Alle sieben Jahre, Teil 1/3

Oder: Etappenziel und ein Blick zurück

Die Nebelwand um mich her bewegt sich. Der Sturm tobt.
Ich weiß, es wird heftig. Ich weiß nicht, wer ich sein werde, wenn ich auf der anderen Seite herauskommen werde.


Diese Zeilen beendeten meinen letzten Beitrag der Reihe „Im Auge des Sturms“. Es war ein dreiteiliger Beitrag über dieses Jahr. Dieses verrückte, völlig andere, mich überfordernde, heftige Jahr. Drei Beiträge, die Seiten füllen würden über meine Angst. Beiträge, die aus so vielen Worten bestanden und doch am Ende irgendwie nichts gesagt hatten. Weil ich nicht wusste, was ich sagen wollte. So wie ich das ganze Jahr über schon nicht gewusst hatte, was ich sagen will. Was nicht mit mir stimmt. Was mit mir passiert. Was in mir passiert. Was um mich herum passiert.

Doch so lange wie ich für diese Beitragsreihe gebraucht habe, so lange saß ich in den letzten Tagen vor einer leeren virtuellen Seite und habe sie schweigend angestarrt.
So viel ich mit diesen drei Teilen glaubte sagen zu können, so sehr fehlen mir seit Tagen die Worte.
So viele wunderbare Bilder sonst in meinem Geist entstehen, wenn ich einen Beitrag zu schreiben beginne, so leer war mein Geist und so voll waren dafür meine Träume in letzter Zeit.

Ich befinde mich noch immer im Auge des Sturms, aber stehend. Ich bin aufgestanden. Ich könnte jetzt einfach losgehen. Nur in welche Richtung – das ist die einzige Frage, deren Antwort ich noch finden muss.

Und wenn man nicht weiß, wohin es geht, weil man nicht mehr genau weiß, wo man gerade ist, dann kann es ratsam sein, innezuhalten. Sich umzuschauen. Und am besten einen Blick nach hinten zu werfen.

Manchmal muss man sich nur daran orientieren, woher man kommt, um zu wissen, wohin es jetzt geht.


Disclaimer

Für die ersten (kursiv gedruckten) Absätze in diesem Teil 1 möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen zu den Themen Tod, Alkohol, Krankenhäuser und Tod eines Haustiers (letzteres nur zwei Sätze). Es geht unter anderem um den Tod meiner Mutter – einige Absätze davon sind wirklich heftig. Im Zweifel den kursiv gedruckten Teil überspringen.

Ich bin kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt und an Altem festhält – aber ab und an finde ich es wichtig, kurz stehen zu bleiben und einen bewussten Blick nach hinten zu wagen – um sich anzusehen, woher und noch wichtiger: wie weit man man schon gekommen ist. Ich bin an einem Scheidepunkt in meinem Leben, einem großen. Und das Schreiben war für mich immer schon die Art und Weise, wie ich mit großen Entscheidungen und Erfahrungen umgegangen bin und die Prozesse dahinter bewältigt habe. Zu der Entscheidung, welchen Weg ich nun gehen werde, gehört zurzeit für mich also auch ein Blick zurück und das Schreiben ist die einzige Art für mich, das zu tun – es war immer schon auch therapeutisch für mich. Früher hätte ich die Worte geformt und den Text in eine Schublade gelegt.

Heute teile ich ihn.

Nicht, weil ich glaube, er ist unterhaltsam und lesenswert – sondern weil ich hoffe, dass auch nur ein einziger Mensch meine Worte liest, seine eigenen Erfahrungen in meinen wiedererkennt und sich verbunden, vielleicht verstanden, vielleicht an die Hand genommen fühlt.

Ich hätte mir früher eine solche Hand gewünscht – genau deshalb habe ich mir bei Beginn meiner Trauma-Therapie geschworen, dass ich später, wenn ich alles verarbeitet habe, versuchen würde, anderen bei ihrer Verarbeitung zu helfen. Ein bisschen, weil ich es wichtig fand – ein bisschen, weil es mir selbst die Motivation gab, die ich in mir selbst nicht fand. An dieses Vorhaben möchte ich mich halten – weil ich ohne diese Motivation die Therapie vermutlich nie durchgezogen hätte.

Wenn tiefe/ teils dunkle/ von schwierigen Erfahrungen erzählende Beiträge zurzeit nichts für euch sind, überspringt am besten diesen Teil und wartet auf den unverfänglicheren Teil 2 oder gar auf den aufregenden Teil 3, um dann im Hier und Jetzt zu beginnen und gemeinsam mit mir einen Blick nach vorn zu werfen.

Aber… wenn ihr euch nicht sicher seid, dann wagt zumindest einen Versuch gegen Ende des Textes – denn wenn ihr mich nur ein bisschen kennt, dass wisst ihr, dass die Wendungen am Ende immer die richtige Richtung nehmen – wo auch immer die für jeden von uns sein mag.


— Teil I —


In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Meine Hand liegt auf der kalten Klinke des Krankenhauszimmers.
Die muss sicher voller Keime sein, denke ich, und nehme mir vor, mir die Hände zu desinfizieren, bevor ich gleich näher an das Bett herantrete – nicht, dass es eine Rolle spielen würde, denn meine Mutter liegt bereits im Sterben.

Ich drücke die Klinke noch nicht, sondern höre innerlich wie gebannt meinem Herzschlag zu. Folge dem pochenden Geräusch mit großer Faszination: Spannend, wie laut man das eigene Herz hört, wenn man sich im Zustand einer Panikattacke befindet. Ich weiß, es ist eine Panikattacke, die ich habe, aber ich bin 25 Jahre alt und nach Jahren der Konfrontationstherapie mit jeder Angst, die ich finden konnte, eine Meisterin darin, mir Angst und manchmal sogar Panik nicht anmerken zu lassen. Sie ausschließlich innerlich zu bekämpfen – denn ein Kampf ist es jedes Mal. Eine bittere, gnadenlose Schlacht, in der keine Gefangenen gemacht werden. Entweder man verliert oder man gewinnt – es gibt nichts dazwischen. Und es ist die Art von Schlacht, die nicht mit einem stolzen Siegesschrei zelebriert wird, sondern bei der du blutend, erschöpft und voll Reue vom Schlachtfeld gehst, während du jedes Mal einen weiteren kleinen Teil deiner Selbst zurücklässt, der über Nacht zusammen mit dem Blut und dem Schweiß in der Erde versickern wird – während du dich fragst, was dich so gnadenlos, so hart, so kaltblütig hat werden lassen.


Mein Herz will nicht aufhören zu pochen, mein Körper ist schweißgebadet – ich merke, dass ich mich heute mit dem Zustand der Panik abfinden muss und versuche, wenigstens meine Atmung in den Griff zu bekommen. Ich weiß noch nicht, was ich gleich sehen werde, wenn ich die Tür öffne. Ich habe eine Ahnung, aber sicher bin ich mir nicht.

Ich weiß, ich werde meine Mutter nach vielen Wochen wieder sehen.
Ich weiß, ich werde einen Menschen sehen, der sich im Endstadium einer Leberzirrhose befindet.
Ich weiß, ich werde den Tod sehen.

Was das bedeutet… weiß ich nicht.

In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Es ist genau das, was ich nicht wollte. Seit Jahren wünsche ich mir einen schnellen Tod für sie. Nein, das ist gelogen. Nicht nur für sie, auch für mich. Zumindest ein kleiner Teil in mir wünscht sich das – für mich. Es ist der kleine Teil in mir, der egoistisch geworden ist. Der kleine Teil, der einen Selbsterhaltungstrieb besitzt.
Es ist ein wirklich kleiner Teil, das muss ich zugeben. Der gesamte Rest ist noch jetzt, mit der Hand auf der Türklinke, bereit, alles zu opfern, um diesen einen Preis nicht zahlen zu müssen, der schlimmer ist als alles andere: Schuld.

Ich möchte ein reines Gewissen haben, deshalb stehe ich hier – das weiß ich, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin.
Ich möchte nicht mehr hören „aber sie ist doch immer noch deine Mutter!“, als würde das Wort „Mutter“ allein sich das Höchstmaß an Opfern verdienen, die man als Kind aufzubringen hat – egal unter welchen Umständen.
Ich möchte auch meine eigene Stimme zum Schweigen bringen, die unaufhörlich flüstert: Du bist doch alles, was sie hat.
Am meisten aber möchte ich ihre Stimme zum Schweigen bringen – vor allem nachts, wenn ich sie als letztes hören möchte. Ihre Stimme, die weint wie ein kleines Kind und mich verwechselt, weil der Alkohol und ihre Psychose ihren Geist zerfressen haben. Es ist ihre Stimme, die mich anfleht, sie niemals allein zu lassen, weil sie das nicht überleben würde.

Vor sieben Jahren, mit 18, habe ich sie allein gelassen – weil ich sonst nicht überlebt hätte.

In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Ich muss da jetzt rein, sage ich mir. Besser wird es ja nicht. Ich kann sie nicht im Stich lassen, nicht nochmal. – Du hast sie nicht im Stich gelassen, sondern umgekehrt! – korrigiere ich mich selbst, wie auswendig gelernt. In diesem Moment fühle ich es nicht – aber mein Verstand weiß es, und darauf kommt es an.

Ich wollte immer, dass es schnell geht, wenn es denn soweit ist. Vielleicht so schnell, dass ich einfach nur eine Nachricht bekommen würde. Ich wollte sie nicht mehr sehen müssen. Ich will nicht vor ihr stehen müssen, um zu sehen, was aus ihr geworden ist, weil ich entschieden hatte, die Co-Abhängigkeit zu beenden, meine traumatische Kindheit zu verlassen und mein eigenes Leben zu leben. Ich will nicht sehen, dass auch der siebte Versuch, sie in eine Klinik zu bringen, nicht funktioniert hatte. Dass sie es auch ein achtes Mal geschafft hatte, die Therapie abzubrechen. Dass sie in einem Obdachlosenheim gelandet war, in dem sie Alkohol trinken durfte – weil der Alkohol den Preis eines würdigen Lebens wohl wert war. Ich will nicht sehen, dass es keine Rolle spielte, wie es mir damit ging. Ich will nicht sehen, wo ein gescheitertes Leben enden konnte. Ich will nicht sehen, welche Gene ich in mir trug. Ich will nicht sehen, wie meine Mutter im Sterben liegt, weil sie am Ende des Tages noch immer meine Mutter ist und ich gleich zerbrechen werde, wenn ich diesen Raum betrete.

Ich weiß, sie wird schlimm aussehen. Leberzirrhosen im Endstadium sehen schlimm aus, sagte mir der Arzt vorhin auf dem Gang – um mich „vorzubereiten“. Als hätte ich nicht schon ganz andere Dinge gesehen. Ich weiß auch, dass die gelben Augen und die Haut nicht das Schlimmste sein werden – sie wurde nämlich nur eingewiesen, weil sie nach einem Unfall gefunden wurde. Ein Sturz angeblich. Sie fiel gegen die Tischkante.

„Auf dem einem Auge ist sie blind. Und es sieht… unschön aus“, sagte der Arzt zögernd, „auch die andere Seite ist… nicht viel besser.“

Wir wissen beide, dass er damit meint, dass sie auf der anderen Seite geschlagen wurde. Auch das ist mir nicht neu – aber der Mann, mit dem sie sich das Zimmer geteilt hat, konnte regelmäßig raus zum Einkaufen und ich schätze, beide teilten sich dafür den Alkohol. Auch ein Preis, der eben gezahlt wurde. Genau wie unser Hund, den sie damals mitgenommen hat und der tot aufgefunden wurde. Ich weiß, dass er Herzmedikamente gebraucht hätte, aber sie nie bekam. Mein Tierarzt sagte mir damals, der Krankheit zufolge war es ein Einschlaf-Tod, ohne Schmerz – ich habe bis heute keine Träne darüber vergossen. Es war das Einzige, das zu fühlen, das vorzustellen ich mir bis heute nie gestattet habe.

„Und sie ist nur manchmal ansprechbar, reden kann sie aber ohnehin nicht mehr richtig“, höre ich den Arzt in meinem Kopf.

Wenn sie wenigstens schon ohne Bewusstsein wäre, denke ich. Dann müsste ich zumindest nicht mit ihr sprechen. Dann müsste ich mich nicht zusammenreißen. Nicht so tun, als käme ich mit dieser Sache hier klar. Nicht so tun, als wäre ich stark.
Aber nein – nicht nur, dass der worst case eingetreten ist, sie ist auch noch bei Bewusstsein, sodass es tatsächlich eine Rolle spielt, wie gut ich mich nach außen beherrschen kann.

Das hier, genau diese Situation ist meine persönliche Hölle, weil sie mich mit allem konfrontieren wird, was ich die letzten Jahre versucht hatte, hinter mir zu lassen. Dieser Augenblick, genau dieser Griff auf die Türklinke ist seit sieben Jahren meine größte Angst.

In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Einige Wochen später sitze ich bei meinem Tätowierer und genieße den Schmerz, während er mir die Worte unter die Haut sticht. Ein bisschen wünsche ich mir, es würde noch Stunden dauern. Jeder Stich, jedes Summen der Maschine, jede Vibration, die meine Haut noch empfindlicher werden lässt, jede Sekunde Schmerz erinnert mich an den Phönix. An die Vorstellung davon, dass Schmerz immer auch Entwicklung bedeutet, dass der Phönix erst brennen muss, um neu zu entstehen und dass es die schwierigen Dinge sind, die einen weiterbringen. Ich beobachte, wie die Nadel in meine Haut sinkt und sich wieder hebt, höre das laute Vibrieren der Maschine und bemerke erst sehr spät, dass mir unaufhaltsam Tränen über die Wange laufen. Mein Tätowierer ist sehr still dieses Mal. Ich denke, er weiß, was das heute für ein Termin ist.

Ich weiß, wenn ich gleich fertig bin, werde ich in die Bahn steigen und in mein neues Zuhause fahren. In einer neuen Stadt. Als Single. Als Halbwaise. Als jemand, der stolz auf sich selbst ist, weil er die Gratwanderung geschafft hat zwischen sich und anderen. Zwischen Gefühl und Verstand.

Denn das war es eben: Meine größte Angst – die Angst vor dem Schuldgefühl, wenn ich sehen würde, was am Ende aus ihr geworden war – hatte mich zögern lassen. Ließ mich die Türklinke für fast eine Stunde festhalten, bis mein Kreislauf beinahe versagte. Aber am Ende war es das Betreten meiner persönlichen Hölle, das mich von der inneren Folter befreite.

Am Ende habe ich meine Mutter nicht nur einmal besucht, sondern sie noch für fast vier Wochen im Sterben begleitet. Habe täglich mit ihr gesprochen, obwohl sie nicht richtig antworten konnte. Habe sie angesehen, damit sie mein Lächeln sieht, obwohl sich ihr Anblick täglich mehr in meinen Geist einbrannte. Ich habe ihr verziehen, obwohl ich wusste, ich hätte es nicht tun müssen. Ich sagte ihr nur die guten Dinge, obwohl ein Teil von mir ihr auch gern etwas anderes gesagt hätte. Ich habe Frieden geschlossen, weil sie krank war und ihr Bestes gegeben hat – und weil manchmal im Leben das Beste einfach nicht genug ist, und das ist okay.

Am Ende entschied ich mich eben nicht für Groll und Verbitterung, sondern für Vergebung und Nachsicht.
Am Ende entschied ich mich nicht für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft.

Am Ende… entschied ich mich nicht für die Angst, sondern für den Mut.


In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Ja. Ich denke noch heute, dass gerade die großen Scheidepunkte im Leben von den richtigen Entscheidungen abhängen. Und ich glaube, dass „richtig“ und „falsch“ mit dem Inhalt dieser Entscheidungen nichts zu tun haben, dafür umso mehr mit der Begründung dahinter, mit der Motivation.

Ich möchte ein Mensch sein, der Entscheidungen nicht von Angst beeinflussen lässt, sondern von Mut.
Der sich nicht nach der Frage richtet, was schief gehen könnte, sondern nach der Frage, was passieren könnte, wenn es klappt.
Ich möchte Entscheidungen nicht von meinen Erinnerungen beeinflussen lassen, sondern von meinen Hoffnungen.
Ich möchte nicht in die Vergangenheit blicken, sondern in die Zukunft.

In einem Buch las ich einmal einen Satz, den ich nie mehr vergessen habe:

I am not what happened to me –
I am what I choose to become.


18

Meine Kindheit und meine Jugend waren anders als bei anderen, darüber habe ich schon einiges geschrieben und darum geht es heute eigentlich nicht. Ja, meine Mutter war schwer krank und auch wenn es Menschen wie meine Oma gab, die irgendwie… da waren – grundsätzlich wohnte ich mit ihr allein, verbrachte die Abende und Nächte mit ihr allein und niemand bekam mit, wie schlimm das Leben mit ihr wirklich war.

„Vergessene Kinder“ nennt man Kinder von psychisch kranken Eltern – es ist keine große Lobby. „Vergessen“, weil das Problem ist, dass man sich mehr um die Eltern kümmert, weil die Krankheit offensichtlich ist, aber häufig nicht gesehen wird, wie stark solche Kinder unter der Krankheit der Eltern leiden. Meist im Stillen, weil sie sich anpassen – oft aus reinem Überlebensinstinkt. Es sind keine lauten Kinder, keine auffälligen Kinder, keine Problemkinder, keine schwierigen Kinder. Vergessene Kinder sind meist leise, unauffällig, sensibel, empfindsam, empathisch, ohne eigene Grenzen. Deshalb werden sie vergessen – weil sie nicht auffallen. Weil das „nicht auffallen“, das Anpassen häufig überlebensnotwendig war. Erst viel später gleiten viele davon ab. Es gibt Studien, die hohe Zahlen belegen an Menschen, die ihren Eltern in die Suchtkrankheit folgen oder die andere Schwierigkeiten entwickeln.

Wenn ich eine Entscheidung meines Vergangenheits-Ichs auszeichnen dürfte, als die beste, die wichtigste – es wäre die Entscheidung, mit 20 die Trauma-Therapie anzufangen. Hätte ich der Angst davor nachgegeben, diesen Weg der Aufarbeitung zu gehen, ich wäre sicherlich heute nicht hier. Vielleicht nicht einmal mehr auf der Welt. Das ist der Grund, weshalb ich so häufig darüber schreibe, davon erzähle. Ich weiß, ich wiederhole mich. Ich weiß, viele von euch haben das schon in meinen alten Beiträgen gelesen, aber… wenn in der Zeit auch nur ein*e Leser*in hinzukam, der oder die meine Geschichte jetzt zum ersten Mal liest, dann hat es sich bereits gelohnt. Es ist mir mein wichtigstes Anliegen, einen Teil dazu beizutragen, die Gesellschaft, uns alle dazu zu bringen, offener über solche Themen zu sprechen. Ich bin diesen Weg damals allein gegangen – ich denke, vieles wäre deutlich leichter gewesen, hätte ich einen solchen Erfahrungsbericht gelesen.

Aber warum erzähle ich das?

Ich muss zurzeit häufig an zwei, vielleicht drei Zeitpunkte in meinem Leben denken.

Beim ersten war ich 18 Jahre alt. Meine Mutter war paranoid-schizophren und schwer alkoholkrank, mein Abi stand vor der Tür und ich war ein Wrack, von dem aber nach außen niemand etwas mitbekam, weil ich gelernt hatte, Masken zu tragen. Ich hatte keine funktionierende Verdauung, ich schlief keine Nacht durch, weil meine Mutter nachts Anfälle hatte und beruhigt werden musste, ich nahm permanent ab, hatte keinen regelmäßigen Zyklus und litt unter unterschiedlichen psychischen Schwierigkeiten. Aber ich lernte für mein Abitur und schaffte es irgendwie, meine Mutter, den Hund und den Haushalt zu organisieren. Irgendwann stellte ich sie vor die Wahl: Sie sollte in eine Klinik gehen oder ich würde ausziehen. Ich sagte das sehr selbstsicher, weil ich wusste, bei all ihrem Leiden: ich war das Wichtigste für sie. Wenn ich drohte, sie zu verlassen, würde sie gehen. Sie würde sich für mich entscheiden und gegen den Alkohol. Das hatte ich zumindest gehofft.

Sie tat es nicht. Sie ignorierte mich. Vielleicht verstand sie auch gar nicht wirklich, was ich gesagt hatte. Natürlich musste ich mein Wort jetzt halten, also packte ich meine Sachen – weiterhin in der Gewissheit, dass sie ganz am Ende einlenken würde, wenn sie sah, ich meinte es ernst.
Sie tat es nicht. Sie ließ mich gehen. Sie verschwand selbst ebenfalls, ließ sich von einem ebenfalls alkoholkranken Mann abholen, den sie im Internet kennengelernt und vorher nie getroffen hatte und war fort. Ich zog also nicht nur mit meinen Sachen aus, sondern putzte noch die Wohnung und übergab den Schlüssel meines Zuhauses unter Tränen an der Vermieter.

Und dann folgte sie: die schlimmste Nacht meines Lebens. Die Nacht, in der ich zusammenbrach, weil mein 18 Jahre lang gebautes Gerüst zusammenfiel und ich in tiefste Dunkelheit, in allumfassende Depression stürzte, die mich für die nächsten Jahre begleiten würde. Es war die erste von zwei Nächten, in der ich ernsthaft darüber nachdachte, mein Leben zu beenden. Mit meinen letzten Reserven begann ich die Therapie – und ein neues Leben.

Ich denke zurzeit viel an diese Monate. An diesen Cut. An diese Nacht. Es ist irgendwie bezeichnend, dass sich das Leben bisweilen nicht langsam verändert, sondern es manchmal Entscheidungen gibt, die zwar über Monate hinweg reifen, aber dann ein einzelner Punkt sind, ein konkretes Datum, das das Leben in ein Gestern und ein Heute aufteilt. In ein Davor und ein Danach.

Vor dieser Nacht war ich der eine Mensch – danach war ich plötzlich ein anderer, führte ein anderes Leben. Von heute auf morgen wohnte ich woanders, lebte anders, fühlte mich anders, umgab mich mit anderen Menschen. Alles, wirklich alles war anders. Die Veränderung war so allumfassend, dass ich mit einer heftigen, mehrere Jahre anhaltenden Anpassungsstörung reagierte, gemischt mit dem PTBS. Es war die Hölle für mich. Ich wünschte mich regelmäßig in mein altes Leben zurück, wohl wissend, dass ich eigentlich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Was ich sagen will:

Im Davor hätte ich nie, wirklich wirklich NIE für möglich gehalten, dass mein Leben sich so radikal verändern würde und dass ich das überleben könnte – mehr noch: dass es irgendwann gut werden würde, besser als davor.

Aber genau so war es. Es dauerte lang, aber… irgendwann stand ich auf. Irgendwann kam ich wieder zu Atem. Irgendwann… gewöhnte ich mich an meine neue Umgebung, auch wenn ich mehr Zeit brauchte für Veränderungen als andere es vielleicht tun. Und irgendwann, als ich wieder stabil stehen konnte und wieder Energie übrig hatte, mir meine neue Umgebung in Ruhe anzusehen, bemerkte ich es erst:

Dass die Luft klarer war, vom Sturm gereinigt. Und ich erkannte zum ersten Mal in meinem Leben, dass der Nebel, der Smog um mich her, in dem ich aufgewachsen und blind und hustend umhergestolpert war, gar nicht allumfassend ist. Der Rest der Welt lebte überhaupt nicht im Smog.

Eigentlich war die Welt ein heller Ort mit frischer Luft und einem Ausblick bis zum Horizont.

18 + 7

Die erste Hälfte meiner Zwanziger verbrachte ich in einer festen, monogamen Beziehung mit einem Musiker, der ebenfalls seine Issues hatte. Seine Mutter nahm mich damals wie eine Tochter auf, seine große Familie behandelte mich bei jedem Familienfest wie einen festen Teil davon und irgendwann mieteten wir uns eine Wohnung und zogen zusammen.

Ich dachte, ich hatte alles, was man braucht. Zugehörigkeit. Familie. Geborgenheit. Ein Zuhause. Jemanden, zu dem ich gehöre. All das hielt mich über Wasser, besänftigte die Dämonen meiner Vergangenheit und schien mir überlebenswichtig. Ich dachte übers Heiraten nach, weil das doch die Garantie wäre, dass ich dieses Gefühl nie verlieren würde (haha). Über die Anschaffung von gemeinsamen Möbeln, über gemeinsame Ausflüge. Durch die Angststörung und die Sozialphobie verbrachte ich nur die nötigste Zeit außer Haus und an der Uni. Ich schrieb gute Noten, aber hatte keine Sozialkontakte. Ich brauchte auch keine. Ich hatte ihn. Ich hatte unsere Wohnung. Ich hatte eine Zukunft mit ihm, ein Zuhause. Ich hatte… Ruhe. Ich konnte heilen.

Okay, natürlich kam es mir merkwürdig vor, dass ich mehr sein Leben lebte als mein eigenes. Aber… ich hatte eben einfach kein eigenes Leben. Ich hatte keine Jugend, in der ich in der Pubertät herausfinden konnte, was denn meine Leidenschaft war, welche Musik ich gern hörte, was meine Träume waren. Keine Ahnung. Ich hatte das Schreiben – damit füllte ich die Zeit, in der ich allein war. Ansonsten studierte ich und hatte immer mindestens drei Nebenjobs, weil ich häufig Miete für uns beide zahlte, wenn es bei ihm nicht so gut lief. Seine Musik war sein Leben und ich verbrachte meine Wochenenden mit der Band auf Tour, arbeitete nebenbei dort an der Kasse, und lebte sein Leben mit.
Natürlich war mir auch bewusst, dass ich häufig eifersüchtig war – aber ich ertrug den Gedanken nicht, ihn zu verlieren. Und ja, ich hatte Panikattacken, wenn er die Nacht im Tonstudio verbrachte und ich allein schlafen musste – aber ich brauchte einfach eine andere Person in meinem Bett und meine Verlassensängste waren heftig. Ja, ich hatte keine eigenen Freunde oder Hobbys – aber dafür hatte ich ja seine. Und dass wir in den letzten beiden Jahren unserer Beziehung den Sex an einer Hand abzählen konnten, belastete mich zwar, weil ich immer schon ein sexueller Mensch war – aber auf Sex konnte ich verzichten, auf die Geborgenheit und die Verbundenheit nicht. Ich war Beifahrer – aber immerhin war die Fahrt angenehm. Das war vielleicht nicht ideal, aber besser als alles, was ich bisher je hatte.

Die letzten zwei Jahre unserer Beziehung kämpfte ich.
Täglich. Ich kämpfte mit meinem Verstand, der all diese Dinge sah und der irgendwie wusste, dass das nicht gesund sein konnte. Aber… im Vergleich zu meinem früheren Leben war das so viel besser! Niemals hätte ich erwartet, dass ich einmal so leben würde. Eine Beziehung führen, eine Wohnung haben, zu jemandem gehören, dann die Wochenenden mit der Band und meine Studium mit der Aussicht auf einen Job, falls ich die Sozialphobie doch irgendwann in den Griff bekommen würde. Das alles war schon so viel mehr als ich mir je erhofft hatte – also warum sollte ich etwas ändern wollen? Und überhaupt wusste ich doch noch, was das letzte Mal geschehen war, als ich mein Leben wirklich verändert hatte: Nie wieder wollte ich in eine solche Dunkelheit fallen.

Andererseits hatte die Dunkelheit, hatte der Sturm damals die Luft gereinigt und mein Leben unter’m Strich besser gemacht…

Der Kampf hielt jedenfalls an und er zehrte an mir. Die Beziehung wurde schwieriger, war irgendwann mehr WG als alles andere. Die Kommunikation stockte, mit ihr der letzte Sex. Es ging uns beiden nicht gut. Ja, ich hatte jemanden im Leben, ich war nicht allein. Aber war das mein Anspruch? Ja, ich hatte eine Wohnung – aber im Nebenort meiner Heimatstadt, die die Luft hier verpestete, zumindest für mich. Ja, ich studierte – aber ich hatte nicht viel davon und wenn ich so weitermachen würde, würde ich es auch nicht schaffen, mir anschließend einen Job außerhalb dieser Gegend zu suchen. Ich würde an eine der Schulen in meiner Heimat gehen und würde mein Leben hier verbringen. Die einzige Freiheit, die ich hatte, spürte ich, wenn ich schrieb. Ich beendete meinen ersten Roman, der in Schottland spielte, ohne je dort gewesen zu sein. Ich dachte, meine Fantasie genügt mir. Ich muss die Welt da draußen nicht sehen – ich kann ja über sie schreiben und das kam dem doch schon sehr nah, oder?

Zwei Jahre beschäftigten mich diese Fragen, bis ich schließlich, in dieser einen Nacht, zu der einen Frage gelangte, die mich bis heute begleitet:

Möchtest du wissen, was hinter der Tür ist – und wenn ja, was hindert dich daran, sie zu öffnen?

Zwei Jahre kostete mich das, was mir in dieser Zeit am schwersten fiel: Ehrlichkeit zu mir selbst. Denn wenn ich wirklich, wirklich ehrlich war, wenn ich nachts mit dem Hund spazieren ging, weil ich die Enge, die Wohnung, die Beziehung nicht mehr aushielt, dann gab es auf diese Frage nur eine Antwort:

Angst.

Es war die tief sitzende Angst davor, das zu verlieren, was ich hatte. Denn das, was ich hatte, war so, wirklich SO viel besser als alles, was ich mir vor Jahren noch erträumt hätte. Ich fühlte mich… undankbar. Dem Leben gegenüber. Mir selbst gegenüber, weil ich doch so hart gearbeitet hatte, so viel Dunkelheit hinter mir hatte, um hier herzukommen. Ihm gegenüber, weil er ein so guter Mensch war.
Ich hatte Angst, ihn zu verlieren. Aber noch mehr hatte ich Angst, meinen Halt zu verlieren. Das zu verlieren, was mich aufgefangen hatte, als ich glaubte, ich würde nie aufhören zu fallen.

Ich hatte Angst vor der Dunkelheit. Angst vor einem neuen Fall, einer neuen Depression. Angst vor einem weiteren Sturm, wo mich doch der letzte mehrere Jahre gekostet hatte. Ich hatte Angst davor, eine solche Phase kein zweites Mal zu überleben.

Und dann wurde mir eine Sache sehr deutlich klar:

Damals, als ich noch mit meiner Mutter zusammengelebt hatte, spürte ich nicht, wie schlecht es mir ging. Ich wusste nicht, wie anders es sein kann. Ich hatte keinen Vergleich. Erst als ich den Absprung gewagt hatte, erkannte ich, dass das Leben sich ganz anders anfühlen kann. Woher soll ich also wissen, dass mir das kein zweites Mal passieren könnte? Dass das alles ist, was ich vom Leben erwarten kann? Statt das Leben meiner Mutter zu leben, lebte ich jetzt das Leben meines Freundes. Weil ich es gewohnt war. Weil ich überhaupt nicht wusste, wer ich war, wenn ich ein eigenes Leben führte – als eigener Mensch. Und war ich es mir selbst nicht schuldig, zumindest zu versuchen, das herauszufinden?

Möchtest du wissen, was hinter der Tür ist – und wenn ja, was hindert dich daran, sie zu öffnen?

Es gab sonst keinen Grund. Es gab Hürden, es gab Abwägungen, aber… der Grund, der mich wirklich hinderte, war allein die Angst. Und hatte ich in den letzten Jahren nicht gelernt, wie man mit Ängsten umgeht?

Vom Begreifen der Notwendigkeit der Entscheidung und der Umsetzung vergingen etwa drei Monate. Es war eine heftige Zeit, aber mein Verstand wusste, es war der richtige Weg. Drei Monate später war ich Single, hatte die Wohnung gekündigt, war auf der Couch bei Freunden unterkommen, um ein paar Wochen zu überbrücken und war schließlich umgezogen.

Und ja, der Sturm kam. Ich fiel in Dunkelheit, genau wie ich erwartet hatte. Nur mit dem Unterschied, dass ich diesmal bereits wusste, was es war. Ich war darauf eingestellt gewesen, es traf mich nicht so hart. Die erste Nacht in der neuen Wohnung war die Hölle, aber… sie war nicht so schlimm wie die erste Nacht nach dem Schritt vor sieben Jahren. Und was mich am meisten überraschte: Es dauerte auch nicht so lang wie beim ersten Mal.

Wer weiß, dachte ich, vielleicht kann man die eigene Standfestigkeit ja trainieren, sodass die Stürme einen mit der Zeit nicht mehr so hart treffen.

25 + 7

Ich war Mitte zwanzig, hatte mein Leben auf Reset gesetzt und von vorn begonnen. Meine Mutter lebte nicht mehr, meine Beziehung war Vergangenheit, unsere Wohnung hatte ich eingetauscht durch eine neue, eigene, die ein gutes Stück Entfernung zwischen mich und meine Heimatstadt gelegt hatte und mich endlich durchatmen ließ. Ich hatte getrauert – um so vieles. Und ich hatte die Trauma-Therapie abgeschlossen.
Das Single-Leben war ungewohnt – nicht etwa wegen des fehlenden Sex (um ehrlich zu sein hatte ich mehr als vorher), aber mir fehlte das Gefühl, einen Fixstern zu haben. Je länger ich allein war, desto mehr fiel mir diese Schwierigkeit auf und desto mehr wurde mir bewusst, wie ungesund das eigentlich war. Ich war mein Leben lang gewohnt, einen anderen in meinen Mittelpunkt zu rücken – jetzt wollte ich lernen, mein eigener Fixstern zu sein. Nach einem weiteren Jahr, in dem ich die Trauer um meine Mutter verarbeitete, aber auch das Schuldgefühl hinter mir ließ, das ich hatte, weil ein Teil von mir auch Erleichterung spürte, begann ich von vorn. Ganz von vorn. Bei mir. Dabei, mich kennenzulernen. Herauszufinden, wer ich war, wenn ich mich nicht nach einem anderen Menschen richtete.

Ich hörte alle Musikrichtungen einmal durch – bisher hatte ich die Musik meiner Mutter oder seine gehört. Was gefiel mir eigentlich selbst? Ich wechselte meinen Kleidungsstil mehrmals – bisher hatte ich mich entweder anständig angezogen (wie eine gute Tochter das eben macht) oder, während der Beziehung, so, dass es ihm gefiel. Ich las neue Bücher, strich verschiedene Wände in unterschiedlichen Farben, schaute Filme, auf die ich bisher nie gekommen wäre, ich kochte neue Gerichte – alles, um herauszufinden, was mir denn eigentlich gefällt, wenn ich meinen Geschmack an niemanden anpasste. Und ich verbrachte sehr bewusst Abende allein – nein, nicht allein: Mit mir.

Und ich begann, mir selbst gute Gesellschaft zu werden.

Eines der besten Dinge in diesen Jahren war allerdings etwas anderes, völlig Unerwartetes: Mein Bett.
Ich hatte auf ein Bett gespart, 1,40m breit und nicht teuer, aber neu – also nicht vorbelastet. Die ersten Nächte waren schwierig. Das Alleinschlafen war erst merkwürdig, aber machbar. Nach dem Tod meiner Mutter ließen schlagartig die Alpträume von ihr nach – als hätte mich endlich etwas losgelassen. Oder umgekehrt, wer weiß. Jedenfalls lernte ich nicht nur zum ersten Mal in meinem Leben, allein zu schlafen – ich… liebte es. Und auch das ist noch kein Ausdruck. Nachdem mein Leben lang die Nacht für mich von Angst und Enge und schrecklichen Erlebnissen geprägt war und ich immer gedacht hatte, ich brauche einen Menschen neben mir, fand ich nun heraus, dass es das größtmögliche Gefühl von Freiheit für mich war, allein zu schlafen. Mein Bett allein für mich zu haben. Abends tun zu dürfen, was ich will. Das war unbeschreiblich und ich liege bis heute jede Nacht, wirklich jede Nacht in meinem Bett, decke mich zu, exakt mittig liegend, den gesamten Platz einnehmend und atme einmal tief durch – weil ich ganz bewusst die Erkenntnis genieße, dass ich etwas, das mir jahrelang Angst gemacht hatte, nicht nur ertrage, sondern lieben gelernt habe.

Mein Leben änderte sich stetig weiter, aber die Basis war geschaffen. Ich lernte mich kennen, ich entwickelte mich, ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, ein eigener Mensch zu sein. Unabhängig zu sein Ein Individuum zu sein. Meine einzige Verantwortung war ich selbst und das gab mir eine Freiheit, die mir die Welt zu Füßen legte. Ich ging Salsa tanzen, genoss die Festanstellung und die Sicherheit, die finanzielle Freiheit, die nicht groß war, aber ich konnte ohne Sorgen meine Miete zahlen, was für meine Verhältnisse bereits das Leben eines Paschas war.

Und dann kam der Sex.

Fuck, wenn ich mir überlege, wie Sex mein Leben veränderte… Ich probierte mich aus, ich holte nach, ich tat Dinge, von denen ich wusste, ich hätte sie früher nie getan. Dinge, die mein Exfreund verurteilt hätte. Ich ging auf Dates, ich ließ mich küssen, aber ich nahm die Zügel in die Hand und entschied selbst, wann ich jemanden wiedersehen wollen würde. Ich traf meine eigenen Entscheidungen. Ich machte das, was mir gut tat. Ich beging Fehler, machte schlechte und gute Erfahrungen und zelebrierte alles davon, auch das, was sich nicht gut anfühlte. Weil es meine eigenen freien Entscheidungen waren. Meine eigenen Fehler. Meine eigenen Erfahrungen.

Der Sex wurde schließlich zu BDSM und mit der Szene eröffnete sich wieder eine neue Welt. Eine neue Community mit Schattenseiten und sehr viel Licht. Es war eine Welt voll Freiheit, voll von Möglichkeiten. Ich erfand mich neu, ich kostete das Leben in vollen Zügen aus und stolperte in den Kaninchenbau, als hätte der weiße Hase seit Jahren nur auf mich gewartet. Die folgenden Jahre waren intensiv, neu, heftig und wunderbar. Ich lebte den puren Hedonismus, aber in einem vernünftigen Rahmen – quasi damals schon „vernünftig unvernünftig“. Ich zelebrierte die Tatsache, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben zu lernen schien, wie gut es sich anfühlen konnte, zuerst nach sich selbst zu schauen. Erst dafür zu sorgen, dass es einem selbst gut ging. Nie zuvor fühlte ich mich so gut, so stabil und viel wichtiger: Nie zuvor hatte ich so viel Energie – gute Energie – übrig und so sehr das Bedürfnis, anderen zu helfen und die Welt besser zu machen (Egoismus – gesunden Egoismus – halte ich nach wie vor für eine auf Dauer ausgesprochen solidarische und soziale Sache, aber das ist ein anderes Thema).

Und als ich dachte, es könne nicht mehr besser werden, begann ich zu bloggen. Ich startete einen privaten, kleinen BDSM-Blog und schrieb über meine Erfahrungen. Es tat gut, beides zu verbinden: Das, was mich zurzeit beschäftigte und das Schreiben. Es war perfekt, ich saß in jeder freien Minute am Schreibtisch. Geplant war die Sache als privater, persönlicher BDSM-Blog – einfach so. Für mich. Von mir aus auch für ein paar andere. Nach einigen Monaten hatte ich Follower im vierstelligen Bereich und wusste nicht, wo mir der Kopf stand.

Und dann ging alles Schlag auf Schlag: Die ersten Ideen entstanden, ich meldete mich nebenberuflich selbstständig, machte mir einen Patreon-Account und… verdiente Geld. Fuck, ich verdiente Geld. Mit dem Schreiben. Über das, was mich tatsächlich bewegt! Das war der Traum, oder? Doch dann wurde der Betrag von einem kleinen Taschengeld zu einem Betrag, von dem ich realistisch… theoretisch – wenn auch knapp – leben könnte. Theoretisch. Aber dazu müsste ich meinen Job kündigen. Meine Sicherheit aufgeben. Für eine Schnapsidee. Wer lebt schon vom Bloggen? Ich gehöre nicht zu den unter 1% Menschen, die das schafften, no way. Ich war nichts Besonderes, im Gegenteil. Aber andererseits… wie oft in meinem Leben hatte ich jetzt schon geglaubt, alles erreicht zu haben, was ich erreichen kann? Und wie oft hatte sich herausgestellt, dass da draußen noch mehr war? Dass es noch andere Möglichkeiten, andere Wege gab? Wege, die mich an Orte führten, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte.

Und dann gab es dieses eine Bild, diese Vorstellung, die mich nicht mehr losließ, mich verfolgte, mich trieb:

Ich sah mich selbst in 30 Jahren, von meinem Leben erzählend. Und ich hörte mich sagen:

„Naja, in diesem einen Jahr hätte ich mal die Möglichkeit gehabt, mich selbstständig zu machen und es auszuprobieren – meinen Traum zu verwirklichen und vom Schreiben zu leben.“

„Und?“, fragt dann mein Gegenüber.

„Ich hab’s nicht getan“, höre ich mich dann sagen.

„Warum nicht?“

Und dann werde ich ehrlich sein und sagen müssen:

„Ich hatte Angst.“

Jedes Mal, wenn ich dieses Bild vor meinem inneren Auge sah, betrachtete ich mein Tattoo. Mein Tattoo, das ich mir hatte stechen lassen, nachdem ich ganz bewusst durch meine persönliche Hölle gegangen war. Nach dem ich das getan hatte, von dem ich glaubte, es würde mich zerstören und das sich herausgestellt hatte als das, was mich befreite.

In deiner größten Angst liegt dein größtes Wachstum.

Im September reichte ich meine Kündigung ein, nachdem ich meine Finanzen und mein Erspartes so durchgerechnet hatte, dass ich es für einigermaßen realistisch hielt, dass ich zumindest ein halbes Jahr überleben würde. Ich wusste, das wird heftig. Ich wusste, das bedeutet Arbeit. Aber ich wusste, ich würde mich später hassen, wenn ich es nicht ausprobierte, jetzt, da ich die Chance hatte.

Kurz vor Weihnachten hatte ich meinen letzten Arbeitstag, an dem ich kurz davor war, zu meinem Chef zu gehen und ihn auf Knien anzuflehen, nach Weihnachten zurückkommen zu dürfen. Die Panik war heftig. Die Angst saß tief. Ich hatte kein Sicherheitsnetz, keinen doppelten Boden. Ich war doch psychisch nicht so stabil wie andere Menschen, ich hatte noch immer Schwierigkeiten, ich war immer schon ein Mensch, der mit Ängsten kämpft – ich gehörte doch nicht den Mutigen, sondern das Gegenteil war der Fall, was zur Hölle machte ich da?

Die Wochen vor und nach der Kündigung zehrten an mir, das Schwanken zwischen Euphorie und Panik erschöpfte mich. Aber dann begann das neue Jahr und auf mich wartete keine Job mehr. Und ich stemmte Tag für Tag, lernte im Jetzt zu leben, weil der Gedanke an das, was vielleicht in einem Jahr sein wird, mich zu sehr belastete. Ich lernte, einen Schalter umzulegen wie nie zuvor. Lebte von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Finanziell von Monat zu Monat. Es war nicht leicht. Es machte nicht immer Spaß. Es war nicht perfekt und es machte mir häufig Angst. Aber es war mein Traum… und ich liebte es.

Aber… wisst ihr, was eigentlich das Beste war?

Wenn mich später jemand fragen würde, dann würde ich sagen können:

„Naja, in diesem einen Jahr hatte ich die Möglichkeit, mich selbstständig zu machen und es auszuprobieren – meinen Traum zu verwirklichen und vom Schreiben zu leben.“

„Und?“, fragt dann mein Gegenüber.

„Ich hab’s getan“, höre ich mich dann sagen.

„Und was ist daraus geworden?“, höre ich die Nachfrage.

Und dann fühle ich eine seltsame Zufriedenheit, obwohl ich heute noch nicht weiß, was ich dann antworten werde, weil diese imaginäre Konversation weit in der Zukunft liegt. Aber irgendwie mag ich die Vorstellung von mir, wie ich dann so etwas sage wie:

„Weißt du… manchmal geht’s gar nicht darum, was daraus geworden ist. Manchmal ist die Handlung viel wichtiger als das Ergebnis.“

12 Kommentare zu „Alle sieben Jahre, Teil 1/3

Gib deinen ab

  1. Wow…
    Also ich lag eigentlich schon im Bett und wollte schlafen, da habe ich deinen Tweet noch gesehen. Vermutlich wäre es besser gewesen, diesen Beitrag erst morgen und in Ruhe zu lesen, denn wow… ich weiß gar nicht, wohin mit all meinen Gedanken.

    Zuerst einmal vielen Dank, dass du diesen Text so offen und ehrlich geschrieben hast. Ich kann mir vorstellen, was das für eine Überwindung war, aber bitte glaube mir: da gibt’s genug Menschen da draußen, die genau diese Worte gerade brauchen. Die durch deine wirklich empathischen und feinfühligen Worte aufgefangen und gestützt werden. Es tut mir aufrichtig leid, dass du niemanden hattest, als du jemanden gebraucht hättest. Dafür hoffe ich, dass du jetzt all das Glück und die Lebensfreude bekommst, die du dir so hart erarbeitet hast.

    Ich folge dir schon etwas länger auf Twitter, und zuerst auch nur, weil es um Sex ging – weniger um BDSM. Mittlerweile bist du mir aber als Person viel näher, als das vermutlich so übers Internet möglich wäre. (Oh Gott, ich hoffe, das klingt nicht creepy!) So oft erkenne ich mich selbst wieder und so oft hoffe ich, eines Tages genau so stark sein zu können.
    Ich hab eine echt ähnliche Geschichte hinter mir und bin gerade da, wo du Mitte 20 warst.
    Die Angst beherrscht nicht nur meine Gedanken, sondern mein Leben. Selbst der radikale Neuanfang (ich bin einfach prompt in ein anderes Land gezogen, lol) ist zwar eine Erleichterung, doch wirklich frei bin ich noch lange nicht. Ich suche noch nach meinem Weg und hoffe, nein, Kämpfe inständig dafür, eines Tages ungefähr da zu stehen, wo du jetzt bist.

    Allein die Tatsache zu wissen, dass es sich lohnt. Dass man die Angst bekämpfen, und die Freiheit zurückbekommen kann, gibt mir Hoffnung, die ich so noch nicht oft erlebt habe. Also vielen Dank nochmals, wirklich, danke!

    Gefällt 3 Personen

    1. Wenn Menschen mir sagen „ich hoffe, irgendwann da zu sein, wo du jetzt bist“, dann frage ich mich immer, ob ich fälschlicherweise den Eindruck vermittle, ich sei an irgendeinem… Ziel angelangt. Denn das bin ich nicht. Und ich glaube ehrlicherweise auch nicht, dass es das gibt. Dass es irgendwann völlig vorbei ist. Ich glaube, dass manche von uns immer mehr Schwierigkeiten haben werden als andere. Und ich glaube, dass es nur darum geht, wie man mit ihnen umgeht und das ist was, das man lernen kann.

      UND ich glaube, mit der Einstellung, die ich aus deinen Zeilen lese, bist du viel näher bei mir als du denkst…. 😉

      Schön, dich hier zu haben ❤

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      1. Hm, also ich würde nicht sagen, dass du diesen Eindruck erweckst. Also zumindest hab ich es nicht so aufgefasst, aber vielleicht gibt es Menschen, die so ein festes Ziel im Leben brauchen?
        Auf jeden Fall wollte ich mit meinem vorigen Kommentar nur sagen, dass ich kaum jemanden kenne, der diese Angst kennt, aber trotzdem da durch gegangen ist. Ich hatte oft den Eindruck, dass mich niemand versteht und ich einfach nur zu unfähig bin und quasi immer am selben Fleck laufe. Diese Gedanken habe ich mittlerweile nicht mehr und Menschen wie du, die Ähnliches erlebt haben und trotzdem nicht aufgegeben haben, geben mir dann diesen Anschubser, der mir gefehlt hat. Aber klar, natürlich hört es dann nicht einfach auf, für den Rest bin ich schon selbst verantwortlich.

        Und vielen, vielen Dank für deine netten Worte! 🙂

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  2. WOW, immer wieder ein Freude Dich zu lesen.
    Eine wirklich besondere Gabe!

    Manchmal entsteht das Gefühl Du kannst über alles schreiben. Egal was es ist es fesselt mich und meine Gedanken.

    Mehr noch nicht zu diesem Zeitpunkt. Einige Gefühle kenne ich und hoffe Sie bald auch lösen zu können.

    Alles Gute Dir!

    Gefällt 2 Personen

  3. Ja WOW, immer wieder ein Freude Dich zu lesen.
    Eine wirklich besondere Gabe!

    Manchmal entsteht das Gefühl Du kannst über alles schreiben. Egal was es ist es fesselt mich und meine Gedanken. Dein Sichtweisen und Dein Weg.

    Mehr noch nicht zu diesem Zeitpunkt. Einige Gefühle kenne ich und hoffe Sie bald auch lösen zu können.

    Alles Gute Dir!

    Gefällt 2 Personen

  4. Danke und Respekt für diese offene authentische Schilderung!
    So viel Kraft trotz allem Schweren und nahezu Zerreißendem ist wirklich zu bewundern
    Dass du dich für Mut in all der Angst und den anderen schmerzhaften Gefühlen entschieden hast,
    dass du dich nicht für Groll und Verbitterung, sondern für Vergebung und Nachsicht in der Beziehung mit deiner Mutter am Ende entscheiden konntest, dass du deinem Traum und deiner Vision, mit dem Bloggen deinen Unterhalt zu verdienen gefolgt bist! Wow! Ich ziehe meinen (unsichtbaren) Hut.
    Weiterhin in allem viel Kraft und Gelingen – und dass Mut, Vertrauen und Liebe (in erster Linie zu dir selbst ) immer wieder deine Türöffner sind, wünscht dir mit besten Grüßen
    Miriam

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  5. Liebe Ophelia

    Ich habe schon eine weile heimlich in deinem Blog gelesen und mich nie so richtig getraut dir hier zu schreiben.
    Aber nun muß ich es einfach tun, den wir teilen fast das gleiche Schicksal unserer Kindheit. Nur das es bei mir so ist das noch 5 Geschwister da sind. Aber nur nicht in meiner schwersten Zeit für mich da waren.Da ging es mir wie dir, ich hätte mir gern jemanden gewünscht der mir beisteht und wäres es nur zum zuhören gewesen. Aber da war keiner. Ich bin mit 13 von zu Hause wegelaufen und bin dann schließlich im Jugendwerkhof gelandet. Habe mich danach in Beziehungen gestürtzt mit Männern die auch Alkoholiker waren habe in diesen zwei Beziehungen 3 Kinder bekommen.Bis mir mein Therapeut sage das ich ein Helfersyndrom habe. Ich suche mir immer Männer die Alkohol abhängig sind um sie davon abzubringen weil ich es als Kind bei meiner mutter nicht geschafft hatte. Seit dem ist damit schluß.

    Ich danke dir für deine geschrieben Worte und bewundere dich das du so weit gekomen bist. Hut ab.

    Liebe Grüße Madlen.

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    1. Liebe, liebe Madlen – ich danke dir so sehr für deine Offenheit. Für das Gefühl, dass manche Menschen da draußen schon länger hier sind und still mitlesen und meine Worte sogar noch mehr Anklang finden, als ich bisher immer dachte.
      Du hast einen heftigen Weg hinter hier, vor dem ich den Hut ziehe – ich weiß aus Erfahrung, dass er sich lohnt und so wie du schreibst, gehst du in die richtige Richtung. Ich wünsche dir alles, alles Gutes – schön, dich hier zu haben…. ❤

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  6. Liebe Ophelia

    Recht vielen Dank für deine Antwort so bedeuten mir viel. Ja ich bin ein sehr offener Mensch was ich aber nicht immer war. Danke für deine Glückwünsche und ich werde dir weiter treu bleiben was mir sehr wichtig ist.

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