Der Ruf nach Walhall, 1/2

Oder: Zwei Raben, eine Schlampe und #Berlinruft

 

Meine Lieben,

ich hätte schwören können, das Wunderland würde mich nicht mehr über die Maßen mit neuen Gegenden überraschen können – nun, da ich Wüsten, Stürme, tosende Seen, üppige Wälder und weite Ebenen hinter mir habe. Andererseits hätte ich mir denken können, dass es doch gerade die Sache am Wunderland ist, dass es nicht vorhersehbar ist. Dass es immer genau da trifft, wo es zum Nachdenken anregt und dass es immer genau das findet, was einen in diesem Augenblick am meisten überrascht.
Ich meine… ich kenne mich. Ich weiß ja, dass ich mich bei all den Abenteuern zwischen Drachen, Dämonen und Schwertkämpfen regelmäßig auf meine Lichtung zurückziehen muss, um durchzuatmen. An ein Lagerfeuer sitzen, um zur Ruhe zu kommen und neue Erfahrungen zu verarbeiten. Um über die neuen olympischen Götter und mythischen Gestalten in meinem Leben nachzudenken, denen ich begegnet bin und mir zu überlegen, welche Rolle sie von nun an spielen würden.

Was ich nicht erwartet hatte, war, dass ich diesen Ruhezustand auch außerhalb meiner Lichtung finden kann. Dass ich mein Lagerfeuer nicht immer nur in mir bekannten Gegenden genießen kann, sondern ich auch in einer mir völlig fremden Umgebung zur Ruhe kommen kann. Diese neue Gegend, die ich gerade im Begriff bin zu erkunden, ist eine gänzlich ähnliche und doch so völlig andere. Sie ist im Grunde dieselbe und zugleich ihr Gegenteil.
Auch hier ist es unmöglich zu sagen, was Fantasie und was Realität ist. Auch hier spricht die Welt in Bildern zu mir. Auch hier übersetze ich alles, was ich erlebe, in eine bunte Metapher und sehe in meinem Geist die schwarzen Buchstaben auf weißem Papier, die beschreiben, was ich fühle, noch im Augenblick, in dem ich es erlebe.

Und… auch hier herrschen Götter.

Oder sagen wir… ich weiß immerhin von einem.
Denn diesem einen bin ich begegnet. Dieser eine hat mich zu sich gerufen, an sein Lagerfeuer – dachte ich zuerst. Tatsächlich ist es kein Lagerfeuer, sondern eine prunkvolle Halle. Eine Halle aus auf Speeren ruhenden Schilden, mit ausladenden Toren, durch die viele hundert Reihen starker Krieger passen, um in die Schlacht zu ziehen. Eine Halle, in der tags gekämpft und nachts gefeiert wird. In der jeden Abend derselbe Eber verspeist wird und Walküren frischen Met servieren, aus dem Euter einer Ziege, die mitten in der Halle vom Laub eines Baumes frisst.

Gerade als ich mich abwenden will, weil das nun wirklich ein wenig zu viel ist, selbst für die Verhältnisse hier im Wunderland, fliegen zwei Raben über meinen Kopf hinweg und ich höre, wie eine Stimme von tiefem Timbre beide willkommen heißt:

Hugin und Munin!

Hugin und Munin – natürlich, denke ich, und betrachte nach dieser Erkenntnis alles um mich her mit anderen Augen.

Hier stehe ich nun, unter einem der ausladenden Tore, inmitten großer Krieger und fühle mich… angekommen. An dem Ort, der mich rief.

Heute möchte ich euch ein wenig erzählen von diesem Ort, seinem Ruf und meinen Gedanken dazu. Um euch dann, im zweiten Teil, den vorzustellen, der mir… sagen wir, ein wenig geholfen hat, die schweren Tore zu diesem Ort überhaupt zu öffnen. Diesem Ort, der auch bekannt ist als:

Walhall.

Aber wie immer:

Von vorn.


Teil I – #Berlinruft

Meine kleine Schlampe

Es ist etwa Mitte Januar, der Panta Rhei – Text ist rund 2 Wochen her und ein weiterer Kurztrip nach Berlin liegt hinter mir. Es war eine spontane Sache, innerhalb von 48 Stunden geplant: Hin, 2 Nächte in Berlin und wieder zurück. Ihr kennt ja mich und meine Spontaneität… richtig, die, die nicht vorhanden ist.

Aber was soll ich sagen? Irgendetwas in mir ändert sich. Oder ich verändere mich. Oder es sind neue Menschen, die es schaffen, dass ich mich verändere oder es ist einfach nur das Panta Rhei, das „alles fließt“ des Lebens und es gibt und braucht keine Erklärung. Dass ich trotzdem eine suche, liegt wohl an meinem Drang, mir Dinge erklären zu können. Meinem Bedürfnis, möglichst alles zu verstehen – weil Verstehen mir hilft, mit Dingen umzugehen.

Ich würde gern verstehen, warum ich mittlerweile ab und zu wirklich spontan sein kann und warum es nicht nur Überwindung kostet, sondern im richtigen Kontext sogar geradezu befreiend sein kann.
Ich würde gern verstehen, warum ich manche Dinge mit neuen Augen betrachte und sich mein Geschmack in vielem zu ändern scheint.
Ich würde auch gern verstehen, warum ich die letzten Wochen und Monate so merkwürdig drauf war, diese Achterbahn gefahren bin und so unausgeglichen mit Schwierigkeiten umgegangen bin wie ich es eigentlich nicht von mir kenne.

Und ich würde gern verstehen, wie es kommt, dass ich seit einigen Wochen den Gedanken an Berlin nicht mehr aus dem Kopf bekomme.

Ich meine… wie kann es sein, dass ich jahrelang nach etwas gesucht habe, das ich endlich hier gefunden zu haben glaubte, völlig einbreche, wenn es mir von außen vermeintlich genommen wird, nur um dann, wenig später, eine Sehnsucht nach dem Gegenteil zu empfinden? Nach einer anderen Stadt? Einer Stadt, zu der ich zwar durchaus einen Bezug habe, aber die ich immer nur als… eine Affäre betrachtet habe. Witzigerweise muss ich zurzeit häufiger an meine frühere Metapher denken: vor allem letztes Jahr schrieb ich über Berlin als meine Mätresse. Als meine wunderbare, kleine Schlampe, mein dreckiges Miststück, mit dem ich meine dunklen Fantasien ausleben konnte – aber von dem heimzukehren mir immer gut getan hat. Nach wenigen Tagen Berlin war ich so immer erschöpft, dass ich froh war, wieder ein Stück Normalität genießen zu können. „Berlin ist der Wahnsinn, aber ich würde nie dort wohnen wollen“, habe ich immer gesagt. Und „für ein paar Tage okay – aber diese Stadt ist mir zu anstrengend“.

Meine kleine Schlampe, denke ich also jetzt, sitze hier und seufze.
Kann es passieren, dass man sich in die Wochenend-Affäre verliebt? Dass man sehr, sehr lange der festen Überzeugung ist, dass eine ernsthafte Beziehung nicht infrage kommt und überhaupt hat man doch zu Hause alles, was man braucht – aber auf einmal läuft es  da eben nicht mehr so rund und man fragt sich, was fehlt und was es sonst noch so gibt und plötzlich ist man gezwungen, Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten? Und dann sieht man mit anderen Augen, was einem vorher einfach völlig abwegig erschien? Man hatte doch so viele Gegenargumente. So viel, was niemals passen würde. So viele Gründe, die Komfortzone nicht zu verlassen…
Kann es sein, dass es das war? Dass ich den Fehler gemacht habe, vor dem ich andere so großspurig warne, wenn es um Menschen und Beziehungen geht? Immerhin: hätte ich tatsächlich eine feste Beziehung und eine Wochenend-Affäre würde mir so etwas niemals passieren. Niemals wäre ich in dieser Situation, da bin ich sicher. Ihr kennt mich. Ihr wisst, wie reflektiert ich da bin. Wie viel ich schon darüber geschrieben habe, dass mir all die Mechanismen bewusst sind: Man hat die bequeme, gewohnte feste Beziehung, die einem Sicherheit gibt, auch wenn sie nicht glücklich macht. Und man weiß, es wird Zeit für etwas anderes, aber es wäre der Sprung ins Ungewisse und die wenigsten gehen diesen Schritt aus der Komfortzone, treffen die Entscheidung zwischen zwei elementaren Seiten zu Gunsten letzterer:

Alt vs. Neu.
Sicherheit vs. Angst.

Der Mensch tendiert nun einmal dazu, Angst vor Veränderung zu haben und sich in das Alte, Bekannte, Bequeme zu verkriechen. Das, was Sicherheit gibt. Und dann bleibt man lieber da, wo es „warm rauskommt“, wie eine gute Freundin von immer sagt – statt sich einzugestehen, dass es Zeit für Neues ist. Zeit für Veränderung. Zeit für das Verlassen der Komfortzone, weil das Leben zu kurz ist, um darauf zu warten, dass die großen Dinge an die Haustür klopfen.

Ist es das?

Bin ich so darauf fokussiert, in Beziehungen zu Menschen keine Kompromisse einzugehen, wenn sie mich einengen und immer ein kleines bisschen außerhalb der Komfortzone zu bleiben, um mich nur ja nie an den Zustand der Bequemlichkeit zu gewöhnen, dass ich übersehen habe, dass ich das in einem anderen Bereich getan habe? Exakt und genau das?

Ich weiß es nicht.

Ich sagte ja: Ich würde es gern verstehen. Alles. Aber so funktioniert das Leben eben nicht und manchmal bin ich erschöpft vom Nachdenken und habe einfach keine Lust mehr, nach Antworten zu suchen. In Berlin letzte Woche habe ich keine Fragen gestellt und mehr Antworten gefunden als ich mir je überhaupt Fragen eingefallen wären. Manchmal muss man den Kopf abstellen und dem Leben die Zügel überlassen, auch wenn es schwer fällt (der Kontrollfreak in mir verdreht die Augen, ist aber ungewöhnlich handzahm im letzter Zeit).

Veränderung

Die Seelenschwester und ich können mittlerweile über ihren Umzug sprechen, sind sogar schon so weit, dass wir darüber diskutieren, wie wir gewisse Dinge aufteilen. Es ging faszinierend schnell, von „meine Nerven machen schlapp, wenn sie einen Satz dazu sagt“ zu „wir sprechen pragmatisch über die Aufteilung unserer geliebten Wohnung“. Nun, seit Berlin eben. Seit ich zuletzt in Berlin war, funktioniert das.
Es fällt mir schwer, manchmal spüre ich das Ziehen in der Brust dabei sehr deutlich. Aber es ist ein bittersüßer, wehmütiger Schmerz. Einer, der etwas akzeptiert hat, wogegen sich vorher noch jede Faser meines Seins gewehrt hat. Nie zuvor war das Zitat passender als hier:

Change is not painful – only resistance to change is painful.

Nie zuvor habe ich diesen Satz so tief verstanden wie zurzeit. Übrig ist ein sehnsuchtsvoller, traurig seufzender Nachklang, der mir noch zu schaffen machen wird, das weiß ich. Aber der sich wehrende Schmerz, die kalte innere Zerrissenheit, nachdem ich davon erfahren habe, hat sich gelegt, weil etwas in mir akzeptiert hat, dass eine Veränderung ansteht. Eine große. Vielleicht sogar eine noch größere als ich bislang geahnt habe.

Der Auszug wird vermutlich in den nächsten 3 oder 4 Monaten stattfinden. Der Mitbewohner und ich haben überlegt, ob wir wieder jemanden suchen wollen. Er kann mit dem Zimmer nichts anfangen. Ich wiederum kann mir vorstellen, ein Arbeitszimmer daraus zu machen – eine kleine Bibliothek, mein Schreibtisch, vielleicht eine Ecke zum Spielen… An Ideen mangelt es mir nicht und ein eigenes Arbeitszimmer wäre ein großer Fortschritt in Bezug auf Lebens- und vor allem Arbeitsqualität. Aber es wären ein paar hundert Euro mehr Miete und damit ein Punkt, über den ich ernsthaft nachdenken müsste. Also… ernsthaft-ernsthaft. 
Wieder einen fremden Menschen hier einziehen zu lassen, fühlt sich ambivalent an. Zu Beginn war die Vorstellung die Hölle. Allerdings hatte ich mit der Suche nach neuen Mitbewohnern immer schon Schwierigkeiten. Fremde Menschen in meine heiligen Hallen zu lassen, ist ohnehin schon ein Ding – sie einziehen zu lassen, ab und zu mit dem Köter allein zu wissen, usw… Puh.
Andererseits bin ich da mittlerweile entspannter. Vielleicht ist es die Gelegenheit, nach 4 Jahren mal wieder mit nur mit Männern zusammenzuwohnen. Das Alleinwohnen habe ich durch – es geht, aber es ist nicht mein Ding. Ich bin ein WG-Mensch. Ich übernehme gern Verantwortung, kümmere mich gern, um Papierkram, die Wohnung und auch um andere. Ich koche gern für mehrere Menschen und liebe es, in Gesellschaft zu essen. Meiner Mutter lag in den Jahren ihrer Krankheit nur im Bett, ich kam über Jahre hinweg von der Schule nach Hause, kochte mir etwas und setzte mich allein an den Esstisch, außer meine Oma war zufällig da. Ich beneidete Mitschüler, die an einen vollen Tisch saßen, mit Menschen, mit Gesprächen. In Gesellschaft essen ist heute noch das größte für mich. Ich liebe es. Ja, ich bin ein WG-Mensch. Und bisher – außer mit der Seelenschwester und einer früheren, kurzen, sehr schlechten Erfahrung – habe ich immer mit Männern zusammengewohnt und es geliebt. Vielleicht ist es ja die Gelegenheit?

Jedenfalls, wenn ich darüber nachdenke, bin ich entspannter. Die große Welle, die mich mitgerissen hat, ist abgeebbt und alles, was sie hinterlassen hat, ist eine leise Stimme, wenn ich mich im nassen Sand aufrichte und gen Horizont schaue, die flüstert:

Aber wie lange bist du überhaupt noch hier?

Ja. Wie lange bin ich noch hier? Und wo werde ich sein, wenn ich es nicht mehr bin? Keine Ahnung, wie man solche Fragen beantwortet. Ich spüre definitiv, dass es mich… irgendwohin zieht. Als stünde ich in diesem Fluss, diesem Panta Rhei, und könnte spüren, wie die Strömung um meine Beine stärker wird. Ich kann zwar noch ganz gut stehen, aber ich weiß, dass sie mich früher oder später dazu zwingen wird, einen Fuß vor den anderen zu setzen, um nicht gänzlich das Gleichgewicht zu verlieren.

Wenn ich es rational betrachte, habe ich die Grenzen meiner Stadt hier ausgeschöpft. Es ist eine Großstadt, aber kein Vergleich zu Berlin und auch sonst nicht gerade der Nabel der Welt. Die Kinky-Szene ist vorhanden, stirbt aber Stück für Stück aus, weil die Politik hier rückschrittlich ist und allen Steine in den Weg legt. Zum Schreiben brauche ich keinen festen Ort, das kann ich von überall aus. Berlin bietet im BDSM-Bereich definitiv mehr und auch was das Schreiben angeht weiß ich nicht, in welche Richtung es mich da noch verschlägt – sicherlich wäre Berlin hier beruflich die bessere Wahl, vielleicht sogar die beste.
Mein Hauptargument war immer, dass ich mit Hund nicht in Berlin wohnen kann – bis mir jemand sagte, dass Berlin die Großstadt mit den größten Grünflächenanteilen ist, es viele Parks gibt und Laufwege, auf denen man Hunde auch laufen lassen kann und dass es nur darauf ankommt, in welcher Ecke man wohnt. Natürlich habe ich recherchiert und tatsächlich scheint es sogar ziemlich gut möglich, mit Hund in Berlin zu wohnen. Generell glaube ich, habe ich mir Berlin ein wenig schlecht geredet, obwohl ich die Tage dort immer genossen habe. Habe mir eingeredet, es sei anstrengend und laut und ich könnte es nicht. Eigentlich kommt es – wie überall – nur auf die Gegend an, in der man wohnt, was man daraus macht. Wie häufig man sich die Nächte um die Ohren schlägt, ist immerhin eine individuelle Entscheidung, die man steuern kann. Ich weiß sowas doch eigentlich.

Ihr seht, ich denke viel nach und relativiere vieles, ändere meine Perspektiven und denke grundlegend um. Anstrengender Prozess, kann ich euch sagen…

Natürlich gibt es aber noch eine andere Seite. Eine, die sich querstellt.
Okay, ich bin beruflich nicht gebunden. Und im Grunde auch nicht privat, durch Partner, Haus, Kinder oder sonst etwas. Ja, in Wahrheit bin ich frei wie ein Vogel.
Aber natürlich gibt es Dinge, oder besser: Menschen, die mich hier halten. Die Seelenschwester wohnt weiterhin hier in der Stadt. Meine älteste, beste Freundin (bei der ich Trauzeugin bin) ist ebenfalls hierher gezogen und seit zwei Jahren gibt es noch eine weitere, extrem enge Freundin, ohne die ich zurzeit verloren wäre, weil sie mich besser versteht als alle anderen. Und auch mein bester Freund wohnt hier, der wie ein großer Bruder für mich ist, seit 12 Jahren. Und klar, auch Pan und einige andere Freunde und gute Bekannte, aber ich bin realistisch genug um zu wissen, dass das keine Gründe sind, in einer Stadt zu bleiben, obwohl es einen woanders hinzieht. Es gibt diese Verbindungen, die ein Leben lang halten und es gibt Menschen, die einen für einige Jahre begleiten – das eine muss nicht enger oder besser als das andere sein. Aber so funktioniert das Leben nun einmal. Nein, wirklich zum Nachdenken bringen mich nur 3 oder 4 Menschen wirklich. Und selbst da… ach, ich weiß nicht.

Woran erkennt man, dass es Zeit ist, weiterzuziehen und neue Wege zu gehen?

Abgesehen von den Menschen hier ist meine Wohnung der zweite große Punkt. Wohnen ist für mich Lebensqualität. Ich wohne lieber etwas außerhalb und kann mir dafür eine schönere Wohnung leisten. Ich kenne mich und weiß, wie es mir mittelfristig geht, wenn ich mich an einem Ort nicht wohlfühle. Das ist etwas, das ich mir leisten können will, für meine eigene seelische Gesundheit. Die Wohnung, in der ich seit 5 Jahren wohne, ist perfekt, hat ideale Anbindungen, liegt am Stadtrand und hat zugleich viel Grün für den Köter. Noch dazu sind Hunde hier erlaubt, was nicht selbstverständlich ist. Ich war darauf eingestellt, Abstriche machen zu müssen, weil man das immer muss – aber diese Wohnung hier hat alles. Wirklich alles. Manchmal liebe ich sie so sehr, dass ich mir vornehme, nie wieder hier auszuziehen.

Und dann lache ich über mich selbst, weil ich genau weiß, dass ich in dieser Stadt hier nicht alt werden will und ziemlich sicher auch nicht auf ewig glücklich werde. Das Leben hält noch zu viel für mich bereit als dass ich jetzt schon meinen Lebensabend in einer konkreten Wohnung visualisieren will. Und da mir bewusst ist, dass ich die Wohnung nicht einpacken kann, ist die logische Konsequenz, dass ich früher oder später ausziehen muss. Die Frage ist eben:

Früher… oder später?

Und dann gibt es noch den dritten, vielleicht wichtigsten Punkt, meine Oma. Als ich von Berlin erzählte und sie meine Begeisterung hörte, entfuhr ihr ein „zieh mir bloß nicht nach Berlin“.
Wir sehen uns an und ich muss das Thema wechseln, weil ich weiß, dass sie mich kennt. Dann spiele ich alles herunter, um uns beide zu beruhigen „weißt du, selbst wenn – es würde sich nichts ändern. Jetzt bin ich fast einmal im Monat in Berlin, dann wäre ich eben einmal im Monat wieder hier, Omi, und viel öfter sehen wir uns ja auch nicht“. Sie wohnt nicht um die Ecke, aber nah genug für einen Nachmittagsausflug. Berlin sähe da schon anders aus.
Ich weiß nicht, was es mit ihr machen würde, wenn ich wegziehe.
Ich weiß nicht, was es mit mir machen würde, wenn ich von ihr wegziehe.
Ich weiß aber, dass ich damals dasselbe dachte, als ich von meiner Heimatstadt, in der sie heute noch wohnt, hierher gezogen bin. Auch damals hat sie geweint, am Tisch, und ich dann mit ihr, und heute ist es völlig in Ordnung. Aber das ist eben auch nochmal 5 Jahre her und keiner von uns wird jünger.
Nun, dieses Thema breche ich jetzt ab. Mehr als das kann ich darüber nicht schreiben – ich möchte mal wieder bloggen, ohne dabei zu heulen.

Feststeht: Berlin ruft mich.
Ich weiß nicht, warum. Ich weiß nicht, was es bedeutet und ich weiß nicht, ob es ein Fall von „mach genau das, was dir Angst macht“ ist, oder nur eine irrationale Reaktion auf eine Veränderung in meinem Leben. Ich weiß nur, dass ich diese Strömung um meine Knöchel spüre und mein Gefühl sagt mir, dass sie nicht so schnell wieder nachlassen wird. Wäre es ersteres, stünde die Entscheidung fest. Das Prinzip steht nicht umsonst auf meinem Körper. Die Angst zeigt dir den Weg. Und fuck, macht mir der Gedanke Angst. Aber woher weiß man, wie man mit solchen Entscheidungen umgeht? Mit denen, die wirklich, wirklich viel verändern und nicht rückgängig zu machen sind?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den Mut hätten, ohne Kontakte in eine neue Stadt zu ziehen. Ich würde seelisch eingehen wie eine Primel im Trockenen. Auch das war immer ein Gegenargument, das ich jetzt nicht mehr nutzen kann, denn die absolut krasse Wahrheit ist:
Ich habe Freunde in Berlin. Eine Handvoll großartige Freunde und ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht lange ginge, bis ich weitere Menschen kennenlernen würde. Zudem wäre Berlin anonym genug, um auch auf Twitter einfach schreiben zu können, dass ich dort wohne – was eine völlig neue Möglichkeit an Kontakten eröffnet. Wie oft hatte ich schon Kontakt mit Menschen auf Twitter und habe es nie ausgedehnt aufgrund meiner Paranoia, die mir verboten hat zu sagen, wo ich wohne.

Anyway.

Ihr seht: ich denke ernsthaft darüber nach. Also… ernsthaft.
Ich werde sehen, wie es ist, wenn die Seelenschwester auszieht. Dann werde ich mit dem Mitbewohner einen Plan machen. Ich denke, die Tendenz geht zu einem neuen Mitbewohner. Parallel werde ich weiterhin regelmäßig in Berlin sein und schauen, wie sich dort alles entwickelt. Ich habe das ernst gemeint, was ich in dem letzten Beitrag geschrieben habe:

Ich will ein Mensch sein, der sich nicht vor Veränderung verschließt, sondern die Chancen in ihr sieht.

Ich gebe mir also ein halbes Jahr und schaue mir an, welche Chancen Berlin mir so zu bieten hat. Nun, abgesehen von denen, die ich bereits entdeckt habe: ein paar großartige Frauen, neue Lektionen und… wie hätte es anders sein können?

Ein Mann. 

Es ist nicht nur irgendein Mann, sondern einer, der neue Dinge bei mir schafft. Einer, bei dem es nicht um das Offensichtliche geht und bei dem die Nebensächlichkeiten in einen herrlichen Fokus rücken. Einer, der so sehr in sich ruht, dass ich nicht die Einzige bin, die es genießt, diese Ruhe auf sich abfärben zu lassen. Einer, der mich endlich wieder so anfasst, wie dieser kleine, ursprünglich-primitive Teil in mir angefasst werden möchte, der von Feminismus und Gleichberechtigung nichts weiß.

Einer, der nicht am Olymp wohnt, sondern eine andere, brachialere Gegend beherrscht als Zeus es tut. Der in Liedern besungen wird, in denen es um Ruhm und Ehre geht. Der  zwar nach Wissen und Erkenntnis strebt, aber für seine Kriegslust, Stärke und Kampfkunst angebetet wird.

Einer, dessen körperliche Stärke in Bildern gezeigt wird und dessen Führungskraft so unumstritten ist, dass niemand daran zweifelt, dass er nicht einfach nur die Stellung eines Gottes hat, sondern der Göttervater höchstselbst ist. Der wichtigste und stärkste der nordischen Götter, an den alle anderen sich wenden und der zudem eine weniger bekannte Eigenheit hat, die für die meisten von seinem Kampfesruhm überschattet wird:

Der Göttervater ist nicht nur Krieger und Anführer, sondern liebt es überdies, sich als Wanderer zu kleiden, sich unter das gemeine Volk zu mischen und mit Fremden zu sprechen…

Weil er eine Leidenschaft dafür entwickelt hat, die Geschichten anderer zu hören.

Und von all den anderen höchst passenden Eigenschaften ist es diese, meine Lieben, die mich heute dazu bringt, euch von ihm zu erzählen – weil ich endlich, endlich sicher genug bin, dass er mir erhalten bleibt.

Darf ich vorstellen?

Odin.



Teil II – über Odin – wird ein auf andere Art persönlich; intimer, sexueller, weshalb ich ihn als den monatlichen Exklusiv-Text für Patreons veröffentlichen werde. Das hier ist kein Cliffhanger, inhaltlich kann man beide Texte getrennt lesen. Als Teil I und II sind sie nur betitelt, weil sie durch Berlin für mich irgendwie zusammengehören. Meine Gedanken über Berlin wollte ich aber mit euch allen teilen, nachdem ich den Panta Rhei Text schon geöffnet habe und die Rückmeldungen dazu so… unglaublich waren. Danke dafür – ihr seid die besten Leser, die man sich wünschen kann. ❤ 

Falls ihr weiterlesen wollt, wenn er in den nächsten 24 Stunden online geht, geht es für euch hier entlang, um das Passwort zu erhalten:

www.patreon.com/federpeitsche 

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