#FragFrauO: Geht es dir ums Geld?

Anlass dieser Nachricht war ein zweigeteilter Blogbeitrag über eine intime Schilderung einer sexuellen Erfahrung mit Zwillingen. Teil 1 wurde öffentlich gepostet, Teil 2 exklusiv für Patrons. Eine Stunde später erhielt ich folgende Nachricht (inklusive Stichwort mit dem Recht zur anonymisierten, aber öffentlichen Beantwortung).


Hallo liebe Ophelia,
darf ich mal fragen, was du damit bezweckst, den ersten Teil frei herauszugeben und den zweiten dann nur über Patreon. Geht es dir um Geld zu machen oder was ist da der Hintergrund?
Ich lese deine Bericht wirklich gerne, sie sind schön geschrieben, offen, man denkt ehrlich und aus dem Leben. Du läßt Menschen an deinem Leben teilhaben, weil es dir gefällt, oder?
Im ersten Teil schreibst du so, das du die meisten deiner Leser (evtl. nicht die Leserinnen) hei machst und dann mit Patreon raus hältst.
Mach doch dann gleich nur einen kostenpflcihtigen Blog draus und nicht so halb/halb.
Oder ist das eben das kaufmännische daran… wie anfixen??
Es gibt einige Podcasts, die nehmen Spenden, dazu wäre ich auch z.B. bei dir gerne bereit, aber so siehst das ein bißchen nach Geldverdienen aus…
Irre ich mich und bekomme ich eine Antwort, oder ist dir das einer Antwort nicht wert.

Viele Grüße
P.


Lieber P.

das wird dich jetzt vielleicht irgendwie überraschen, aber ja – Menschen, die in einem Beruf eine Leistung erbringen, denen geht es manchmal auch um’s Geld. Ich lebe seit 2 Jahren hauptberuflich vom Schreiben. Das bedeutet, ich verdiene mein Geld über den Blog, meine Bücher und meine Runden.

Meine Haupt-Einnahmequelle ist Patreon, eine amerikanische Plattform, die es Künstlern erlaubt, finanzielle Unterstützung von „Patrons“ zu erhalten. Als Dankeschön für diese Unterstützung erhalten sie exklusiven Content. Patreon reicht bei mir, um meine Fixkosten zu decken – darauf bin ich angewiesen.

Über die Tantieme meiner Bücher kommt ein monatliches Taschengeld rein, das mir hilft, aber nicht allzu viel herausreißt. Meine Runden haben hier ebenfalls einiges ausgemacht, aber seit Corona kann ich die nicht mehr anbieten. Das ist ein ziemliches Loch, das mir als Selbstständiger eine noch größere Unsicherheit verschafft als ohnehin schon.

Hinzu kamen Corona-bedingte Ausfälle auf Patreon – Menschen, die ihr Abo kündigen und mir schreiben, dass sie durch Corona doch mehr sparen müssen, es ihnen leid tut und sie wiederkommen, sobald es geht. Etwas, das ich verstehe, mir aber Schwierigkeiten macht.

Ich bin nicht arm, ich beschwere mich nicht – anderen geht es dieses Jahr schlechter als mir. Aber was ich ehrlich gesagt nicht leiden kann, ist der moralische Zeigefinger in der Aussage, es ginge mir ums Geld.

Denn… natürlich geht es mir um’s Geld – meine Miete zahlt sich nicht mit positivem Feedback und Erektionen von Männern, die Spaß an meinem Kopfkino-Beitrag haben. Auch wenn mir das das Leben deutlich leichter machen würde.

Du schreibst „Du läßt Menschen an deinem Leben teilhaben, weil es dir gefällt, oder?“ – meine Antwort: Ich lasse Menschen an meinem Leben teilhaben, weil ich wieder und wieder die Rückmeldung bekomme, dass es hilft. Dass es zum Nachdenken anregt. Weil ich mir früher gewünscht hätte, dass mehr Menschen offen über ihre Sexualität sprechen. Über ihre Angststörungen, über Sozialphobien und den Weg da raus. Über Unsicherheit mit dem eigenen Weg, Schwierigkeiten mit eigenen Neigungen.
Seit dem ersten Tag hier führe ich den Blog nach dem Grundprinzip: Aufklärung sollte für alle zugänglich sein. Alle Beiträge, von denen ich glaube, sie helfen anderen, sind kostenfrei zugänglich. Sogar mein Podcast ist prinzipiell offen für jeden, der sich auf dem Server anmeldet. Gratis und frei für alle. Wer mich dann als Wertschätzung meiner Arbeit unterstützen möchte, kann das tun – ich bin jedem Einzelnen dankbar, weil es mir hilft, davon zu leben. Aber gerade die Menschen, die jünger sind, sich also in Ausbildung befinden und weniger Geld haben, haben aufklärende Beiträge nötiger als andere. Für die schreibe ich. Wer etwas zurückgeben kann, gern. Wer nicht, ist hier trotzdem willkommen. Ich habe immer schon den Großteil meiner Arbeit öffentlich für alle gemacht und eher Patreon als Plattform angeboten, sich erkenntlich zu zeigen, statt konkret Leistungen zum Kauf zur Verfügung zu stellen. Das ist ein anderes Grundprinzip, mit dem ich bisher tolle Erfahrungen gemacht habe.

Aber Beiträge, die lediglich geteilte, persönliche, intime Erfahrungen sind, Erzählungen über mein Sexleben, Kopfkino-Kurzgeschichten, usw… haben in meinen Augen eben diesen helfenden, aufklärenden Mehrwert kaum bis gar nicht. Sie sind unterhaltend. Oder erregend. Oder einfach nur nett. Mehr nicht.
Und genau diese Beiträge behalte ich mir vor, auf Patreon zu veröffentlichen, um wiederum jenen Menschen Wertschätzung entgegen zu bringen, die mich wiederum als Dankeschön unterstützen. Das ist ein Geben und Nehmen, ohne konkretes Kaufen-Verkaufen.

Du schreibst: „Im ersten Teil schreibst du so, das du die meisten deiner Leser (evtl. nicht die Leserinnen) hei machst und dann mit Patreon raus hältst.“ – Lieber P., du erkennst es ja schon selbst: Höchstwahrscheinlich sind es überwiegend männliche Leser, die sich vom Anfang des Beitrags „hei machen“ lassen, wie du es so eloquent beschreibst, und sich dann ärgern, weil eine ihnen fremde Frau im Internet es geschafft hat, sie „anzufixen“, aber ihre persönlichsten sexuellen Erfahrungen nicht bis zum Ende mit ihnen teilt, sondern man dann auch noch etwas dafür tun soll.

Ich verrate dir mein Geheimnis: Natürlich ist es ein „kaufmännischer“ Aspekt, wie du schreibst. Natürlich ist es mir recht, wenn Menschen im ersten Teil lesen, was sie im zweiten erwartet. Wenn Menschen eine Leseprobe bekommen, dann entscheiden können, dass ihnen die Qualität meiner exklusiven Beiträge es wert ist, mich zu unterstützen und sich dann bei Patreon eintragen. Klar ist das für mich super – ich zahle meine Miete davon. Daran ist nichts Verwerfliches.

Aber der eigentliche, bewusste Gedanke dahinter ist vielmehr folgender:

Es sind exakt Männer wie du, die ich aussortieren möchte.
Männer, die an einen persönlichen, intimen Text einer fremden Frau im Internet mit der Erwartungshaltung herangehen, ihn selbstverständlich bis ins letzte Detail zu Ende lesen zu dürfen – kostenlos.
Männer, die sich dann ärgern, weil sie merken, sie sind geil geworden und wollen die Auflösung lesen, aber dann die Diskrepanz fühlen zwischen dieser eigenen Erwartungshaltung, dass Frauen ihrer Sexualität zur Verfügung zu stehen haben, und der Realität, in der eine solche Frau im Gegenzug etwas dafür verlangt.
Männer, die dann, im letzten Schritt, ihren Frust darüber an eben dieser Frau auslassen, indem sie ihr eine Nachricht schreiben und den moralischen Zeigefinger erheben und ihr das Gefühl geben, sie sei eben eine weitere dieser Frauen, die Männer „geil machen“, um dann „an ihr Geld zu kommen“.

Wenn du geil wirst, P., wenn du meine Texte liest, ist das dein Thema – nicht meins.
Wenn du glaubst, dass du ein Anrecht auf die persönlichsten, intimsten, sexuellen Erfahrungen fremder Frauen hast, ohne dafür etwas geben zu müssen, ist das dein Thema – nicht meins.
Wenn du glaubst, dass DU derjenige bist, der entscheidet, in welcher Form es für eine dir fremde Frau angemessen ist, ihre intimsten Erlebnisse mit der Welt zu teilen, ist das – du ahnst es sicher schon – ebenfalls dein Thema und nicht meins.


Es ist das ewig schwere Los von Künstlern, von Freiberuflern, dass ihnen immer ein unterschwelliger Vorwurf begegnen wird, weil sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, weil ihre Arbeit sie erfüllt. Weil sie nicht wie viele andere von ihrem Job frustriert sind. Als wäre es weniger Arbeit. Als wären die Unsicherheit, das Fehlen von Versicherungen, die stete Angst gegenüber dem, was passiert, wenn es mal nicht so gut läuft, der permanente, nie enden wollende Druck, liefern zu müssen, weil sonst kein Geld verdient wird, nicht Preis genug.

Es ist das ewig schwere Los von Frauen, die in IRGENDeiner Form mit Sex Geld verdienen, dass es immer Männer geben wird, die mit der Haltung durch die Welt laufen, dass sie ein Recht auf einen Orgasmus haben. Dass Frauen fickbar sein müssen.
Die glauben, dass wenn Frauen sich gern freizügig anziehen, es doch auch bedeuten muss, dass es okay ist, sie anzufassen – sonst würden sie sich doch nicht so anziehen.
Die glauben, dass wenn Frauen offen über Sex sprechen, es doch auch in Ordnung ist, ihnen ein Bild von ihrem Schwanz zu schicken.
Die glauben, dass wenn Frauen gern Sex haben, sie doch sicher auch zu ihnen nicht Nein sagen wird.

Wie jetzt – du hattest gestern einen Gangbang mit 12 Männern,
aber zu mir sagst du nein?
Heuchlerische Schlampe.

Wie jetzt – du redest detailliert über Squirting,
aber wenn ich dir meinen Schwanz zeige, tust du so verklemmt?
Verklemmte Schlampe.

Wie jetzt – du behauptest, du schreibst gern über deine sexuellen Erfahrungen,
aber wenn ich alles bis ins letzte Detail lesen will, soll ich was dafür tun?
Geldgeile Schlampe.



Lieber P., du schreibst:
Es gibt einige Podcasts, die nehmen Spenden, dazu wäre ich auch z.B. bei dir gerne bereit, aber so siehst das ein bißchen nach Geldverdienen aus…„.

Was hast du erwartet, mit diesem Satz bei mir anzurichten?
Dass ich mich mies fühle und denke „ach… hätte ich mich doch nur gratis für alle nackt auf den Marktplatz gestellt, dann wäre ein weißer Ritter wie er vorbei geritten und hätte meine soziale Art großzügig gewürdigt und mir eine Spende dargeboten! Aber jetzt, da ich etwas verlangt habe, hat das meinen geldgierigen Charakter offenbart und ich muss mich nicht wundern, wenn mir niemand etwas gibt!“

Keine Sorge – ich möchte keinen Cent von dir und „Spenden“ nehme ich ohnehin keine. Wer eine Leistung erbringt, der bekommt keine Spenden, sondern wird bezahlt.

Es hat mich – nicht zuletzt dank Männern wie dir – Jahre gekostet, um zu begreifen, dass es okay ist, nicht immer in Vorleistung gehen zu müssen. Nicht alles gratis zu machen. Dass meine Arbeit einen Wert hat. Dass ich gut bin in dem, was ich mache und noch wichtiger: Dass ich das sagen darf. Dass ich das unangenehme Gefühl, dass ich noch heute beim Schreiben solcher Sätze habe, aushalten muss, weil es sich noch immer manchmal so anfühlt, als müsse ich mich mit solchen Aussagen zurückhalten, weil es gerade als Frau sich einfach nicht gehört, zu „überzeugt von sich zu sein“.
Zu laut auf den Tisch zu hauen, zu deutlich zu verlangen, was man erwartet und zu klare Anforderungen zu haben an das, was die eigene Arbeit und Zeit einem Wert sind.

Das, was ich mache, sieht dir „nach Geldverdienen“ aus?

Nun. Da bin ich erleichtert.

Nachdem ich seit 2 Jahren hauptberuflich mit dem Schreiben beim Finanzamt gemeldet bin, meine Miete damit bezahle und Steuern entrichte, hätte ich einiges falsch gemacht, wenn das nicht der Fall wäre.


4 Kommentare zu „#FragFrauO: Geht es dir ums Geld?

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