#Gemeinsameinsam

Oder: Mal wieder eine Lektion in der Lektion

Seit einer Woche sitze ich nun gefühlt rund um die Uhr am Laptop.

Seit Tagen habe ich keinen Sport mehr gemacht, wenig geschlafen, mich bis Sonnenaufgang in Arbeit vergraben, zum Frühstück wieder angefangen, sporadisch gegessen. Angst um Omi verdrängt, Angst um meine finanzielle Situation verdrängt, Angst um meinen krebskranken Vater verdrängt, der weiter im Kundenkontakt arbeitet, Angst verdrängt vor einer Zeit, die alles verändern wird und jegliche Gedanken dazu, die ein wenig tiefer gehen als ein oberflächliches „auch schon gehört?“ zur Seite geschoben. 

Ich kenne das von mir.
Wenn ich weiß, ich kann etwas nicht ändern, mit dem ich aber nur schwer zurechtkomme oder mich ablenken möchte, stürze ich mich in Arbeit. Allerdings nicht immer in etwas Sinnvolles, Vernünftiges oder in etwas, das mir auch tatsächlich Geld bringen würde (wie beispielsweise die Zeit nutzen, um mein nächstes Buch früher zu veröffentlichen) – nein. Ich suche mir Arbeit, Beschäftigung, die anderen hilft. Weil anderen zu helfen für mich immer der größte Antrieb ist in Phasen, in denen ich selbst mit mir hadere.

Der #Quarantänekerker sprengt nun alles an „hätte nie erwartet, dass das so wird“, das ich in den letzten Jahre hier so getrieben haben – und wer mich nun seit einer Weile  liest, weiß, dass das einiges war. Ich habe das Ausmaß dieser Sache so komplett unterschätzt wie selten etwas. Und eben sitze ich hier, unkonzentriert und nervlich irgendwie am Ende und spüre einen Druck, der mich kaum mehr atmen lässt und den ich nicht verstehe… Dann schreibe ich meinem engsten Team, kotze mich kurz aus, verzettele mich in einer Nachricht, die damit endet, dass ich nicht weiß, wie ich ihnen sagen kann, wie dankbar ich bin.

Und noch während ich schreibe, wird es mir bewusst, was da so drückt:

Ich blogge allein.
Ich schreibe allein.
Ich mache meine Runden allein.
Ich organisiere mich allein.
Ich bin unabhängig und brauche niemanden – und ja, es hat vermutlich seine Gründe und sicherlich auch eine Geschichte, dass mir das die liebste Art zu arbeiten ist.

Meine Zielgruppe sind Einzelpersonen. Die Runden dann 12 Frauen, aber überschaubar und gut organisiert. Ich habe viele einzelne Projekte, mal eine Runde, ein Buch, ein Beitrag, die zusammen ein Ganzes ergeben. Durch die ich zusammen über die Runden komme. Wenn eines wegfällt, weil ich es nicht schaffe, ist es schade oder ärgerlich, aber kein Drama.

Das hier… ist das Gegenteil.

Es ist groß, es vernetzt, es bringt Menschen zusammen, die es bereits nach wenigen Tagen gewohnt sind, sich abendlich zu treffen. Die mir schreiben, der Discord gibt ihnen Halt in Quarantäne und Isolation – jetzt schon. Keine vielen kleinen Projekte, sondern eine Maschinerie, das nur als Gesamtes funktioniert. Das ich jetzt entweder am Laufen halte… oder eben nicht. Und wenn nicht, dann hängen da nicht ein oder 12 Leute dran, denen ich dann einzeln schreiben kann, sondern mehrere hundert.
Und was an Arbeit dahinter steckt, sieht im Vordergrund kaum jemand – die Struktur, der Aufbau, die Gestaltung der Räume, die rechtliche Absicherung in der Hausordnung, Jugendschutz, Datenschutz, Anfragen bearbeiten und nebenbei ein Team aufbauen.
Ich meine, es gab erst vor einigen Monaten einen riesigen Fall, der auch auf Twitter viral ging von einem großen Account, dem sein Server aus rechtlichen Gründen um die Ohren geflogen ist. Ich meine… dieses „anderen helfen“ in allen Ehren, aber was natürlich der absolute Großteil in seinem „ich geh halt mal online und zock mit meinen Leuten“-Modus nicht sieht: für mich hängt da meine finanzielle Existenz (mit)dran. Über diesen Namen, diesen Account, über Twitter lebe ich, verdiene ich mein Geld, verlinke ich meinen Blog, verbinde ich zu Patreon und poste vor allem meine Runden. Wenn ein so großes Projekt schief geht, mir ernsthaft um die Ohren fliegt oder sich wirklich mal jemand tummelt, der ernsthaft Mist baut, dann geht das auf mich zurück und ich weiß mittlerweile, wie schnell das Internet auch mal gegen dich sein kann. Also nein, es ist nicht nur die Arbeit, der Zeitaufwand, das Wissen, dass ich nebenbei nichts verdiene, die verdrängte Angst im Hinterkopf, das Gefühl der Überforderung, sondern auch ein immenser Druck, weil ich viel zu verlieren habe. 

Und eigentlich wäre es auch recht schnell vorbei gewesen, noch bevor es groß geworden wäre, denn es hat keine 24 Stunden gedauert, bis ich dachte, das war’s. Diesmal hab ich zu hoch gegriffen, diesmal hab ich mich wirklich über- bzw. diese Sache einfach falsch eingeschätzt. 

Aber dann…. sind da diese Leute.

Dieses Team, das sich innerhalb weniger Tage kennengelernt, zusammengefunden und organisiert hat. Ein Team aus Freiwilligen, die komplett unterschiedlich sind, aber sich gegenseitig vertrauen, weil *ich* ihnen vertraue und die zusammenarbeiten, chatten, reden, schreiben und telefonieren – Tag und Nacht.
Und ich sitze hier, lerne Stück für Stück dieses „delegieren“, dieses „Arbeit abgeben“ und trotzdem ist alles noch so viel und dann, auf einmal, merke ich, was mich so stresst: E
s ist ohnehin schon so viel – aber ohne diese Menschen wäre es unmöglich.
Und dann erkenne ich mit einem einzigen Schlag ein Gefühl, das ich in Verbindung mit Arbeit nicht mehr kenne:

Ich bin auf andere Menschen angewiesen.

Ich sitze also hier, spüre Angst davor, dass diese ja im Grunde Freiwilligen nach ein paar Tagen eben doch genug haben und und spüre Dankbarkeit, die mich fast wahnsinnig macht, weil ich sie nicht in Worte fassen kann und einige dieser Menschen niemals erfahren werden, wie dankbar ich ihnen wirklich bin. Fühle Wertschätzung, ohne zu wissen, wie ich sie zum Ausdruck bringen soll. 

Und in diesen Gedanken, diesen Erkenntnissen begreife ich das absolut Faszinierende, sehe den Effekt, der sich bei meinen Projekten ja immer irgendwie erst im Nachhinein als Lektion für mich selbst herausstellt:

Ich habe diese Idee umgesetzt unter dem Motto #gemeinsameinsam – als Mensch, der ausschließlich allein arbeitet, der sich immer davor hütet, sich auf andere einzulassen, Menschen an sich ranzulassen, anderen zu vertrauen, sich Arbeit abnehmen zu lassen und… andere zu brauchen. Weil es meine heftigsten Themen sind, durch die zu gehen ich Jahre gebraucht habe und die mich nicht umsonst auf einen Weg geführt haben, den ich zu großen Teilen allein gehe. Es ist eine bewusste Entscheidung, ich fühle mich wohl damit, es hat mir damals geholfen und mich durchatmen lassen, diesen Weg einzuschlagen. Dann verging Zeit, vergingen Jahre und ich… gewöhnte mich daran.

Und ausgerechnet ich sitze nun hier unten, in diesem Kerker, umringt von Menschen, die mich unterstützen und mich irgendwie von null wieder an mit dem Gefühl vertraut machen, sich gegenseitig zu brauchen. Da wehre ich mich jahrelang gegen etwas, weil ich einfach meine Themen damit habe, setzt eine Schnapsidee um, weil ich anderen Menschen die Möglichkeit geben will, sich zu verbinden und zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu stützen, setze neue #gemeinsameinsam-Hashtags und glaube allen ernstes, dabei als Einzige nicht angesprochen zu sein. 

Glaube allen ernstes, dass es möglich sein könnte, dass ich inmitten diesem ja von mir selbst geschaffenen Ort sitzen zu können und nicht damit rechnen zu müssen, dass da überall Menschen stehen, die mir den Rücken freihalten wollen, mir Last von den Schultern abnehmen, die freiwillig Verantwortung teilen und mir so viel von dem Druck nehmen. Und ja, dieses Gefühl ist neu. Es ist merkwürdig und ziemlich ambivalent. Ich mag die Abhängigkeit nicht. Das Gefühl, Menschen zu brauchen. Die Angst, dass… jemand geht. Der Gedanken daran, dass dieses Projekt sich nicht mehr allein trägt, es im Grunde nie getan hat.

Aber… so wie ich mich damals an einen recht einsamen Weg gewöhnt habe, so merke ich – wenn ich mit Tränen in den Augen zu genau diesen Menschen darüber spreche – dass ich gerade dabei bin, mich an neue Dinge zu gewöhnen.

Mich damit anzufreunden, Arbeit abzugeben.
Es zu genießen, dass ich nicht für alles verantwortlich bin.
Zu begreifen, dass ich es bin, die von meiner eigenen Lektion gerade am meisten lernt:

In einem „Gemeinsam“ einsam zu sein, ist nicht möglich,
ob man will oder nicht.

 

Und vielleicht ist das manchmal auch ganz gut so.


 

 

Und weil es einfach eine gute Sache ist, die ich unbedingt am Laufen halten will:

Falls ihr einer der Häftlinge da unten seid, die aus dieser Sache irgendetwas ziehen oder falls ihr merkt, dass unter dem Hashtag #Quarantänekerker zurzeit auf Twitter viele Menschen darüber sprechen, wie gut dieses gemeinsame Projekt tut, wie sehr es vielen von uns – auch mir – hilft und ihr findet, dass das eine unterstützenswerte Sache ist, in die zurzeit nicht nur meine gesamte, sondern auch die Arbeitszeit anderer fließt, oder falls ihr mir ermöglichen möchtet, diesem unglaublichen Team, ohne die ich zurzeit aufgeschmissen wäre, demnächst mal eine Pizza zu spendieren, damit wir bei einer großen Team-Skype-Session anstoßen können, um uns gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, dann unterstützt diese Sache doch mit 4 Euro:

https://www.patreon.com/join/federpeitsche/signup?ru=%2Fjoin%2Ffederpeitsche%2Fcheckout%3Frid%3D4757537%26cadence%3D1

Oder (falls du Patreon einfach nicht magst) über einen Zuschuss auf Paypal an:

ophelia_bdsm@yahoo.com

 

 

 

2 Kommentare zu „#Gemeinsameinsam

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  1. Ich muss ein bisschen schmunzeln, ich verstehe sehr gut, was du meinst… und ich freue mich für dich und bin auch sehr dankbar für das, was du – was IHR – da geschaffen habt. Danke!

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