Butterfly-Effect

Oder: Von Sternschnuppen, Sex und einem Zug an meiner Hand

 

Meine Lieben,

meine Wanderung durchs Wunderland nahm nun eine unvorhergesehene Wendung. „Unvorhergesehen“ ist das wichtigste Wort in diesem Satz – vermutlich in diesem gesamten Beitrag. Denn „unvorhergesehen“ war zuerst etwas, das ich zwar registrierte – das mich aber nicht viel mehr kümmerte als der Flügelschlag eines Schmetterlings. Wer ihn kennt, wird nun vielleicht von allein auf den Butterfly-Effect gekommen sein: Die Vorstellung, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings an einem weit entfernten Ort einen Tornado auslösen könnte. Es geht darum, dass vermeintliche Kleinigkeiten eine unvorhersehbare Auswirkung auf das System haben. 

Nun, was soll ich sagen? Indiana Jones schwang wohl kürzlich seine Peitsche im weit entfernten Australien…

…und nun sitze ich hier.

Tippe diese Zeilen.

Und versuche, damit zumindest einen Teil des Chaos zu ordnen, das ein Tornado gerade eben hier in meinem Wunderland angerichtet hat. 

Aber weil ich natürlich immer noch Ich bin, gilt auch heute:

Von vorn.


Der Flügelschlag

Der Schmetterling schlug zum ersten Mal mit seinen Flügeln in Berlin – das ist heute genau zwei Wochen her. Ich war für einige Tage in der Hauptstadt, weil ich wieder eine #FrauOenRunde gehalten hatte. Die Seelenschwester kam dann Freitag nach, weil ich ihr das Wochenende in Berlin nachträglich zum Geburtstag geschenkt hatte. Der Höhepunkt war natürlich für Samstagabend geplant: Insomnia und Kitkat.

Das Drumherum muss ich im Grunde nicht erzählen, ich komme jetzt einfach gleich zum… nun ja, zum Flügelschlag. Es war irgendwann zwischen 4 und 6 Uhr morgens, schätze ich. Die Seelenschwester war beschäftigt und versorgt und ich drehte allein meine Runden. Ich liebe das, diese Stimmung im Kitty, dass einfach… alles möglich ist.
Ich musste nicht fahren, hatte ein klein wenig getrunken, spürte den Alkohol ohne betrunken zu sein – der Bass und die Atmosphäre erledigten den Rest. Ich streifte in meinem schwarzen Ganzkörper-Catsuit mit einer Peitsche am Rücken durch die Räume – ja, ein leichtes Catwoman-Gefühl ist bei diesem Outfit automatisch mit dabei und ich liebte es.
Im Hauptraum schloss ich mich einem Menschenstrom an, der sich in beide Richtungen durch die tanzenden Menschen zog, um zur nächsten Bar zu kommen, als mir ein Mann entgegenkam, mich ansah und… grinste. Ich grinste automatisch zurück, wir gingen aneinander vorbei, den Blick ununterbrochen aufeinander gerichtet, passierten uns und… dann war es auch schon vorbei.

Im Bruchteil einer Sekunde ließ ich die Begegnung revue passieren, sein markantes Gesicht, den Bart, die Ausstrahlung und ohne es bewusst zu entscheiden, blieb ich stehen.

Und drehte mich um.

Wenn zwei fremde Menschen sich begegnen und anlächeln und einer davon diese Begegnung als besonders – auf irgendeine Art – einstuft, gehört das zu den schönen Kleinigkeiten. Diesen netten „Zwischendurch“-Situationen im Leben, an die man nicht unbedingt lange zurückdenkt, aber die einen kurz lächeln lassen. Wenn es aber der anderen Person in derselben Situation ähnlich geht, dann ist das eine völlig andere Sache. Hätte nur ich mich umgedreht, hätte ich ihm wohl nachgesehen, seinen breiten, muskulösen Rücken bewundert und mein Lächeln weiter genossen, das wohl noch ein oder zwei Minuten angehalten hätte. That’s it.

Stattdessen sah ich in dem Augenblick, in dem ich mich umdrehte, dass er dasselbe tat. Ich spürte das Drängen der Leute, auch an ihm drückten sich einige vorbei – immerhin befanden wir uns eigentlich gerade in diesem „Strom“, den Leute nutzen, um sich durch die tanzende Menge zu drücken. Es war uns beiden egal. Wir hatten uns angelächelt, beide. Und wir hatten uns (vermutlich unterbewusst, denn für alles andere ging es zu schnell) beide dazu entschieden, uns nochmal umzudrehen.

Und da standen wir dann. Beide schon einen Meter voneinander entfernt, umgedreht, ein Hindernis für die anderen Menschen – und grinsten uns an. Sein Gesicht war markant, irgendwie… männlich, mit harten Kanten, sehr sexy, er trug einen Bart, hatte kurze Haare, und stechende Augen. Er war oberkörperfrei, tätowiert und selbst mit meinen 16cm noch ein kleines bisschen größer als ich. Sein Grinsen war in erster Linie… frech. Herausfordernd, aber nicht aufdringlich. Charmant, aber nicht arrogant. Es war einfach… perfekt. Als wir beide registrierten, dass der jeweils andere sich auch umgedreht hatte, traten wir automatisch einen Schritt zur Seite, um den anderen Platz zu machen. Er hielt mir seine Hand entgegen. Als ich sie nahm, beugte er sich zu mir und fragte:

„What’s your name?“

Aha, englisch – natürlich, im kitty ist gefühlt die Hälfte der Leute international. Ich verriet ihm die englische Version meines Namens und er verriet mir seinen. Ich fragte ihn, woher er kam und er sagte den Satz, der in meinem Kopf… nun ja. Sagen wir den zweiten Flügelschlag auslöste:

„I live in New York now. But I’m Australian.“

Neue Satzkonstruktionen

Es liegt nahe, dass ich ihn hier Indiana Jones nenne – als er mir von Australien erzählte, war es, als würde sich ein Puzzle zusammenfügen. Ich mag den Film „Australia“ – mit Hugh Jackman und Nicole Kidman. Klischeebeladen und kitschig und widersprüchlich zu den Dingen, die ich sonst vielleicht schreibe, aber hey – jeder hat seine Schwächen. Manchmal brauche ich Filme oder Bücher mit heißen, muskulösen Typen, die eine Frau retten – so what? Es spricht dieselbe Seite in mir an, die sich einem dominanten Mann in einer Session unterwirft, sich schlagen und benutzen und danach auf Händen tragen, beschützen und umsorgen lässt. Der Witz dabei ist: Es ist eine Rolle, die ich einnehme und die ich nur genießen und zulassen kann, weil ich eben weiß, dass es ein Rollenspiel ist, eine Form von Sexualität und eben keiner der Beteiligten wirklich denkt, ich müsse beschützt werden.

Anyway.

Indie stand also vor mir, erzählte mir, er komme aus Australien, natürlich im passenden Akzent und mein Kopf zog sofort die Schlüsse von ihm zu Hugh Jackman, oben ohne, Down Under, gemixt mit Indiana Jones, eine Peitsche in der Hand… was weiß ich.
Mein Kopf machte jedenfalls komische Dinge und mein Körper schien sofort einzusteigen. Indie und ich begannen ein Gespräch. Er merkte schnell, dass meine Stimme ziemlich angeschlagen war und ich durch das laute Reden (um lauter zu sein als die Musik) ständig husten musste. Er nahm mich an der Hand und bedeutete mir, in den Nebenraum zu gehen. Der Nebenraum war in diesem Fall der große Raum mit dem Pool. Ich liebe den Pool im Kitty – auch wenn ich noch nie drin war. Hat sich irgendwie noch nie ergeben. Entweder es war zu kalt oder zu voll (und dann will ich mir irgendwie nicht ausmalen, woraus das Wasser besteht). Aber der Raum ist großartig. Die Musik schallt nur leise von nebenan herüber, wie ein Klang aus einer anderen Welt, gedämpft, als wäre eine Wand aus Watte dazwischen. Menschen sitzen und chillen hier um den gesamten Pool herum (oder machen andere Dinge) und beobachten die wenigen Freaks, die bei jeder Temperatur baden gehen.
Als ich den Raum zum ersten Mal betrat, vor ein paar Jahren, war mein erster Gedanke: Ein Sommernachtstraum – Shakespeare. Ein Wald, von einer Blume verzauberte Menschen, die nicht mehr wissen, in wen sie denn nun verliebt sind, deren Zuneigung wechselt, eine Elfenkönigin, die sich in einen Esel verliebt, weil Oberon, ihr Mann, eifersüchtig ist und sein Diener Puck sich einen Scherz erlaubt. Alles ist magisch, verzaubert, die Zeit steht still – keiner weiß so richtig, welchen Tag oder welche Uhrzeit es gerade ist und es spielt auch einfach keine Rolle. Okay, vermutlich trägt die Tatsache dazu bei, dass viele der Leute hier tatsächlich „von Blumen verzaubert“ sind, aber es ist die gesamte Atmosphäre, die mich immer an dieses Stück erinnert. Und ich liebe es jedes Mal aufs Neue.

Indie und ich standen eine Weile in einer Ecke und unterhielten uns. Wir lachten viel, was ich genoss. Er bot mir einen Schluck von seinem Bier an, weil ich immer häufiger hustete und irgendwann klang, als wäre ich die härteste Kettenraucherin, die die letzten 2 Tage nur Whiskey getrunken hat.

Und dann, schon nach wenigen Minuten, während ich mir im Hinterkopf noch überlegte, worauf ich heute wohl Lust hatte und wie lange wir noch über Kiwis und Kängurus reden würden, bis… – küsste er mich einfach. Also… einfach so. Mitten im Satz. Als wäre ihm einfach nach dem Prädikat eingefallen, dass man manchmal das Objekt weglassen und durch einen Kuss ersetzen könnte und damit noch viel mehr sagt.
Und vielleicht hatte er recht.

Der Kuss war gigantisch. Gut, sinnlich, leidenschaftlich und doch irgendwie… lässig. Er schmeckte nach einem minzigen Rauch und Bier und… Mann. Ich spürte seinen Bart, seine Hand lag dabei an meiner Seite, in der anderen hielt er seine Bierflasche. Ich lehnte mich automatisch gegen die Wand in meinen Rücken, ließ mich fallen, genoss und… dann war er zu Ende.

Indie lehnte sich zurück, grinste mich an und redete einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Als hätte der Kuss zur grammatischen Konstruktion des Satzes gehört: Subjekt – Prädikat – Kuss – Objekt. Just like that.

Da stand ich also – überrascht und irritiert, der Kontrollfreak in mir fühlte sich geohrfeigt…

…und lief ihm im nächsten Augenblick ohne nachzudenken hinterher, als er mich wieder bei der Hand nahm und entschied, dass mir ein Tee ganz gut tun würde.

I mean, sure… Ein Tee. Im Kitkat.

Why not?

Yeah… Why not?

Das „Warum nicht?“ wurde zu einem Grundgefühl in dieser Nacht, dieser ganzen Begegnung mit ihm. Wir standen an der Bar, lernten weitere Leute kennen, blieben aber immer beisammen. Während ich mit jemandem redete, streichelte er meinen Arm. Während er eine neue Runde bestellte, lag meine Hand an seiner Seite. Ich weiß nicht, wie der Kerl das machte, aber in seiner Nähe ließ ich mich einfach irgendwie… treiben. Ich hörte auf, nachzudenken. Und fuck, war das ein gutes Gefühl.

Indie bestellte mir Pfefferminztee, anschließend tranken wir Kaffee – er im Wechsel mit Jägermeister -, erzählte Anekdoten über die Trinkfestigkeit der Australier, stieß mit anderen an, küsste mich und redete weiter. Irgendwann – keine Ahnung, wie lange wir auf diese Weise Zeit verbrachten – wurden seine Küsse intensiver, seine Berührungen drängender.

„Lust einen ruhigeren Ort zu suchen?“

Ich nickte nur und er zog mich mit sich. Bei nächster Gelegenheit setzte er sich und zog mich rittlings auf seinen Schoß. Das war der erste Moment, in dem ich meinem Catsuit verfluchte – seine Hände waren überall, aber es gab keine Möglichkeit, sie auf meiner Haut zu fühlen. Ich hasste es in diesem Augenblick und er merkte, dass ich unruhig wurde. Wieder stand er auf, zog mich weiter in die Tiefen des Clubs. Ich folgte ihm einfach – es war mir egal, wohin wir gingen. Hinter einer Ecke drückte er mich hart gegen eine Wand, küsste mich fordernd, als hätte er nicht bis zum nächsten geeigneten Platz warten können. Dann ließ er wieder von mir ab, atmete schwer, sein Gesicht direkt vor meinem, und raunte:

„I wanna go down on you…“

Ich liebe Englisch war so ziemlich das Erste, was ich dachte. Ich meine Fuck, wie heiß ist bitte Englisch im Vergleich zu Deutsch? Dichter und Denker, wunderbar – aber sowas kann Deutsch einfach nicht. Jedenfalls spürte ich ein Ziehen, mir wurde heiß, ich sah ihn nur an und nickte erneut. Wieder seine Hand in meiner, wieder ein Zug, wieder ließ ich mich treiben. Von der Nacht. Dem Rausch. Meinem Körper. Von ihm…

Kurz darauf lagen wir in einer kleinen Nische in einem der untere Räume. Vorzustellen wie ein großes Loch in der Wand, in dem es in eine Art Höhle geht. Ausgestattet mit einer Matratze mit Gummibezug, Platz für vielleicht 4 Personen – für zwei also genau richtig – und wir hatten sie ganz für uns. Es gab durchaus den Augenblick, in dem mein Verstand sich einschaltete und ich mich fragte, was in dieser Nacht auf dieser Matratze schon alles geschehen war – aber erstaunlicherweise schaffte es Indie, dass dieser Moment recht schnell vorbei war. Ich achtete lediglich darauf, nicht mit kritischen Stellen direkt auf die Matratze zu liegen, sondern nur auf der eigenen Kleidung. Der Rest war mir irgendwie… egal. Ja, es war mir einfach egal. Indiana Jones kniete über mir, raunte mir ins Ohr, was er gern mit mir anstellen würde und alles, was ich dachte, war…

Ja… why the hell not?

Innerhalb weniger Sekunden hatte ich meinen Catsuit von oben nach unten ausgezogen, zuerst nur bis in die Kniekehlen. Er leckte mich, auch wenn es umständlich war, denn ich konnte meine Beine nicht ganz spreizen. Es vergingen erneut nur wenige Minuten, bis ich endlich resignierte. Kein „Wo liege ich?“, kein „Aber meine Schuhe sind so schwer wieder anzuziehen“, kein „aber ich hatte noch nie einfach so Sex im Kitty“, kein… gar nichts. Ich gab auf. Das Nachdenken war Arbeit, das Vernünftigsein war anstrengend.
Ich setzte mich auf, hieß ihn warten, zog meine Schuhe aus, den Catsuit riss ich quasi von mir, legte ihn unter meine Hüfte, spreizte die Beine, sah ihn an und sagte nur:

„Fuck me.“

Die weiße Flagge hissen

Der Sex mit Indiana Jones, diesem mir eigentlich völlig fremden Mann, war… ziemlich unbeschreiblich. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es eigentlich schon sehr merkwürdig, dass ich dahingehend immer ein gutes Händchen habe. Ich habe manchmal monatelang keinen Sex, weil ich keinen Mann finde, der mir passt. Aber dann reicht eine Begegnung und ich weiß intuitiv, dass es stimmt. Und dann… stimmt es auch. Ich habe mich noch nie getäuscht – auch wenn ich ab und an im Nachhinein von anderen… nun ja, menschlich unschönen Dingen erfahren habe: Der Sex war immer großartig.

Indiana Jones hatte Kondome dabei und gehörte zu diesen Männern, die es irgendwie schaffen, dass es sich anfühlt, als hätten sie 5 Hände. Zwei für das Kondom, eine um meinen Körper zu streicheln, eine zum Abstützen, um sich nach unten lehnen zu können und eine, um sie mir an die Wange zu legen. Schon wieder war es, als müsse ich in seiner Gegenwart alles einfach nur geschehen lassen. Und es war kein „er kümmert sich um alles und beschützt mich“-Ding, sondern eher ein „er hat auch keinen Plan, aber sein Vertrauen in die Welt und das Leben ist so groß, dass es für uns beide reicht“.

Nach wenigen Augenblicken also lag ich mit gespreizten Beinen unter ihm und stöhnte von Beginn an so laut, dass Menschen trotz Musik am Eingang stehenblieben. Fuck, hatte ich Sex vermisst. Das Gefühl, einfach nur gefickt zu werden. Das Gewicht eines Mannes auf mir.

Das Problem war… Indie behielt einen recht langsamen Rhythmus bei.

„Fuck me, please…!“, wimmerte ich irgendwann. Ich hatte ihn anders eingeschätzt und konnte irgendwie nicht glauben, dass er auf langsamen Kuschelsex stand – zumindest nicht in diesem Szenario hier.

Er nahm meine Hand, führte sie zwischen uns nach unten und legte sie mir zwischen die Beine, hob dabei seine Hüfte so an, dass er zwar weiter zustoßen konnte, aber ich mich dabei selbst befriedigen konnte. Mit der anderen Hand stützte er sich ab, sodass er direkt über mir war und mich ansehen konnte.

„You want me to fuck you?“

„Yes, please…!“

Warum zur Hölle fickt der Typ mich nicht einfach?

Ich quengelte, sein langsamer Rhythmus wurde unerträglich. Nebenbei versuchte ich, mit der Hand auszugleichen, was mir fehlte – mein Körper reagierte auf meine eigenen Bewegungen und…

Ein diabolisches Lächeln huschte über Indies Gesicht, dann stieß er zu – genau einmal. Und sah mich wieder an. Mein eigenes Stöhnen noch im Ohr, spürte ich erneut seine Hand auf meiner.

„Why do you stop?“, fragte er, weil ich von dem Stoß so abgelenkt war, dass ich aufgehört hatte – dabei schon wieder dieses Grinsen in der Stimme…
Ich machte weiter. Mein Körper begann wieder zu reagieren, meine Hand wurde schneller, meine Hüfte presste sich an ihn.

„Yeah, that’s it…“, raunte er in mein Ohr. Seine Stimme sorgte dafür, dass meine Augen sich von allein schlossen.

„You really want me to fuck you?“

Ja, ich war mir sicher: er grinste. Und in diesem Augenblick verstand ich…

Indiana Jones quälte mich.
Verdammt, er quälte mich absichtlich. Er wusste genau, wie sehr ich es wollte und er wollte es nicht weniger. Aber er genoss es, mich hinzuhalten. Mich warten zu lassen. Ich hasste ihn dafür.

Und verdammt – ich liebte ihn dafür.

Ich konnte nicht anders, ich bettelte weiter – bis er plötzlich ganz aufhörte, mich nur ansah und sagte:

„Make your little pussy come… then I’ll fuck you.“

Erst war ich skeptisch, ob das funktionieren würde, aber in Indies Blick sah ich, dass diskutieren nicht erwünscht war und im Grunde wollte ich das auch nicht. Ich bewegte meine Hand, schloss meine Augen und versuchte einfach nur, mich auf die Bewegung zu konzentrieren. Plötzlich lag sein Mund auf meinem, ich versank in einem fordernden Kuss, auf den mein ganzer Körper reagierte. Meine Hüfte presste sich gegen ihn, er atmete daraufhin schwer in meinen Mund – das wiederum kickte mich so, dass ich eine Welle der Erregung spürte und meine Hand sich automatisch anders bewegte. Als dieses Zusammenspiel nach einigen Sekunden so weit ging, dass ich tatsächlich merkte, dass sein Schwanz in mir – auch ohne sich zu bewegen -, sein Gewicht auf mir, seine Berührungen und meine Hand ausreichten, um mich in den nächsten Augenblicken kommen zu lassen, krallten sich meine Finger in seinen Rücken und ein lautes Knurren entfuhr mir.

Und dann, wie auf ein Stichwort, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich mich entspannte, die Augen schloss und alles einfach… geschehen ließ, aufhörte nachzudenken und mein Verstand endlich die weiße Flagge hisste, packte er meine Hände, legte sie über meinen Kopf, drückte sie mit einer Hand in die Matratze, während er seine andere an meinen Hals legte und…

…fickte mich.

Stop thinking

Ich kann mich nicht erinnern, wie viel Zeit wir in dieser „Höhle“ verbracht hatten, als irgendwann meine Seelenschwester am Eingang stand. Ich sah sie nur 2 Sekunden an, um zu erkennen, dass es ihr nicht gut ging. Nichts Dramatisches – höchstwahrscheinlich alles ein wenig übertrieben, zu viel getrunken und übermüdet. Indie und ich waren im Grunde ohnehin dabei, eine Pause einzulegen. Aber weil die Seelenschwester natürlich Priorität hat, wurde aus der Pause das Ende.

Ich erklärte es ihm und begann, mich zu verabschieden, als er mich an der Hand festhielt und sagte, er würde mit nach draußen kommen. Ich lächelte nur.

Wir zogen uns an und holten unsere Sachen an der Garderobe ab. Er und ich hatten uns an zwei unterschiedlichen Schlangen angestellt, die aber direkt nebeneinander waren. Ich kam gerade dran, übergab meine Nummer, als ich eine weibliche Stimme neben mir hörte: Australischer Akzent, wenn ich mich nicht täuschte. Ich drehte mich um und sah eine hübsche Frau, die sich Indie vorstellte und ihm erzählte, sie komme aus Sidney. Sie fragte ihn, ob er auch gerade erst gekommen sei und ob er Lust hatte, gleich ein wenig nach unten zu gehen. Ich richtete meinen Blick stur geradeaus – in erster Linie, weil ich nicht zeigen wollte, dass ich zuhörte und ihm zu verstehen geben wollte, dass er nicht verpflichtet war, jetzt mit mir zu gehen. Zugegeben, einen Stich versetzte mir der Gedanke dennoch. Ich bin nicht gern „eine von vielen“ – schon gar nicht unabgesprochen. Der Gedanke, er könne jetzt noch mit einer anderen mitgehen, warf auch die Frage auf, ob ich überhaupt die bislang erste Frau war, die er heute gefickt hatte oder ob er vielleicht vorhin schon…

Meine Gedanken wurden unterbrochen von seiner Hand, die mein Handgelenk streichelte. Ich sah unauffällig nach unten – er hatte seinen Arm an der Frau vorbei geschoben und berührte mich, ohne dass sie es merkte. Nicht dass wir etwas verheimlichen müssten. Es war einfach… eine innige Geste. Während er weiter mit ihr redete. Ihr erklärte, dass er nun gehen würde. Er war höflich, locker, charmant und nett – aber es wirkte, als hätte er darüber nicht einmal nachdenken müssen. Wenige Sekunden später verabschiedeten sie sich, er trat zu mir, legte seinen Arm um mich und raunte:

„Hey gorgeous…“

Mein verräterischer Körper reagierte mit einer Gänsehaut.

„Are you ready?“, fragte er dann.

Ich nickte, weil ich in diesem Moment meine Sachen zurückbekam.

„Alright, let’s go…“, hörte ich ihn und spürte einmal mehr in dieser Nacht seine Hand in meiner und einen Zug, dem ich nicht widerstehen wollte. Diesen Zug, der mich fast schon tadelnd mit sich zog, weil ich noch immer nicht gelernt hatte, dass man bisweilen einfach aufhören sollte, so viel nachzudenken.

Dieses „spontan“… oder wie das heißt

Indiana Jones und ich verabschiedeten uns vor dem Kitkat. Es war bereits hell, die Uhr zeigte 9.23 Uhr. Ich merkte erst an der frischen Luft, wie müde ich eigentlich war – zugleich aber noch immer voller Endorphine und Adrenalin. Einer spontanen Eingebung folgend, zückte ich mein Telefon und fragte ihn nach seiner Nummer. Der Abschiedskuss war nicht übertrieben romantisch, gemessen an der Tatsache, dass wir gerade überragenden Sex hatten und uns nun vermutlich nie wieder sehen würden. Aber es war eben Indie, so wie er in allem war: Locker.

Und so laut und pedantisch der Kontrollfreak in mir für gewöhnlich ist – irgendetwas hatte Indie an sich, das ihn sehr, sehr leise werden ließ.

In den nächsten Tagen schrieben wir sporadisch. Ich denke, wir beide wussten sehr gut, dass die Chancen, dass wir uns wiedersehen würde, gering waren. Und wir waren auch beide realistisch und pragmatisch genug, um eine Nacht im Kitty nicht überzubewerten. Und doch… der Kontakt blieb bestehen und nach einigen Tagen verriet er mir seinen finalen Abflugtermin zurück nach New York. Vorher musste er geschäftlich noch einige Tage nach Kroatien, würde dann aber noch die letzten freien Tage in Berlin verbringen, um dann 2 Tage vor seinem Abflug nach Paris zu gehen – von dort ging sein Flug.

Und dann, so wie alles mit ihm einfach… geschah, las ich die Nachricht:

„Do you wanna come to Paris with me?“

Ich lachte auf. Ja klar. Ich bin dann mal kurz mit einem fremden Mann in Paris für eine Nacht. Haha.

„Would be fun to have a partner in crime“, folgte dann, als ich nicht antwortete.

Typisch.

Irgendwie war alles „fun“ und locker und spontan und… wie kann man sich nur so vom Leben treiben lassen? Wie kann man so überhaupt nicht planen? Andererseits… eine Nacht mit einem Mann, den ich definitiv nie wieder sehen würde. Hm. Konnte mir irgendwie egal sein, was in dieser Nacht war oder wie komisch er mich finden würde.
Während ich mir die Nacht mit ihm in Paris ausmalte, suchte ich online nach Tickets – ihr wisst schon, rein aus Neugier. Hypothetisch. Und so…

Das Ende vom Lied war, dass Paris aus verschiedenen Gründen nicht klappte – in erster Linie, weil es zu teuer geworden wäre. Im Rückblick erwähne ich es im Grunde nur, weil es für mich bereits eine recht ungewöhnliche Sache ist, dass ich ernsthaft darüber nachdachte. Jedenfalls schrieb ich es ihm. Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

„Ich könnte mein Hotel in Paris canceln und zu dir kommen. Oder wir fahren von dir aus in die Heimatstadt meines Vaters, sind knapp zwei Stunden – hast du ein Auto?“

Moment… what?

Ich las die Nachricht erneut durch. Okay, langsam. Von „wir sehen uns nie wieder“ kommen wir über „verbring eine Nacht mit mir in Paris“ zu „ich komm zu dir und wir fahren irgendwohin“. Der Kontrollfreak in mir bekam Schnappatmung.
Irgendein anderer, neu entdeckter Teil in mir, schob ihn jedoch mit einem beiläufigen „immer diese Hypochonder“ beiseite und ließ meine Finger weitertippen.

„Ähm…“, schrieb ich, „ja, klar. Du könntest dir auch hier ein Hotel nehmen und wir machen was“, (das schrieb ich, damit gleich klar war, dass er nicht bei mir würde übernachten können), „…und ein Auto habe ich auch.“

„Great!“, kam sofort.

Es dauerte nur wenige Sätze, dann schien das irgendwie abgemacht – ein paar Stunden später schrieb er nur:

„Done.“

Er hatte das Hotel in Paris storniert und eines in meiner Stadt gebucht.

Seriously?!

Am nächsten Tag war ich angespannt. Am Abend schlug ich ihm eine komplett ausgearbeitete Liste an Dingen vor, die wir tun könnten – alles, was er sagte, war „we’ll figure sth out“.

Am übernächsten Tag war ich geradezu gestresst, unter anderem weil von ihm keine Nachricht kam. Die drei folgenden Tage verliefen ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass ich am Mittwoch, dem Tag bevor er hätte kommen sollen, innerlich endlich entspannte, weil ich mir sicher war, dass die Sache sich erledigt hatte.
Ich vermute, ich schloss von mir auf ihn – und ich könnte niemals spontan in eine fremde Großstadt, mich mit jemandem verabreden, ohne schon eine Weile zuvor einen Plan gemacht zu haben und zu wissen, was mich erwartet. Das Ding ist… Indie war exakt so. Genau das war seine Art zu leben: Irgendwo hingehen und schauen, was passiert.

Es war vielleicht 14 Uhr, an Halloween, als er mir schrieb:

„Ich bin gerade angekommen, stehe jetzt am Hauptbahnhof und suche erstmal mein Hotel. Wie sieht’s bei dir aus?“

Excuse me?!

Ich starrte mein Telefon an, ungläubig. Das konnte nicht sein ernst sein. Der Typ hatte sich jetzt ohne Scheiß einfach nicht mehr gemeldet und ging davon aus, dass der Plan weiterhin stand? Dass wir jetzt einfach so… irgendwas machten? So völlig… spontan?

Mir war schlecht.

Das Erste, was mir einfiel, war eine kleine Ausrede, die streng genommen nicht gelogen war, sodass ich für den Nachmittag gerettet war – keine Chance, dass ich mich jetzt innerhalb einer Stunde darauf einstellen konnte, ihn wiederzusehen. Schon gar nicht, ohne zu wissen, was wir machen würden.
Für ihn war das natürlich kein Problem, so wie irgendwie nichts für ihn ein Problem ist und überhaupt, hatte der Typ sie noch alle? Wer lebt so? Wer…?
Ich spürte, dass ich auf merkwürdige Art wütend war. Nicht sehr, aber unterschwellig. Es war ein „der Typ bringt jetzt meinen ganzen Plan durcheinander“ – obwohl ich streng genommen keinen Plan hatte. Ich war zu Hause am Schreibtisch. Und ich hatte auch nichts vorzubereiten oder zu organisieren, immerhin hatte er immer betont, ich solle mir keine Umstände machen, wir finden schon irgendwas, das Spaß macht.

Die Ansprüche waren nicht seine, sondern meine – aber das weiß ich jetzt. An diesem Nachmittag war mir das noch nicht bewusst.

Die folgenden drei Stunden verbrachte ich mit twittern (weil das Tippen mich runterholt), nachdenken (darüber, was ich denn jetzt heute Abend mit ihm machen würde) und durch die Gegend laufen (in erster Linie, um meinen Magen zu beruhigen). Ich denke, dieses Maß an… ja, tatsächlich Stress, nur durch so etwas, können vermutlich nur die nachvollziehen, die diesbezüglich ähnlich ticken wie ich. Ich weiß, dass da draußen auch Menschen dabei sind, die diesbezüglich eher Indie ähneln. Für beide kann ich sagen: Lest den Beitrag bis zum Ende. Mein Plan ist nämlich, beide Seiten heute ein wenig zum Nachdenken zu bringen…

Anyway, die Stunden vergingen und schließlich hatten wir so etwas ähnliches wie einen Plan: Wir würden mit der Seelenschwester und einem Freund in einer Bar Tapas essen gehen, um anschließend auf einer kleinen Kinky Halloween Party vorbeizuschauen, nur um dann wiederum spontan zu entscheiden, wo wir die Nacht enden lassen wollten. Es war ein Maß an Spontaneität, mit dem ich leben konnte.

Drei Minuten zu früh war ich fertig und machte mich auf den Weg, um Indie am Hauptbahnhof einzusammeln. Als ich ins Auto stieg, kämpfte ich mit allen möglichen Gedanken: Was, wenn er nur im Kitty so toll war und ich jetzt ernüchtert wäre? Was, wenn er im Kitty auf Drogen war und jetzt ein ganz anderer Mensch? Was, wenn…

Pling.

Ich sah auf mein Telefon, das mir eine Nachricht von ihm anzeigte:

„Freu mich drauf, dich zu sehen.“

Und da war es.
Das erste Mal seit dem Kitkat, das ich ihn endlich wieder spürte:

Diesen unbeschreiblichen Zug an meiner Hand.

Ein Knebel für den Kontrollfreak

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht wirklich, wie ich das, was nun folgte, beschreiben soll. Ich weiß noch, wie geflasht ich war, als Indie in mein Auto stieg. Wir begrüßten uns nicht überschwänglich – ob das an der Tatsache lag, das ich auf dem Fahrersitz saß, weiß ich nicht. Wir freuten uns, aber es gab keinen Kuss – und irgendwie war das etwas Gutes. Hätten wir uns sofort geküsst, wäre irgendwie klar gewesen, das das hier etwas Sexuelles war. Es wäre klar gewesen, worauf es hinauslief. So allerdings fingen wir einfach sofort an zu reden, während ich uns zu der Tapas-Bar fuhr, und die Stimmung zwischen uns war ausgelassen und… locker. Irgendwie offen für alles und das wiederum entspannte mich.

Zugleich will ich ehrlich sein: Es entspannte mich, dass es kein Muss gab – aber ich wusste ziemlich schnell, was ich wollte. Indiana Jones hatte sich in der vergangenen Woche Side Cuts rasieren lassen, was ihn noch härter aussehen ließ, und seinen Bart getrimmt, was seine unglaublich markanten Wangenknochen noch stärker zum Ausdruck brachte. Kurz: Fuck, war der Typ heiß.

In der Bar ließen wir es uns gutgehen, aßen Tapas, unterhielt uns zu viert und begannen, Cocktails zu trinken. Nun ja, alle außer mir, denn mein Plan war ja, noch zu fahren – nur so konnte ich sicher wissen, dass ich von überall aus immer wieder weg und überall hin kommen würde. Nur so konnte ich sicher wissen, dass ich zu jeder Zeit die Kontrolle hatte. Mein Auto ist für mich Freiheit und Flexibilität – aber zugleich eben auch Kontrolle. Und die brauche ich. Nun, für gewöhnlich.

Indie und die beiden anderen verstanden sich enorm gut, was mich nicht wunderte – er gehörte einfach zu diesen Menschen, die mit jedem klarkamen. Wir lachten viel, ich nippte an seinem Cocktail, wir aßen gut und machten Witze über Australier und Deutsche. Es war herrlich. Es war locker und spontan und perfekt und…

…dann legte er plötzlich unter dem Tisch seine Hand auf mein Knie und ich atmete mitten im Satz so tief ein, dass er mich nur angrinste. Ich erwiderte mit einem schiefen Lächeln. Ab diesem Zeitpunkt waren die Fronten geklärt. Es war wieder wie an der Bar im Kitty: Indie und ich waren zusammen unterwegs und es war klar, dass wir heute noch Spaß haben würden – bis dahin aber konnte jeder tun und lassen, was er wollte. Dennoch war die Vetrautheit zwischendurch einfach immer da. Wenn ich kurz zur Toilette wollte, legte ich im Gehen meine Hand auf seine Schulter. Wenn er sich über den Tisch lehnte, streichelte er meinen Arm. Ich genoss alles daran. Es ist merkwürdig irgendwie, wie schnell Sex diese bestimmte Art von Nähe und Intimität aufbaut. Und auch, wie vertraut man mit jemandem sein kann, den man im Grunde nicht kennt und auch nie wieder sehen wird.

Nach einigen Stunden waren die drei bereits gut angetrunken, ich selbst war natürlich nüchtern, weil der Fahr-Plan noch stand. Als wir darüber sprachen, was wir nun machen wollten, kamen mir erstmals Gedanken, ob ich mein Auto vielleicht stehen lassen könnte. Es war schon wieder dieser Zug an meiner Hand, der mich mitreißen und dem ich einfach nachgeben wollte. Indies Gegenwart machte alles irgendwie… leicht und unbeschwert. Gab mir das Gefühl, dass alles gut war und bleiben würde, egal, wie der Abend sich entwickelte. Es würde schon werden.

We’ll figure sth out, dachte ich nur.
Und der Kontrollfreak in mir zuckte geknebelt, gefesselt und ergeben mit den Schultern.

Nachdem wir gezahlt hatten, liefen wir zurück zum Auto und ich fuhr uns zu der Halloween Party. Sie war so klein und überschaubar, dass ich mich mehrmals entschuldigte, weil ich die Befürchtung hatte, Indie war enttäuscht – immerhin war er Kitty-Standards gewohnt und ich war zwischendurch sicher, er hatte mehr erwartet. Aber das war eben das Ding: Als ich meine Befürchtungen von mir gab, drückte er mich gegen eine Wand und küsste mich. Lachte. Grinste. Winkte ab. Oder erklärte mir, dass alles mehr als perfekt war.

„Don’t you worry“, sagte er und sah mich an, seine Hand an meiner Wange, „ich bin so durch von den letzten Tagen. Ich brauche keinen vollen Club mehr. Deine Leute sind der Hammer, alle hier sind locker, der Barkeeper gibt ständig Drinks aus und lächelt immer  – und du bist hier. Everything’s perfect.“

Er küsste mich wieder, ich sank in seine Berührungen und als er mich wieder losließ, tat ich das Einzige, was mir in diesem Augenblick stimmig erschien:

Ich bestellte mir einen Tequila, verstaute meine Autoschlüssel tiefer in meiner Tasche und beschloss… nun ja, ich beschloss eben gar nichts. Außer vielleicht, dem Zug an meiner Hand zu folgen.

SpOnTaN…

Wir kosteten die Party voll aus, ich spürte den Alkohol, lachte und tanzte, bis fast niemand mehr da war. Als wir durch die Tür an die frische Luft traten, beschlossen wir – auf meine spontane Idee hin – Pan noch einen Besuch im Club abzustatten. Ich schrieb ihm, kündigte an, wen ich mitbringen würde und 15 Minuten später stellte ich die beiden einander vor. Pan hielt sich mit dem Küssen zurück – das ist ein unausgesprochener Deal zwischen uns. Wenn einer von uns an einem Abend jemand anderen hat, hält man sich zurück. Einfach um es für den Dritten nicht unangenehm und die Situation nicht kompliziert zu machen. Das ist das Level von Entspanntheit, das Pan und ich mittlerweile erreicht haben.

Irgendwann verabschiedeten sich alle und Indie zog mich in eine Ecke, um mich zu fragen, ob ich noch mit ihm auf sein Hotel kommen wollte. Es war der Augenblick, den ich bislang vor mir her geschoben hatte und der mir erst im Magen gelegen hatte, den ich aber durch den Spaß und vielleicht auch den Alkohol zu verdrängen geschafft hatte. Die Wahrheit war: Ich musste ihm vorher noch ein paar Dinge beichten – und weil er mich nun darauf festnagelte, gab es kein Entkommen und auch kein Aufschieben mehr.

Ich erklärte ihm erst, dass ich nicht würde bei ihm übernachten können. Er zuckte mit den Schultern und antwortete etwas von „klar, wie du magst“. Es war nicht eingeschnappt oder kurz angebunden, sondern einfach nur… unkompliziert. Es war ihm völlig egal – auf eine gute Art.
Da war aber noch etwas. Durch die Faktor V Leiden-Genmutation darf ich nur eine einzige Pille nehmen, weil ich ein stark erhöhtes Thromboserisiko habe. Diese Pille nimmt man durchgehend, ich habe also quasi nie meine Tage. Etwa ein bis zweimal im Jahr kann es aber passieren, dass ich unerwartete Zwischenblutungen habe – so wie heute. Ich gestand ihm also (ohne den langen Hintergrund), dass ich meine Tage hatte.

Ein bisschen hatte ich es schon geahnt, aber es faszinierte mich dennoch, als er einfach nur wiederholt mit den Schultern zuckte und sagte, das sei doch normal und würde ihn nicht stören. Wir müssten auch nichts machen, wenn ich nicht wollte – ich könnte ja einfach mal mitkommen und den Rest sehen wir dann spontan.

Da war es wieder, dieses Wort: Spontan.

Nur dass es in diesem Augenblick zum ersten Mal genau das war, was ich hören wollte.

Turn of Events

Eine Stunde später lag ich in Indies Bett, meinen Kopf auf seiner Brust und seinen Arm um mich geschlungen. Wir redeten, lachten, küssten uns und hatten schließlich großartigen Sex.
Als ich kurz darauf einen leichten Asthma-Anfall hatte (vermutlich war die Nacht nicht gerade zuträglich gewesen), stand Indie kommentarlos auf, holte ein Asthma-Spray und gab es mir. Er setzte sich dabei neben mich, streichelte mir sanft über den Rücken und erzählte mir leise von seinem eigenen Asthma und was ihm immer half. Ich nahm einen Zug, atmete tief durch und ließ zu, dass er mich umdrehte. Und gerade als ich nachsehen wollte, was er da tat, begann er, mir den Rücken einzucremen. Erst dachte ich, es sei Eukalyptus, aber der Geruch war weniger stechend. Ich weiß bis heute nicht sicher, was es eigentlich war – aber es half und ich ließ es geschehen. Während seine eine Hand also langsame, beruhigende Kreise auf meiner Haut zog und seine andere sanft auf meinem Knie lag, wurde mein Atem ruhiger. Und meine Augen schlossen sich.

Indie beugte sich irgendwann zu mir, flüsterte mir die schönsten Dinge zu und sorgte für eine Gänsehaut nach der anderen. Ich weiß, der Sex war – erneut – mehr als gut und ich hatte es vermisst. Aber das hier… nun, ich denke, dieser Augenblick war der beste von allen. Es war das, was mir am meisten fehlt. Das, was mir am meisten gibt. Und vielleicht ist es auch gar nicht getrennt von dem Sex-Part, sondern eben ein Teil davon – ohne den Sex davor hätten wir vermutlich dieses Level an Intimität gar nicht erst erreicht. Jedenfalls habe ich nie zuvor erlebt, dass mir ein einziger Mann eine so breite Palette an Gefühlen vermittelte und das nur in so kurzer Zeit: Einerseits war alles leicht, locker, spontan, indifferent, unverbindlich und belanglos – andererseits schaffte dieser Mann es, dass mir einzelne Berührungen so nahe und einzelne Worte von ihm so tief gingen, dass meine Augen beinahe feucht wurden.

Es war dieses zweite, andere Extrem, die vertraute Tiefe seiner Berührungen, die dafür sorgte, dass ich irgendwann ein wenig einschlief – in den Armen dieses mir eigentlich fremden Mannes etwas geschehen lassen konnte, was sonst nicht einmal bei Männern ging, die ich schon ewig kannte. Gegen Mittag stand ich auf, er verabschiedete mich und ich nahm ein Taxi zu meinem Auto, um nach Hause zu fahren. Bereits drei Stunden später schrieb er mir und fragte, was ich trieb. Ich antwortete, dass wir hier gerade ein late breakfast veranstalteten und vermutlich den Rest des Tages auf der Couch verbringen würden, mit Pizza and stuff. Und ich lud ihn ein.
Eine weitere Stunde später stand dieser mir eigentlich fremde und ja irgendwie doch nicht mehr so fremde Mann in meiner Wohnung, kraulte den Köter und lag schließlich mit uns auf der Couch. Wir verbrachten den Abend mit spontanen Besuchen bei der Tankstelle für Bier, Schokolade und Eis, Pizza, Musik und viel Humor. Es war nach Mitternacht, als die Seelenschwester sich ins Bett verabschiedete und ich Indie anbot, ihn zum Hotel zurückzufahren – immerhin musste er noch packen, rechtzeitig auschecken und hatte zwei lange Reisetage vor sich. Er nahm mein Angebot dankend an, verabschiedete sich von der Seelenschwester und wir machten uns auf den Weg.

Ein wenig ging ich schon davon aus, dass ich noch mit zu ihm hoch kommen würde – andererseits brauchte er dringend ein wenig Schlaf, und die Tatsache, dass er morgen quasi für immer gehen würde, gab der Situation eine Note, die ich nicht ganz greifen konnte. Ich fuhr also auf keinen Parkplatz, in keine Tiefgarage, sondern direkt vor den Haupteingang des Hotels. Bisher hatte das Thema schließlich keiner angeschnitten und ich merke in solchen Situationen noch heute den Schatten von früher. Das „ich will mich nicht aufdrängen“. Es ist ein Unterschied zur klassischen „Unsicherheit“, denn ich wusste definitiv, dass er Bock auf mich hatte. Aber es konnte ja sein, dass er heute einfach pragmatisch war, seine Lust zur Seite schob und einfach mal 6 Stunden Schlaf brauchte, weil er einen heftigen Tag vor sich hatte – ich würde das vermutlich selbst so machen. Aber wer sagte mir, dass er auf meine Frage hin nicht einfach trotzdem Ja sagte, weil er mich nicht vor den Kopf stoßen wollte. Also fragte ich nicht und überließ es ihm. Als wir im Auto vor dem Hotel saßen, sah ich ihn an. Er begann als Erster und stellte die Frage, auf die ich gewartet hatte:

„Do you wanna come upstairs?“

Und ich – BESCHEUERT wie ich sein kann – hatte in diesem Augenblick einfach… nun, nennen wir es einen Rückfall. So spontan, locker und leicht ich die letzten 24 Stunden genommen hatte, so blöd war ich in dieser Sekunde, als ich sagte:

„I think you should get some sleep.“

Indie nickte sofort und stimmte mir zu, nahm es als einfaches Nein:

„Yeah sure“, sagte er und dann bedankte er sich auf die süßeste Art und Weise für die letzten beiden Tage. Küsste mich, sah mich an und… stieg aus.

Wie in Trance fuhr ich los. Die Straße entlang. Dann die erste Abbiegung. Dann weiter und dann… fuhr ich rechts ran.
Mein Blick ging ins Leere. Irgendetwas hielt mich davon ab, weiterzufahren. Das hier fühlte sich falsch an. So völlig, komplett, wahnsinnig falsch. Nach diesen beiden Tagen konnte das nicht der Abschied sein. Hatte ich gehofft, er würde anfangen, mich zu überreden, nachdem er mich doch eingeladen hatte und ich ihm quasi ein Nein gegeben hatte? Was zur Hölle war da gerade passiert??

Ernsthaft, ich habe heute noch keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Ich saß am Straßenrand und ging es wieder und wieder durch. Der Gedanke war die Wahrheit gewesen – es war wirklich meine Sorge darum, dass er wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf brauchte. Ich an seiner Stelle würde sie brauchen, um morgen nicht umzufallen. Ich an seiner Stelle würde… FUCK. Von einer Sekunde auf die andere wurde mir klar, wo mein Fehler lag:

Ich würde es so handhaben, das stimmte. Aber Indiana Jones war eben nicht ich. Er war das fucking Gegenteil. Keine Chance, dass er eine Frau zu sich aufs Zimmer einlud, wenn er nicht in diesem Augenblick Lust hatte. Keine Chance, dass er jetzt auf eine schöne Erfahrung verzichten würde, nur weil er vielleicht morgen deshalb übermüdet war. Verdammt – er war nicht so und VERDAMMT, ich wollte heute auch nicht so sein.

Ich nahm mein Handy und alles, was ich dachte, war „scheiß drauf – wenn er dich jetzt komisch findet, ist es ohnehin egal“, als ich ihm schrieb:

„You know what… Maybe just a few minutes?“

Wenige Sekunden später antwortete er mir mit einer dreistelligen Zahl.

Es war seine Zimmernummer.

Turn of Events

Natürlich wurden aus den „few minutes“ mehrere Stunden – und sie waren perfekt. In allem. Der Sex war perfekt, die Nähe, die Zuneigung waren noch inniger, die Gespräche gingen noch tiefer und der Abschied war nicht theatralisch, sondern einfach nur angemessen. Es war das, was ich mir vorgestellt hatte und einmal mehr im Leben bin ich unbeschreiblich froh darüber, dass ich mittlerweile zwar noch Fehler mache, weil ich Dinge zerdenke, nicht schnell genug weiß, was ich eigentlich will oder weil das Leben eben nicht immer offensichtlich ist – aber gelernt habe, konstruktiv mit diesen Fehlern umzugehen und mir zu nehmen, was ich will. Immer, wirklich immer, wenn ich das mache, nimmt es eine gute Wendung. Meine Intuition hat mich rechts ranfahren lassen und mir gesagt, dass das hier nicht richtig war. Und es stimmte. Es war nicht richtig.

Doch das, was mir nun – nach all diesem langen Geschreibe – wirklich wichtig ist zu sagen, ist das Folgende. Denn alles, was ich bisher einfach nur… beschrieb, teilweise nüchtern, teilweise etwas erregt durch Erinnerungen, teilweise zusammenfassend und teilweise belanglos berichtend… das alles war nur die Vorgeschichte für die eigentliche Begegnung. Die Begegnung nämlich, die mir noch bevorstand, als ich mitten in der Nacht mit meinem Auto am Straßenrand stand. Die Begegnung, die sich anfühlte, als würde ein Rätsel gelöst werden.

Es war eine Begegnung mit mir selbst.

Von Sternschnuppen…

Meine Lieben.
Der Teil, um den es mir heute eigentlich geht, beginnt erst jetzt. Ja, ich wollte mir diese verrückten 24 Stunden von der Seele schreiben, um sie zu ordnen und natürlich, um euch daran teilhaben zu lassen – aber das, worum es mir eigentlich geht, ist keine coole Party. Auch nicht die Tatsache, dass ich mein Auto stehen ließ – was ich sonst nie mache. Und genauso wenig, dass ich kurz in seinem Arm einschlief.
Nein, dieser Beitrag handelt von etwas gänzlich anderem. Aber um zu verstehen, was ich meine – um meine persönliche Katharsis nachzuvollziehen, musste ich euch auf diese weitere kleine Reise mitnehmen. Warum? Damit ihr ein Gefühl für Indiana Jones bekommt. Einen Eindruck von der Art Mensch, zu der er gehört. Und damit ihr verstehen könnt, was ich meine, wenn ich euch jetzt etwas von Sternschnuppen und Fixsternen erzähle.

Es ist irgendwie bezeichnend, dass ich erst vor kurzem den „Dolce Vita my ass„-Beitrag schrieb. Das Gefühl in Venedig sitzt mir noch immer in den Knochen, wenn ich daran zurückdenke und der Beitrag dazu arbeitete danach noch so lange in mir wie es meine Texte nur sehr selten tun.
Ich dachte noch Tage und Wochen danach über diese Reise nach, über das, was ich dort gelernt hatte – in diesem verdammten Labyrinth von einer Insel.

Erinnert ihr euch noch daran, dass ich gegen Ende des Beitrags davon erzählte, wie mir Menschen, die viel reisen, immer vorkamen? Davon, wie ich mir früher immer wünschte, später eine Wohnung zu haben, die davon zeugt, wie viel man reist, wie belesen und kultiviert man ist und wie offen für die Welt? Indiana Jones gehört zu diesen Menschen. Er ist in Australien aufgewachsen. Wohnt seit 5 Jahren in New York. War über 20 mal in Europa und hat zwei Weltreisen und zahlreiche einzelne andere hinter sich. Am ersten Abend hat er sich mit einem Freund von uns über das Weltreisen unterhalten, hat über Länder gesprochen und Anekdoten und Erfahrungen ausgetauscht. Die Seelenschwester und ich sahen uns nur an.
Ich habe in den Tagen mit Indie so häufig wie nie mehr seither an Venedig gedacht und all meine Gedanken, meine Zweifel waren wieder an die Oberfläche gekommen. Alles in meinem Kopf kreiste um Spontaneität, um Flexibilität, darum, sich auf das Leben einfach einzulassen, um das Reisen, um die Welt und um die Frage, wie viel ich von ihr gesehen haben muss, um sagen zu können… nun, was will ich überhaupt sagen können? Vielleicht ist diese Frage ja viel wichtiger.

Am ersten Abend mit Indie fühlte ich mich genötigt, in Nebensätzen zu erwähnen, dass ich auch mal in der Karibik war, auch wenn es viele Jahre her ist. Dass ich schon da und da war. Dass ich kürzlich in Venedig war. Aber dass ich in den letzten zehn Jahren nicht sonderlich viel gereist war, Budapest vielleicht. Einmal Wien. Und eben in Deutschland hin und her. Nun ja. Einmal fragte er – es war eine ehrliche und sehr offene Frage – ob mir das reichte. Einfach… hier zu sein. Ab und zu nach Berlin oder sonst wohin. Und dann wieder zurück und… ja.

Ich zuckte mit den Schultern. Nickte dann irgendwie, machte einen Witz und lenkte dann vom Thema ab. Seine Frage traf mich irgendwie, obwohl ich wusste, dass das nicht seine Absicht gewesen war und ich war ihm auch nicht böse deswegen. Noch im selben Moment war mir bewusst, dass sie mich nur traf, weil ich die Antwort nicht wusste – oder nicht mit ihr zufrieden war. Ich beschloss, in Ruhe darüber nachzudenken, wenn er weg war. Dieses Nachdenken allerdings blieb aus, denn nicht nur hatte Indie mir in der ersten Nacht die richtige Frage gestellt – sondern seine Gegenwart würde mir in der zweiten Nacht die Antwort gleich mitliefern…

Wir hatten gerade die zweite Runde hinter uns, Indie war im Bad und ich betrachtete das ausladende, luxuriöse 5 Sterne Hotelzimmer von dem Kingsize-Bett aus. Er hatte mir vorher erklärt, dass seine Firma das bezahlte. Es war dasselbe Gespräch gewesen, in dem er mir von Oxford erzählt hatte und dass er nächstes Jahr dort mit dem PHD weitermachen würde.

Es war zudem dasselbe Gespräch, das mir bewusst werden ließ, dass Indiana Jones für mich eine Sternschnuppe war.

Sternschnuppen nenne ich Menschen, die plötzlich in deinem Leben sind – und dann wieder weg. Die nicht sesshaft werden, die wie Nomaden umherziehen, äußerlich oder emotional. Die viel bis ständig reisen, die die Welt sehen und anderen davon erzählen. Ich war ein Mensch, dem ein Sternschnuppen-Mensch von der Welt erzählt, wenn er gerade Pause machte – offensichtlich. Und schon früher machte mich dieser Gedanken irgendetwas zwischen wütend und traurig und eifersüchtig und… ich weiß nicht. Neidisch? Ich wollte immer ein solcher Mensch sein. Einer, der vor nichts Angst hat und mutig genug ist, sich die Welt anzusehen.

Dann kam das Leben dazwischen und als ich das Leben endlich im Griff hatte, kamen solche Dinge wie Venedig und irgendwie… ich glaube, spätestens nach Venedig habe ich mich damit abgefunden, keine Sternschnuppe zu sein. Ich denke nicht, dass ich jemals ein Mensch werde, der sich die Welt ansieht und dessen Wohnung mit Andenken aus den Hauptstädten aller Länder verziert ist.
Es war als hätte ich diese Wahrheit in Venedig erkannt und sie zudem akzeptiert. Sie hinterließ zwar einen traurigen Schatten, aber es war nicht wirklich schlimm – es ist eben so. Der eine wird Marathon-Läufer und der andere hat einfach nicht die Gelenke dafür. Was auch immer. Aber ich habe mein eigenes Ding, das Schreiben hauptsächlich – und ich bin alles andere als unglücklich.

Das war es, was ich bisher dachte. Was ich glaubte zu wissen. Womit ich mich abgefunden hatte und von dem ich glaubte, es würde mir durch die Begegnung mit Indiana Jones noch deutlicher vor Augen geführt werden.

Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie perplex ich war, als stattdessen das Gegenteil geschah.

…, Nebeln, …

Als Indie nackt aus dem Bad kam, legte er sich neben mich. Gemütlich auf den Bauch, die Arme unter seinem Kopf verschränkt, das Kinn auf ihnen abgelegt. Ich stützte mich auf den Ellenbogen, betrachtete ihn und streichelte dabei sanft mit meinen Fingerspitzen über seine nackte Haut. Als sein Brummen zu einem Schnurren wurde und er die Augen schloss, ging ich zu einem Kraulen über, das ihn völlig entspannen ließ. Und dann, gerade als ich dachte, er sei eingeschlafen, flüsterte er mit geschlossenen Augen:

„Weißt du, manchmal… manchmal wache ich auf, in einem Hotelzimmer und weiß nicht mehr, in welchem Land ich bin.“

Ein Schauer ergriff mich. Er sagte das so locker, wie es eben seine Art war – aber die Vorstellung in einem fremden Hotel aufzuwachen und nicht zu wissen, in welchem Land man ist… nun, Panik war wohl das Grundgefühl. Bei mir zumindest. Ich schwieg.

„Ich kann nicht anders. Ich liebe es. Aber… ja“, sagte er dann kryptisch.

Ich weiß bis heute nicht, wovon er sprach. Meinte er das Reisen? Seine Arbeit? Seine Lebenseinstellung? Und was meinte das „aber“? Auch hier entschied ich mich intuitiv, nichts zu sagen und nicht nachzufragen. Er war entspannt, vielleicht auch übermüdet und alles, worauf ich mich beschränkte, war, ihn zu kraulen – dieses Bild von einem Mann, der mich so ungemein beeindruckt hatte und der mir das Gefühl gegeben hatte, an seiner Seite sei alles möglich.
Sekunden verstrichen, dann hob er wieder an. Ich musste mich zu ihm beugen, weil er so leise sprach:

„Die beiden letzten Tage mit dir waren genau das, was ich gebraucht habe. Woher wusstest du das?“

Ich habe – ganz im ernst – keine Ahnung, weshalb, aber meine Augen füllten sich in diesem Augenblick mit Tränen. Sogar jetzt, wenn ich nur darüber schreibe, verschwimmt meine Sicht, weil ich den Ton seiner Worte noch im Kopf habe. Und dieser Ton war Einsamkeit. Ja, in diesem Augenblick kam mir dieser Mann, der wirkte als wäre die ganze Welt sein Freund, vor, wie der einsamste Mensch auf der Welt.
Alles an diesem einen Satz stimmte mich traurig, schürte das Bedürfnis, ihn zu trösten – natürlich tat ich es nicht. Er hätte es nicht gewollt. Stattdessen kraulte ich ihn weiter und sagte:

„Ich weiß nicht. Umgekehrt war es ähnlich. Du hast mir auch etwas gegeben, was ich gebraucht habe.“

„Sex?“, fragte er verschmitzt und ich musste schmunzeln.

„Auch“, gab ich zu, „aber vermutlich auch die Erkenntnis, dass ich doch spontaner sein kann als ich immer dachte.“

„Du, sweetheart, bist das spontanste Mädchen überhaupt.“

Ich lachte leise.

„Du und auch sonst niemand hat eine Ahnung, was in meinem Inneren eigentlich vor sich ging, die letzten beiden Tage.“

Und dann öffnete Indiana Jones seine Augen, sah mich an und stellte mir die Frage, die alles beantwortete:

„Und du glaubst, irgendeinem Menschen auf der Welt geht es anders?“

…und Fixsternen

Indiana Jones und ich redeten in dieser Nacht noch ein wenig. Es war eigentlich kein sonderlich langes, tiefgründiges Gespräch. Eigentlich war es mehr… nackt nebeneinander liegen, sich gegenseitig kraulen und streicheln und dabei random Gedanken loswerden, auf die der andere entweder reagierte oder nicht. Manchmal stellten wir uns Fragen, die wir dann einfach unbeantwortet ließen. Ich antwortete nicht auf die Frage, ob ich jemals in die USA wollte. Er antwortete nicht auf die Frage, ob er es nicht vermisste, ein festes Umfeld mit engen Freunden zu haben.

Es war, als würde die Zeit stillstehen, hier auf diesem Hotelzimmer. Es war, als hätte ich geschafft, was nur wenigen Menschen gelingt: Die Momentaufnahme einer Sternschnuppe. Da lag ich, sah sie, nahm sie wahr, wünschte mir etwas, das längst in Erfüllung gegangen war und aus irgendeinem Grund entschied das Universum sich dafür, die Zeit kurz anzuhalten, damit ich mir den Inbegriff des Vergänglichen genauer ansehen kann.

Und warum?

Nun, das weiß ich nicht. Vielleicht, um heute, dieses eine Mal selbst eine Sternschnuppe sein zu dürfen, die etwas erfahren oder gelernt hat, das sie nun anderen erzählen kann. Denn etwas gelernt habe ich tatsächlich und ich finde, dass man immer, wenn man etwas gelernt hat, es mit anderen teilen sollte.

Ich habe gelernt, dass Sternschnuppen uns nur so wundersam vorkommen, weil wir nie dazu kommen, sie uns genauer anzusehen.
Ich habe mal wieder gelernt, dass wir nicht an Vorstellungen festhalten sollten, weil hinter allem und jedem mehr steckt als wir denken.
Ich habe gelernt, dass manchmal gerade die Menschen, die wirken, als seien sie geradezu mit der ganzen Welt verbunden, die einsamsten von allen sind – warum ausgerechnet mich diese Erkenntnis überrascht hat, weiß ich nicht.

Und vor allem – und jetzt müsst ihr gut aufpassen, denn diese Erkenntnis ging mir durch Mark und Bein – habe ich gelernt, dass es entgegen meiner Erwartung nicht nur Sternschnuppen am Himmel gibt… sondern auch Fixsterne.

Ich glaube weiterhin, dass es Menschen wie Indiana Jones gibt, die eher… rastlos sind.  Ich glaube, es gibt Menschen, die ihr Leben lang reisen und umziehen, die Fernweh haben und die es immer in andere Länder zieht. Ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die immer spontan sind, alles auf sich zukommen lassen. Menschen, die Sternschnuppen sind – die nirgends ankommen wollen, weil die Welt ihnen nicht genug ist. Die aber dafür andere Menschen inspirieren und die in anderen Menschen geheime Wünsche zum Vorschein bringen, wenn sie ihnen begegnen.

Und ich glaube, es gibt Menschen wie mich.

Menschen, die kein Fernweh, sondern Heimweh haben. Menschen, die sich nach einem Zuhause sehen und die nur in den eigenen vier Wänden entspannen können. Menschen, die ein bisschen Kontrolle brauchen, damit sie nicht merken, wie schnell die Erde sich manchmal dreht. Menschen, die Ruhe und Frieden brauchen. Menschen, die das Haus verlassen, aber sich auf den Augenblick freuen, in dem sie die Tür wieder aufschließen dürfen. Menschen, die Fixsterne sind.

Und die wichtigste Erkenntnis dabei ist:

Beide brauchen sich gegenseitig.
Sternschnuppen zeigen uns, dass da draußen noch etwas anderes ist. Sie bringen uns dazu, uns etwas zu wünschen, obwohl wir wissen, dass die Erfüllung unserer Wünsche in unserer eigenen Hand liegt. Sie wecken Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem. Sie inspirieren uns.
Fixsterne hingegen erden. Sie sind Ruhepole. Sie geben Orientierung, weil sie immer da sind. Immer am selben Fleck. Immer zuverlässig das Gefühl geben, dass die Welt auch im Chaos noch den Regeln folgt.

Der Fixstern würde eingehen ohne ab und an eine Sternschnuppe zu sehen, die ihn fordert und aufweckt.
Die Sternschnuppe würde ohne Fixsterne die Orientierung verlieren.

Ich denke, ich bin meistens ein Fixstern. Ein Mensch, der anderen Orientierung gibt – ich glaube, ich gehöre schon mein Leben lang zu diesem Typ Mensch. Und doch bin ich dankbar dafür, ab und zu Sternschnuppen zu begegnen, weil sie mich dazu bringen, das Universum aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Mein Leben wird aufgeweckt, ich nehme neue Herausforderungen an, gehe an Grenzen durch Menschen wie Indiana Jones.
Und Menschen wie er können in all ihrem Chaos zwischendurch Luft holen, bekommen eine Erinnerung des Gefühls von Geborgenheit durch Menschen wie mich.

Wir bedingen und ergänzen uns gegenseitig – und das ist irgendwie das schönste Gefühl von allen.

Und vielleicht…

Vielleicht ist es ja auch möglich, beides zu sein.
Vielleicht bin ich für andere Menschen ja eher eine Sternschnuppe und vielleicht gibt es Sternschnuppen da draußen, die für andere ein Fixstern sind.

Und vielleicht ist es – wie immer – am Ende ja nur eine Frage der Perspektive.



Ich liege nun hier, im kühlen Gras auf meiner Lichtung im Wunderland und betrachte den Sternenhimmel über mir.
Wisst ihr – als ich diesen Text hier anfing zu schreiben, dachte ich, dass die eigentliche Erkenntnis die ist, dass ich spontaner sein kann als ich dachte. Dass ich vielleicht nur seit Jahren DENKE, ich sei nicht spontan und müsse immer alles planen, weil meine damalige Angststörung mir das so beigebracht hat. Aber dass ich, wenn ich dazu gezwungen bin, spontan zu sein, mich eigentlich ganz damit wohl fühle. Ich dachte, ich würde darüber schreiben, dass ich noch immer, nach all den Jahren dabei bin, mich immer wieder neu kennen zu lernen. Und dass sich das vermutlich auch nie ändern wird. 

Dann entstanden die Worte, die Sätze und Stück für Stück ging alles in eine andere Richtung. Und ich… nun ja, ich ließ es wie immer einfach geschehen. Ließ mich treiben von meinen eigenen Worten – und jetzt, wo ich das tippe, weiß ich natürlich, woher mir das Gefühl des Zugs an meiner Hand so bekannt vorkam: 

Spontaneität ist mir gar nicht so fremd wie ich immer dachte. Im Gegenteil. Vielleicht bedeutet Spontaneität nicht, dass man zu jeder Zeit an jedem Ort für alles bereit ist. Vielleicht bedeutet Spontaneität nicht viel mehr als die Fähigkeit, sich treiben zu lassen – von wem oder was auch immer. 

Hier endet mein Text also.

Der Anfang war ein Flügelschlag.
Und doch ist das Ende nicht der Tornado des Butterfly-Effects – sondern ein Fixstern im Universum.

Was soll ich sagen?

Ich bin eben spontan. 

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