Einen Cut machen

Twitter hat sich verändert.
Mein Account hat sich verändert.
Die Welt hat sich verändert.
Ich habe mich verändert. 

Corona hat merkwürdige Dinge gemacht und genau in dieser Zeit kam der Bann auf meinem Account und einiges hat sich einfach gewandelt. Es fühlt sich merkwürdig an, schwer greifbar, schwer zu beschreiben. Parallel dazu fehlen mir im Leben die Dinge, die mir meine Souveränität geben, meine Sicherheit, ein Stück weit auch eine gewisse Härte, eine „i don’t give a fuck“-Haltung, die ich mittlerweile für recht gesund halte, wenn ich ehrlich bin – zumindest in bestimmten Bereichen.

Anyway – die Outfits und die Events fehlen mir. Die Frau auf diesem Bild fehlt mir.
Das öffentliche Spiel, das Vorführen, auch das Tanzen und überhaupt merke ich langsam, dass es mit meinem Inneren etwas macht, sich wieder mehr zu Hause aufzuhalten, weniger unter Menschen zu sein und den Rausch der Events dauerhaft nicht mehr zu spüren. Nicht, dass es mich instabil werden lässt, nein, ich bin an einem Punkt, an dem ich ich all das nicht mehr „brauche“ im eigentlichen Sinne. Aber… nun ja, ich spüre, wie sich auch in mir etwas verändert hat. Wie ich… vielleicht ein bisschen weicher geworden bin? Manchmal wieder ein bisschen unsicherer.

Und genau in diesem Zustand setzen mir dann äußere Veränderungen eben noch mehr zu als sonst, wie beispielsweise Twitter und ein paar Dinge, die für mich eben deutlich mehr Einschnitt bedeuten, weil ich davon lebe. Seit Wochen also habe ich das Gefühl, ich treibe eben so mit. Das Gefühl, ich verliere die Kontrolle, verliere meinen Kurs ein wenig. Ich weiß nicht mehr, wo ich eigentlich hinwill und was ich hier eigentlich mache. Ich habe irgendwie… keine Linie mehr. Das Schwierige ist, dass ich dann automatisch versuche, eine neue Linie zu finden, von der ich denke, dass andere sie von mir erwarten oder gern sehen würden.

Aber genau da biegt man falsch ab. Genau da trifft man genau die falsche Entscheidung. Denn der Witz ist: Selbst wenn man dann zufällig das macht, was man gern machen würde – man hat es aus der falschen Intention heraus getan. Und ich glaube, dass man noch so sehr den Weg gehen kann, den man ohnehin gern gegangen wäre… wenn man einen Weg nur geht, weil man glaubt, dass andere das von einem erwarten, wird man nie wirklich irgendwo ankommen. Man kann nie wirklich zu 100% stolz auf sich sein, sich auf die Schulter klopfen und sagen „ich bin meinen Weg gegangen, egal, was andere gesagt haben“.

Und das war immer mein Ziel.

Anyway.

Ich hadere seit Wochen mit diesem Friseur-Thema, suche Veränderung, die Möglichkeit, mir äußerlich eine harte Schale anzulegen, mich offensichtlich und öffentlich radikal zu verändern, um ein Zeichen zu setzen für eine neue Richtung und ich habe mich bis vorhin gefragt, weshalb ich dieses Bedürfnis zurzeit habe (denn immer wenn ich dieses Bedürfnis bislang hatte, hieß das etwas). Und irgendwie… ich glaube, ich habe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Ich glaube, ich habe immer dieses große, große Umzugs-Post-Corona-„Wie geht es weiter?“-Thema gesehen, aber… darum geht es zurzeit überhaupt nicht. Es gibt Dinge, die deutlich präsenter, deutlich akuter sind als das.

Dinge, die mich zurzeit täglich beschäftigen:

Warum funktioniert mein Account anders?
Was muss ich tun, um wieder da hin zu kommen, wo ich doch schon war?
Was erwartet Twitter von mir?
Was wollen meine Leser hören?
Was muss ich tun, um meine Vögel weiterhin bei mir zu behalten und ihnen zu zeigen, wie dankbar ich ihnen für die Begleitung bin?

Und vorhin kam die Erkenntnis.
Ich kann nicht den alten Weg neu aufbereiten. Ich kann nicht zurückgehen, denselben Weg nochmal gehen und so tun als wäre das etwas Besonderes. Ich kann keine Kurve schlagen und warten, bis mir eine Erleuchtung kommt und ich plötzlich weiß, wo es hingeht und ich kann auch nicht alle bereits gegangen Wege nochmal anschauen, um herauszufinden, wo es NICHT langgeht. Ich habe vor 2 Jahren angefangen mit Twitter, mich seither selbstständig gemacht, meine Runden aufgebaut, ein Buch veröffentlicht, mich auf zahlreichen Accounts ausprobiert und war Ansprechpartner für Einsteiger im BDSM, für Frauen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Mittlerweile gibt es das häufig. Mittlerweile bin ich nicht mehr die Einzige, die das macht und das ist ein gutes Zeichen. Das bedeutet, diese Szene erweitert sich. Das bedeutet, auch in Social Media hat ein feministischer BDSM-Ansatz Fuß gefasst.

Statt mir also zu überlegen, wie ich meine alten Projekte, meinen alten Account, mein altes Ich neu aufbereite, sollte ich mir überlegen, wo es als nächstes hingeht.

Was als nächstes ansteht.
Was ich als nächstes ausprobieren will.
Was meine nächsten Projekte werden und welchen Teil von mir ich als nächstes zeigen möchte.
Ob es nun an der Zeit, langsam die Dinge anzugehen, von denen ich bisher immer gesagt habe, dass ich sie gern tun, aber noch nicht bereit dafür bin. Ich will seit Ewigkeiten mehr mit Männern arbeiten. Überlege mir Runden für Männer. Überlege mir, wie man auch dominanten Männern beim Einstieg helfen könnte, ohne das Risiko einzugehen, Wissen an die Falschen zu vermitteln. Ich habe seit Ewigkeiten das Bedürfnis, diese anstrengende Paranoia abzulegen, jedes Bild so zu schwärzen, dass man auf keinen Fall etwas sieht – fuck, ich lebe davon. Ich habe keinen Job, keinen Chef, den das juckt. Ich habe so immensen Respekt vor den Menschen, die als Aktivisten, als Journalisten oder sonst was arbeiten und in Kauf nehmen, auch offen Gegenwind zu bekommen, aber dafür auch einfach mehr erreichen. Ich will nicht weiter am Rand sitzen und anderen Beifall klatschen, die ich als Vorbild wahrnehme. Ich habe über Jahre hinweg damit gehadert, diesen fucking Ring der O in der Öffentlichkeit zu tragen und heute lache ich darüber.

Seit rund 2 Jahren bin ich ständig so krasse, so für meine Verhältnisse große Schritte gegangen, dass sich der Stillstand zurzeit anfühlt wie ein Rückschritt – und dann drehe ich mich im Kreis, weil ich nicht vorankomme, bis mir schwindlig wird und ich ganz die Orientierung verliere.

Heute bleibe ich stehen, atme einmal tief durch und überlege mir, wo es als nächstes hingeht und welche Schritte ich als nächstes gehen werde.

Twitter hat sich verändert.
Mein Account hat sich verändert.
Die Welt hat sich verändert.
Ich habe mich verändert. 

Und heute fange ich an, das zu akzeptieren – indem ich nach vorn schaue, meine Hörner endlich wieder aufsetze und…

…einen Cut mache.

Ein Kommentar zu „Einen Cut machen

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  1. Das Leben ist kein Kreis und jedes Leben hat einen Anfang und auch ein Ende… Niemand kann dir sagen das ist Richtig oder Falsch, denn jeder definiert das Leben und Leiden in dieser Welt vollkommen anders und sei es nur in einem winzigen Augenblick…jeder Blickwinkel für den Augenblick fördert eine differenzierte Interpretation des eigenen Ich`s wieder…NIEMAND kann dir sagen DIES IST DIE WAHRHEIT, den die Wahrheit ist individuell und entfaltet bei jedem andere Flügel…finde was dir wichtig ist, was dir richtig erscheint, richtig sich anfühlt und du bist nach meiner Ansicht auf dem „richtigen“ Weg…wenn nicht suche weiter und genieße die Zeit die dir auf dieser Welt bleibt, denn das Ende kommt ohne Bedauern

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