Im Auge des Sturms, Teil 2/3

Oder: Von Status Quo, seltsamen Nebeln und den richtigen Fragen

Natürlich ist Twitter nicht mein einziges Problem zurzeit und bei Weitem nicht mein Größtes, leider. Ich möchte kurz versuchen, den aktuellen Stand, meine aktuelle Lebenssituation zusammenzufassen – nicht zuletzt in der Hoffnung, dass mir dieser Blogbeitrag, das Schreiben darüber, selbst ein wenig hilft, meine Gedanken zu ordnen. Denn Ordnung im Kopf, eine Richtung, ein Weg ist so ziemlich das, was ich zurzeit am dringendsten brauchen könnte, jetzt, wo ich hier sitze, auf dem feuchten Moos, in den Nebel starrend.

Zu welchen Fragen mich das führt, werde ich gleich mit euch teilen – vielleicht sind es mal wieder welche, die euch auch beschäftigen.
Und… nun ja, ob ich Antworten finden werde, weiß ich selbst noch nicht. Aber erstmal:

…von vorn.


Prä-Corona

Im Januar war #Berlinruft war aktuell, als die Seelenschwester angekündigt hat, dass sie mit ihrem Freund zusammenzieht. Ich bin damals erst in ein Loch gefallen, weil mich diese Nachricht aus der Bahn geworfen hat, aber dann kam Berlin, es kamen neue Runden, neue Konzepte, neue Ideen, auf die ich Lust hatte und ich war häufiger in der Hauptstadt, bei Odin, knüpfte Kontakte und baute einen Draht auf zu der Stadt, die ich bislang immer eher als anstrengend empfunden hatte.
Für einige Wochen war ich ziemlich sicher, dass ich im Laufe des Jahres nach Berlin ziehen würde – wenn nötig, allein. Dann änderten sich ein paar Dinge, die Seelenschwester hatte nicht damit gerechnet, dass das für mich infrage kam und überhaupt wollte sie auch immer schon nach Berlin. Also warum nicht gemeinsam, immerhin war ihr Freund flexibel, was den Wohnort angeht. Pläne wurden geschmiedet, wie man zu dritt, aber doch getrennt, einen Umzug über mehrere hundert Kilometer organisieren könnte – während weiterhin noch immer die Frage im Raum stand, ob ich das denn wirklich wollte. Aber wie findet man heraus, ob man sein Zuhause aufgeben möchte, in dem man sich doch eigentlich wohl fühlt?
Dann kam Paris, ebenfalls mit Berlinplänen, beruflicher Natur, und schlug vor, dass wir doch zusammenziehen könnten. Die Idee war reizvoll, zugegeben. Und auf einmal war schon Mitte März und bevor ich überhaupt den Ansatz einer Entscheidung treffen konnte, brach eine Krise über die Welt herein und alles erlag dem Stillstand.

Corona hat mein Leben unglaublich geprägt und stärker verändert, als mir in den ersten Monaten bewusst war – und ja, ich weiß natürlich, dass ich da kein Einzelfall, sondern eher die Regel bin. Mein Umfeld befand sich im Zwangsurlaub oder in Quarantäne und ich… ich gründete einen Discord-Server. Der Freund der Seelenschwester wohnte über einige Wochen bei uns, weil das Pendeln erschwert wurde und ich vergrub mich in die Arbeit. In eine Arbeit, die mit Kink und BDSM nichts zu tun hatte, sondern bei der es darum ging, unterschiedlichen Menschen einen Raum zu geben, um der Isolation entgegenzuwirken und sich nicht einsam zu fühlen in der kollektiven Einsamkeit.

Zwischen Altruismus und Egoismus in Krisenzeiten

Ich machte also, was ich immer mache, wenn mir eine Situation auf die Stimmung schlägt: Ich vergrabe mich in Arbeit, die anderen hilft. Das klingt altruistischer als es in Wahrheit ist – wenn ich ehrlich bin, ist es eine Mischung aus dem Bedürfnis, anderen zu helfen und dem Wissen, dass mir das Gefühl, anderen zu helfen, gebraucht zu werden, auch selbst hilft. An Weihnachten mache ich es immer ähnlich: Ich vergrabe mich in Einkauf und Zubereitung eines 4 Gänge Menüs und lade alle Menschen ein, die keine anderen Pläne haben – das hilft anderen und lenkt mich ab. Vermutlich ist es eine Mischung als Altruismus und Egoismus, wobei man dann auch fragen könnte, welche Tat überhaupt ausschließlich altruistisch ist, weil es einem doch irgendwie immer auch selbst ein gutes Gefühl gibt, anderen zu helfen – aber jetzt wird es zu philosophisch, ich schweife ab.

Rückblickend war das wohl Merkwürdigste an dieser Zeit, dass eigentlich das gesamte Leben völlig still stand, aber die Wochen dennoch rasten und in wenigen Tagen gefühlt mehr geschah, als sonst in Monaten. Wenn ich sonst wirklich lange brauchte, um mich zu öffnen, so fand ich Leute, mit denen ich nach wenigen Tagen ganze Nächte in Gesprächen verbrachte. Ich tauchte ab, legte eine Pause ein von meinen realen Kontakten, ohne dass es eine bewusste Entscheidung gewesen wäre und verschwand in einem Sog, der sich nur noch online abspielte.

Kein Salsa, kein Sport, kein Kink, keine Events, keine Heels, keine Sessions.

Und da war sie schließlich, diese Frage. Diese eine, heftige, erschütternde Frage, die ich bis heute nicht loswurde. Die mich verfolgt wie ein Schatten. Die mir schlaflose Nächte bereitet und von der ich manchmal glaube, sie ist eigentlich nur einer meiner besonders fiesen, getarnten Dämonen, der mal wieder aus seiner Kellerecke hervorgekrochen kommt, um mich zu ärgern, obgleich wir doch einen schon vor Jahren einen Waffenstillstand ausgemacht hatten…

Diese eine Frage, die alles ändern könnte – zum Guten und zum Schlechten – und die mir keine Ruhe lässt.

Was bleibt übrig, wenn nichts mehr bleibt?

Wenn mich sonst Menschen fragen würden, wer ich bin, oder… was ich für ein Mensch bin, wie ich mich beschreiben würde, dann würde ich all diese Dinge antworten. Ich würde vom Salsatanzen erzählen, von den Fetischevents, von meinem Pendeln zwischen Extremen, den Latex-Outfits und den Jogginghosen, in denen ich mit dem Hund laufen gehe. Ich würde vom Schreiben erzählen, aber auch ein bisschen vom Sport. Ich würde über Dinge sprechen, auf die ich jetzt, durch Corona, schon seit Monaten verzichte. Dinge, die ersetzt wurden durch andere. Hobbys und Beschäftigungen, die ich seit Monaten nicht mehr gemacht habe, weil ich meine Zeit anders fülle.

Also… was davon macht mich aus? Wie definierend sind Dinge, auf die man offensichtlich auch ein paar Monate verzichten kann, wenn nicht länger? Oder andersherum: Wer bin ich, wenn all diese Dinge wegfallen?

Ja, ich weiß, das sind Fragen, die man sich entweder stellen kann oder… nun ja, man lässt es eben und genießt sein Leben, ohne sich solche Gedanken zu machen. Es ist ein bisschen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens – man kann sich verrückt machen und die großen Antworten suchen oder man genießt den Augenblick und ist dankbar für dieses eine, wertvolle Leben, aus dem man alles herausholen sollte, was geht.

Ich kenne von mir beide Phasen. Ich kenne Phasen, in denen ich mich mit diesen Fragen beschäftigt habe, bis ich so tief versank, dass ich Panikattacken bekam, weil es mir zu viel wurde. Dann kam das Salsatanzen und ich habe – tatsächlich durch Salsa – gelernt, wie gut es sich anfühlen kann, ausschließlich im Augenblick zu leben. Lebensfreude zu genießen, ohne sich über morgen Gedanken machen zu müssen. Ich begann meinen eigenen, individuellen Hedonismus zu leben, vernünftig unvernünftig.

In welcher dieser beider Phasen ich mich zurzeit befinde, weiß ich nicht so richtig.

Es fühlt sich an, als säße ich auf kaltem, feuchtem Waldboden, umgeben von einem dunklen, undurchdringlichen Nebel. Es ist still um mich, ich bin allein und auch wenn ich weiß, dass es Menschen gibt, die da sind: ich sehe sie gerade nicht. Sie sind irgendwo in der Gegend, aber ich weiß nicht wo, und ich weiß nicht, was sie machen. Ich muss meine nächsten Schritte allein entscheiden. Ich muss allein entscheiden, in welche Richtung in weitergehe, denn ich kann nicht für immer hier sitzen bleiben. Aber ich sehe nichts, der Nebel ist einfach zu dicht. Ich meine mich zu erinnern, dass ich auf einer Karte gesehen habe, dass es hier in der Gegend ein unerwarteter und steiler Abgrund liegt, aber wo genau der sich befindet? Auch keine Ahnung.

Ich kann also sitzen bleiben, weil ich hier sicher bin und warten, bis der Nebel sich lichtet – falls er sich irgendwann lichtet.

Oder ich stehe auf und… gehe einfach in irgendeine Richtung – das Risiko eingehend, dass ich die falsche gewählt habe und durch den Nebel den Abgrund nicht schnell genug erkenne.

Und dann sitze ich da und versuche, diese Entscheidung zu treffen aufgrund der Annahme, was für ein Mensch ich bin, was ich brauche, was mir gut tut, was ich möchte. Aber… was macht man, wenn die Antworten auf diese Fragen plötzlich nicht mehr die dieselben sind wie bisher? Manchmal sitze ich ernsthaft hier und frage mich… keine Ahnung, ich frage mich, wer ich eigentlich bin. Dieses Jahr hat so viel verändert, hat mich so verändert, hat neue Seiten an mir zum Vorschein gebracht, ich habe so viele neue Dinge an mir kennengelernt und so viel von dem, was für mich immer zentral war, ist in den Hintergrund gerückt, dass ich das Gefühl habe, mich selbst ein bisschen verloren zu haben. Mich überhaupt nicht mehr zu kennen. Überhaupt nicht mehr zu wissen, was ich eigentlich will, was mich ausmacht, wo ich hin möchte und was ich brauche.

Dann atme ich tief durch, mehrmals, um mich von solchen Gedanken nicht mitreißen zu lassen und versuche, mich rational mit all diesen Fragen zu beschäftigen – mit einer nach der anderen. Mich zu fragen, wer ich eigentlich bin. Mich zu fragen, weshalb ich bisher immer die Fetischszene, das Bloggen, Twitter, Salsa, Heels und andere Dinge betrachtet habe, als würden sie mich definieren. Denn offensichtlich tun sie das nicht – sonst hätte ich mich jetzt, ohne das alle, in Luft aufgelöst. Ich bin aber noch hier, auch ohne all das. Also… eins nach dem anderen.

Was bleibt übrig?

Die Fetischszene, die Sessions, das Vorführen sind ein Teil von mir, irgendwie. BDSM in der Form, in der ich ihn gelebt habe, hat zu mir gehört. Aber all das ist seit Monaten nicht mehr möglich.

Was bleibt übrig?
Übrig bleibt… meine Dominanz im Alltag und manchmal beim Sex. Meine Art, in Gruppen Entscheidungen zu treffen und Führung zu übernehmen, wenn es sonst keiner macht. Der Fakt, dass ich keine Schwierigkeiten damit habe, Verantwortung zu übernehmen. Aber auch der Switcher-Part in mir bleibt übrig, also zeitweise das Bedürfnis, mich führen zu lassen, mich anzulehnen und zu genießen. Das Bedürfnis, für eine kurze Zeit die Kontrolle abzugeben.


Das Salsatanzen war ein enorm großer Teil meines Lebens – die Salsaszene, die Musik, die Abende, die Menschen – auf all das verzichte ich seit Monaten.

Was bleibt übrig?
Meine Liebe zu dieser Musik, die ich weiterhin häufig höre. Mein Bedürfnis, mich zu bewegen, zu tanzen, auch wenn es bisweilen nur unterschwellige Bewegungen beim Kochen sind. Und… die Momente, in denen ich merke, dass das Leben gut ist und ich dankbar dafür bin, dass ich einfach nur den Augenblick genießen kann. Die Haltung, die Salsa mir beigebracht hat. Die Lebensfreude.


Die Catsuits, die Outfits und die Heels waren bisher auch immer fest in meinem Alltag verankert. Verknüpft mit den Hörnern, von denen ich immer spreche. Ich liebe das Gefühl, einen Catsuit anzuziehen, die Riemen der Heels zu schließen und aufzustehen, einen Kopf größer zu sein als vorher. Vor dem Spiegel zu stehen und die Hörner quasi erkennen zu können. Das Selbstbewusstsein, die Sicherheit, das Gefühl, niemand könne einem etwas anhaben.
Meine Outfits liegen seit März im Schrank, die Heels hatte ich vielleicht 3x an und nicht in Kombination mit kinky Outfits.

Was bleibt übrig?
Ja, was bleibt übrig? Diesen krassen Effekt hatte ich seit März nicht mehr, zumindest nicht in der Intensität. Es kickt mich, es fehlt mir. Es ist also durchaus eine Art Fetisch, den ich zurzeit nicht auslebe, aber… das Gefühl habe ich manchmal auch auf andere Art und Weise, durch andere Situationen. Wenn ich Entscheidungen treffe, die mir schwer fallen. Wenn ich Nein sage, wenn ich mich durchsetze, meine Grenzen verteidige. Als ich den ersten Teil dieses Beitrags veröffentlicht habe. In solchen Situationen spüre ich, was übrig bleibt, auch ohne die Heels: Meine Hörner.


Twitter war immer meine Base. Der große Account hatte Anfang des Jahres knapp 2000 neue Follower im Monat. Es lief unglaublich gut, Patreon lief unglaublich gut, die Plätze für meine Runden waren nach einem Tweet innerhalb von 24 Stunden belegt. Ich habe durchaus gemerkt, dass ich in eine andere Richtung gehe als ich ursprünglich geplant hatte, als es eigentlich immer mein Traum war (das Schreiben von Romanen), aber die Alternative war fast ebenso großartig und es fühlte sich stimmig an. Ich konnte schreiben, das Thema lag mir am Herzen und es gab Menschen, denen es half, was ich machte. Ich liebte es.
Und dann kam Corona und mit Corona der Twitterbann auf dem Account und irgendwie… verlor ich alles ein wenig aus den Augen. Ich fing neu an und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es hat mich nicht getroffen. Mal eben 10k Follower verloren, nachdem ich wirklich viel Herzblut in die Sache gesteckt hatte. Dann kamen natürlich die ersten gehässigen Stimmen „ja da sieht man es, Frau O hat eigentlich gar nicht so viele Leser, die ist gar nichts Besonderes!“.
Ich habe nie behauptet, ich sei besonders. Ich bin anders, ich bin Ich, so wie das jeder einzelne von uns ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe ein paar Nischen bedient, aber selbstredend hat man nicht ausschließlich aktive Leser. Würde ein 100k Follower Account neu anfangen, hätte der auch nur noch 50 oder 60k, das ist völlig normal, mein Verstand wusste das. Es ging mir trotzdem nah. Es hat mich angreifbar gemacht für Gerüchte, Lästereien und Sticheleien. Ich bin mit solchen Dingen schon in der Schule nicht gut klargekommen – man sollte meinen, als Erwachsener steht man da drüber. Haha.

Anyway – Twitter war früher meine Base, hat mir ausschließlich positive Gefühle bereitet und dann kam Corona und der Bann und… alles war anders. Ich hatte keinen kinky Content mehr zu twittern, ich schrieb weniger, anders, meine Leserschaft wandelte sich, alles wandelte sich und jetzt bin ich hier und muss erkennen, dass mein Hauptkatalysator Twitter nicht mehr der ist, der er einmal war und ich frage mich…

Was bleibt übrig?
Es ist so komplex wie simpel, so schwierig wie naheliegend. Übrig bleibt genau das, was Twitter überhaupt zu meiner Base machte: Das Schreiben selbst.
Ich habe nach viel zu langer Zeit endlich wieder die Ruhe, die Gedankenfreiheit gefunden, um zu schreiben, was ich eigentlich immer schreiben wollte. Um mich nicht mit BDSM zu befassen, sondern meine Fantasie einfach fließen zu lassen und zu sehen, wohin sie mich treibt. Ich habe es mehr vermisst als mir bewusst war und ich frage mich regelmäßig, wie es wird, wenn Corona mir wieder erlaubt, meine Runden zu machen. Ob ich da wieder einsteige, wo ich aufgehört habe? Nun, ich denke, die OenRunde wird weiterhin mein Herzensprojekt bleiben – Frauen an die Hand zu nehmen und ihnen ermöglichen, was mir erst so schwer fiel und was mir doch am Ende so viel gebracht hat. Aber ob ich dieses Projekt ausweite, ob ich die FemdomRunde noch machen werde, ob ich mich wirklich mit 95% meiner Energie in die BDSM-Aufklärungsarbeit hängen werde, weiß ich nicht. Dazu ist mir zu heftig bewusst geworden, wie sehr mir das Schreiben selbst fehlt.
Das Schreiben, das die einzige Sache ist, wenn ich so darüber nachdenke, die seit ich denken kann, konstant ist.

Werkseinstellung

„Ich lese dich jetzt schon so lange. Und dann habe ich dich kennengelernt und… was ich am häufigsten denke, ist: Sie ist überhaupt nicht so, wie sie sich selbst beschreibt“, sagt er in ruhigem Ton, mit dieser Stimme, die ich so liebe, als er neben mir im Bett liegt. In meinem eigenen Bett, in meiner Wohnung.
Verstehst du? Du bist total spontan. Du bist überhaupt kein Kontrollfreak und du bist auch nicht anstrengend. Und auch nicht kompliziert – du weißt genau, was du nicht so magst, sagst das dann und man kann sich darauf einstellen. Das ist nicht kompliziert, das ist total einfach. Das Bild, das du von dir selbst hast, das du nach außen beschreibst, ist so viel… schwieriger als du tatsächlich bist.“

Es sind seine Worte, die mir dieses Jahr am meisten durch den Kopf gehen und die diesen Beitrag hier, die Gedanken, die ich mir dazu mache, am stärksten geprägt haben.
Es gibt nämlich eine zweite Hälfte dieses Gedankenkomplexes, denn es sind nicht nur Dinge weggefallen, von denen ich glaubte, sie definieren mich – nein. Dieses Jahr hat mein Leben, hat mich quasi auf Werkseinstellung zurückgesetzt und hat dann ein paar neue Dinge hinzugefügt, die zudem genau die Dinge waren, von denen ich… nun ja, mein Leben lang dachte, sie wären nichts für mich.

Und das ist… heftig.

Spontaneität
Es hat mit Indiana Jones angefangen, dass ich mich fragte, ob ich wirklich so wenig spontan bin wie ich immer behaupte. Dass ich kompliziert und anstrengend und ein Kontrollfreak bin, der alles planen muss. Im April habe ich mich dann auf eine vierstündige Zugfahrt begeben, um einen fremden Mann zu treffen, weil es sich gut angefühlt hat. Wenige Wochen später saß ich für die doppelte Strecke im Zug, um an die Ostsee zu fahren, um ihn zu besuchen, in dem Wissen, dass ich auch bei ihm schlafen muss – einem Mann, den ich noch nicht gut kenne, in einer Wohnung, in der ich vorher nie war. Nogos für mich – eigentlich.

Zugfahren
Durch die Angststörung früher war mir das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Jahre hinweg nicht wirklich möglich. Ich habe alles getan, was ich konnte, um mir neben dem Studium ein Auto zu leisten, damit ich überall das Gefühl hatte, ich kann kommen und gehen, wie ich möchte. Busfahren war anstrengend, Zugfahren kam in meinen schlimmsten Jahren nicht einmal infrage, weil die Haltestellen weiter voneinander entfernt waren und die Zeit dazwischen, in der ich nicht einfach aussteigen konnte, länger war. Dann musste ich eine Zeit lang mit dem Zug zur Uni pendeln – gehörte zu den schlimmsten Phasen meines Lebens.
Seit diesem Jahr fahre ich regelmäßig Zug und mehr noch: ich liebe es. Ich kann schreiben und arbeiten und entspannen und freue mich jedes Mal auf die Reise. Ein Nogo für mich – eigentlich.

Sich ein Bett teilen
Mit der Seelenschwester in Ausnahmesituationen okay. Letztes Jahr ließ ich mich im Rahmen der FrauOenRunde in Berlin darauf ein, mit einer mir fremden Frau, mit der ich nur online Kontakt hatte, in einem Zimmer zu schlafen – war total cool. Dann kamen die Reisen an die Ostsee und ich wusste, ich musste mit einem Mann in einem Bett schlafen, in einer fremden Wohnung. Das habe ich dieses Jahr nun mehrmals wiederholt, für teilweise mehrere Tage. Beim letzten Mal wachte ich neben ihm auf, halb in seinem Arm, und dachte nur… fühlt sich gut an. Richtig gut.
Ein Nogo für mich – eigentlich.

Männer in meinen Safe Space lassen
Ich beschreibe das seit Jahren als Nogo: Kein Mann in meiner Wohnung, schon gar nicht in meinem Bett und auf GAR keinen Fall über Nacht. Und auch bei Männern zu übernachten – pfff, no way.
Dieses Jahr habe ich mir erst mit dem Ostseekerl ein Zimmer in Mitteldeutschland geteilt, ohne ihn vorher je gesehen zu haben. Anschließend bin ich einmal – und viele Male darauf – quer durch die Republik gefahren, um für mehrere Tage einen Mann zu besuchen, den ich nicht gut kannte. In einer mir völlig fremden Wohnung. Und schließlich hat es sich auch ergeben, dass er zu mir gefahren ist und tatsächlich hat er auch bei mir übernachtet. In meinem Bett. Und… es war nicht wirklich schlimm. Im Gegenteil. Und es war auch nicht nur „nicht schlimm“ oder „gut“ oder sonst etwas, sondern unabhängig von der anschließend Wertung auch einfach keine große Sache. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mal wirklich lange darüber nachgedacht. Ein Nogo für mich – eigentlich.

Fernweh
Das ist ein riesiges Thema dieses Jahr. Es handelt von meiner Vergangenheit, früheren Reisen, einer Reisepause von 10 Jahren, einem Einbruch in Venedig letztes Jahr und schließlich einem Wendepunkt, als ich dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben an der Ostsee war. Wen die Geschichten dazu interessieren, der darf hier nachlesen.

Mein Zuhause zu verlassen hat nicht nur mit dem Zielort zu tun, es ist so viel mehr. Es geht um das Verlassen meines Hafens, Spontaneität, Flexibilität, Verkehrsmittel, Angst und tausend andere Dinge. Ich kenne mich so nicht. Wirklich nicht. Ich kenne mich als Menschen, der sich zu Hause am wohlsten fühlt, der einen Hafen braucht, ein Nest. Der immer lieber nach Hause kommt als zu gehen. Meine Wohnung ist meine Sicherheit. Der Ort, an dem ich ankomme – was ich sonst nirgends habe. Nicht in einem Elternhaus, einer großen Familie oder einem festen Partner.
Ich muss so oft an Venedig denken und das, was ich dazu schrieb. Ich resignierte. Ich akzeptierte, dass ich einfach nicht weg möchte, kein Mensch bin, der seinen Hafen verlassen will oder die Welt sehen. Und jetzt sitze ich hier und erinnere mich daran, wie es mir an der Ostsee ging, wie frei ich war, wie kreativ, wie ruhig. Und kann kaum glauben, wie sehr man sich täuschen kann. Begreife kaum, dass man wirklich mit 30 Jahren Seiten an sich entdecken kann, die komplett kontrovers sind zu dem, was man von sich kennt.

Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl von Fernweh kennengelernt. Ich weiß jetzt, wie es ist, nach Hause zu kommen und sich schon zu überlegen, wann und wo man als nächstes hinkönnte.
Und das ist nicht nur eine Ergänzung zu meiner Persönlichkeit, eine neue Seite, ein weiterer Aspekt – es ist das Gegenteil eines elementaren Teils von mir, von dem ich glaubte, ihn einfach akzeptieren zu müssen.

Und das Beste daran ist: Beides ist okay.
Ich habe Venedig durch und diese Seite verarbeitet – habe mich gut gefühlt mit der Annahme, dass ich einfach nicht verreisen will, dass mir ein Ort genügt, an dem ich mich wohlfühle, dass ich mir den Druck von außen nicht machen lassen muss, diesem „man ist nur open-minded und interessant, wenn man 30 Länder bereist hat“ nicht beugen muss.
Aber wenn ich Phasen habe, in denen es anders ist, dann kann ich das offensichtlich auch. Dann kann ich offensichtlich auch ein Mensch sein, der sein Zuhause verlassen und sich ein paar Dinge ansehen kann. Mir war nur nicht bewusst, dass ich das nach meinen eigenen Konditionen machen kann. Dass Verreisen nicht immer südliche, weiße Sandstrände mit Palmen sind und Thailand-Backbacking, sondern dass ich einfach an die Ostsee fahren kann und mich mit einem Pulli und Fischbrötchen ans Meer setzen.

Ich kann zu Hause bleiben und mich wohl fühlen, ohne die Welt zu sehen.
Und ich kann Fernweh spüren, mir dann die Welt anschauen und es genießen, solange es zu meinen eigenen Konditionen geschieht.

Und das… Himmel, wenn ich nur beschreiben könnte, was dieses Gefühl mit mir macht. Es ist… neu. Es tut gut. Es verursacht Panik. Es ist ein Abschluss und ein Neubeginn zugleich. Es ist die Möglichkeit, nochmal anzufangen. Es ist die Gefahr, sich zu verlieren. Es ist die Chance, sich neu zu erfinden.

Es ist Freiheit.

Und es ist Angst.

Status Quo

Das, was im Januar in meinem Kopf zu reifen begann, hat sich nicht in Luft aufgelöst. Im Gegenteil – meine Wohnsituation hat sich in eine völlig andere Richtung entwickelt als erwartet und ich weiß, dass etwas auf mich zukommt. Ich weiß, dass das auf mich zukommt, wovor ich immer schon am meisten Angst hatte. Ich weiß, dass ich früher oder später diese, meine Wohnung, meinen Hafen zurücklassen muss, in dem ich alles an Stabilität gefunden habe, was ich heute besitze.

Im Janur begann ich einen Text über #Berlinruft. Im Juni schrieb ich über den „Ruf der Möwe“ und jetzt sitze ich hier, das Rufen in den Ohren, wie schon das ganze Jahr über, aber… ich weiß nicht, woher es kommt, was ist und wohin es mich ruft.

Der Mitbewohner ist vor einigen Wochen ausgezogen und der Freund der Seelenschwester hat vor wenigen Tagen angekündigt, dass er beruflich doch wieder weiter weg muss. Ab ersten November sind es also nur noch wir beide, der Köter, ein übriges Zimmer und die Frage, ob wir bleiben und jemanden suchen, oder ob wir ausziehen – wohin auch immer.

Das ist also der Status Quo…
Eine anstehende Entscheidung, die alles verändern wird.
Ich, die gerade mehrere Monate damit verbracht hat, sich vom Leben ein Reset auferlegen zu lassen und die gerade dabei ist, sich die richtigen Fragen zu stellen.

Wer glaubte ich bisher zu sein und wer war ich wirklich?
Was ist von dieser Frau übrig geblieben?
Wer will ich in Zukunft sein?
Wo möchte ich hin?
Was erwarte ich eigentlich vom Leben und…


…muss ich das alles jetzt schon beantworten können?

So. Ich musste ein paar Zeilen aufschreiben zu diesen Fragen, es ging nicht anders. Keine Ahnung, ob die meisten Menschen sich bei solchen Texten fragen, wie sich ein Mensch nur so viele Gedanken machen kann oder ob es andere wie mich gibt, die ähnlich zu kämpfen haben – mit diesen Fragen, mit dem Leben, mit sich selbst. Ich mag den Gedanken, dass es anderen ähnlich geht, sie diese Zeilen lesen und sich getröstet fühlen, weil sie bisher, so wie ich, glaubten, sie seien die Einzigen. Aber vielleicht ist das nur eine tröstende Illusion, um mich besser zu fühlen, wer weiß?

Im nächsten Beitrag geht es um das, was ich nun aus dem Status Quo mache. Um absolut krasse Schnapsideen, um neue Wege und Pläne, von denen ich kaum glaube, dass ich auch nur darüber nachdenken kann. Um die Frage, wie es weitergeht, was das alles bedeutet und… um meine größte Angst.
Ja.
Ich habe es nämlich geschafft, bis jetzt um die eigentliche Frage, den eigentlichen, schmerzenden Punkt herumzureden – denn das, was mich seit Monaten innerlich zerreißt, steht noch aus. Und es ist einfach so bezeichnend, dass ich diesen Beitrag schon im Januar begonnen habe, aber nicht in der Lage war, daran weiterzuarbeiten. Es ist, als hätte erst etwas in mir arbeiten müssen. Als wäre ich einfach noch nicht so weit gewesen. Jetzt, mit diesen Schnapsideen im Hinterkopf spüre ich zum ersten Mal dieses Jahr etwas anderes:

Aufregung.

Aufregung, in einem irgendwie beängstigenden, aber positiven Sinn. Und das hatte ich seit Januar sonst nicht. Nicht ein Mal. Der Großteil ist Angst, ja. Aber irgendwo… zwischen all der Angst ruft mich zum ersten Mal noch ein anderes Gefühl.

Also ja.

Ich glaube, ich bin endlich bereit, darüber zu schreiben.


Ich sitze hier, auf dem kalten, feuchten, mit Moos bedeckten Boden und wundere mich noch immer über die Stille und den merkwürdig blickdichten Nebel, als ich es endlich erkenne:

Die Wand, die mich in alle Richtungen umkreist, ist überhaupt kein Nebel. Es ist der Sturm, der schon seit Monaten auf mich zu warten scheint. Der Sturm, in dessen Auge ich sitze. Deshalb kann ich auch dieses seltsame Rufen nicht zuordnen – es dringt zwar zu mir durch, aber es ist unmöglich zu sagen, aus welcher Richtung es kommt.

Hier sitze ich also, im Auge des Sturms…

…und lausche.


Ja, ich hör‘ dich
Sei doch still
Du bringst nur Ärger
Den ich nicht will
Dein geheimes Flüstern ist mir oft zu seltsam nah
Und ich wünschte wirklich, es wär‘ einfach nicht mehr da

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