicht stemmen zu können.

All das führte dazu, dass ich dieses Jahr mehr und mehr Schwierigkeiten hatte. Mir einiges ernsthaft an die Nieren ging und ich begann, mir um meine psychische Gesundheit Sorgen zu machen.
Letzte Woche saß ich an meinem Schreibtisch, googelte wieder wie im Reflex nach Campern und begann, mir Fragen zu stellen. Fragen wie:

Würde es dir helfen, dieses Jahr zu überstehen?
Würde es dich psychisch gesünder, stabiler machen?
Ist es das, was du willst?

Und vor allem:

Würde dich das glücklich machen?

Aber die alles entscheidende Frage, die mich von jetzt auf gleich meine Entscheidung treffen ließ und die ich euch überdies dringend ans Herz legen möchte, mit der Bitte, sie ehrlich zu beantworten:

Seit wann sind psychische Gesundheit und persönliches Glück Luxus?


Und:

wann habe ich vergessen,
den feinen Unterschied zu erkennen
zwischen „existieren“ und „leben“?

Die Sache mit dem Weg und dem Ziel

Ich denke zurzeit häufig daran, wie mich eine gute Freundin vor einigen Wochen, als es mir nicht gut ging, fragte: „Wo siehst du dich denn in fünf Jahren?“. Ich denke daran, wie ich die Angst fühlte, beinahe eine Panikattacke bekam, weil ich die Antwort nicht wusste. Ich fühlte eine heftige Einsamkeit, auf einmal schien ich im Nichts zu treiben. Wieso habe ich kein Bild vor Augen? Wieso kann ich diese Frage nicht beantworten? Alles, was ich weiß, ist, dass ich schreiben will. Dass ich mit meinem Schreiben Menschen helfen möchte. Mit Worten gute Gefühle auslösen, auf welchem Weg auch immer. Sonst sehe ich nichts in dieser Vorstellung. Ich weiß nicht, wo ich sein möchte. Oder mit wem. Ich möchte keine Kinder, weiß nicht, ob ich dann eine Art von Bindung haben werde. Ob das ein Wunsch ist? Ich weiß nicht, wo ich wohnen will in fünf Jahren. Ich weiß nicht, wie mein Leben aussehen soll.

Ich habe keine Ziele im Leben.

Oder? Wie kann man keine Ziele im Leben haben? Habe ich mich so daran gewöhnt, im Hier und Jetzt zu leben, dass ich dabei vergaß, einen Blick nach vorn zu werfen? Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Und was sagt das über mich? Man braucht doch ein Ziel, oder? Man muss doch wissen, wo man hin möchte… Man ist doch verloren, wenn man kein Ziel hat. Wer nicht weiß, wohin er geht, der ist doch genau das… verloren.

Verloren.

Schon wieder begegne ich diesem Wort, das ein so großes Thema für mich zu sein scheint. Immer und immer wieder gelange ich an den Punkt, an dem meine Herausforderung im Leben darin zu bestehen scheint, mich nicht… verloren zu fühlen. Egal, welche Metapher ich wähle: In einem anderen Beitrag waren es Wurzel und Flügel und der fehlende Halt. Heute ist es das Umherwandern und das fehlende Ziel. Immer geht es um diesen einen beißenden Dämon meiner Vergangenheit:

Das Gefühl, zu niemandem wirklich zu gehören. Das Gefühl, am Ende irgendwie allein auf der Welt zu sein. Das Gefühl, immer irgendwie anders als alle anderen zu sein. Das Gefühl, verloren zu sein und nicht zu wissen, wohin ich gehen muss.

Nur dass es diesmal anders ist. Denn wenn ich diesmal auf mein Leben zurückblicke, den Weg betrachtend, den ich hinter mir habe, dann erkenne ich – zum ersten Mal – etwas Neues:

Ich hatte nie konkrete Ziele, nie konkrete Vorstellungen davon, wo ich einmal sein möchte. Meine Entscheidungen, die Wege, die ich einschlug, waren immer mehr… eine Folge als eine Ursache. Mein Leben war wie es war und deshalb trieb es mich früher oder später zu Veränderungen – nicht umgekehrt. Ich hatte kein Ziel und wählte dann einen ganz bestimmten Weg, um dorthin zu kommen. Ich betrachtete immer den Punkt, an dem ich stand und… wählte dann einen Weg, der mir gut gefiel, ohne zu wissen, wohin er führte.

Ich wusste, ich würde gern Germanistik studieren, aber wenn ich ehrlich bin, war es einfach nur das Naheliegendste. Ich wollte studieren und kein anderes Fach kam infrage. Das Lehrer-Ding war die logische Konsequenz daraus, weil man „Autorin“ nicht planen kann und weil ich gut mit Schülern konnte – es war kein tatsächliches Wunschziel. Die Beziehung, die ich hatte, war ich eingegangen, weil es mir damals gut tat, weil es schön war, weil es mir half und – ehrlicherweise – weil ich es brauchte. Nicht, weil es mein Lebensziel war, einen Partner zu finden und eine Familie zu gründen. Ich wollte wegziehen, aber die Stadt, in der ich jetzt wohne, war nie mein Traum – sie war weit genug von meiner Heimat weg, aber nah genug, um zur Uni pendeln zu können.
Was ich sagen will: Ich hätte die Frage „wo siehst du dich in fünf Jahren?“ zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben beantworten können und heute weiß ich den Grund dafür.

Ein Ziel bedeutet, etwas zu erreichen. Erreichen kann man nur das, was entfernt liegt (sonst hätte man es bereits) – aber eben doch so nah, dass es in Reichweite ist.

Für Menschen, die mit Sicherheit, einem gewissen Wohlstand, Stabilität und Möglichkeiten aufwachsen, liegt die Vorstellung, nach einem Abi zu studieren, einen guten Job zu finden, Familie zu gründen und ein Haus zu bauen, in Reichweite. Es ist realistisch, vorstellbar.
Im selben Alter war mein größter Wunsch, irgendwann in meinem eigenen Bett zu schlafen, ohne Gewissensbisse zu haben.

Es ist merkwürdig und weiß nicht, warum ich ausgerechnet zurzeit so viel darüber nachdenke, aber ich träume viel – von früher – und ich kann mich einfach an keinen Moment erinnern, an dem ich ernsthaft ein weit entfernt liegendes, konkretes Ziel gehabt hätte. „Schreiben“ war immer meine Antwort gewesen. „Schriftstellerin.“ Ja. Aber das war mehr Traum als Ziel. Ich habe nie bewusst einen Weg verfolgt, der mich an diesen konkreten Punkt geführt hätte – weil ich nicht nach den Sternen greifen wollte – wenn du immer im Regen stehst, ist dir ein Plätzchen im Trockenen schon mehr als genug.

Und nein, auch wenn ich das gern behaupten würde, kann ich nicht sagen, ich hatte damals schon eine „im Hier und Jetzt leben“ – Einstellung. Das war keine Lebenshaltung, kein Ausdruck von nobler, bescheidener Genügsamkeit – mit Nichten, auch wenn das sehr edel und romantisch klingen würde. Nein, ich denke, das war schlicht und ergreifend eine Überlebensstrategie und der Mangel an Alternativen. Ein Mangel an Alternativen, der zu dieser gefühlten Ziellosigkeit geführt hat, die wiederum dazu beitrug, dass ich mich im Leben immer „verloren“ gefühlt habe.

Dieses Jahr, vor allem in letzter Zeit dachte ich so viel über diese Ziellosigkeit nach wie nie zuvor. Letzte Woche legte ich mich in mein Bett, um ein paar Sätze darüber zu schreiben und im Schreiben zu reflektieren.
So lange, bis mir bewusst wurde, dass ich in dem Bett lag, in dem ich mit Anfang 20 morgens aufwachte und weinte, weil ich nach all den Jahren nicht mehr damit gerechnet hatte, dass ich das je können würde – ohne Alpträume durchschlafen.
So lange, bis mir bewusst wurde, dass ich diesen Effekt regelmäßig habe: Durch die Angststörung, die Konfrontation, die Therapie habe ich gelernt, regelmäßig den Weg zu gehen, den die Angst mir zeigt. Mich am nächsten Schritt zu orientieren, statt an großen, konkreten Zielen. Und dass ich mich auf diesem Weg regelmäßig wiederfinde mit Tränen in den Augen, in einer Situation, von der ich nie geglaubt hätte, ich würde das jemals können.

Und diese Erkenntnis gibt meinem Tattoo, das ich schon so viele Jahre habe, eine ganz neue Dimension, die ich jetzt, so viel später erst beginne zu begreifen.

In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Die Ziellosigkeit, der Mangel an Alternativen, das Gefühl des Verlorenseins war nie das, was mich einsam gemacht hat. Es war das, was mich dazu brachte – noch immer dazu bringt – den nächsten Schritt auf einem von mir gewählten Weg zu gehen.

Einem Weg, den ich bewusster gewählt habe als ich es bei jedem Ziel je hätte tun können.
Einem Weg, den ich immer wieder anpassen kann.
Einem Weg, der Abzweigungen bereit hält und mir die Möglichkeit gibt, Orte zu entdecken, von denen ich nicht einmal wusste.

Einem Weg, der mich nicht nur einmal am Ende, sondern bei jedem Schritt, für den ich den Mut finde, belohnt.


Mittlerweile ist es Donnerstag, der 22. Oktober, und ich sitze im Zug, um meinen Bus abzuholen. Einen T4 von 1990, den ich mir gekauft habe, um ein neues Kapitel zu beginnen. Um einen Schritt zu machen in eine neue Richtung. Weil ich wie immer meiner Intuition, diesem Rufen folge, von dem ich nicht weiß, wohin es mich führt.

Und zum ersten Mal in meinem Leben finde ich das okay.
Nicht großartig – ich bin nicht „geheilt“, ich werde weiterhin Phasen haben, in denen ich mich verloren fühle. Aber… jetzt gerade kommt die Sonne durch auf dem unscheinbaren Schotterweg, für den ich mich entschieden habe und für den Augenblick genieße ich die Wärme auf der Haut, den leichten Wind in meinem Haar und bin gespannt, wohin es geht. Weil ich herausgefunden habe, dass es okay ist, kein genaues Ziel zu haben.

Denn je konkreter das Ziel ist, desto genauer muss man den Weg kennen, um exakt dort anzukommen. Wenn man aber von Beginn an nur eine Richtung vor Augen hat, ist es im Grunde egal, ob man zwischendurch mal ein paar Schritt weiter nach links geht.

Und mehr noch:

Eine Richtung zu haben, gibt mehr Freiheit, birgt weniger Erwartungen als ein konkretes Ziel.

Wie muss es sich also anfühlen, wenn man nicht einmal eine konkrete Richtung hat, sondern sich lediglich wünscht, eine schöne Reise zu haben?


Ich beende diesen Beitrag an dieser Stelle, auch wenn ich Teil 3 angekündigt hatte. Teil 2 wurde etwas länger, hat aber gut getan. Teil 3 wären noch ein paar Dinge gewesen über das Campen, über den Bus, über meine Vorhaben, über Twitter und darüber, weshalb der BDSM Account etwas stiller ist zurzeit.
All diese Dinge folgen noch, aber das genügt wohl irgendwann in den nächsten Tagen. Vorerst reicht es wohl, wenn ich euch sage, dass ich auch auf Twitter einen Neubeginn brauche. Der große Account, mein ältester (@opheliaprivat) hat mir einen Neustart im Leben ermöglicht und mich den Schritt in die Selbstständigkeit gehen lassen. An diesem Account hängt mein Herz und in dem Augenblick, in dem ich ihn deaktivieren werde, werde ich nicht nur eine Träne vergießen, aber… es gibt Dinge, mit denen ich gern abschließen möchte. Das Verfahren am Landgericht, Geschichten über Missbrauch und der Psychoterror und das Stalking, all das liegt dort vergraben und der Bann ist zudem weiterhin aktiv, was regelmäßig für Schwierigkeiten sorgt. Ich beginne also auch hier neu. Der BDSM-Account bleibt, aber für alles andere wird es in Zukunft einen neuen Account geben. Einen Account, der den Namen der Lektion trägt, die ich dieses Jahr gelernt und über die ich hier geschrieben habe.

Ich möchte euch dort von meinem Weg erzählen, von dem, was ich erlebe, von meinen Reisen – den wirklichen und den anderen im Leben – und ich möchte offen über Schwierigkeiten und Ängste sprechen, so wie immer. Aber es wird kein „Vanlife“-Reisebericht. Denn eine Reise hat ein Ziel und wie ich nun weiß, habe ich keines und versuche aus genau dieser Tatsache, die bisher meine Angst war, das Beste zu machen. Vielleicht etwas, das noch besser wird als das, was ich mir bisher vorstellen kann.

Es wird ein Bericht über eine Reise, die kein Ziel hat.
Ein Bericht, der nur dazu da sein soll, den Weg aufzuzeichnen.

Und um euch zu zeigen, dass ich weiterhin euer Goethe zitierende Fickstück bleibe, ende ich heute, wie ich finde, ausgesprochen angemessen und verabschiede mich mit einem Zitat des Meisters in der Hoffnung, euch auf der anderen Seite wieder begrüßen zu dürfen.

„Man reist ja nicht, um anzukommen,
sondern um zu reisen.“


@federlogbuch


3 Kommentare zu „Alle sieben Jahre, Teil 2

Gib deinen ab

  1. Du gehst mir im Moment dermaßen an Herz, es ist echt unglaublich. Durch den Beitrag von heute und den von gestern wird mir erst klar wie lange ich Dir schon folge.
    Du bist für mich, wie eine sehr tolle, zielgerichtete, fokussierte und unglaublich gescheite, Tochter.
    Das soll bei weitem nicht alle Deine tollen Eigenschaften beschreiben.
    Es ist mir nur ein Bedürfnis, Dir zu sagen was für ein unglaublich toller mensch Du bist.
    Danke das es Dich gibt Ophelia.

    Gefällt 1 Person

    1. Ach Christian ❤ — stimmt, du folgst mir wirklich schon so ziemlich von Beginn an. Verrückt, oder? Wenn man bedenkt, wie lange das her ist und was seither alles passiert ist….

      Schön, dass du hier bist. Immer wieder. ❤ Und danke für deine Worte. 🙂

      Liken

  2. einen account schließen, mit dem man soviel erlebt hat… wow, das kommt mir ironischerweise fast wie ein noch größerer schritt als alles andere vor. verstehe gut, dass du da eine träne zerdrücken wirst. aber schön, was du schreibst, jede erkenntnis, jeder schritt bringt einen wieder weiter voran…

    Gefällt 1 Person

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