Im Auge des Sturms, Teil 1/3

Oder: Blaue Vögel, dunkler Nebel und eine Stimme in der Nacht

Es ist still geworden, hier im Wunderland.
Ein wenig, als hätte sich ein Zauber über alles gelegt, der die Welt hat einschlafen lassen. Alles steht still, die Menschen sind in einen tiefen Schlaf gesunken, die Wege sind wie ausgestorben und außer dem Rascheln der Blätter im Wind ist nicht viel zu hören. 

Und ich… nun ja, würde ich mich in einer anderen Geschichte befinden, wäre ich in diesem Szenario wohl Dornröschen, das in einen tausend Jahre währenden Schlaf versunken ist und nun darauf wartet, vom Kuss der wahren Liebe erweckt zu werden. 

Das Ding ist… wir sind nicht in einem verzauberten Wald, sondern im Wunderland – hier ist jeder für sein eigenes Schicksal verantwortlich. Wer also auf den Kuss der wahren Liebe wartet, wird sein Leben vermutlich verschlafen. Und mal abgesehen davon war meine Rolle immer eher die der Maleficent, die die Zauber ausspricht, und nicht die von Dornröschen, die ihr Leben verschläft, bis sie von einem Mann gerettet wird. Und überhaupt, ich brauche keinen Prinzen – schon gar nicht, wenn ich mir meinen eigenen jungen Ritter ausbilden kann. 

Aber… warum sitze ich dann noch immer wie versteinert hier und versuche, durch diesen seltsamen, dichten, aber zugleich unruhigen Nebel zu blicken, um zu sehen, wohin mein Weg führt, obwohl ich doch weiß, ich werde nichts erkennen können, solange ich nicht einfach… loslaufe?

Aber egal. Auf einen Augenblick länger innehalten kommt es jetzt auch nicht mehr an. Ich setze mich also auf den feuchten Boden des nebligen Wunderlands, um euch mal wieder ein klein wenig zu berichten – vermutlich aufgeteilt in mehrere Beiträge. Von der neuen Erfahrung, dass blaue Vögel manchmal hübsche Wellensittiche, manchmal aber auch Greifvögel sein können. Von Ängsten, die sogar für mich neu sind. Von Fragen, die ich mir stelle. Von einem jungen Ritter, dem ich hier begegnet bin und von Schnapsideen. Von riesigen, abstrusen Schnapsideen. Und ja, das alles natürlich wie immer…

…von vorn. 


Blaue Vögel im Wald

Eine Frage, um die sich in den letzten Wochen einiges gedreht hat und die mir zugegeben ziemlich zugesetzt hat, ist: Was ist Twitter eigentlich für mich? Also… was bedeutet es mir? Warum bin ich hier? Was erwarte ich von Social Media und was wäre, wenn ich nicht mehr da wäre?
Diese und viele Fragen führten dazu, dass ich auf dem Weg nach Dänemark zu schreiben begann. Es waren 24 Stunden vergangen, seit ich einmal mehr eine unschöne Twitter-Debatte zu führen hatte, weil es ein paar Leuten negativ auffällt, dass ich den Mann, mit dem ich zurzeit Sex habe, manchmal „Ostseeschwanz“ nenne, weil er noch keinen richtigen Namen im Blog hat (Schreibblockade lässt grüßen). Das ganze geschah durch Umfragen, Tweets und Meinungen, von denen alle sehr eindeutig in meine Richtung zielten, ich aber nirgends erwähnt wurde.

Das ist überhaupt ein merkwürdiges Konzept auf Twitter, wie ich finde… sich über etwas zu echauffieren und das so deutlich zu machen, dass jeder weiß, um wen es geht, aber denjenigen nicht zu verlinken. Wenn man dann direkt nachfragt, heißt es „aber ich hab doch vielleicht gar nicht dich gemeint – sei doch nicht immer so egozentrisch“ und wenn man nichts macht, muss man damit klarkommen, dass gelästert wird. Öffentlich. Vor allen. Als würde man auf dem Schulhof stehen, allein, während in einer großen Gruppe weiter drüben getuschelt und auf einen gezeigt wird. Und wenn man einfach fragen will, was denn los ist, dann wird es still und es heißt „hä wir haben doch gar nicht über dich geredet!“.
Fazit ist: Es fühlt sich scheiße an. Fazit ist auch: Ich verstehe es nicht und ich werde es nie verstehen. Es ist mir einfach komplett und völlig unbegreiflich, wie man sich so intensiv über intime und persönliche Dinge von fremden Leuten echauffieren kann, die nichts mit einem selbst zu tun haben und die auch keinem schaden. Der einzige Grund, aus welchen ich mich öffentlich in anderer Menschen Leben einmische, ist, wenn ich ernsthaft glaube, dass Grenzen ungewollt überschritten werden, dass übergriffig gehandelt wurde. Weshalb sich Leute öffentlich darüber aufregen, dass ich meinen Kerl „Ostseeschwanz“ nenne, ist mir ein Rätsel. Accounts, die sich teilweise „Aufklärungsaccount“ auf die Fahne schreiben und für „positiven Umgang miteinander auf Twitter“ einstehen. I don’t get it. Wie man sich aufregen kann über anderer Leute Leben, verstehe ich nicht.
Und selbst wenn man etwas nicht versteht oder scheiße findet: Was spricht dagegen, einfach nachzufragen? Ein einfaches „hey, warum nennst du den Typ so? Ist das nicht irgendwie abwertend?“ per DM. Denn selbst WENN die Chance besteht, dass es nicht für jeden nachvollziehbar ist, was jemand macht… warum kann man das nicht erst per DM klären, statt sich so semi-öffentlich daran abzuarbeiten? Haben diese Menschen wirklich keinerlei eigene Erfahrung in ihrem Leben mit Mobbing, mit Lästern in der Schule gemacht, dass sie sich in denjenigen hineinversetzen können?

Ganz ernsthaft: Selbst WENN ich glaube, dass jemand etwas falsch macht, ich aber zumindest die Chance sehe, dass derjenige eigentlich gute Absichten hat, dann wünsche ich es ihm einfach nicht, sich so zu fühlen. Die Madame Herzlos und ich zum Beispiel hatten in beide Richtungen schon Punkte, in denen wir etwas ungut fanden, was die andere machte. Wir beide haben uns dann eine DM geschrieben und das unter uns geklärt – mittlerweile, da ich weiß, wie selten das ist, schätze ich das ungemein. Weil wir beide wissen, wie unangenehm es sein kann, wenn man sich als großer Account in der Öffentlichkeit einem Angriff, einer Kritik stellen muss, die das eigene intime oder Sexualleben betrifft. Das ist heftig. Das ist unangenehm. Das fühlt sich scheiße an. Also jesus fucking christ – selbst WENN jemand etwas macht, das man nicht versteht, das einen nervt, das man doof findet… warum zur Hölle muss man das öffentlich ausbreiten?

Anyway… 

Ich saß jedenfalls im Zug gen Ostsee und habe einen Text angefangen, in dem ich inhaltlich Stellung genommen habe zu diesen ganzen Punkten. Zu all den Vorwürfen von Doppelmoral bis Sexismus und Übergriffigkeit und jetzt sitze ich hier, lese mir diesen Text durch und merke, wie sehr mir das letzte Woche nachging. Wie groß mein Bedürfnis war und irgendwie noch immer ist, mich zu rechtfertigen. Mich zu erklären. Zu Vorwürfen Stellung zu beziehen, um zu zeigen, wie absurd jeder dieser Punkte ist, aber… ich verzichte. Ich zwinge mich dazu, dieses Gefühl auszuhalten und abzuhaken, weil mein Verstand weiß, dass es die Energie nicht wert ist. Ich kann mich erklären, um für mich das Gefühl zu haben, ich habe mich gerechtfertigt, aber in 2 Tagen kommt der nächste mit dem nächsten Mist und ich sitze wieder hier und fange von vorn an. Es geht nicht um einzelne Debatten, wie mir jetzt bewusst wurde. Es jetzt um das große Ganze. Um Fragen, die weiterreichen. Fragen wie: 

Was ist Twitter für mich?

Twitter hat mir die Chance gegeben, meinen Traum zu verwirklichen. Ohne Twitter hätte ich mich nicht selbstständig gemacht. Ohne Twitter könnte ich heute nicht vom Schreiben leben. Ich werde diesem Medium auf ewig dankbar sein, weil es mir eine Tür geöffnet hat, mit der ich nie gerechnet hätte. 
Twitter ist für mich die Möglichkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten, mit anderen Menschen meine Gedanken zu teilen und meine Ansichten öffentlichen festzuhalten. Eine Möglichkeit, meinen Horizont zu erweitern und anderen Input zu geben. 
Twitter ist für mich auch die Möglichkeit, an der Welt teilzuhaben, kleine, tägliche, punktuelle Beiträge zu leisten durch das, was mir am meisten bedeutet: Schreiben. 

Aber Twitter ist eben auch noch mehr. Twitter ist eine Masse von Menschen, unter denen einem nicht alle wohlgesonnen sind. Twitter ist ein öffentlicher, nicht begrenzter, unkontrollierter Raum, in den auch Leute dürfen, die sich selbst besser fühlen, wenn sie andere runterziehen. Twitter ist ein digitaler Schulhof für Erwachsene, unter denen auch die sind, die im Kopf noch 13 sind und es lustig finden, wenn andere bloßgestellt werden, weil es von der eigenen Unsicherheit ablenkt. 

In den letzten Monaten, irgendwie seit mein großer Account unter dem Twitterbann liegt, habe ich immer mehr versucht, so zu schreiben, wie ich glaubte, dass meine Leser mich lesen wollten. Ich habe nachgedacht über Formulierungen, habe mich selbst infrage gestellt und mich gefragt, weshalb sich alles immer schlimmer anfühlt. Weshalb ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen, obwohl ich nie etwas falsch machen wollte. Weshalb ich das Gefühl nicht loswurde, nicht dazuzugehören, falsch zu sein. Ausgelacht zu werden. Am Rand des Schulhofs zu stehen und irgendwie… anders zu sein als alle anderen. Ein Gefühl, das ich schon mein Leben lang kenne.

Und als wäre das alles nicht genug, bekam ich mit, wie in verschiedenen Kreisen über mich gesprochen wird. Ich hörte Sprachnachrichten von Menschen, die in einer Art und Weise über mich lästerten, die ich nicht einmal wiederholen möchte. Ich sah Screenshots von ganzen Debatten über mich. Darüber, dass alles, was ich sage, Fake sei und dass ich das alles erfinde, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es endete in zynischen Aussagen darüber, dass Omi auch nur erfunden sei und ob sie denn nicht langsam sterben würde, damit ich damit auch wieder Aufmerksamkeit generieren könnte. 

Ja. Auch das ist Twitter. Eine bittere, dunkle Seite einer eigentlich guten Sache, die mir in den letzten Wochen einige schlaflose Nächte bereitet hat und dazu führte, dass ich kurz davor war, das Handtuch zu schmeißen und mich zu ergeben. Jene Menschen gewinnen zu lassen, die von Frust, Selbsthass, Unzufriedenheit und Neid getrieben sind, weil ich nicht die Kraft hatte, gegen diese Windmühlen anzugehen. Weil ich resignieren wollte gegenüber diesen Menschen, von denen ich wohl nie begreifen werde, wie man so sein kann. 

Das Ding ist… man kann sein Umfeld nicht die eigenen Erwartungen anpassen – man kann nur die eigenen Erwartungen an sein Umfeld anpassen. Und das brachte mich endlich zur entscheidenden Frage: 

Was erwarte ich von Twitter?

Ich glaube, ich habe von Twitter erwartet, dass es meine Gefühle spiegelt. Dass da draußen eine Gruppe von Menschen ist, die sich mit mir freut und für die ich mich freue. Ich habe erwartet, dass Twitter mir ein gutes Gefühl gibt, weil ich merke, dass Menschen gern lesen, was ich schreibe. 
Ich habe erwartet, dass wenigstens die „BDSM Bubble“ zusammenhält, wenn sie schon von außen so oft angegriffen wird. 
Ich habe erwartet, dass man auch dann, wenn man sich nicht zu 100% einig ist und immer mag, wenigstens nicht noch gegenseitig bloßstellt, sich gegenseitig runterzieht und dass unter Menschen, die zu großen Teilen eigene Erfahrungen mit Mobbing und Lästern und Ausgeschlossensein haben, es oberste Priorität ist, aufeinander zu achten und Rücksicht zu nehmen, um jetzt, da wir alle erwachsen sind, solche Dinge nicht wieder entstehen zu lassen. 

Sagen wir es so: Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich merke, dass ich etwas naiv und definitiv zu idealistisch war. Aber hey, besser spät als nie, oder? 

Jedenfalls war das der Knackpunkt: die richtigen Fragen stellen. Nun, da ich sie gestellt und die Antwort gefunden hatte, konnte ich mir überlegen, was die Konsequenz ist. Und die Konsequenz war, ein wenig umzustrukturieren. Für alle, die also mittlerweile zusammen mit mir den Überblick verloren haben, hier eine Zusammenfassung: 

Der große Account, der noch immer unter dem Twitterbann liegt, ist nun @Opheliaprivat– hier twittere ich, naheliegend, privat. Also über meinen Alltag, über die Ostsee, über allgemeine Gedanken, über wichtige und weniger wichtige Dinge. Über meine frühere Angststörung und ihre Überreste und über alles, was nicht kinky ist und nichts mit Sex zu tun hat. 

Der zweite Account ist der neue: @OpheliaBDSM, auf dem wird in Zukunft alles getwittert, was BDSM betrifft, Sexualität, alternative Lebenskonzepte und Aufklärung. Meine Arbeit, mein Blog, meine Runden, usw. Manchmal Bilder, manchmal Heels, manchmal einfach nur kontroverse Gedanken. 

Relevant für jene unter euch, die einfach den Schreibstil von meinem Blog mögen, ist dann lediglich noch @Federruft– hier schreibe ich unter dem Pseudonym „Alia O. Feyh“. Getwittert wird hier nur phasenweise, aber ich halte über Veröffentlichungen auf dem Laufenden, die nicht kinky sind. Beispielsweise wird gerade das kleine Buch lektoriert, das ich an der deutschen Ostsee begonnen und jetzt in Dänemark zu Ende geschrieben habe. Der Titel ist „Siebenmal Meer“ und es ist eine Sammlung von 7 Kurzgeschichten, die am Ende miteinander zusammenhängen. Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt… 😉 

Weshalb das für mich ein so großes Thema ist, dass ich darüber so viel schreibe?

Nun, ich möchte mich dafür rechtfertigen, dass ich mich ab jetzt nicht mehr rechtfertige (oder es zumindest versuche). Ich nehme mir vor, sehr bewusst nur noch auf Kommentare und Debatten zu antworten, die entweder respektvolle Kritik sind oder positive oder neutrale Äußerungen. Persönliche Angriffe und Lästereien versuche ich konsequent zu ignorieren und/oder zu blockieren, weil ich merke, dass mir Twitter sonst nicht mehr nur nicht gut tut, sondern mir ernsthaft schadet und das ist es mir nicht wert. Ich weiß nicht, ob Twitter sich geändert hat oder ich mich oder wir uns alle – aber ich denke, die Konsequenzen, die ich aus diesen Erfahrungen ziehe, sind okay so. Es fühlt sich gut an. Manchmal ist auch ein Schritt zurück ein Schritt in die richtige Richtung. Wie weit ich mich zurückziehe, wie sehr ich mich aus der BDSM-Bubble rausnehme, ob ich mich noch mehr abgrenzen möchte von den „Aufklärungsaccounts“, von denen einfach mittlerweile sehr viele das machen, was ich auch mache, weiß ich noch nicht. Das werde ich sehen. Ich weiß, dass es sich gut anfühlt, die eigenen Grenzen im Blick zu haben und zu ziehen, wenn nötig. Der Rest wird sich zeigen (und ein bisschen was davon wird auch für den zweiten Teil dieser Beitragsreihe noch wichtig sein).

Und… weil ich von vielen immer wieder lese, dass ihnen Social Media manchmal ebenfalls nicht gut tut und sie sich fragen, weshalb sie hier sind, mein gut gemeinter Rat: 

Stellt euch die richtigen Fragen. Was bedeutet Twitter für euch und vor allem: Was erwartet ihr von Twitter? Denn so bitter diese Erkenntnis sein kann, so befreiend ist es auch, wenn man begreift, dass es hier so ist wie überall im Leben: 

Man kann die Welt nicht an die eigenen Erwartungen anpassen – aber die eigenen Erwartungen an die Welt. Und so blöd das vielleicht sein mag, zumindest eines ist sicher: Es lebt sich entspannter. 


So – das waren ein paar Gedanken zu Twitter, die ich einfach loswerden musste. Ein klein wenig zum Warmschreiben, wenn man so will. Der eigentliche Kern des Beitrags folgt in Teil 2, der bereits zur Hälfte fertig ist und nicht mehr lange auf sich warten lässt. Teil 3 wird dann – voraussichtlich – der ersehnte Beitrag über einen gewissen Mann sein. Ihr lest von mir… 😉

2 Kommentare zu „Im Auge des Sturms, Teil 1/3

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  1. Ich schwinge bei diesen Gefühlen, dieser Sehnsucht nach Akzeptanz und „Heimat finden“, sowie der Enttäuschung, dass es dann doch sehr hässlich wird, wenn sich diese Freundlichkeit lediglich als dünner Schleier auf der Oberfläche entpuppt, echt stark mit. Meist zeigt nur ein heftiger Sturm, worin Herzlichkeit wurzelt.

    Ich freue mich jedoch sehr, dass mir Dein Gesang erhalten bleiben wird.

    Gefällt 1 Person

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