Panta Rhei

Oder: Von Wurzeln und Flügeln

Meine Lieben,

ich beginne diesen Beitrag am 29.12.2019, es ist kurz nach 7 abends. Ich würde lieber auf der Couch sitzen und Rogue One schauen, über #StarWarsmitO twittern und so tun als wäre mein größtes Problem, dass ich heute keine Avocado mehr habe und mir für die Nachos keine Guacamole mehr machen kann.

Aber es wäre eine Flucht, es wäre Davonlaufen, einmal mehr. Einmal mehr – zu all den Malen dazu, die ich dieses Jahr und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, auch in den letzten Jahren vor dem davongelaufen bin, dem ich mich eigentlich hätte stellen sollen.

Also schreibe ich, obwohl ich nicht weiß, was es mit mir machen wird, wenn ich ausgerechnet über dieses Thema schreibe. Es in Worte zu formulieren und auszusprechen ist eine Sache – und schon dabei kommen mir zurzeit bereits Tränen. Es in geschriebene Buchstaben zu packen und auf dem virtuellen Papier festzuhalten, sodass ich nicht nach dem Ausformulieren so tun kann, als wären die Worte nur so lange relevant wie ihr Echo andauert, sondern sie weiterhin schwarz auf weiß vor mir zu sehen, ist eine völlig andere Sache. Für mich zumindest.

Es macht mir Angst.
Genau deshalb mache ich es.

Am Ende des Jahres schreibe ich für gewöhnlich einen Bilanz-Beitrag. Ich lese mir den vom letzten Jahr durch, mit allem, was ich mir vorgenommen habe und… ziehe eben Bilanz. Dann schaue ich auf das kommende Jahr und stelle es unter einen Stern. Oder besser: Ein Wort, ein Stichwort, einen Leitfaden. Der Leitfaden war für 2019 „Freiheit“. Den Beitrag dazu kann man auf meinem Blog nachlesen. Ich habe ihn mir heute nicht mehr durchgelesen, weil mir die Kraft dazu fehlt und weil das letzte bisschen Kraft, das ich habe, in diese Zeilen hier fließen wird. Damit ich sie an meine Brieftaube binden kann, die sie in die Welt hinausträgt und ich frei davon in das neue Jahr starten kann. Das passendere Bild wäre wohl, sie einem Drachen zu geben, der sie verbrennt. Oder noch besser: Sie zum Phönix zu legen und zu warten, bis er sie mitnimmt, bei seinem Prozess der Neuentstehung – ja, dieses Bild passt.

Anyway. Ich schreibe heute keinen typischen Bilanz-Beitrag, keinen #DearDiary-Beitrag und schon gar nichts Unterhaltendes. Ich schreibe heute, zum ersten Mal seit es diesen Blog gibt, nicht „für euch“, nicht „auch für euch“, sondern ausschließlich für mich. Wenn das, was dabei rauskommt, trotzdem ein paar Leuten etwas bringt, umso besser. Am Ende kommt ein Schloss davor, ein Passwort. Wenn Patrons ihn lesen, sind das bereits Leser im dreistelligen Bereich – das ist mehr als genug. 20.000 Menschen, die potentiell Zugriff auf mein Innerstes haben, sind mir zu viel.

Ich versuche nun also in Worte zu fassen, was die letzten Wochen mit mir los war, was die nächsten Monate mit mir los sein wird und weshalb überhaupt irgendetwas mit mir los sein kann, in einer Lebenssituation, die anderen vermutlich privilegiert erscheint.

Und dann, ganz von allein, entsteht ein anderes Bild in meinem Kopf. Höre ich eine ganz andere Stimme… Und dabei verschwimmt meine Sicht schon wieder.

Das Gute ist: Ich kann blind tippen.
Und auch:

Ich lächle dabei.
Schwach zwar, aber ich lächle.

Es ist das Bild von jemandem, der keine Eltern hat, keine Geschwister, der sich völlig allein einer Reise gestellt hat, die ihn verändert hat. Nicht nur zum Guten, aber auch. Der herzzerreißende Abschiede hinnehmen musste, aber am Ende erkennt, dass er irgendwie doch nie wirklich einsam war.

Es ist das Bild eines Hobbits.


„Wie macht man weiter,
wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt,
dass man nicht mehr zurück kann?“

Frodo, Der Herr der Ringe


Depressive Anpassungsstörung und wichtige Erkenntnisse

In meiner Trauma-Therapie ging es nur selten um diagnostische Begriffe. PTBS, okay. Angststörung, Panikattacken. Depression. Diese Begriffe kamen vor, aber außer dem PTBS, das ja auch Überbegriff für die anderen sein kann, haben wir nur selten über die einzelnen Begriffe gesprochen. Weil es nicht wichtig war. Es ging darum, woher es kam und darum, wie man es löst. Was auch immer „es“ ist. Die Therapie war gut, sie hat mir das Leben gerettet.

Eine Erkenntnis, die ich in den letzten Wochen hatte, war, dass ich vielleicht gar kein Mensch mit klassischen Depressionen bin oder jemals war.
Ich war schwer depressiv, ja. Und ich habe in den letzten 10 Jahren rund 4 Erinnerungen an das Gefühl der Depression, an diese Wellen der Dunkelheit, die einen mitreißen.
Die erste war die lange, schwere Depression, die zusammen mit all den anderen Dingen kam und nur durch die Therapie zu lösen war. Sie kam nachdem ich von meiner Mutter weggezogen bin, sie in die erste Klinik kam und ich zusammengebrochen bin, von 19 Jahren Trauma. Das hielt ein paar Jahre und es war die schlimmste Zeit meines Lebens.
Die zweite Welle war nach meinem „Reset“, wie ich es gern nenne. Beziehung beendet, ausgezogen, in die Großstadt gewechselt und die WG gegründet mit dem besten Freund. Ich war frisch umgezogen und die Veränderung war einfach too much für mich – mit dem Exfreund hatte ich zusammengewohnt, und nun neue Wohnung, neue Menschen, neue Stadt, Single. Am ersten Abend in der Wohnung, zwischen Umzugskartons kam der Zusammenbruch.
Die dritte Welle war nur ein Jahr später, als meine Mutter dann gestorben ist.
Die vierte Welle kam vor 2 Wochen.

In den letzten 2 Wochen habe ich viel nachgedacht über diese letzten zehn Jahre und die Muster dahinter. Und ich hatte eine Erkenntnis, die mich weitergebracht hat:
Das, worunter ich bisweilen leide, ist keine klassische Depression aus dem Nichts, sondern eine Anpassungsstörung, eine depressive Anpassungsstörung, mit diversen Nebenerscheinungen, wenn man so will. Definitiv aber eine Anpassungsstörung. Für die, die sich weniger auskennen: Das bedeutet, die Depression (oder die Angststörung oder was auch immer) ist die Reaktion auf ein Ereignis. Das kann ein Trauma sein, ein Schicksalsschlag, eine Trauer-Erfahrung oder eine heftige Veränderung. Man kommt mit irgendeinem Ereignis nicht klar und reagiert dann mit einer Depression oder ähnlichem.

Meine Depressions-Wellen kamen nie aus dem Nichts, sondern immer nur als Reaktion auf ein Ereignis; Dauer und Intensität dem Ereignis entsprechend.
Das Blöde daran: es ist ein Beweis mehr dafür, dass ich nicht so psychisch stabil bin wie der Durchschnitt. Dass ich noch immer Schwierigkeiten habe mit gewissen Dingen, die das Leben so bereithält und dass ich vermutlich auch weiterhin noch mit vielen Situationen im Leben zu kämpfen haben werde, weil ich manches nicht so wegstecke, wie andere es vermutlich tun.
Das Gute daran ist: es bedeutet, dass es tendenziell leichter ist, damit umzugehen, weil ich den Auslöser kenne und dann „nur“ den Umgang mit dem Auslöser lernen muss. „Nur“, ihr wisst schon. Haha.

Vor 2 Wochen bekam ich eine Nachricht, die erst zu einer Panikattacke, dann zu einem Nervenzusammenbruch führte und dann… ja, zu einer dieser Wellen eben, die mittlerweile ein wenig abgeflaut, aber definitiv noch da ist. Es war eine Nachricht, die allein gesehen eigentlich kein Weltuntergang ist, aber die ein Tropfen war, der ein Fass zum Überlaufen gebracht hat, von dem ich nicht einmal wirklich registriert hatte, dass es schon so voll war. Eine Nachricht, die eigentlich nur einzuordnen ist, wenn man den Kontext kennt.

Von vorn. Diesmal richtig.

Triggerwarnung – Depression, Suizid, Psychische Krankheiten, Alkoholismus, Eltern, Krebs.

Ich bin Einzelkind. Meine Kindheit und Jugend habe ich bei meiner Mutter verbracht, die psychisch sehr krank war, manisch-depressiv, schizophren und schwer alkoholabhängig. Es gab auch sehr, sehr schöne Zeiten, aber normal ist eben anders. Meine Kindheit bestand im Grunde aus der Aufgabe, für sie da zu sein, weil Alleinsein schwierig für sie war. Schulausflüge, Exkursionen, Schullandheime, Austausch fielen für mich aus. Über Nacht wegbleiben kam nicht infrage. In der Schule war ich lange Außenseiter. Nachts wurden ihre Wahnvorstellungen schlimmer, sie hatte Schreianfälle, ich musste sie wecken, beruhigen und bin dann wieder ins Bett. Durchschlafen war mir bis Anfang 20 nicht bekannt und auch da habe ich eine Therapie gebraucht, um die Alpträume wegzubekommen – ich wachte auch noch von ihren Schreien auf, als ich allein wohnte.

Manchmal erkannte sie mich nicht, manchmal wurde es grenzwertig, manchmal dachte sie, ich sei 5 Jahre alt statt 15. Manchmal war sie weinerlich, manchmal aggressiv. Wenn ich nach Hause kam, konnte ich am Geräusch ihre Schritte hören, ob die Stimmungslage heikel war oder nicht. Ich lernte in jüngsten Jahren schon, feinste Stimmungen wahrzunehmen – vielleicht bin ich unter anderem deshalb heute so empathisch. Früher war es Überlebensstrategie. Ich war nie im Kindergarten – bei meinem ersten Besuch stand sie weinend an der Tür, weil sie es nicht ertrug, allein nach Hause zu gehen. Ich weinte ebenfalls, erzählte den Erzieherinnen, es gefiele mir hier nicht. Wir gingen nach Hause und das Thema war abgehakt. Mit 4 Jahren brachte ich mir irgendwie selbst das Lesen bei, was ich heute noch nicht ganz verstehe. Ich weiß nur, dass ich in diesem Alter schon Bücher las. Bücher waren meine Freunde, meine Zuflucht, mein Anker, meine Welt. Die Welt der Buchstaben hält mich zusammen, das ist so, seit ich denken kann.
Mit 11 fand ich ihr erstes Alkoholversteck, mit 14 fing ich an, die Flaschen zu zählen. In ihren schlimmsten Zeiten, während ich Abi gemacht habe, waren es 2 bis 3 Flaschen Cognac täglich. Der Alkohol machte die Psychosen schlimmer und umgekehrt. Ich könnte euch jetzt die wirklich dunklen Geschichten erzählen. Das, was nachts geschah, welche Unfälle ich mitangesehen habe und wovon ich Alpträume hatte, die zu meiner Trauma-Therapie geführt haben. Aber das erspare ich euch. Ich reiße mich nicht darum, darüber zu schreiben – das Thema ist durch. Ich kann darüber sprechen, muss es aber nicht mehr tun. Und im Grunde tut es hier nichts zur Sache.

Als ich in der Oberstufe war, wurde ihre Krankheit so schlimm, dass es für mich nicht mehr leistbar war und auch Außenstehende zwangläufig davon mitbekamen. Dann kamen Kliniken, geschlossene und offene. Nach heftigen Zwischenfällen schließlich auch Phasen, in denen niemand wusste, wo sie war, weil Pflegekräfte falsche Schichten getauscht haben und sie ohne Aufsicht unterwegs war – manchmal tage-, einmal wochenlang – bis man sie schließlich in einem Obdachlosenheim fand. Dann wieder Kliniken. Am Ende ein Ausbruch zu einem ebenfalls psychisch und alkoholkranken Mann, bei dem sie ihre letzten Monate verbrachte und mit dem sie sich, um es so zu sagen, zu Tode getrunken hat. Von dort aus kam sie nach einem Unfall, den sie einigermaßen überlebte, ins Krankenhaus und nach einigen Tagen schließlich ins Hospiz. Diese Zeit begann, als ich 19 war, ein Jahr vor meinem Abi, und dauerte 6 Jahre.
Ich war am Ende häufig bei ihr. Sah sie in ihrer schlimmsten Verfassung und begleitete sie, als sie an der Leberzirrhose starb. Das zu tun war über Jahre hinweg meine größte Angst. Eine Angst, der ich mich schließlich stellte. Deren Konfrontation mich befreite. 3 Wochen später ließ ich mir mein erstes Tattoo stechen.

Am zweiten Tag dieser 6 Jahre, gleich nachdem ich auszog und sie in die erste Klinik kam, hatte ich meinen ersten und fatalsten Zusammenbruch, der eine Welle über mich brachte, die mich für 7 Jahre begleiten würde. Eine Welle aus Depression, Angststörung, Panikattacken, sehr fiesen Alpträumen, Flashbacks und anderen Begleiterscheinungen des PTBS. Die Therapie war gut, ohne sie hätte ich vermutlich nie gelernt, dass es nicht die Verantwortung des Kindes ist, sich um die Mutter zu kümmern, sondern dass eigentlich ich diejenige war, um die sich jemand hätte kümmern müssen. Ich denke, dieses Verstehen war der Kern des Prozesses.

Meine Oma, mütterlicherseits, war und ist präsent, seit ich denken kann. Wie ich ohne sie manche Phasen überlebt hätte, weiß ich nicht. Und bei der Beerdigung und einigem Papierkram hat mir auch mein Onkel viel geholfen. Ganz allein war ich nicht, aber wenn man eine derart symbiotische Verbindung zu einem Elternteil hat, drehen sich die eigenen Themen erstmal hauptsächlich um nichts anderes.

Mein Vater hat nach der Scheidung (ich war 3) wieder geheiratet, 2 Töchter bekommen, mit denen ich kaum je Kontakt hatte und auch heute keinen habe, und sich später wieder scheiden lassen. Er hat lange versucht, sich einzumischen, dafür zu sorgen, dass ich „rauskomme“, die Welt sehe, aufwachse, wie Kinder es eben tun sollten, aber meine Mutter hatte das alleinige Sorgerecht. Es war Außenstehenden kaum möglich zu erkennen, dass sie krank war. Ich denke, auf ihn hat es gewirkt, als hätte ich mich gewehrt. Irgendwann hat er aufgegeben und ich bin mit einer sehr merkwürdigen, schwierigen, ambivalenten und mehr als sporadischen Vaterfigur groß geworden, die mir erstmal nur gezeigt hat, dass man sich auf Männer nicht verlassen kann.
Wir hatten teilweise Monate, manchmal Jahre keinen Kontakt. Mit Anfang 20 bekam ich auch von ihm von Depressionen mit, dann von einer Alkoholkrankheit und anderen Dingen. Ich war sporadisch involviert und dann wieder nicht.

In diesen Jahren ging ich die einzige monogame, ernsthafte Beziehung meines Lebens ein, sie hielt 4,5 Jahre, wir wohnten zusammen. Es war großartig und schrecklich. Er war Musiker, ein Genie und ein großartiger Mensch, bis heute. Aber er hatte seine Themen, genau wie ich. Wir waren teilweise beide depressiv, nur dass ich mit allen Mitteln dagegen vorging und er eher darin verharrte und passiv wurde. Monatelang Dunkelheit in der Wohnung, kein Sex, keine Kommunikation.

Durch die Therapie hat zumindest mein Kopf gelernt, dass ich für meine Eltern oder andere nicht verantwortlich bin – die emotionale Folge hingegen war ein permanentes Schuldgefühl, das ich über Jahre mit mir herumtrug. Das Gefühl, kalt zu sein. Abzuhärten. Egoistisch zu sein. Manchmal auch schlecht. Mich emotional aus der ungesunden Beziehung zu meiner Mutter zu lösen, zu akzeptieren, dass ich ihr nicht helfen konnte, sie sich nicht helfen lassen wollte, war der schwierigste Schritt meines Lebens. Mich nicht in die Schwierigkeiten meines Vaters hineinziehen zu lassen, verstärkte das Schuldgefühl. Und als ich schließlich aus Verzweiflung diese Beziehung beendete, nachdem ich die letzten 1,5 Jahre mehr litt als sonst etwas, war der Berg meines Schuldgefühls, meines „ich lasse Menschen im Stich“ nicht mehr überschaubar.

Selbstschutz, einen gesunden Egoismus zu entwickeln, Grenzen zu ziehen, nach sich selbst zu schauen, ist in meinen Augen die absolute Basis für die psychische Gesundheit des Menschen. Ich schreibe heute nicht umsonst so viel über Grenzen und über „gesunden Egoismus“. Es sind Erkenntnisse, die mir nicht zugeflogen sind. 

Bei meiner Mutter hörte das Schuldgefühl auf, als sie starb. Als sie Frieden fand und ich mit ihr. Als ich eine angemessene Zeit trauerte, alles verarbeitete und dann begriff, dass es jetzt okay war, wenn ich mich über das Leben freute, weil ich nicht gleichzeitig im Hinterkopf hatte, dass sie irgendwo in einer Klinik lag und litt. Es ging ihr gut. Das Schuldgefühl war weg. Die Verantwortung war weg. Ich durfte glücklich sein.
Das führte erstmal zu einem Absturz, einem völligen Tief. Einem Gefühl der absoluten Leere. Als hätte ich meine Existenzberechtigung verloren. Ich wusste nicht mehr, wofür ich auf der Welt war. Was meine eigentliche Aufgabe im Leben ist. Seit dieser Zeit beginne ich immer in dunklen, schwierigen Zeiten, mir die Frage zu stellen, was meine Aufgabe im Leben ist. Nicht zwingend in einem suizidalen Kontext, sondern eher philosophisch, rein kognitiv. Prinzipiell nichts Schlechtes, aber in Wahrheit etwas sehr, sehr Gefährliches. Wenn es mir gut geht, wenn ich stabil bin, stelle ich mir diese Frage nicht. Wenn ich merke, ich denke über solche Dinge nach, ist es ein Indiz dafür, dass ich am Abgrund tanze.

Ich wünschte, ich könnte jetzt eine philosophisch adäquate Antwort liefern oder zumindest eine Auflösung des Fragenstellens selbst. In Wahrheit wurde dieser Kreislauf unterbrochen durch etwas ganz Profanes – nämlich, als ich anfing, Salsa zu tanzen. Als ich anfing, etwas zu tun, was ich immer schon tun wollte – allein für mich. Etwas, das pure und reine Lebensfreude, das absolute Genießen des Augenblicks bedeutet. Salsa hat mir beigebracht, dass es nicht immer darum geht, eine Aufgabe zu haben, sondern dass die reine Schönheit eines einzelnen Augenblicks, das Erleben eines Moments von reinem Glück im Hier und Jetzt mehr als genug sein kann.

Salsa hat mich zum Leben erweckt und durch die Energie, die ich darin fand, beendete ich mein Staatsexamen, fing wieder an zu schreiben, suchte einen Job, fand neue Wege und entdeckte eine neue Sexualität. Es war wie ein Schneeballeffekt, eine Lawine. Eine Lawine von der anderen Seite, die tatsächlich gegen die dunkle Welle ankam.

Mein Vater löste sich vor 4 Jahren von seiner und meiner Heimatstadt. Ich weiß und begreife heute so viele Dinge… Im Grunde hätte er diese Stadt, unter der er sein Leben lang unglaublich gelitten hat, auf alle erdenklichen Arten, schon viel früher verlassen müssen. Er zog nach Berlin, wo er heute noch lebt. Er hörte auf zu trinken, änderte viel, löste sich von alten Mustern und wurde im Grunde von heute auf morgen zu dem Vater, den ich mir immer gewünscht habe. Bezeichnenderweise hatten wir das eine, erste verbindende Gespräch über… BDSM.
Ja, es stellte sich irgendwann heraus – durch einen Zufall, der mir damals sehr creepy vorkam und über den ich heute lachen kann – , dass er seit Jahrzehnten mit der SM-Szene zu tun hat. Zu Beginn fragte ich nicht weiter nach, wollte keine Details wissen. In den letzten 4 Jahren folgten aber zahlreiche Gespräche und heute weiß ich im Grunde alles, was für eine Tochter zu wissen okay ist. Zum Beispiel, dass er Switcher ist, tendenziell dominant. Er hat mir auch erzählt, wie schwierig es war, früher, als er gerade erst volljährig war, Dominas zu finden. Oder wie er auf sein erstes Event ging und dass es damals noch kein Joy gab und man „die richtigen Leute kennen“ musste. Oder dass er meine Mutter einmal zu einem Swingerclub-Besuch überredet hat und wie das endete. Oder was man im Kitty so treibt – ja, über meinen Vater habe ich das Kitty überhaupt kennengelernt. Es waren schräge Gespräche, gute Gespräche, lustige Gespräche. Manchmal wollte ich mich umdrehen und gehen, weil es so awkward war und manchmal haben wir tierisch gelacht.
Vielleicht war oder ist das nur so möglich, weil wir nicht die klassische Vater-Tochter-Beziehung haben und ich nicht bei ihm aufgewachsen bin, ich weiß es nicht. Ich weiß, dass wir uns keine persönlichen Sex-Details erzählen und dass wir uns in Berlin von Beginn an gut abgesprochen haben, wer heute wann ins Kitty geht und wer dann lieber ausweicht. Und ich weiß, dass BDSM bei uns beiden eine Brücke geschlagen hat. Es war, als hätten wir die eine, heimliche, tiefe Gemeinsamkeit gefunden, die uns als Vater und Tochter identifiziert. Der Beweis, das wir dieselben Gene haben, ganz gleich, wie die ersten 25 Jahre meines Lebens funktioniert haben. Etwas, das nur wir beide verstehen, sonst niemand. Schwer zu beschreiben. Er ist er selbst bei mir, er zeigt mir, wer er ist, er muss nichts verstecken. Und umgekehrt ist es ebenso. Er weiß Dinge, die nicht einmal meine Oma weiß. Das verbindet – auch wenn es nicht die klassische Verbindung ist. Und auch, wenn es manchmal awkward ist, wenn durch Zufall komische Verbindungen herauskommen. Mittlerweile können wir über den awkward-Part lachen. Und wir lachen viel.

Und ja. Mein Vater weiß mittlerweile alles von mir. Also… ihr wisst schon, nicht alles-alles. Aber er weiß von meinem Account, meinem Blog, der #FrauOenRunde, meinem Nebenjob. Er weiß es. Alles. Und er unterstützt es, pusht es, fördert es und ist tierisch stolz auf das, was ich da „für die Szene und junge Frauen mache“, wie er immer sagt. „Wenn es sowas in meinen jungen Jahren gegeben hätte…“.
Er folgt mir übrigens nicht und ist auch kein Patron, liest diesen Text hier also nicht. Natürlich hat er mal reingeschaut und Beiträge wie den über den Sexwork-Fachtag schicke ich ihm zum Lesen. Aber er will keine Details zu meinem Sexleben und auch keine Bilder sehen von mir in Outfits. Offenheit in allen Ehren, aber man muss es nicht übertreiben. Wir sind uns da sehr einig und es fühlt sich genau richtig an.

Seit er in Berlin wohnt, erinnert er sich an Dinge, die ich ihm erzähle. Denkt an mich. Vergisst keinen Geburtstag. Schickt mir kleine Päckchen zum Nikolaus und ist, trotz der Entfernung, irgendwie da. Ich besuche ihn, wenn ich in Berlin bin. Wir sehen uns etwa alle 2 Monate, im Schnitt. Und wir telefonieren. Seit 3 oder 4 Jahren kann ich sagen, dass ich das Gefühl habe, einen Vater zu haben. Einen, der mir wirklich, wirklich wichtig ist und dessen Abwesenheit einen mehr als großen Unterschied machen würde.

Seit 2 Jahren weiß ich, dass er Krebs hat.

Magen und Darm, was mich nicht überrascht hat, weil er seit ich denken kann, Magenschwierigkeiten und immer schon Geschwüre und OPs hinter sich hatte. Er geht noch arbeiten, hat aber immer häufiger Phasen, in denen es nicht mehr geht. Manchmal muss er unsere Treffen absagen, weil es ihm nicht gut geht. Im letzten halben Jahr hat er die Chemo abgesetzt, weil es ihm ohne deutlich besser geht als mit. Das hat sich in den letzten Wochen geändert, weshalb er im Januar wieder einen MRT-Termin und vermutlich wieder eine OP hat.

Manchmal wünschte ich mir, dass wir nie wirklich zueinander gefunden hätten, dann wäre das jetzt nicht so schwer. Andererseits weiß ich es natürlich besser. Er ist kein Held im Reden über Gefühle. Denkt, er würde mich schonen, wenn er nicht mit mir darüber spricht. Das Ergebnis ist dann, dass er ab und an tagelang nicht erreichbar ist, ich durchdrehe und schließlich im Nachhinein herausfinde, dass er im Krankenhaus war. Er meldet sich dann erst, wenn es wieder etwas besser ist, weil er denkt, dann mache ich mir weniger Sorgen. Tatsächlich erinnert es mich lediglich an die Zeiten, in denen ich nicht wusste, wo meine Mutter ist und ob sie noch lebt, habe dann das Gefühl, als würde ich das zum zweiten Mal durchmachen. Nur mit dem Unterschied, dass ich diesmal niemanden neben mir habe. Niemanden, der durch dasselbe geht, sich dieselben Sorgen macht. Meine Halbschwestern wissen nichts davon, der Kontakt zwischen meinem Vater und ihnen beschränkt sich auf Geburtstage oder Weihnachten. Er will nicht, dass sie sich nur wegen der Krankheit melden, sondern weil sie sich melden wollen. Ich finde das gelinde gesagt bescheuert und bin permanent dabei, ihn umzustimmen, aber meine Energie reicht eben auch nicht ewig und letzten Endes ist es auch seine Entscheidung.
Omi weiß natürlich von seiner Krankheit, hat ihren ersten Schwiegersohn immer gemocht, aber hat natürlich Jahrzehnte und damit emotionalen Abstand. Ich rede nicht oft mit ihr darüber, weil ich bei ihr meistens anfange zu weinen und dann weint sie auch und dann weine ich noch mehr und das macht im Grunde alles noch schlimmer. Ich werde irgendwann die Einzige sein, die einen Anruf bekommt und damit dann umgehen muss. Und ich weiß nicht, wann das sein wird. Und gleichzeitig genieße ich jedes Telefonat mit ihm und bin jetzt, da ich das zum ersten Mal aufschreibe, schon wieder dabei, mit verschwommener Sicht zu tippen.

Dieses Krebs-Thema war 2019 in meinem Hinterkopf sehr präsent. Es war wie ein unter der Oberfläche brodelndes Etwas, das ich nie zu intensiv angesehen habe, aber auch nicht ganz unterdrücken konnte. Es ist immer da. Ich träume davon. Es beschäftigt mich. Aber ich verdränge es permanent.

Hinzu kam (ich glaube, ich habe vor einigen Wochen bei meinem letzten Einbruch bereits darüber geschrieben) dass Omi älter wird und es darum geht, dass die beiden aus dem Haus raus sollten, wegen der Treppen, usw. Sie ist fit, aber mir ist bewusst, dass sie nicht ewig lebt. Das ist ein Thema, über das ich nicht einmal nachdenken kann. Und auch der Köter wird irgendwie zum Senior und irgendwie war 2019 einfach geprägt von diesem merkwürdigen Wissen, dass die nächste Welle, die nächste heftige Nachricht an der nächsten Ecke wartet. Dass man nicht ewig verschont bleibt.

Dass mein Glück, das ich endlich gefunden habe, einer Schonfrist unterliegt, ein Ablaufdatum hat.

Ich bin nach 14 Umzügen in meinem Leben und keinem festen Elternhaus nun seit 5 Jahren hier, in dieser Wohnung, dieser WG. Und habe zum ersten Mal das Gefühl angekommen zu sein. Glücklich zu sein, frei zu sein. Ich habe mir meinem Traum erfüllt, ich führe ein selbstbestimmtes Leben, die Therapie hinter mir, habe die Angststörung im Griff, meistens hinter mir gelassen. Bin glücklich, habe viel Spaß, großartige Menschen um mich und vor allem endlich das Gefühl, ein Zuhause zu haben. Eine feste Basis. Einen Familienersatz. Und dabei ist es völlig okay, dass ich in dieser WG-Konstellation der eher führende Part bin, an den der Rest sich wendet. Verantwortung zu tragen bin ich gewohnt, das ist nichts Schlimmes. Ich brauche keine Schulter zum Anlehnen und niemanden, der mir beim Leben hilft – das umgekehrt zu tun ist für mich eher ein gutes, gewohntes Gefühl. Gebrauchtwerden ist mir bekannt, es tut gut – im richtigen Maß.
Dass ich hier eine Basis habe, enge Menschen, Verbundenheit, die Seelenschwester, die in dieser Wohnung auf mich wartet… das hat mich ankommen lassen.

Und während all diese Themen nun dieses Jahr so vor sich hin gebrodelt haben und immer heißer wurden, ohne dass ich es gemerkt habe, und ich mir bei jedem siedenden Spritzer einfach nur gesagt habe „egal, was kommt, du hast ja hier deine Basis, dein Zuhause, die WG, deinen Anker“, habe ich nicht bemerkt, dass genau das geschehen ist, was niemals wieder zuzulassen ich mir seit Jahren geschworen habe:

Ich habe mich auf dieser Beziehung, dieser Konstellation ausgeruht. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich habe meine psychische Stabilität davon abhängig gemacht. Ich habe mir eingeredet, dass diese WG hier sich zwar irgendwann auflösen würde, aber dass das sicher noch viele Jahre gehen würde und dass ich mich dann darum kümmern würde, wenn es soweit war. Und bis dahin habe ich einfach nur genossen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben frei und glücklich sein durfte. Mein Geist wurde unaufmerksam. Meine Mauern bröckelten.

Ich habe diese Wohnung, die WG, mein Zuhause, vor allem mit der Seelenschwester und dem Köter als mein Mantra verwendet, meinen Patronus gegen all die anderen schwierigen Themen zurzeit: Egal, was kommt, ich bin nicht allein. Ich habe das.

Als die Seelenschwester mir also vor 2 Wochen in einem auch für sie schwierigen Gespräch mitgeteilt hat, dass sie auszieht, um mit ihrem Kerl zusammenzuziehen, habe ich gespürt, wie der siedend heiße, brodelnde Kessel schließlich überlief und mich, nackt und schutzlos und unvorbereitet, wie ich war, verbrannt und ertränkt hat, bis ich vor Schmerz und dem Gefühl, mir würde der Boden unter den Füßen weggerissen, keine Luft mehr bekam.

Berlin.

Richtig.
Die Seelenschwester zieht aus.

Ich freue mich für sie, wirklich. Der Kerl ist ein guter und die Beziehung ist eine sehr gesunde, stetige. Als sie es mir erzählt hat, bin ich trotzdem zusammengebrochen – nicht vor ihr, ich bin dann mit dem Köter laufen gegangen, als ich gemerkt habe, wie meine Haut heiß wird und ich die Welle diesmal einfach nicht mehr aufhalten kann. Die ersten Tage waren heftig. Ich war ziemlich weit unten, gefangen in einer Depression, zumindest in diesem Gefühl, dieser Dunkelheit, dieser Leere. Das Gefühl, mit all diesen anderen Themen ohnehin schon allein zu sein, vertausendfachte sich. Ich fühlte mich so haltlos, so einsam, so ohne Wurzeln wie seit Jahren nicht mehr. Als hätte ich niemanden, würde zu niemandem gehören, hätte keine Basis, keine Verbundenheit zu niemandem, keine Wurzeln, die mich am Boden festhalten, wenn der Sturm tobt. Ich wünschte mir Wurzeln, so sehr. Ein Elternhaus. Geschwister. Eine große Familie. Einen Partner. Irgendwas. Ich fühlte die Abwesenheit von tiefer Verbundenheit zu anderen Menschen in diesen Tagen so sehr, dass ich das Gefühl hatte, ich war ein auf tosender See treibendes Boot, das jemand nicht fest genug angebunden hatte und das nun am nächsten Riff zerschellt.

Ich aß kaum, verkroch mich. Versuchte auf Twitter so zu tun als wäre ich noch da, war es in Wirklichkeit aber nicht. Ich telefonierte mit Menschen – mit den richtigen. Mit sehr nahen Menschen, die mir sagten, dass ich nicht allein war und mein Kopf wusste es im Grunde, aber das Gefühl blieb. Es war nicht das Ausziehen und die Tatsache, dass allein das ein großes Ding für mich wird. Es war das Zusammenspiel von allem. Von der Sache mit meinem Vater, dem unterschwelligen Gefühl, dass ich bald von einem schweren Schlag getroffen werde, den Gedanken um meine Großeltern und dem einzigen Halt, der einzigen Stabilität, die ich in meinem Zuhause sah – das mir von einer Sekunde auf die andere entrissen wurde, ohne dass ich ein Mitspracherecht hatte. Der Vorstellung, hier wieder einen fremden Menschen in meine heiligen 4 Wände einziehen lassen zu müssen… Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich mit Veränderung ohnehin ein riesengroßes Problem habe.

Nach den ersten Tagen, in denen ich vor mich hinvegetiert bin, kam Berlin. Ich wusste, das musste ich durchziehen, obwohl ich noch nie so kurz davor war, es abzusagen. Aber die Runde stand an und die Mädels hatten Züge und Hotels gebucht und für den Abend bezahlt und sich gefreut. Zugleich wusste mein Verstand, dass mir der Abstand vielleicht gut tun würde. Mich hat selten etwas so viel Kraft gekostet wie die Anreise nach Berlin und die Runde an diesem Tag.

Der Freund, bei dem ich über die Tage wohnen durfte, holte mich vom Flughafen ab. Er ist ein großartiger Mensch, über den ich aus verschiedenen Gründen aber nicht viel schreiben will. Fakt ist, ich habe ihn als ewigen Junggesellen kennengelernt, als Menschen, der sich nicht bindet und viel Wert auf Freiheit legt. Auf dem Weg vom Flughafen hat er mir von seiner aktuellen Freundin erzählt und davon, dass er bei ihr langsam das Bedürfnis hat, sich zu binden und seinen Lebensstil zu verändern. Es ist merkwürdig, wie zweischneidig so etwas sein kann: auch bei der Seelenschwester freue ich mich und gönne es ihr von Herzen, ihm auch. Da war kein Groll, keine dummen Sprüche, kein Aufziehen, kein „ach wirst du jetzt auch handzahm“, gar nichts. Ich gönne es ihnen, vor allem den Menschen, die mir am Herzen liegen.
Aber ich musste mein Gesicht zum Fenster drehen, damit er nicht sah, dass mir Tränen kamen.

Es war als würden sich von heute auf morgen alle Menschen in meinem Leben an einen anderen Menschen binden, als hätten alle etwas gefunden, als würden alle irgendwo hingehören, außer mir. Ich weiß schon: dass dieses Gefühl überhaupt eine solche Dimension annehmen kann, ist natürlich u.a. meiner Kindheit und der Beziehung zu meinen Eltern geschuldet, dem fehlenden Urvertrauen, Verlassenheitsängsten, usw.
Ich hab die Therapie durch, ich kenn das Prinzip. Aber es zu verstehen, bringt eben nur bedingt etwas – denn das Gefühl geht deshalb nicht gleich automatisch weg.

Die Tage bei ihm waren großartig, auch wenn ich immer wieder Augenblicke hatte, in denen ich mir am liebsten heulend eine Umarmung abgeholt hätte und mir zehnmal hätte versichern lassen, dass er mich deshalb nicht vergisst, dass sich nicht alles ändern wird, dass wir weiterhin Freunde bleiben. Nochmal: Mein Kopf weiß das alles. Manche Dinge muss man trotzdem ein paar Mal hören, einfach weil es gut tut. Ich habe es natürlich nicht mehr angesprochen. Vielleicht weil ich mir kindisch und albern vorkam, weil ich im Grunde schon viel schlimmere Dinge durchgemacht habe und irgendwie auch nicht so richtig wusste, weshalb mich dieses Jahr so aus der Bahn wirft und auch ein bisschen, weil ich es einfach nicht gewohnt bin, nach außen Schwäche zu zeigen und meine Rüstung abzulegen. Nun ja.

Ich war froh, dass die Mädels in der Runde alle schon einmal dabei waren, viele sich kannten und der Abend quasi ohne viel Moderation meinerseits lief. Ich fühlte mich dennoch durchweg schlecht, weil ich einfach nicht ganz präsent und auch später nicht in Spiellaune war. Aber nicht einmal das schlechte Gewissen schaffte es, dass ich aktiver wurde. Im Grunde war ich froh über jede Stunde, die vorbeiging, ohne dass ich in Tränen ausbrach.

Die restlichen Tage in Berlin verbrachte ich mehr privat als geschäftlich, auch wenn das anders geplant war. Ich hatte alle Gespräche und Termine abgesagt, die ich hatte, weil mir der Kopf fehlte. Was dabei rauskam, waren die zumindest zeitlich entspanntesten Tage in Berlin, die ich je hatte. Besuche bei meinem Vater, die immer ambivalent sind, weil schön und zugleich emotional. Stunden allein für mich in der Hauptstadt. Und kein Hotel, sondern eine Wohnung, in der ich mich wirklich wohl fühlte. Ich glaube, so wohl wie ich mich noch nie in einer fremden Wohnung gefühlt habe und es liegt definitiv nicht am Whirlpool, auch wenn ich mich nicht über ihn beschwert habe.

Und dann waren da noch diese Frauen…

In erster Linie 4 Frauen, die ich auf Twitter bereits erwähnt habe. Frauen, die mich über die FrauOenRunde kennen, die meinen Blog und Twitter lesen, aber denen ich irgendwann erlaubt habe, hinter die Fassade zu sehen, die Illusion aufzulösen und denen ich anfing zu vertrauen. Mit diskreten Informationen von mir und Erzählungen und Eigenheiten und das alles ging Schritt für Schritt und endete irgendwie damit, dass ich diesmal in Berlin zum ersten Mal wirklich das Gefühl hatte, ich habe… Freunde. Richtige Freunde, die ich anrufen könnte, wenn ich in Berlin bin und jemanden zu Reden brauche. Die ich beim Abschied umarme und dabei merke, wie mir die Sicht verschwimmt, weil ich sie schon vermisse, wenn sie noch da sind, weil sie mir so gut tun. Es waren diese Frauen, die Abende mit ihnen, das erste Mal seit Tagen ehrlich lachen zu können, diese wunderbare Wohnung und der entspannteste Freund, bei dem ich einfach ich selbst kann, die dazu führten, dass ich wieder ein wenig Energie in mir spürte.

Auch in Berlin wachte ich ohne Hunger auf und aß meistens überhaupt nichts bis in die Abendstunden. Aber an jedem einzelnen Tag befand ich mich in Gesellschaft, die mir spätestens nach einigen Stunden so gut tat, dass ich spätestens gegen Abend Hunger bekam. Ich weiß, das klingt komisch und banal, aber wenn ich in solchen Zeiten essen kann, Hunger habe und in Gesellschaft etwas runter bekomme, dann ist das ein Zeichen, das so viel bedeutet, dass mir manchmal fast Tränen dabei kommen, vor Freude. Weil ich weiß, es ist ein Zeichen dafür, dass der Wind sich dreht.

Berlin und vor allem ein paar Menschen haben mich gerettet. Weil sie mir das entscheidende Gefühl gegeben haben, das ich in diesen Tagen gebraucht habe und das vermutlich völlig unbewusst:

Es war das Gefühl, dass ich in Berlin mittlerweile Leute habe, Freunde, Anlaufstellen, ein kleines aber sehr feines Netzwerk an Menschen, die mich kennen, auch offline, bei denen ich ich selbst sein kann und denen ich mich verbunden fühle – und durch dieses Gefühl hat die WG ein Gegengewicht bekommen.
Diese Wohnung in der Stadt, in der ich zurzeit wohne, die mir bislang wie mein einziger Halt in der Welt vorkam, bekam durch Berlin ein Gegengewicht. Etwas wurde ausgeglichen, von dem ich bislang nicht bemerkt hatte, wie einseitig es war. Bis es dabei war zu kippen. Aber gerade im letzten Augenblick kam Berlin und was ich noch auf der Heimreise erkannte, war:

Ich bin nicht so abhängig von dieser Wohnung, dieser WG, wie ich dachte. Ich habe nicht nur eine Base, nicht nur ein Zuhause, nicht nur einen Ort auf der Welt, an dem ich angenommen und willkommen bin und ich selbst sein kann. Ich bin in Berlin nicht mehr fremd und wenn ich weiterhin so regelmäßig dort bin, wird sich dieses Gefühl vermutlich noch verstärken.

Und dann, meine Lieben, kamen Gedanken.

Neue, gänzlich neue, beängstigende Gedanken. Sie kamen ganz automatisch, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können, sie machten mir Angst und zugleich spürte ich einen Sog, der sich nicht aufhalten ließ.

Meine wichtigste Erkenntnis

Es ist schon sehr faszinierend, alles. Je mehr ich darüber nachdenke, auch jetzt, wenn ich alles niederschreibe, desto mehr Erkenntnisse gewinne ich, desto überraschter bin ich – vom Leben, von mir selbst.
Der Einbruch vor 2 Wochen war so heftig, so tief, so dunkel, dass ich sicher war, wirklich absolut sicher, dass ich für die nächsten Wochen, vielleicht Monate in einer Depression feststecken würde. Ich war mir dessen so sicher, war so verzweifelt, dass ich mir für den 3. Januar einen Gesprächstermin bei einer Therapeutin ausgemacht habe, den ich selbst bezahlen werde, weil ich so schnell nichts anderes gefunden habe und das ich mir irgendwie geleistet hätte, weil ich wirklich SO verzweifelt war. Das, was ich in diesen beiden Wochen, hauptsächlich in der ersten, hatte, war oder ist eine klassische Anpassungsstörung. Eine heftige Reaktion auf einen Schlag, eine Veränderung, eine Nachricht – auf eine Situation, in der alles zusammenkommt und überläuft. Es war zu viel.
Zuerst hat diese Erkenntnis zu einem weiteren Tief geführt, weil ich daraus interpretierte, dass ich eben doch nicht so stark war wie ich mir immer einredete. Immerhin gehörte ich wohl zu den Menschen, die schon bei den gewöhnlichen Wendungen des Lebens einbrechen. Ich hatte den Eindruck, dieses ganze „du bist ein Kämpfer“-Ding hatte ich mir immer nur eingeredet, eigentlich war ich schwach und labil.

Jetzt gerade muss ich lächeln, wenn ich das tippe. Jetzt gerade sitze ich hier, esse Plätzchen, schreibe relativ nüchtern über die schlimmste Zeit meines Lebens, denke über neue Wege nach und merke, dass es mir relativ gut geht. Ich fühle mich…. hm, sagen wir sehr erschöpft. Als hätte ich eine zweiwöchige, sehr schwere Grippe gehabt. Ihr wisst schon, mit hohem Fieber und allem drum und dran. Und als bräuchte ich einfach nochmal 2 Wochen um wieder Treppen steigen zu können, ohne danach eine Pause zum Durchatmen zu brauchen. So fühle ich mich. Erschöpft, platt und innerlich ein wenig wund. Als müsse ich mich eben noch schonen und dürfte mir jetzt nicht zu viel aufhalsen, seelisch.
Ich fühle mich nicht depressiv, nicht verzweifelt, nicht hoffnungslos und nicht mehr so einsam. Das Echo ist noch da und in den nächsten Monaten wird es vermutlich immer wieder kleinere Talfahrten geben – aber das absolut krasse, im Grunde wichtigste an der Sache ist:

Diese Wellen, diese Anpassungsstörungen, die ich habe, werden kürzer.

Die erste hielt mehrere Jahre.
Die zweite etwa 6 Monate.
Die dritte rund 8 Wochen.
Und jetzt waren es zwei. Zwei Wochen und ich habe das Gefühl, das Schlimmste ist schon überstanden.

Und wer von euch auch nur im Ansatz nachfühlen kann, wie ich mich gefühlt habe, der wird begreifen, was diese Erkenntnis mit mir macht.
Ich bin nicht schwach oder labil, weil ich so auf schwierige Themen reagiere – im Gegenteil. Ich werde eben von meinen Dämonen heimgesucht, aber ich werde mit den Jahren permanent stärker und scheine es zu schaffen, sie in immer kürzerer Zeit wieder in die Knie zu zwingen.

Stärke zeigt sich nicht daran, dass man nie fällt.
Sie zeigt sich daran, wie zu verlässig man wieder aufsteht.

Von Wurzeln und Flügeln

Frodo:
„Ich wünschte, ich hätte den Ring nie bekommen.
Ich wünschte, all das wäre nie passiert.“

Gandalf:
„Das tun alle, die solche Zeiten erleben.
Aber es liegt nicht in ihrer Macht, das zu entscheiden.
Du musst nur entscheiden, was du mit der Zeit anfangen willst,
die dir gegeben ist.“

Ich wollte nie ein Mensch sein, der eine schwierige Kindheit hat, komische Wege geht, sich oft einsam fühlt, mit Dämonen und Drachen kämpfen muss und sich über die großen Fragen des Lebens zu viele Gedanken macht. Könnte ich tauschen, ich würde mich häufig dafür entscheiden, normal zu sein. Ein glückliches Elternhaus zu haben. Das Bedürfnis nach Mann und Kind und Haus zu haben. Ein stabiles Leben zu führen und damit zufrieden zu sein. Nicht immer, aber häufig.

Aber darüber nachzudenken, ist Zeitverschwendung – man hat nun einmal das Leben, das einem gegeben wurde. Ein paar Dinge können wir einfach nicht ändern. Aber wir können ändern, was wir daraus machen.
Ich war nie ein Mensch, der sich über seine Vergangenheit beklagt hat – der Grund dafür ist ziemlich absurd, das hat schon im Kindesalter angefangen: Durch die Wege, die ich ging und das Gefühl, anders zu sein, habe ich mich immer verbunden gefühlt mit meinen Helden. Harry war mein bester Freund. Mit Frodo habe ich Höllenqualen durchlitten. Droste Hülshoff hat mich mit einer einzigen Gedichtzeile zum Weinen gebracht. Die Liste ist lang.
Schon als Kind war mir durch meine Welt der Buchstaben eine Sache völlig klar: Alle, die mir Vorbild waren, die mich beeindruckten, denen ich mich verbunden fühlte, hatten es nicht leicht.

Die großen Dinge entstehen nicht aus einem perfekten Leben.
Die wichtigen Erkenntnisse zieht man nicht aus reinem Glück.
Das, was andere Menschen bestärkt, wächst nicht in strahlendem Sonnenschein. 

Auf der Heimreise von Berlin war ich übermüdet und in einem merkwürdigen Halbschlaf, der luzides Träumen fördert, der irgendwo zwischen wach und Schlaf ist. Ich träumte so halb von einem starken Wind. Irgendwo waren Berge, aber auch eine Berliner Straße, es war sehr wirr. Ich weiß noch, dass ich mir ständig wünschte, irgendwo festgemacht zu sein. Wurzeln, war das Wort, das ich in den letzten Tagen in Gedanken immer verwendet hatte. Ich wünschte mir Wurzeln. Elternhaus, Stabilität, das, was andere meistens haben und was mir immer gefehlt hatte. In der ersten Woche nach dem Einbruch wurde dieser Gedanke zu einem Ausdruck von verzweifeltem Selbstmitleid, immer wieder. Ich hätte so gern Wurzeln.

Nach einem Geräusch wachte ich auf.
Spürte das Echo des Traums und als wäre einfach… ein Vorhang gefallen, war die Antwort da. Kennt ihr das? Wenn plötzlich eine Antwort, eine Erkenntnis, eine Lösung einfach… da ist. Aus dem Nichts auftaucht, als hättet ihr nur in die richtige Richtung sehen müssen, als wäre sie immer schon da gewesen?

Da saß ich, übermüdet und gerade aus dem Halbschlaf aufgeweckt und auf mein ständiges „ich wünsche mir Wurzeln“ antwortete mein Kopf mit einem Bild. Es war das Bild eines meiner Tattoos. Ein kleines Tattoo mit einer immensen Bedeutung, das ich mir stechen ließ, nachdem ich vor Jahren den Reset gemacht hatte, den Neuanfang, die beste Entscheidung meines Lebens.

Es ist ein Vogel, der auf einem Käfig sitzt.

Ich legte meine Hand auf die Stelle des Tattoos, dann kamen mir Tränen. Weil es so klar war. So offensichtlich.
Weil es so absurd war, dass ich tagelang in innerer Dunkelheit dem Leben Vorwürfe gemacht habe, weil es mir keine Wurzeln geschenkt hat.
Weil ich kein stabiler Baum war, der jeden Sturm aushält.

…wo doch der ganze Witz in der Tatsache liegt,
dass man mit Wurzeln nicht fliegen kann.

Zwei Wochen waren es jetzt, seit mich meine Dämonen mal wieder eingeholt haben. Zwei Wochen hat es gedauert, bis ich erkannt habe, worum es geht.
Zwei Wochen ist es her, dass der siedend heiße Kessel, der schon lange zu voll war, überlief und mich verbrannt hat.

Hier sitze ich jetzt, erschöpft, ein wenig durcheinander und noch immer nicht ganz auf der Höhe. Aber zumindest um die Erkenntnis reicher, dass es unterschiedliche Menschen gibt. Ein wenig so wie die Sache mit den Sternschnuppen und den Fixsternen. Vielleicht sind es auch nur zwei Bilder für ein und dieselbe Sache, wer weiß.
Ich glaube jedenfalls erkannt zu haben, dass es Menschen mit Wurzeln gibt und Menschen mit Flügeln.
Ich weiß, dass beide ihre guten und ihre schlechten Seiten haben.
Ich weiß, dass wir auf der Welt jene brauchen, die für Stabilität und Orientierung sorgen.
Aber auch jene, die neue Weiten erkunden und schauen, was es da draußen noch so gibt.
Ich weiß, dass Vögel immer wieder Äste an stabilen Bäumen brauchen, um sich auszuruhen – aber dass es keine schlechte Sache sein muss, keine Wurzeln zu haben.

Vielleicht ist es das Schicksal von einigen von uns, keine Wurzeln, sondern Flügel zu haben.

Und vielleicht geht es in Stürmen gar nicht darum, möglichst stabil stehen zu können, sondern darum, den richtigen Windstoß abzupassen, um sich in die nächste Höhe aufschwingen zu können. 

Doch noch eine kurze Bilanz

Bei meinen Patrons möchte ich mich entschuldigen, weil die Brieftaube im November und Dezember ausfiel und im Dezember auch kein eigener Beitrag mehr kam. Es ging einfach nicht, und ich werde es auch nicht mehr schaffen, das nachzuholen. Andererseits habt ihr hier im Grunde alles gelesen, was zurzeit relevant ist – auch wenn es nicht so viel Spaß macht zu lesen wie sonst.
Dieser Beitrag hier ist ausschließlich für Patrons zugänglich. Für 20.000 Leute ist mir das zu persönlich. Das ist jetzt eben so, wie es ist.

Am 18. Januar findet die erste Femdom-Runde statt, für die ich bis dahin einiges vorbereiten und ausarbeiten will – anschließend werde ich Pause machen. „Urlaub“ nennt man das, habe ich gehört. Ich will mal wieder nächtelang zocken, lesen und nichts tun. Bis zum 18. wird aber nochmal losgelegt. Abgesehen davon kommt ab dem 2. Januar wieder ein straffes Sport- und Ernährungsprogramm – das habe ich dieses Jahr schleifen lassen.

Den Termin bei der Therapeutin am 3. Januar werde ich wahrnehmen. Ich habe zwar gerade das Gefühl, es geht auch so – aber ich weiß, dass vieles bei mir ein ziemliches Auf und Ab war und ist, dieses Jahr, und es kann definitiv nicht schaden. Ob und wie regelmäßig ich das mache, weiß ich noch nicht. Das wird sich zeigen.

Das Klassentreffen nach 10 Jahren habe ich ebenfalls gemeistert, in Begleitung vieler von euch, wie ich anschließend fasziniert feststellte. Ich habe mich dieser elenden Stadt gestellt, meinen Triggern und all dem, was hochkam. Und ich habe erfolgreich Drachen getötet. Ich habe diese Stadt verlassen und bin 10 Jahre später, freiwillig, wieder zurückgekehrt – nicht für andere, nicht für mich. Sondern für das 19jährige Mädchen, dessen Welt zusammengebrochen ist und das sicher war, es würde von der Dunkelheit verschlungen. Dieses Mädchen habe ich besucht, ihm Hörner geliehen und ihm erzählt, was aus ihm werden würde, in 10 Jahren.

Und es war ein großartiges, befreiendes, starkes Gefühl.

Die Seelenschwester wird ausziehen, in den nächsten Monaten. Ich schaffe es mittlerweile sogar, die positiven Seiten zu sehen. Mir zu überlegen, was ich in der Wohnung verändern möchte. Wie viel Ruhe ich zum Schreiben haben werde. Mit dem Mitbewohner habe ich gesprochen – wir sind noch nicht sicher, ob wir jemanden einziehen lassen wollen. Wir beide sind keine Fans mehr von Fremden in der Wohnung und es müsste jemand sein, der kein Student mehr ist und mit dem es passt. Wir spielen mit dem Gedanken, uns die Miete zu teilen und mit dem Zimmer etwas anderes zu machen. Das wird sich zeigen. Spannend ist: Ja, mir kommen Tränen, wenn ich daran denke, und die Seelenschwester wird mir abends auf der Couch fehlen – aber es fühlt sich nach einem Fluss an, einem Wandel, mit dem ich mitgehen muss und der neue Dinge für mich bereit hält. Ich habe immer schon Schwierigkeiten mit Veränderungen gehabt, weil Stabilität so selten und wichtig für mich ist. Aber ich möchte ein Mensch sein, der in Veränderung nicht nur die schlimmen Seiten sieht, sondern auch die Chancen.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die buddhistische Weisheit denken muss, die mich immer wieder begleitet:

„Change is not painful – only resistance to change is painful.“

Diesen Satz lese ich, denke ihn, nehme ihn tief in mich auf, atme ein paar mal ein und aus und sehe dann ganz automatisch das leere Zimmer der Seelenschwester, in dem mein Schreibtisch an der Fensterfront steht, sehe mich allein in der Wohnung, mal einsam, mal in völliger kreativer Entspannung am Schreibtisch, spüre den Fluss des Lebens, gegen den ich mich nicht wehren sollte, egal wie schwer mir Veränderungen fallen und dann… irgendwann, landen meine Gedanken in Berlin und ich frage mich, wie lange es noch dauern wird.

Jetzt nicht. Ich werde nicht in den nächsten Monaten nach Berlin ziehen – zumal ich mit meiner Oma ein riesen Thema hätte, weil ich weiß, es würde sie schmerzen und mich auch und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen würde. Andererseits weiß mein Verstand, dass es auch dafür eine Lösung geben würde. Berlin ruft mich manchmal. Es ist ein Ruf, der mir Angst macht. Tierische, riesige, immense Angst, die mir die Luft zum Atmen nimmt, allein wenn ich darüber nachdenke. Aber ich kann ihn nicht überhören und ich weiß, er wird mich von jetzt an begleiten. Und ich denke, das ist okay.

So wie das eben ist mit Entscheidungen und Weggabelungen im Leben. Manchmal geht es sehr lange geradeaus, aber früher oder später kommt eine Gabelung und meiner Erfahrung nach sind es nur selten die einfachen Wege, die dorthin führen, wo man hin möchte. Es war und ist eine meiner größten Ängste, dieses erste wirkliche Zuhause, das ich hier gefunden habe, zu verlassen – aber wer wäre ich, wenn ich seit Jahren auf meinem Körper stehen habe, dass es immer der Weg durch die Angst ist, der einen weiterbringt, und zugleich in Schockstarre ausharre und mich vor den größten Ängste ewig verkrieche. Ich hatte 3 großartige, ruhige, glückliche, erfüllende, aufregende Jahre – für meine Verhältnisse der Himmel auf Erden, auch wenn sie nicht immer nur einfach waren. Aber irgendwann wird es Zeit, sich vom Lagerfeuer am Ufer zu erheben und in das eiskalte Flusswasser zu steigen.

An Weihnachten habe ich den ersten Zeh hineingestreckt. Ich saß bei meinem Tätowierer, wollte etwas völlig anderes und atmete tief durch, weil es plötzlich so klar war und es immer noch ist:

Panta rhei – alles fließt. 

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, sagt die Flusslehre Heraklits. Der Fluss ist nie derselbe. Nie. Das Leben wandelt sich ständig, alles inbegriffen – wir selbst, unser Umfeld, die Welt, alles. Nichts ist je, wie es war. Das einzig Beständige ist die Veränderung. Gegen diese Tatsache kann ich mich jetzt wehren oder ich akzeptiere sie und lerne, damit umzugehen. Sehe die Chance anstelle der Angst.

„Freiheit“ war der Oberbegriff, den ich für 2019 angesetzt hatte und wenn ich so zurückblicke, würde ich sagen, ich habe dem Begriff alle Ehre gemacht. Ich hatte vor, bis Weihnachten auszuprobieren, ob das mit dem Schreiben klappt und wenn ich jetzt hier sitze, kann ich kaum glauben, dass ich das bestätigen kann. Es klappt. Mehr noch: es klappt richtig gut. Ich war selten so stolz auf etwas, das ich gemacht habe, wie auf das, was ich mir hier aufgebaut habe. Ich lebe so frei wie nie zuvor, auf allen Ebenen und in alle Richtungen. Ich werde auch vor Menschen offener, freier und entspannter. Der Weg, den ich eingeschlagen habe, war ein einziger Befreiungsschlag, eine Lösung von allen Ketten und Zwängen und es gibt keinen Zweifel daran, ihn weiterzugehen und zu schauen, wohin er mich führt.

Der Stern, unter den ich 2020 und damit irgendwie auch ein neues Jahrzehnt stelle, ist genau das:

Panta rhei. 

Veränderungen annehmen.
Lernen, konstruktiv mit dem umzugehen, was das Leben mir gibt und schauen, wohin neue Wege mich tragen. Trotz Angst, trotz Dunkelheit. In dem Vertrauen, dass die richtige Windböe irgendwann kommt und mich weiterträgt. In dem Wissen, dass der Phönix erst schmerzlich verbrennen muss, um sich wieder neu, schöner und stärker erschaffen zu können.

Und ihr, meine lieben Vögel, begleitet mich hoffentlich noch eine Weile. Denn wenn ich euch heute „Vögel“ nenne, ist euch die Bedeutung sicherlich klar. Mögt ihr den Gedanken genauso sehr wie ich? Die Vorstellung, dass wir gerade alle gemeinsam auf einem Ast sitzen, ein bisschen unsicher, ein wenig wackelig, schwankend, unter uns ein Fluss, vor uns der nächste Sturm – aber alle einigermaßen nahe beieinander, uns gegenseitig aus der Ferne beobachtend und winkend, nur auf den richtigen Moment wartend.

Auf den einen Augenblick, wenn der Wind pfeift, die Stärke stimmt, die Böe endlich eine Richtung annimmt und man plötzlich spürt, dass es Zeit ist.

Zeit, die Flügel zu spannen. 

Zeit, zu erkennen, dass man viel zu lange Angst vor dem Sturm hatte – statt ihn zu nutzen, die eigenen Schwingen auszubreiten, in Flammen aufzugehen und zu begreifen, was für eine Art Vogel man eigentlich ist. 

Ich mache das jetzt.

Und ich hoffe, ihr kommt mit.
Ich hab euch nämlich wirklich ins Herz geschlossen.


“Das ist wie in den großen Geschichten, Herr Frodo, in denen, die wirklich wichtig waren. Voller Dunkelheit und Gefahren waren sie. Und manchmal wollte man das Ende gar nicht wissen, denn wie könnte so eine Geschichte gut ausgehen? Wie könnte die Welt wieder so wie vorher werden, wenn so viel Schlimmes passiert ist? Aber letzten Endes geht auch er vorüber, dieser Schatten. Selbst die Dunkelheit muss weichen. Ein neuer Tag wird kommen und wenn die Sonne scheint, wird sie umso heller scheinen. Das waren die Geschichten, die einem im Gedächtnis bleiben, selbst, wenn man noch zu klein war, um sie zu verstehen. Aber ich glaube, Herr Frodo, ich versteh‘ jetzt. Ich weiß jetzt: Die Leute in diesen Geschichten hatten stets die Gelegenheit umzukehren, nur taten sie’s nicht. Sie gingen weiter, weil sie an irgendetwas geglaubt haben! Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“

Sam

Der Herr der Ringe

2 Kommentare zu „Panta Rhei

Gib deinen ab

  1. Liebe Ophelia, endlich habe ich mir in Ruhe Zeit genommen diesen Blogeintrag von Dir zu lesen. Ich möchte eigentlich gar nicht viel dazu sagen außer dass Du sicherlich vieles bist, aber ich Dich nicht als labil wahrnehme. Allein, dass Du Dich in solchen Momenten in diesem Ausmaß mit Dir selber auseinander setzt, zeigt etwas ganz anderes – meiner Ansicht nach genau Deine Stärke. Nichtsdestotrotz dürfen die Tage, an denen einfach nichts mehr geht sein, auch wenn es als „Kämpferin“ oft schwer zu ertragen ist sich das einzugestehen (zumindest geht es mir meistens so). Ich hoffe sehr, dass Du im neuen Jahr Deinen Weg findest mit Veränderungen umzugehen, bin dabei jedoch sehr zuversichtlich.
    Ansonsten kann ich mich an vielen Punkten sehr mit Deinem Text identifizieren (wie so häufig), vor allem der Part viel zu früh Verantwortung übernehmen zu müssen und wie schwierig es ist auch im Erwachsenenleben sich davon zu distanzieren, kenne ich zu gut.
    Ich bin froh, dass Du den Beitrag allen zugänglich gemacht hast – es hat mich berührt etwas über Deine Geschichte und Erkenntnisse zu lesen, danke für Deine Offenheit!
    Nun, jetzt ist mein Kommentar doch deutlich länger geworden als geplant.
    Alles Liebe Dir! 🙂

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    1. Ach du. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es tut so gut, dass man eine Verbundenheit zu Menschen hat, die man als ähnlich stark wahrnimmt. Tut wirklich gut, das von dir zu hören, danke dir – für alles davon ❤

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