Männerwelten – We love to entertain you

Oder: Zwischen Gefühlen, Analyse und Interpretation

Was ihr im Folgenden lesen werdet, ist im Grunde ein Bericht über meine Gefühls- und Gedankenwelt, während ich das Männerwelten-Video angeschaut habe, das in den letzten Tagen so viral ging. Anschließend folgen Versuche einer Kritik. Richtig gelesen: Versuche.

Wichtig vorab: 

  1. Das hier ist meine eigene, sehr persönliche Meinung, die niemand da draußen teilen muss.
  2. Ich spreche aus der Perspektive einer nicht von Vergewaltigung, aber von zahlreichen sexuellen Belästigungen sowie u.a. handgreiflichen sexuellen Übergriffen und Missbrauch betroffenen Frau, die seit etwa zwei Jahren regelmäßig und zahlreich mit Opfern von Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffen und Missbrauch in der BDSM-Szene arbeitet, als Anlaufstelle, Kontakt und in der Funktion der Vermittlerin zu Stellen, bei denen sich Betroffene Hilfe holen können sowie als Anlaufstelle für erste Fragen zum Ablauf von Strafrechtsverfahren sowie Empfehlungen zu entsprechenden Kontakten.
  3. Die von mir hier geäußerte Kritik soll in keiner Form das Thema, die Sache selbst oder deren Wichtigkeit infrage stellen – im Gegenteil!
  4. Die im Video gezeigten oder gehörten Frauen haben meine aufrichtige Solidarität, mein Mitgefühl, all meine Gefühle und Emotionen, die ich durch eigene Erfahrung und Empathie aufbringen kann, und sind in keiner Form Teil oder Ziel meiner Kritik.
    Ich glaube, Menschen, die das nicht aus Erfahrung kennen, haben keine Vorstellung von der Überwindung, dem Mut, den es kostet, damit derart offen umzugehen.
  5. Was ich mit diesem Text erreichen will, weiß ich nicht.
    Das Video ging viral, über das Thema wird gesprochen – das ist gut. Eigentlich sollte hier ein Punkt sein. Eigentlich sollte es keiner weiteren Worte bedürfen. Weshalb ich dennoch dieses Gefühl von Wut, von Hilflosigkeit, von Ungerechtigkeit nicht los bekomme? Ich bin mir noch nicht sicher – vielleicht muss ich deshalb darüber schreiben.
    Vielleicht ist dann alles gesagt, vielleicht brauche ich das, vielleicht ist es einfach wichtig zu reden und die Wut, die Ungerechtigkeit, die Hilflosigkeit nicht allein mit sich auszumachen.Weil ich weiß, was mit der Mischung aus Wut, Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit passiert, wenn man kein Ventil dafür findet.
    Weil ich das nie wieder zulassen werde, auch nicht bei Kleinigkeiten wie einem ProSieben-Video.Und weil ich jeder Frau, die diese Mischung kennt, innigst dazu raten möchte, dasselbe zu tun. 

 

Gefühlsbericht

00:00 – Einspieler von ProSieben mit der Erklärung, weshalb Joko und Klaas die 15 Minuten Sendezeit bekommen und dass ProSieben keinen Einfluss darauf hat. Anschließend das vor allem in der Aufmachung und der übertragenen Stimmung ausgesprochen gegensätzliche Intro der beiden.

Ich runzle die Brauen und zucke mit den Schultern, typisch Prosieben, typisch Joko und Klaas.

00:34 – Sophie Passmann betritt eine Art Mischung aus Tiefgarage und Keller und heißt das Publikum „herzlich willkommen“. Sie erklärt, wie es zu der Sache kam: Joko und Klaas riefen sie an und berichteten ihr von der Idee einer besonderen „Kunstausstellung“. Sie erzählt, dass sie das Angebot annahm, die Ausstellung zu präsentieren, warnt dann aber die Zuschauer:

Das Thema sei aktueller denn je, „aber auch wirklich gruselig“.

In diesem Augenblick tritt sie neben die Leuchtschrift „Männerwelten – Museum of masculine Art“. Es folgt der Vergleich mit Körperwelten und dem London Dungeon, die man vergessen soll, denn „gegen das, was Sie hier gleich zu sehen bekommen, wirkt Saw 3 wie Lilo und Stitch“.

Ich runzle die Brauen stärker. Das London Dungeon und Saw 3 werden also gleich in den Schatten gestellt, es geht um „Grusel“, okay. Als ich den Sturm auf Twitter gelesen habe, dachte ich eigentlich, es geht um sexuelle Gewalt an Frauen? Ich beobachte mich und mir fällt auf, dass ich gespannt werde, neugierig. Aber eben auf die Art, wie man gespannt ist, wenn man den Trailer eines Thrillers sieht. Erst jetzt fällt mir auf, was zu dieser Stimmung beigetragen hat: Im Hintergrund läuft stimmungsvolle Musik, und zwar die Art Musik, wie man sie auf Horrorfilmen/Thrillern oder Akte X kennt.

Ich pausiere das Video und denke kurz nach.

Nun, es ist eben ProSieben, oder? Es ist eben ein Fernsehsender, es geht um Unterhaltung. Wie man das in Film und Fernsehen eben so macht – es gibt einen Teaser, ein Intro, eine Einleitung, einen Spannungsbogen: Bereiten Sie sich vor, das hier wird spannender als Saw 3 und gruseliger als das London Dungeon! Im Hintergrund läuft Musik, die uns zeigen soll, welche Stimmung wir dabei empfinden sollen: Spannung, ein leichter Schauer. Will jemand Popcorn? Ah, nein, Augenblick, da folgt ja jetzt gar kein Unterhaltungsprogramm, sondern Realität.

Oder?

01:56 – Disclaimer: „Die kommenden Minuten können auf empfindsame Zuschauer verstörend wirken“. 

Jetzt, da sie mir einmal auffiel, bemerke ich die immer spannender werdende Musik. Ich überlege ernsthaft, ob ich Twitter und die Kommentare falsch verstanden habe und gleich tatsächlich ein Film oder anderes Unterhaltungsprogramm gezeigt wird.

02:03 – Disclaimer geht weiter: „Leider sind sie aber auch Teil unseres Alltags und dort können wir auch nicht einfach wegzappen“

In meinem Kopf stelle ich mir augenblicklich die Frage: Moment, in wessen Alltag?
Ich dachte, die 15 Minuten kommen von Joko und Klaas? Oder doch von ProSieben? Das „uns“, von dem hier gesprochen wird, wurde noch gar nicht definiert. Jeder hier darf sich angesprochen fühlen, aber… wenn es wirklich um das geht, was ich ja eigentlich erwarte, dann sollte sich von diesem „uns“ nicht jeder angesprochen fühlen, sondern eben… nur Frauen. Es ist Teil des Alltags von Frauen. Männer können nämlich – ganz offensichtlich, sonst hätten wir das Problem nicht – durchaus im Alltag „wegzappen“, es ausblenden, wegschauen.

Nun, ich fürchte, ich bin überkritisch und verstehe meinen eigenen Impuls nicht, der in mir ein erstes, wenngleich noch leises Gefühl von Unmut entstehen lässt. Ich zwinge mich dazu, mich neutral und offen darauf einzulassen – bestimmt ändert sich diese Stimmung gleich. Bestimmt bin ich überkritisch.

Bestimmt bin ich empfindlich…

02:12 – Nach einem schick designten „Männerwelten“-Intro erscheint Sophie Passmann wieder in einem Treppenhaus, betritt daraufhin einen Raum und stellt Moderatorin Palina Rojinski vor. Die Musik geht über in klassische Klavierklänge, in angenehmes, seicht-schönes Piano-Hintergrund-Rauschen, während die beiden Frauen über ein neues Exponat sprechen. Ein Vorhang wird entfernt, das „Kunstwerk“ wird enthüllt, es ist ein Dickpic. Dann fragt Sophie: „Und das kriegst du einfach zur Verfügung gestellt, von dem Künstler selbst?“ – Palina antwortet: „Ungefragt!“, sie lacht dabei.

In mir geschehen schnell hintereinander zwei Dinge: Ich schmunzle, für etwas eine Sekunde, dann wird mir schlecht.

Mir wird schlecht, weil dieses Format mich eben in eine Stimmung versetzt hat, in der ich mich unterhalten lasse, in der ich über einen Sketch schmunzeln muss, in der ich auf die Inszenierung hereinfalle – auf die klassische Musik im Hintergrund, den Charakter einer Kunstausstellung, das Lachen der beiden Frauen und die Semantik von Kunst. All das bringt mich dazu, kurz zu schmunzeln.

Und das wiederum macht mich wütend. Es ist eine dunkle, unterschwellige, tiefe Wut, gemischt mit Hilflosigkeit, die sie nur noch verstärkt – weil man weiß, es bringt nichts, wenn man sie nach außen lässt, weil sie entweder niemand wahr- oder niemand ernst nimmt. In dieser Wut wird mich nämlich niemand verstehen, das weiß ich sofort. Auf Twitter sind alle begeistert von der Sache, ich darf dagegen doch nichts sagen – es ist doch für einen wirklich guten Zweck! Ich schaue weiter. Die mit Hilflosigkeit gepaarte Wut lässt nicht nach.

Es ist eine Wut, die ich kenne.

02:55 – Palina zeigt Sophie, was sie noch alles „kuratiert“ hat. Es folgen eingerahmte Dickpics, die Palina und Freundinnen von ihr zugeschickt bekommen haben. Es werden ein paar Sätze ausgetauscht, schließlich endet Sophie mit einem einstudierten, lächelnd und höflich vorgetragenen „Es tut mir sehr leid, dass du das bekommst, trotzdem vielen Dank, dass du diesen Teil der Ausstellung für uns kuratiert hast!“. Palina, ganz die ProSieben-Entertainerin, antwortet mit einem strahlenden, euphorischen „Gerne!“.

Ich unterdrücke meine Wut, auch wenn ich das immense Bedürfnis verspüre, im Video nach vorn zu springen, mir das nicht weiter anzuschauen. Ich mache es nicht. Das Thema ist wichtig. Die Sache ist gut. Es gibt Aufmerksamkeit, Menschen beschäftigen sich damit und das ist doch das Wichtigste, sage mir. Der Zweck heiligt die Mittel.

Oder?

04:25 – Sophie wechselt den Raum und spricht darüber, dass es bei Frauen zum Berufsalltag gehört, sich sexistische Kommentare anzuhören. Sie beginnt, andere Frauen vorzustellen, die nun unten im Bildschirm eingeblendete, herablassende, sexistische Kommentare vorlesen, die über sie selbst geschrieben wurden. 

Mein erster Gedanken ist: Das kennt man. Bestimmt kommt gleich der Hinweis darauf, dass die Idee nicht von Sophie, Joko, Klaas oder ProSieben kommt, sondern ursprünglich von Jimmy Kimmel in dem Format „Celebrities read mean Tweets“ – das war damals exakt dasselbe.

Mein zweiter Gedanke ist: Ich bin gespannt, aus welchen Bereichen sie jetzt Frauen zeigen. Woher sie Frauen nehmen, die das im Alltag erleben. Spoiler: Gar nicht.

04.35 – Die erste Frau ist Fernseh-Moderatorin Jeannine Michaelsen, die die Fernsehsendung „Joko gegen Klaas“ auf ProSieben moderiert.

Ja, war vermutlich ziemlich schwer, eine Frau zu finden, die im Internet sexuell belästigt wird, also holen sie sich die aus den eigenen Reihen, denke ich, und rüge mich sofort innerlich selbst für meinen beißenden Sarkasmus. Jeannine hat meinen Zynismus, meine Verbitterung nicht verdient. Sie liest widerliche Kommentare und hat mein ehrlich gemeintes Mitgefühl, das auf eigener Erfahrung basiert. Ein bitterer Beigeschmack bleibt mir aber, den ich einfach nicht wegbekomme. Ich hoffe auf den Twist „aber nicht nur unsere eigene Moderatorin, sondern natürlich auch Frauen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, erleben das!“.

Erneuter Spoiler: Er bleibt aus.

05:13 – Sophie weist darauf hin, dass es nicht nur Frauen aus dem „Unterhaltungsfernsehen“ betrifft, sondern auch „Journalistinnen“. 

Die Enttäuschung darüber, dass keine Frau fernab der Öffentlichkeit gezeigt wird, schwindet kurz und an ihre Stelle tritt die Hoffnung auf einen Namen wie Dunja Hayali.
Haha, höre ich mich dann innerlich – Dunja Hayali bei ProSieben.

Der war gut.

05:28 – Visa Vie wird als Repräsentin für Journalistinnen angeführt – ich kenne sie nicht, sie interviewt Rapper und macht selbst Musik, wie ich danach erfahre. Die Kommentare, die sie liest, sind abscheulich. 

Ich schwanke zwischen der Resignation über die Wahl der Frauen und Mitgefühl und Ekel beim Hören der Kommentare. Überraschung ist keine dabei. Natürlich nicht.

06:07 – Sophie stellt die dritte Frau vor, ich hoffe nicht mehr auf den Twist. Die dritte Kategorie ist „Model und Influencer“. Stefanie Giesinger tritt auf, eine ehemalige Kandidatin der ProSieben-Sendung Germany’s Next Topmodel, die ich immer recht sympathisch fand. 

Auch bin ich nicht überrascht. Als GNTM-Kandidatin, als Model, das in der Öffentlichkeit steht, überrascht mich keiner der Kommentare. Es ist keine Indifferenz, keine Gleichgültigkeit, es ist nur… es überrascht mich einfach nicht. Das Mitgefühl, die Verbundenheit sind da, ich fühle das, was ich da höre. Aber überrascht bin ich nicht. Stattdessen mischt sich dieses Mitgefühl mit… Enttäuschung.

Enttäuschung über die Auswahl der Frauen:

Fernseh-Moderatorin der eigenen Sendung, Rap-Journalistin und bekanntes GNTM-Prosieben-Model. Alle drei Personen der Öffentlichkeit, alle drei schön, alle drei schlank, alle drei deutsch, alle drei weiß, alle drei cis.

Es ist offensichtlich in diesen wenigen Minuten die Zeit vorhanden, in Kategorien zu teilen. Dinge zu sagen wie: Aber nicht nur Fernsehmoderatorinnen sind betroffen, SONDERN AUCH…… bekannte Models!

Die Zeit war da. Die Idee war da. Die Umsetzung war da. Aber die Message wurde: „Nicht nur in diesem einen Bereich des öffentlichen Lebens werden bekannte, deutsche, weiße, cis-Frauen sexuell belästigt, sondern auch in anderen.“

Die Message hätte sein können:

Nicht nur deutsche/weiße Frauen werden belästigt, sondern auch WoC.

Nicht nur schlanke oder cis-Frauen werden belästigt, sondern auch trans Frauen und alle, die nicht der Norm entsprechen.

Nicht nur berühmte Frauen aus dem Fernsehen werden sexuell belästigt, sondern auch ALLE FUCKING ANDEREN.

Aber nein. Fernsehmoderatorinnen, Rap-Journalistinnen und Models aus dem ProSieben-Kreis. Ich fühle mit jeder einzelnen mit, ich hasse jeden einzelnen Kommentar, ich verurteile keine einzige davon für ihre Teilnahme, weil der Gedanke, die Sache, die Teilnahme, die Ehrlichkeit, die Überwindung und ihr Mut Wertschätzung verdienen. Weil kein einziger dieser Kommentare weniger schlimm ist, nur WEIL sie weiß sind, WEIL sie bekannt sind, WEIL sie sind, wer sie sind. Dafür kann keine der drei etwas. Keine dieser Frauen kann etwas für die Auswahl, die Joko, Klaas, Sophie oder wer auch immer getroffen hat und ich kann nur hoffen, dass jegliche Kritik NICHT an diese Frauen geht – aber… meine Wut hat nicht nachgelassen, meine Enttäuschung ebbt nicht ab.

Es ist Enttäuschung über eine verpasste Chance.
Wut über das, was hätte sein können, aber nicht ist.

0:53 – Sophie erzählt, dass im Schnitt 16 von 100 Kommentaren sexistisch sind – „unter den Videos von weiblichen Influencern“ (sie sagt zum zweiten Mal „weibliche Influencer, statt Influencerin – ich denke kurz an Simone de Beauvoir und „Das andere Geschlecht“). Unter den Videos von männlichen Influencern seien 0 Kommentare sexistisch. 

Als erstes denke ich: Das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass unter Videos von männlichen Influencern kein einziger sexistischer Kommentar ist, die Quelle dieser Zahlen würde ich gern sehen. Dass die Diskrepanz riesig ist, darüber müssen wir natürlich nicht sprechen. Aber null? Nun ja.

Dann denke ich an den Anfang der Sendung, an die Aussage „gehört für uns zum Alltag“ und meine intuitive Frage zu Beginn: Wer ist hier „uns“? Wer ist hier das „wir“?
Ich gehöre offensichtlich nicht dazu, denn ich bin weder Palina Rojinski, die von ihrem Insta-Profil erzählen kann, noch bin ich Journalistin, Moderatorin, Model oder Influencerin. Und nein, spart euch die Kommentare, ich bin KEINE Influencerin und schon gar nicht die Sorte, die hier gemeint ist. Und selbst wenn auch ich nicht repräsentativ bin mit meinen im Vergleich hierzu lächerlichen 24k Twitter-Followern, so habe ich parallel dazu durch meine Anonymität auch ein Alltags-Ich, das hier definitiv nicht mitgemeint ist und zudem gibt es überdies Millionen von Frauen da draußen, die in diese Kategorien schlicht und ergreifend nicht fallen.

07.52 – Die nächste Kategorie sind Chatverläufe, die anonym gesammelt wurden. Der Einspieler ist mit James Bond-artiger Musik hinterlegt, ein elegantes Weiß auf Schwarz zeigt: „Die Chatverläufe der aussergewöhnlichen Gentlemen“.

Ich würde schmunzeln, würde das Design betrachten, würde mich unterhalten fühlen – wäre mir das Lachen nicht längst vergangen.

08.02 – Fernseh-Moderatorin Colline Ulmen-Fernandes und Schauspielerin Katrin Bauerfeind lesen im Wechsel übergriffige Whatsapp-Konversationen vor.

Mimik und Gestik der beiden sind überzeichnet. Ulmen-Fernandes spielt die Frau als nette Frohnatur, während Bauerfeind übergriffige Kommentare, inklusive Smileys,  von Männern vorliest. Sie spielt gut, Bauerfeind. Nun, sie ist immerhin Schauspielerin. Übrigens eine, die ich mag. Eigentlich. Sie macht Pausen an den richtigen Stellen, sie betont die richtigen Worte, sie runzelt die Stirn, stellt sich dumm, zeigt die Sinnfreiheit vieler Antworten, sie… ja – jetzt weiß ich es.

Sie unterhält.
Sie bringt die Zuschauer zum Lachen.

Man möchte bei ihrer Performance nämlich tatsächlich irgendwie… lachen, vor allem über die Dummheit dieser Kommentare, über die Dummheit dieser Männer, so scheint es.

Mir ist schlecht.
Die Wut in mir hat sich zu einem heißen, unangenehmen, brennenden Klumpen in der Magengegend verklebt, der Übelkeit in mir hervorruft. Es ist eine Wut, die ich nicht rauslassen kann, eine Wut, die ich nirgends abladen kann. Ich bin allein hier, vor dem Laptop, mit diesem Video und meine Wut hat kein Ventil, weil ich mit diesem Gefühl, dieser Wut irgendwie allein zu sein scheine.
Ich weiß jetzt schon um die Reaktionen, die ich hervorrufen würde, würde ich diese Wut auf Twitter offen kommunizieren. Nein, keine Chance. Ich beschränke mich darauf, es aufzuschreiben, meine Wut wenigstens in Worte zu fassen – veröffentlichen werde ich das hier wohl nicht. Definitiv nicht bald. Keine Ahnung. Aber irgendwohin muss ich damit, und wenn es nur auf das virtuelle Papier ist. Denn was mit Wut geschieht, die in einem brodelt, die man nicht rauslassen kann, was mit dem Gefühl der Hilflosigkeit geschieht, der schreienden Ungerechtigkeit, wenn man es mit sich selbst ausmacht, allein…. nun, das weiß ich aus Erfahrung.

10.10 – Die letzte Konversation ist eine Szene, bei der Collien Ulmen-Fernandes irgendwann aufsteht, weil ihre Rolle den Chat verlässt. Bauerfeind sitzt allein am Tisch, man sieht den Screenshot der Unterhaltung, die nur noch aus einseitigen, vereinzelten Nachrichten eines Mannes besteht, die sie nun vorliest. Im Hintergrund läuft Musik, die… nun, ich denke, sie soll traurig machen, soll beklemmen. Würde ich nur den Screenshot sehen, mit einer Nachricht nach der anderen, würde ich es fühlen. Weil es sich real anfühlen würde. So wie ich es aus Erfahrung kenne. Der Zuschauer hätte das Gefühl, das ich auch kenne, das so viele von uns kennen: 

Stille. Leere. Keine Gesellschaft. Keine Musik, keine Intros. Keine Unterhaltung.
Nur ein Display, auf das man starrt, während im Minutentakt, auch ohne dass man reagiert, eine Nachricht kommt. Über mich, über einen fremden Schwanz, über eine fremde Hand und was sie gern mit meinem Körper machen würde. Beleidigungen, weil ich nicht „fickbar“ bin. Kommentare über meine „Löcher“.
Das „Fickstück“, das ich so stolz in meiner Twitter-Bio trage, kommt nicht irgendwoher – es ist ein Zeichen der Selbstermächtigung, des Empowerments. Es ist ein Statement. Es ist ein Zwischenhalt auf dem Weg, den ich eingeschlagen habe. Auf einem Weg, den ich die ersten Meter durch den Dreck getreten wurde, nackt, entblößt, beschämt und passiv. Bis ich aufgestanden bin, mir das „Fickstück“ stolz um den Hals gehängt habe und aufrecht weiterging, als wäre eine verbale Beleidigung das Schlimmste, was mir je passiert ist.

Und ich weiß ganz genau, welche Lesergruppe diese Zeilen hier bis auf das letzte, versteckteste Gefühl nachempfinden kann.

Und das, genau das hätte man schaffen können, stattdessen liest Bauerfeind die Kommentare vor, stattdessen läuft Musik im Hintergrund, die dem Zuschauer sagt, was er fühlen soll. Stattdessen wird aus Realität eine Performance, ein Sketch, eine Inszenierung.

Stattdessen endet die Show damit, dass Sophie Passmann Beifall klatscht – wie man das eben so macht, wenn jemand eine gute Perfomance geliefert hat, wenn ein Schauspiel zu Ende ist.

10.30 – Sophie Passmann erklärt, dass sexuelle Belästigung nicht nur im Internet geschieht, sondern auch im echten Leben.

Wut in mir, schon wieder. Ich möchte Pause drücken. Möchte sie unterbrechen:
Als wäre sexuelle Belästigung im Internet weniger „echt“, möchte ich rufen. Andererseits, denke ich resigniert: Alles, was bisher gezeigt wurde, wirkte wie vieles, aber nicht „echt“.

10:58 Sophie Passmann führt die Zuschauer in einen Raum, der in Dunkelheit gehüllt ist. Einzige Lichtquellen sind die violetten Scheinwerfern, die von unten nach oben einige Säulen anstrahlen. 

Meine Assoziation: Die klassische Taschenlampe, die man sich von unten nach oben ins Gesicht leuchtet, wenn man sich am Lagerfeuer Gruselgeschichten erzählt. Die Musik im Hintergrund ist die eines Horrorfilms.

Eine Inszenierung mit Gruselgeschichten-Charakter.

Und sie widert mich an.

11:02 – Es werden Erzählungen von Frauen vorgelesen, dabei schwenkt die Kamera nach und nach auf einzelne Frauen, die einfach nur im Raum stehen; vermutlich sind es die, von denen die Erzählungen stammen. Sie erzählen von sexuellen Belästigungen und Übergriffen. 

Sexuelle Belästigung ist sexuelle Belästigung – ob das ein „ich würde dich viel besser ausfüllen als dein Freund“ ist, ein ungewolltes Anfassen, ein Bedrängen im Aufzug, ein ausgepackter Schwanz, der einem ungewollt gezeigt wird… keiner von uns weiß, welche Auswirkungen eine solche Handlung auf die Betroffene hat. Keiner. Es gibt kein „das ist schlimmer als das“, kein „darunter leidet man mehr als unter dem anderen“. Es gibt kein Skandalhaschen, kein „das ist die bessere Story“.

Außer natürlich man ist ein bekannter Fernsehsender, der es gewohnt ist, Einschaltquoten zu produzieren und Spannungsbögen zu kreieren, denn – in meinen Augen – ist es kein Zufall, dass die ersten beiden Erzählungen von verbalen Attacken berichten, die nächsten von Bedrängnissen, dann von ersten Berührungen und schließlich von Berührungen durch mehrere Männer in einem Fahrstuhl. Die Storys werden sehr offensichtlich „krasser“ zum Ende hin – Spannungsbogen als klassisches Stilmittel.

Aber hey – immerhin sind wir in einer Kunstausstellung, richtig?

Und Kunst darf sich unterschiedlicher Stilmittel bedienen, um zu erreichen, was sie erreichen will.

Zum ersten Mal stelle ich mir die Frage, was das hier wohl sein mag.

14:17 – Sophie Passmann stellt den letzten Raum vor, spricht über Opfer von Vergewaltigungen und darüber, dass die häufigste Frage in solchen Fällen ist: „Was hattest du an?“, als gäbe es ein Kleidungsstück, das eine Vergewaltigung erklären könnte. Sie führt in den Ausstellungsraum, der die Kleidungsstücke von Vergewaltigungsopfern zeigt, während Frauenstimmen aus dem Off etwas dazu sagen. Die Musik bleibt weiterhin die eines Mystery-/ Psychothrillers. 

Noch bevor die erste Frau spricht, frage ich mich, wo der Hinweis darauf ist, dass diese Ausstellung (ähnlich wie die Sache mit dem Vorlesen von Online-Kommentaren, die Jimmy Kimmel bekannt gemacht hat) nicht die Idee von Joko, Klaas, Sophie oder ProSieben war, sondern dass es 2018 im Centre Communautaire Maritime in Molenbeek (Belgien) eine tatsächliche Ausstellung gab von Kleidungsstücken von Vergewaltigungsopfern, die exakt diese Frage zum Thema hatte.

Auch bei den Erzählungen dieser Frauen wird – und bei dem Gedanken wird mir erneut schlecht – mit einem Spannungsbogen als Stilmittel gearbeitet, wird am Ende, wohl für den Schock-Effekt, ein Pyjama gezeigt, eine Frau erzählt, dass sie 8, 9, 10 und 13 Jahre alt war, als sie vergewaltigt wurde.

Ihre Worte zum Abschluss sind unterlegt mit einer spannungsgeladenen Musik, die den Schock vermutlich verstärken soll. Die ein Gefühl erzeugen soll. Eine Assoziation kreieren. Einen Schock auslösen.

Bevor der Bildschirm dramatisch schwarz wird.

16:01 – Auf schwarzem Bildschirm steht in – endlich – schlichter, weißer Schrift: 

Fast die Hälfte aller Frauen in Deutschland
wurde schon einmal sexuell belästigt.

Jede siebte Frau in Deutschland hat bereits
strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt.

Bis heute werden nur knapp 10% aller Vergewaltigungen
zur Anzeige gebracht. 

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Akustikversion von „Seven Nation Army“ an dieser Stelle gelungen finde, weil die Stimmung durchaus irgendwie trifft und auch der Text nicht zu leugnen geeignet ist, aber… ich frage mich weiterhin, weshalb man dieses Thema mit Effekthascherei, mit Kunstgriffen, mit Stilmitteln, mit Musik verzieren muss, es „spannender“, „emotionaler“ machen muss. Auf diese Frage finde ich bis jetzt keine Antwort.

Resigniert und dennoch erleichtert über die klare Botschaft im Abspann, warte ich weiterhin auf Hinweise darauf, dass die Grundideen zu essentiellen Teilen nicht von ProSieben und den Beteiligten kommen. Warte auf Hinweise, wenn schon nicht zu Jimmy Kimmel, okay, dann doch wenigstens zu der eigentlich, ursprünglichen Ausstellung der Kleidungsstücke in Belgien.

Ich werde in dieser Hoffnung nicht nur enttäuscht, sondern geradezu verraten, als plötzlich ein Dank für die Zusammenarbeit mit Terre de Femmes auf dem Bildschirm erscheint, dem „Frauenrechtsverein“.
Einem Verein, der striktes Kopftuchverbot fordert, der sich gegen die Einführung des Begriffs „Sexarbeit“ wehrt, der Prostitution verbieten will, Vergewaltigungen im Bereich Sexwork mit Prostitution vermischt und gegen sexuelle Selbstbestimmung von Frauen ist, wenn sie nur anders leben als von ihnen gedacht. Ein Verein, der islamophobe und LGBTQ-feindliche Tendenzen hat und der die Kampagne „RotlichtAus“ unterstützt, ein sexworkfeindliches Vorhaben, das Frauen diskriminiert und offen zugibt, dass sie Männer ächten wollen, die für freiwillig angebotene sexuelle Dienstleistungen bezahlen.

16:28 – Es folgen Hotlines und Nummern von Hilfetelefonen für Frauen, die von Gewalt betroffen sind.

Das letzte Bild ist – natürlich – das Logo von Joko und Klaas. 


Darf ich?

Ich bin überfordert und ratlos, jetzt, da ich hier sitze, allein mit meiner Wut und der unterschwelligen Übelkeit.

Ich lese Twitter und andere Social Media Plattformen, in denen Frauen sich unter einem gemeinsamen Hashtag zu Wort melden. Ich lese, wie Frauen schreiben, dass sie durch dieses Video erst begriffen haben, dass sie sexuell belästigt wurden. Ich lese, dass Männer schockiert sind und sich nun Gedanken machen. Ich lese, dass Frauen von ihren Erfahrungen berichten und über sie reden. Ich lese, dass ein Hashtag als Zeichen genutzt wird, um über etwas zu sprechen, was so dringend zur Sprache gebracht werden muss. Ich lese, dass es Menschen gut tut. Also darf ich doch nichts dagegen sagen.

…oder?

Wie kritisiert man etwas, das doch inhaltlich so genau das zur Sprache bringt, wofür man selbst versucht etwas zu tun? Wie kommuniziert man die eigene Wut über etwas, das so vielen Menschen hilft?

Denn ja, ich bin wütend. Ich fühle mich hilflos, bin maßlos wütend, enttäuscht und verstehe tatsächlich nicht, weshalb so viele Menschen so ausschließlich positiv, mit so viel Lob auf dieses Video reagieren.
Ich empfinde Ekel, wenn ich sehe, dass dieses Thema, das so missachtet wird, so verkannt, so klein geschwiegen im Vergleich zu seiner geradezu absurden Präsenz, ernsthaft mit Stilmitteln, Spannungsbögen und Musik verpackt werden muss – als wäre es nicht „spannend“ genug.

Darf ich das sagen?

Warum zur Hölle muss man dieses „15 Minuten Sendezeit wurde geopfert“-Gefühl aufbringen? Joko und Klaas haben Sendezeit und Reichweite ohne Ende – wäre ihnen das Thema ernsthaft, und ich meine ERNSTHAFT wichtig, dann hätten sie längst Mittel und Wege gefunden, ihre Reichweite dafür zu nutzen oder tatsächlich etwas dafür ZU TUN.

Hätten sie ernsthaft die Absicht gehabt, das Thema ehrlich und ungeschönt an die Menschen heranzutragen, dass hätten sie genau das getan.

Warum nicht durchschnittliche Frauen, PoC, trans-Frauen, wenigstens weiße Studentinnen statt Promis auf einen Stuhl vor eine weiße Wand setzen und ohne Musik und Effekte diese Kommentare vorlesen lassen? (Übrigens wie Jimmy Kimmel, der eine Reihe von Comedy-Clips gemacht hat von Promis, die ihre eigenen „mean Tweets“ lasen, über die dann gelacht wurde, um schließlich die Diskrepanz herauszustellen, als er dasselbe mit Kids und Cybermobbing gemacht hat – Kinder, die Kommentare vorlesen. Keine Effekte. Keine Musik. Stille. Weil es nicht zum Lachen war.)

Warum nicht Bilder von Schwänzen einfach… zeigen? Nicht eingerahmt, unter einem Vorhang, als fucking Kunst-Exponat, damit man eben am Ende doch ein bisschen darüber schmunzelt, weil man von „Künstlern“ spricht.

Warum nicht einfach Screenshots von Konversationen zeigen, die die Zuschauer selbst lesen können, ohne Musik, ohne eine Sketch-artige Schauspielleistung, um eben doch ein kleines Lachen zu erzeugen?

Warum nicht die Message „Männer, fangt bei euch selbst an“ mit einbringen, wo doch Joko und Klaas vor Jahren selbst übergriffig waren und mit Leichtigkeit hätten zeigen können, dass man aus eigenen Fehlern lernen kann?

Darf ich diese Fragen stellen?

Warum so tun als wäre ein Hashtag, unter dem Frauen von Erfahrungen mit sexueller Gewalt sprechen können, die Idee einer ProSieben-Produktion und nicht die von selbst betroffenen Feministinnen vor einigen Jahren? Warum wird auf Jimmy Kimmel, auf #metoo und auf die Ausstellung in Belgien nicht wenigsten hingewiesen, als wären Joko, Klaas und Sophie Passmann die Helden, die nun, aus dem Nichts, großzügig ihre Sendezeit opfern für dieses wichtige Thema und all diese grandiosen Ideen zur Umsetzung hatten, die vermutlich auch noch einen Grimme-Preis dafür verdienen, als wären sie die Hauptdarsteller dieser „Story“.

Warum Frauen, als Opfer von sexueller Gewalt, in einen abgedunkelten Raum stellen und mit Inszenierung, mit Lichteffekten und mit untermaltem Ton und spannender Musik dafür sorgen, dass alles eben doch ein bisschen wie ein unterhaltendes Fernsehen wirkt? 

Als bräuchte man Lichteffekte, um das ungefragte Bild eines Schwanzes als Übergriff zu erkennen.

Als bräuchte man den inszenierten Rahmen einer Kunstausstellung, um dem Thema Spannung zu verleihen. 

Als bräuchte man unterlegte Musik, damit Zuschauer wissen, dass sie jetzt Abneigung fühlen müssen, wenn eine Frau von einer Vergewaltigung spricht.

Darf ich solche Dinge äußern?

Ich frage mich jetzt, da ich mich so in Rage schreibe, ob ich das sagen darf. Ob ich diese Fragen stellen darf. Ob ich etwas so hart kritisieren darf, das doch einen positiven Effekt hatte. Ob ich mir wünschen dürfte, dass wenigstens einer dieser Punkte umgesetzt worden wäre. Für gewöhnlich bin ich jemand, der bei harter, forscher, „hättest es mal so und so gemacht“-Kritik Dinge sagt wie „mach es doch erstmal besser“.
Menschen, die einfach aus Prinzip kritisieren, ohne je selbst etwas annähernd so Großes/Gutes/Erfolgreiches/Wichtiges getan zu haben, ohne die Herausforderung selbst zu kennen, mag ich eigentlich nicht. Auch diese Frage hab ich mir lange gestellt: Ist das, was ich hier mache, gerade heuchlerisch? Muss ich es erst besser machen, um es kritisieren zu dürfen?

Nun, die Frage ist ja irgendwie… was würde denn „besser machen“ bedeuten? Woran misst sich der Erfolg einer solchen Aktion? In der Anzahl der Klicks? In der Reichweite? In der Medienpräsenz? In der Zahl der Tweets darüber?

Dann habe ich definitiv keine Chance, das steht außer Frage. Mit 24k Lesern und selbst dem Multiplikatoren-Potential von Twitter habe ich keine Chance, jemals die Reichweite von ProSieben zu erlangen. Aber… geht es darum? Geht es darum, dass nun fünf Tage lang Menschen über etwas sprechen? Ja, mag sein, in gewisser Weise schon – darüber reden führt zu Präsenz, zu Aufklärung, zum Umdenken, wenn es gut läuft. Dahinter stehe ich sonst ja immer. Aber was kommt dann?
Was kommt, wenn der Sturm im Internet abgeebbt ist? Wenn der Schock verdaut wurde, wenn der Zuschauer wieder GNTM schaut, weil ProSieben kurz darauf wieder nackte Minderjährige zeigt, die von Heidi Klum für ihr Leben geprägt werden? Was dann? Gehen die Einschaltquoten solcher Sendungen nach unter, weil ein Umdenken stattfand? Bilden sich Organisationen? Werden Vereine gegründet, die Frauen kostenlos Selbstverteidigung beibringen oder ihnen zeigen, wie man übergriffige Männer frühzeitig erkennt? Verbreiten Joko und Klaas jetzt Homepages, in denen Frauen erklärt wird, bei welchen Stellen man sich am besten Hilfe sucht, wie man mit Schuldgefühlen umgeht?

Darf ich diese Fragen stellen? 

Schaffe ich es, bei aller Feinheit in der Sprache, bei aller mir verfügbaren Eloquenz, zu kommunizieren, dass diese 15 Minuten in mir in erster Linie Übelkeit und Wut erzeugt haben, ohne dass jemand den Eindruck bekommt, ich nehme die Frauen in dem Video nicht ernst, kritisiere die Message, spreche den Frauen, die nun darüber schreiben und twittern ihre Erfahrung mit dem Video, ihre Gefühle der Verbundenheit ab?

Wie kritisiert man die reine Umsetzung, wenn doch das Ziel – darüber zu sprechen – erreicht wurde? Darf man das überhaupt? Denn selbst wenn die Umsetzung, die Mittel vielleicht fragwürdig sind – wenn das Ziel erreicht wurde, ist es dann nicht per se eine gute Sache?

Der Zweck heiligt die Mittel – Fragezeichen

Ja, das ist wohl die Frage: Heiligt der Zweck die Mittel?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Bislang habe ich zu den Menschen gehört, die hier nein sagen würden. Ich bin ein Kind der Aufklärung, der Kategorische Imperativ liegt meinem moralischen Kompass zugrunde und intuitiv möchte ich „nein“ sagen, weil ich nicht glaube, dass wir so denken dürfen. Weil ich nicht glaube, dass wir einmal anfangen dürfen, Prinzipien einzuführen, die uns das Genick brechen können. Wenn wir einmal sagen „hier heiligt der Zweck die Mittel“, wo machen wir dann weiter? Wer entscheidet dann, wann dieses Prinzip okay ist und wann nicht? Wo zieht man Grenzen und wer entscheidet über diese Grenzen?

Nein, wenn ich darüber nachdenke, heiligt der Zweck die Mittel nicht.

Wenn ich darüber nachdenke, stärkt mein Verstand meiner Emotion den Rücken.

Wenn ich darüber nachdenke, komme ich nicht nur auf Wut und Hilflosigkeit, sondern auf die überlegte, wenngleich vermutlich beliebte Meinung, dass es nicht in Ordnung ist, ein solches Thema zum Unterhaltungsobjekt zu machen.

Aber darf Kunst das nicht?

Für mich ist das keine Kunst, sondern Unterhaltung. Das ist klassische ProSieben-Unterhaltung. Das ist kein Schriftwerk, kein Musikstück, keine Installation, kein Bild. Nur weil es sich „Kunstausstellung“ nennt, ist es keine Kunst. Also nein, das hier war in meinen Augen keine Kunst, sondern Unterhaltung, und dieses Thema ist für mich keines, das unterhalten, „schockieren“ oder „gruseln“ soll.

Aber ist es nicht schlussendlich egal, solange am Ende etwas Gutes getan wurde?

Ist das denn der Fall? Ja, stimmt, viele Menschen sprechen darüber, viele Frauen hatten einen positiven Effekt. Vielleicht entschädigt das bereits alles – ich weiß es nicht. Ich fühle mich auch nicht in der Position, das zu beurteilen. Ich möchte auch nicht so weit gehen, zu behaupten, dass es Sophie, Klaas und Joko nur um Klicks, um Preise und Bekanntheit ging. Aber… nun ja, den schalen Beigeschmack bekomme ich eben nicht weg.

Hier wurde ein Thema genommen, das nicht ganz so alltäglich in den Medien diskutiert ist wie beispielsweise Flüchtlinge es in den letzten Jahren waren, aber eines, das eben doch so präsent ist und so viele Menschen betrifft, dass es eine breite Masse anspricht. Es ist ein Thema, gegen das man quasi nichts sagen kann, bei dem man sich – wenn man es denn zum Thema macht – im Grunde nicht wirklich auf ernstzunehmende Kritik einstellen muss, denn… egal wie sie es tun: sie opfern ihre kostbaren 15 Minuten Sendezeit für das Thema Gewalt gegen Frauen.

Dieses Thema kündigen sie dann mit allen Mitteln der (Werbe)Kunst an: Sie opfern ihre Sendezeit, was den altruistischen Charakter unterstreicht. Das Thema ist auf 15 Minuten beschränkt, was ja an sich schon ein Werbegag von ProSieben ist, weil es was einerseits mehr Zuschauer anlockt, weil man sich keinen Abend dafür Zeit nehmen muss und andererseits das Gefühl vermittelt, dass das Zeitfenster so klein ist, dass das ja etwas Besonderes sein muss, man es also keinesfalls verpassen darf.

Es wird ein Disclaimer geschaltet, den ProSieben selbst auch in Social Media postet. Allerdings keine tatsächliche inhaltliche Warnung, keine ernst zu nehmende, neutrale Formulierung, keine Triggerwarnung wie „Wer sich von Themen wie Gewalt oder Vergewaltigung getriggert fühlt, der…“. Nein, es kommt – genau wie bei guten Filmen! – ein „Nichts für schwache Nerven!“.

Dann verpacken sie das Ganze in ein Format, das den klassischen Prime-Time-Zuschauern alles bietet, was es braucht: Ein inhaltlicher Spannungsbogen, Special-/ Licht- und Toneffekte, einen inhaltlichen Rahmen (Kunstausstellung „Männerwelten“ mit dem direkten Vergleich und der rhetorischen Assoziation zu „Körperwelten“, einer umstrittenen Skandalausstellung, die für Aufsehen sorgt). Es wird sprachlich angekündigt, das Folgende sei gruseliger, krasser und heftiger als jeder bisher bekannte Horrorfilm, der Zuschauer wird durch Effekthascherei und die Aussicht auf ultimative Spannung bei Laune gehalten.

Und statt dann in den 15 Minuten Wert auf die eigentliche Aussage, auf die Vielfalt der betroffenen Frauen, auf Ehrlichkeit und tatsächliche, ungefakte Realität zu legen, ist das Video voll von Stilmitteln und Spannungseffekten, von Sketch-Comedy-artiger Performance, von spannungsgeladener Hintergrundmusik, von rhetorischem Bei-Laune-halten, um sicher zu gehen, dass auch in kurzen 15 Minuten niemand wegzappt, weil „die Story“ ihm vielleicht doch „nicht krass genug“ ist.

Und die Resonanz?

Es folgen Twitter-Trends und in den großen Medien werden Tweets zitiert wie „Warum braucht es erst Joko und Klaas um das Thema so offen im TV zu thematisieren? Das hätte schon längst stattfinden müssen!“ (Quelle). Nun, ist es eigentlich, #metoo war genau das. Der Aufschrei war groß, von Politik, Prominenz und Gesellschaft, aber wie viel hat sich tatsächlich verändert? So viel, dass wir heute, bei einem solchen Video, dieselben Aussagen, dieselbe heuchlerische Empörung wieder von vorn beginnen, als hätte in den letzten 20 Jahren oder überhaupt noch nie jemand darüber gesprochen.

Der Stern nutzt seine Reichweite, um die bereits berühmten weiblichen Promis in der Sendung der Reihe nach vorzustellen – nichts über sexuelle Gewalt an Frauen. Der Artikel schließt mit „Die meisten Frauen in dem Video sind Mitarbeiterinnen aus dem ProSieben-Universum oder enge Vertraute von Joko und Klaas. Aber ihre Erzählungen stehen stellvertretend für Erfahrungen, die Millionen Frauen in Deutschland gemacht haben“.

Spiegel beschränkt sich auf rein beschreibende Berichterstattung und schließt mit einem Absatz über Joko und Klaas und ihre Sendung auf ProSieben.

T-Online titelt skandalträchtig „Joko und Klaas schockieren live mit Sexismus-Ausstellung“, zitiert Tweets, die Joko und Klaas danken (statt den Frauen), und endet mit „Eine überwältigende Mehrheit im Internet ist begeistert. Der Rest dürfte wohl eher zu der Fraktion gehören, der wegen seines eigenen Fehlverhaltens vor Scham im Boden versank„, damit abschließend klargestellt ist, dass Kritik nur bedeuten kann, man stünde nicht hinter der Sache. Und: Als würde jetzt plötzlich, wegen Joko und Klaas, ein Mann, der einmal ungestraft eine Frau vergewaltigt hat, „vor Scham im Boden“ versinken, weil er diese 15 Minuten „Kunstausstellung“ gesehen hat.

Klar.

Als einzige lässt die Süddeutsche Asha Hedayati, Rechtsanwältin für Familienrecht in Berlin, zu Wort kommen, die die Zusammenarbeit mit Terre de Femmes kritisiert, die fehlende Vielfalt an Frauen sowie die in ihren Augen teilweise geheuchelte Betroffenheit von Politikern auf Twitter.

Und jetzt?

Ja, und jetzt?
Was geschieht danach?

Was machen Joko, Klaas und Co. jetzt, im Anschluss, mit all der Medienpräsenz tatsächlich gegen Gewalt an Frauen? Ich bin auf nichts gestoßen. Ich habe nichts gefunden. Ich lese Artikel über diese 15 Minuten, sehe Diskussionen über eventuelle Preise für die Aktion. Es gab Reichweite. Klicks. Publicity. Werbung für alle Beteiligten. Geheucheltes Lob von Politikern, die am Ende doch nicht wirklich viel tun. Und sonst? Wo sind die Aktionen? Die Anlaufstellen?

Wie ehrlich war diese Aktion, wir aufrichtig ist das Bedürfnis, Frauen hier wirklich zu helfen, ernsthaft etwas zu bewegen, wenn die jetzt gewonnene Reichweite nicht genutzt wird, außer für das passive Beobachten eines Twitterhashtags, der in 3 Tagen wieder abflaut, nachdem man ein reißerisches, effekthaschendes, skandalträchtiges, unterhaltendes Video gemacht hat, das zumindest den Effekt hatte, dass man darüber redet?

Und: Darf man diese Frage überhaupt stellen oder ist dieser gesamte Beitrag hier viel zu kompliziert gedacht, weil die Antwort nicht mehr ist als ein simples:

 

We love to entertain you. 

3 Kommentare zu „Männerwelten – We love to entertain you

Gib deinen ab

  1. Liebe Ophelia,

    danke für diesen großartigen Blogbeitrag. Ich habe diese 15 Minuten geschaut und hatte ein seltsames Gefühl. Dank Deines Beitrags verstehe ich dies nun. Hoffentlich erreicht Dein Blog noch sehr viele.

    Danke!

    Gefällt 3 Personen

  2. Volltreffer! 👍
    Ich hatte mehrere Tage hintereinander von diesem Video gelesen und hatte erwartet, dass es ein echter Knaller sein muss.
    Erst 4 oder 5 Tage nach der Sendung habe ich es mir angeschaut und hab mich gefragt was daran so besonders war.
    Nach der ganzen #metoo Debatte in den letzten Jahren hätte auch ich mit etwas viel kritischem gerechnet. Darum habe ich die Diskussion über das Video auch nicht weiter verfolgt, bis zu Deinem Beitrag hier. 👏👏👏

    Gefällt 1 Person

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